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Politik

Russischer Kulturminister

"Ich mag keine scharfen Urteile über die Vergangenheit"

Im Auftrag von Wladimir Putin organisiert er das Gedenken an 100 Jahre Oktoberrevolution: Kulturminister Wladimir Medinski spricht über den Streit um das Denkmal auf der Krim - und den Ärger über den Film Matilda.

Denis Sinyakov/ DER SPIEGEL

Wladimir Medinski

Ein Interview von
Freitag, 03.11.2017   20:51 Uhr

Zur Person

Wladimir Medinski, 47 Jahre alt, ist Kulturminister der Russischen Föderation. Er ist außerdem Autor historischer Bestseller, die den Nationalstolz der Russen stärken sollen, und Vorsitzender der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft. Wissenschaftler halten wenig von seinen Werken. Diesen Oktober wurde über die Aberkennung seiner Habilitation diskutiert.

SPIEGEL: Herr Medinski, Sie haben sich als einer der ersten Gedanken gemacht, wie Russland das Gedenkjahr der Russischen Revolution begehen solle. 2015 haben Sie ein Konzept für die "Versöhnung" der Nation vorgestellt. Aber der Bürgerkrieg zwischen Bolschewiki und ihren Gegnern, zwischen "Roten" und "Weißen", ist lange vorbei. Wer sich soll da heute noch versöhnen?

Medinski: Es gibt heute weder Rote noch Weiße noch Grüne, und wie man die Parteien damals nannte. Dafür sind zu viele Generationen vergangen. Ich glaube, für 99 Prozent der Menschen ist dieser Streit herzlich egal. Die Jungen wissen sowieso schrecklich wenig. Es geht eher darum, dass wir richtig auf die eigene Geschichte schauen und uns mit ihr versöhnen.

SPIEGEL: Nehmen wir ein konkretes Beispiel: das Versöhnungsdenkmal, dass Sie zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution auf der Krim einweihen wollten. Im Sommer hatten Sie den künftigen Standort in Sewastopol besucht. Aber dann gab es Widerstand. Das Denkmal gibt es bis heute nicht. Nun heißt es, wenigstens der Grundstein zum Denkmal solle in diesem November gelegt werden.

Medinski: Die Grundsteinlegung hat sich nochmals verzögert. Ein Datum gibt es noch gar nicht. Das Denkmal selbst wird dann erst später eingeweiht, wohl im kommenden Jahr. Wir nennen es ein "Denkmal der russischen Einheit", vom Wort "Versöhnung" sind wir abgekommen.

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SPIEGEL: Es sieht eher aus wie ein Siegesdenkmal: Oben steht Mutter Heimat auf einer Säule, unten ein Rotarmist und ein Weißgardist...

Medinski: Sie sollen Zwillingsbrüder darstellen, die auf verschiedenen Seiten kämpften und nun ihre Waffen niederlegen, weil sie die Sinnlosigkeit des Bruderkriegs verstanden haben. Und Mutter Heimat steht über ihnen, weil uns Russland über alles geht. Es geht uns um die Kontinuität der russischen Geschichte. Wissen Sie, in den Neunzigerjahren war es quasi die offizielle Haltung, dass mit dem Ende der Sowjetunion ein völlig neuer Staat entstanden sei. Dann gab es die Position jener, die alles Neue ablehnten und zurück in die Sowjetzeit wollten. Und die dritte Seite wollte zurück zu den Zaren. Ich halte alle drei Richtungen für mangelhaft. Wir sind heute dasselbe Land, das früher Sowjetunion hieß und noch früher Russisches Imperium, Moskauer Zartum, Kiewer Rus und Nowgoroder Rus, und so weiter.

SPIEGEL: Es gab Proteste gegen das Denkmal, von Kommunisten wie Monarchisten. Es gibt überhaupt viel Streit in diesem Gedenkjahr. Die Kirche kritisiert den von ihrem Ministerium geförderten Film Matilda, in dem Lars Eidinger Zar Nikolaus II. als jungen Thronfolger spielt, der eine Ballerina liebt. Das verletze die Gefühle von Gläubigen. Was sagen Sie dazu?

Medinski: Das ist ein ganz gewöhnlicher Historienfilm, ein Kostümdrama. Dass man jetzt in dieser schrillen Tonlage darüber redet, finde ich lächerlich. Ich bin kein Theologe, aber ich erinnere daran, dass Nikolaus II. dafür heiliggesprochen wurde, wie er dem Tod durch die Bolschewiki entgegenging - und nicht dafür, wie er in seiner Jugend als Junggeselle lebte. Sollen wir jetzt auch noch über die Jugend des Apostels Paulus diskutieren?

SPIEGEL: Zu Ihrem Versöhnungskonzept gehört es, nicht den Stab zu brechen über die Vorfahren. Die Anführer von Roten und Weißen sollen "in einem gemeinsamen Pantheon" geehrt werden - jedenfalls die, die keine besonderen Verbrechen begangen hätten. Wie soll man das verstehen? In Russland steht an jeder Ecke ein Lenin-Denkmal. Lenin hat zum Mord an Zivilisten aufgerufen. Soll der auch verehrt werden?

Medinski: Ich mag keine scharfen Urteile über die Vergangenheit. Wir wissen auch von uns selbst nicht, wie wir uns an Stelle der Vorfahren verhalten hätten. Das waren nicht fremde Menschen, sondern unsere eigenen Großväter und Urgroßväter. Sie haben alle ihre Heimat geliebt und einen Weg gesucht, jeder auf seine Weise.

SPIEGEL: Lenin und Heimatliebe? Er hat den Patriotismus ausdrücklich verurteilt.

Medinski: Richtig, Lenin hatte ein ganz anderes Wertsystem. Aber juristisch ist er nie wegen Verbrechen verurteilt worden, und offiziell ist er erster Regierungschef des Sowjetstaates. Allein von Amts wegen gehört er in ein Pantheon des Gedenkens. Moralische Urteile mag dann jeder selbst fällen. Und sie können meiner Meinung nach nie der Grund sein, Denkmäler zu zerstören.

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SPIEGEL: Aber ein Staat steht doch immer für ein Wertsystem. Das muss doch Folgen haben. Und Sie haben ja vor vielen Jahren selbst vorgeschlagen, Lenin aus dem Mausoleum zu entfernen und zu begraben...

Medinski: Damals war ich Publizist und Abgeordneter, da konnte ich es mir leisten, eine persönliche Meinung auszudrücken. Jetzt bin ich Minister, und da muss ich mich auf einen gesellschaftlichen Konsens stützen. Und den gibt es in dieser Frage nicht.

SPIEGEL: Ihre eigenen Sympathien sind jedenfalls nicht auf Seiten der Bolschewiki. Allein schon deshalb, weil sie den Krieg gegen Deutschland nicht fortführen wollten.

Medinski: Was diese konkrete Frage angeht - ja, ich glaube, der Ausstieg aus dem Krieg war ein großer historischer und politischer Fehler und ein Verrat an hunderttausenden Gefallenen. Die hatten demnach ja umsonst gekämpft. In diesem konkreten Fall stellten die Bolschewiki ihre eigenen Interessen über die des Staates. Aber zu anderen Zeiten handelten sie staatsmännisch.

insgesamt 3 Beiträge
brosswag 04.11.2017
1. Meine Meinung zum Thema
Ein sehr vernünftiger russischer Kulturminister.
Ein sehr vernünftiger russischer Kulturminister.
tomy1983 04.11.2017
2. Gefällt mir.
Mir gefällt es, dass er die Geschichte nicht so schwarz-weiß sieht. Wir neigen dazu, die Geschichte als schnurgerade Entwicklung bis zum heutigen Tag zu sehen. Aber die Geschichte war bunt so wie unsere heutige Zeit auch. Es gab [...]
Mir gefällt es, dass er die Geschichte nicht so schwarz-weiß sieht. Wir neigen dazu, die Geschichte als schnurgerade Entwicklung bis zum heutigen Tag zu sehen. Aber die Geschichte war bunt so wie unsere heutige Zeit auch. Es gab verschiedene Positionen und die stärkere hat sich häufig nur sehr knapp durchgesetzt.
Innoa 04.11.2017
3. Ach Christian...
... haste die Objektivität verloren, die du beim Gegenüber anforderst. Muss ja net ma 'n Russe sein, dit ziehste wahrscheinlich genauso durch, wennsde 'nem Typen aus deinem Heimatdorf gegenüber stehst. Der dir als Fremden - und [...]
... haste die Objektivität verloren, die du beim Gegenüber anforderst. Muss ja net ma 'n Russe sein, dit ziehste wahrscheinlich genauso durch, wennsde 'nem Typen aus deinem Heimatdorf gegenüber stehst. Der dir als Fremden - und dit sind'se ja alle, die nich in unsere Schubladen im Kopf reinpassen, wa - der dir gegenüber genauso inkompatibel tickt wie die Sozialisation, mit der du als Interviewer die letzten xx Jahre aufgewachsen bist. Is net unsympathisch, aber verhindert irgendwo die gleiche Objektivität, deren Mangel man am anderen Ende anprangerst (ich auch, regelmässig - deswegen muss man's halt neu lernen). Macht man sich angreifbar, wenn man net alles anzweifelt, inkl sich selbst. Inzwischen. Vor allem gegenüber 'nem Gegener, der alles anzweifelt. Is halt 'n Lernprozess, der bissie dauert, aber am Ende mehr bringt als kurzfristige Pauschalen. Urteilen kann man danach immer noch. Sollte man auch. Dann sogar zu Recht. Und zum Besseren hoffentlich auch. -------------------------------------------------------- "When people are free to do as they please, they usually imitate each other." -- Eric Hoffer

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