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Politik

Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen

"Wir brauchen keine teure Studie, die beweist, was wir schon wissen"

Zum Koalitionskompromiss beim Abtreibungsrecht gehört eine Studie zu psychischen Folgen nach Schwangerschaftsabbrüchen. Sozialforscherin Kirsten Achtelik erklärt, warum sie das für gefährlich hält.

imago/ Cord

Demonstration in Dortmund gegen den Paragrafen 219a

Ein Interview von
Freitag, 15.02.2019   20:15 Uhr

Es ist eine der umstrittensten Gesetzesvorlagen der Koalition: Die Veränderung des Paragrafen 219a, des sogenannten Werbeverbots für Schwangerschaftsabbrüche. Nach langem Ringen hat die Koalition eine Einigung gefunden. Ärzte dürfen künftig auf ihrer Website darüber informieren, dass sie Abbrüche vornehmen. Auf weiterführende Informationen sollen sie jedoch nur verlinken.

Zusätzlich zu dem Gesetzesentwurf will Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Studie zu möglichen psychischen Folgen von Abtreibungen in Auftrag geben. Das Bundeskabinett hat dafür bereits fünf Millionen Euro bereitgestellt.

Die Gegner sind empört, auch in der SPD: SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis sprach von einer "wissenschaftlich unsinnigen und ideologisch motivierten Studie". Nicole Bauer, frauenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, bezeichnete Spahns Vorhaben als "Zugeständnis an radikale Lebensschützer".

An diesem Freitag wurde der Gesetzentwurf erstmals im Bundestag diskutiert, in der nächsten Woche geht er in den Rechtsausschuss. Sozialwissenschaftlerin Kirsten Achtelik verfolgt den Prozess mit Sorge:

SPIEGEL ONLINE: An diesem Freitag wurde im Bundestag der Kompromiss zur Veränderung des Paragrafen 219a erstmals diskutiert. Was halten Sie von dem Kompromiss?

Kirsten Achtelik: Es ist ein winzig kleiner Fortschritt, dass die Ärzte auf ihren Internetseiten darüber informieren können, dass sie Abbrüche vornehmen. Der Nachteil ist, dass die Information über die Methode explizit verboten ist.

Zur Person

Kirsten Achtelik ist Sozialwissenschaftlerin und forscht zu feministischen Theorien und zu Abtreibungsgegnern und - gegnerinnen und der sogenannten Lebensschutz-Bewegung. 2018 erschien dazu ihr Buch "Kulturkampf und Gewissen", das sie zusammen mit den Autoren Eike Sanders und Ulli Jentsch verfasst hat.

SPIEGEL ONLINE: Zum Kompromiss gehört eine Studie zu den möglichen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen, die Gesundheitsminister Jens Spahn in Auftrag geben will. Sie halten diese Studie für falsch. Warum?

Achtelik: Wir brauchen keine teure Studie, die beweist, was wir schon wissen. Es gibt international genügend Untersuchungen, die zeigen, dass die meisten Frauen nach Abbrüchen erleichtert sind. Die Studien, die überprüfen, ob es das sogenannte Post Abortion Syndrom gibt, haben alle gezeigt: Das Syndrom existiert nicht. Für den deutschen Kontext halte ich die Studie "Frauenleben 3", die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2016 veröffentlicht hat, für völlig ausreichend. Da stehen einige Empfehlungen drin, die bis heute nicht umgesetzt worden ist. Zum Beispiel zur besseren Vereinbarkeit des Wunsches, arbeiten zu gehen und Kinder zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie an der Studie für gefährlich?

Achtelik: Wenn am Ende herauskommt, dass Frauen keine negativen Folgen spüren, dann ist es halt im schlimmsten Falle rausgeschmissenes Geld. Aber die fünf Jahre, während die Studie läuft, steht im Raum, dass es Forschungs- und Handlungsbedarf gibt. Damit wird dieser Topos weiter festgesetzt, und militante Abtreibungsgegner können das Bild etablieren, dass Frauen bei Abtreibungen zu einem "zweiten Opfer" werden. Je tabuisierter Abtreibungen sind, desto schwieriger ist es für die Ärzte und Ärztinnen, sie anzubieten. Der Artikel 218 im Strafgesetzbuch sorgt dafür: Abtreibung ist nicht legal, sondern nur straffrei.

SPIEGEL ONLINE: Hat ein Schwangerschaftsabbruch keine negativen Folgen für eine Frau?

Achtelik: Natürlich sind manche Frauen traurig danach. Und denken auch manchmal daran. Aber an etwas zu denken heißt ja nicht, dass man traumatisiert ist. Der Diskurs hat sich da aber verselbstständigt: Ich kann es wirklich nicht mehr lesen: "Keine Frau macht sich das leicht". Warum soll sie sich das überhaupt schwer machen? Man muss auch sagen können: Es gibt Frauen, für die es nicht schwer ist. Die Betonung, dass eine Frau es sich nicht leicht machen darf, suggeriert, dass ein Abbruch negative Folgen hat. Damit tun sich auch frauenpolitisch Aktive keinen Gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Warum wird die Studie dann überhaupt in Auftrag gegeben?

Achtelik: Die CDU fürchtet, den Markenkern ihrer Partei zu verlieren. Deswegen will sie ihren vermeintlichen Kern betonen: Das Christliche und den Schutz des "ungeborenen Lebens". Da darf aus deren Sicht auf keinen Fall etwas liberalisiert werden - zumindest nicht über einen bestimmten Punkt hinaus.

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