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Politik

Attacke auf AfD-Politiker Magnitz

Hinterrücks angegriffen

Unbekannte haben den Bremer AfD-Chef Frank Magnitz brutal überfallen. Auf dem Krankenbett spricht der Politiker über die Tat. Ermittler werten ein Video aus, das den Hergang zeigen soll: Es widerspricht in Teilen den ersten Schilderungen.

REUTERS

Tatort in Bremen

Von , Bremen
Mittwoch, 09.01.2019   00:18 Uhr

Dort auf dem Krankenbett liegt der Mann, über den Deutschland spricht an diesem Dienstag. Ein Mann, der aber auch selbst mit Deutschland sprechen will, trotz seiner Verletzungen: Frank Magnitz, 66, AfD-Landeschef in Bremen, Bundestagsabgeordneter, telefoniert den ganzen Tag über mit Journalisten und Parteifreunden; er empfängt Kamerateams und einzelne Reporter.

Auf seiner rechten Wange und seiner Stirn bedecken weiße Verbände zwei faustgroße Wunden. Ein Auge ist so geschwollen, dass Magnitz damit nicht mehr sehen kann. "Der Kopf brummt nach wie vor", sagt er leise, sein Mund ist trocken. Eine Kopfstütze hilft ihm, sich ein wenig im Bett aufzurichten. Im Zimmer steht ein Rollstuhl, er brauche ihn, wenn er über den Flur wolle, sagt Magnitz.

Magnitz ist Opfer eines brutalen Überfalls geworden: Am Montag besucht er in der Bremer Innenstadt einen Neujahrsempfang. Um kurz vor halb sechs am Abend ist er auf dem Weg zurück zu seinem Auto in einer nahen Tiefgarage. Magnitz nimmt eine Abkürzung über den Hinterhof des Stadttheaters. Dort greifen ihn Unbekannte hinterrücks an.

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Frank Magnitz im Krankenbett

Die Attacke bewegt das Land. Außenminister Heiko Maas (SPD) twittert, Gewalt dürfe "niemals ein Mittel der politischen Auseinandersetzung sein".

Regierungssprecher Steffen Seibert äußert die Hoffnung, dass die Täter rasch gefasst werden. Und auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier meldet sich zu Wort. "Jede Form der Gewalt gegen Mandatsträger", schreibt er in einem öffentlichen Brief an Magnitz, "ist ein Angriff auf unseren Rechtsstaat."

Bereits wenige Stunden nach der Tat, so erzählt es Magnitz auf dem Krankenbett, beschließt er, ein Foto zu veröffentlichen, das ihn mit blutenden Wunden auf der Trage zeigt. Ein Krankenpfleger habe das Bild gemacht, in der Notaufnahme. Mit seiner Tochter, die selbst in der AfD aktiv ist, bespricht er die Presseerklärung. Seine Parteifreunde verbreiten beides, nutzen den Angriff, um in die Offensive zu gehen.

Sie wollen, wie Magnitz, die Tat für eine politische Botschaft nutzen. Die Aktion zeige, dass die Angriffe auf die AfD "eine neue Qualität" hätten. Magnitz sagt, er gehe davon aus, dass die Angreifer aus der linken Szene kämen und seinen Tod billigend in Kauf genommen hätten.

Die AfD spricht von "Linksterror"

In der Erklärung ist von einem "Attentat" die Rede, von einem "mörderischen Akt", begangen von vermummten "Terroristen". Dahinter stecke die Bremer Antifa, die auch von Linken, SPD und Grünen unterstützt werde. Mit einem Kantholz hätten die Angreifer Magnitz bewusstlos geschlagen. "Sie traten weiter gegen seinen Kopf, als er bereits am Boden lag." Parteichef Alexander Gauland sagt in Berlin, die Tat sei das "Ergebnis der andauernden Hetze von Politikern und Medien" gegen die AfD. Co-Parteichef Jörg Meuthen spricht in einem Video-Statement von "Linksterror".

Kommentar zum Thema

Die Bremer Staatsanwaltschaft äußert sich zunächst nur vage zum Tathergang. Ein Sprecher sagt, man ermittle wegen eines Tötungsdelikts. Erst am frühen Abend teilt die Behörde mit, Überwachungskameras hätten die Tat aufgezeichnet. Auf den Bildern sei der Übergriff deutlich zu erkennen, etwas anders als von der AfD geschildert.

Demnach näherten sich zwei Unbekannte Magnitz von hinten, ein Dritter lief mit Abstand hinterher. Einer der drei springe Magnitz von hinten an und ramme ihm den Ellenbogen in den Nacken. Magnitz stürze, die Angreifer entfernten sich.

Es gebe auf den Bildern "keine Tritte auf einen am Boden Liegenden", sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Und es prügele auch niemand mit einem Gegenstand auf das Opfer ein. "Die Tat passierte blitzschnell."

Eine Sonderkommission unter Leitung des Bremer Staatsschutzes ermittelt nun nicht mehr wegen eines Tötungsdelikts, sondern nur noch wegen gefährlicher Körperverletzung. Auch das Bundeskriminalamt ist beteiligt. Die Ermittler gehen von einem politischen Hintergrund aus und bitten um Hinweise auf die unbekannten Täter.

Magnitz spricht von "Blackout"

Magnitz sagt, er könne sich an die Tat nicht erinnern. Er habe einen "totalen Blackout", wisse nur noch, dass er an einer Demo von Linken vorbeigelaufen sei. "Dort muss mich jemand erkannt haben." Dann habe er zwei Handwerker gesehen, die ihr Auto einräumten. Im nächsten Moment habe er am Boden gelegen, einer der Handwerker habe sich über ihn gebeugt und gesagt, er rufe die Polizei.

Magnitz sagt, der Handwerker habe ihm von dem Kantholz erzählt und von den Tritten. Nur deshalb habe er davon gehört. Er sei überzeugt davon, dass er noch am Leben sei, weil die Handwerker vor Ort gewesen seien. Sie hätten die Angreifer vertrieben.

Wann Magnitz das Krankenhaus verlassen kann, weiß er noch nicht. Er hat Prellungen und Wunden, außerdem eine Gehirnerschütterung. Welche Konsequenzen der Vorfall für ihn hat? Magnitz sagt, er bekomme künftig Personenschutz. Und er werde sich "vorsichtiger in der Öffentlichkeit bewegen".

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