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Politik

Erinnerung an Berliner Mauerbau

Gedenkwahlkampf

Mitten hinein in den Ost-Wahlkampf fällt das Gedenken an den Mauerbau vor 58 Jahren. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sucht dafür den Auftritt an einem symbolischen Ort.

Michael Kappeler/ DPA

CDU-Politiker Senftleben, Kramp-Karrenbauer, Wegner: "Das Kreuzchen an der richtigen Stelle setzen"

Von Sophie Madeleine Garbe
Dienstag, 13.08.2019   20:40 Uhr

Wo Ost und West einst Agenten austauschten, wirbt auf den Tag genau 58 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer an diesem 13. August die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer für ihre Partei. In der Hand ein Mikrofon mit CDU-Logo steht sie auf einer kleinen Bühne vor der Glienicker Brücke.

Die innerdeutsche Grenze verlief in der Mitte jenes einprägsamen Bauwerks, das Berlin und Potsdam verbindet. Der Westteil der Brücke gehörte zum Osten, ihr Ostteil zum Westen. Noch heute ist das an der leicht unterschiedlichen Farbgebung erkennbar: hellgrün auf der einen, dunkelgrün auf der anderen Seite. Zuletzt widmete sich Steven Spielberg in seinem Film "Bridge of Spies" der bewegten Geschichte dieser Brücke. In der Hauptrolle Tom Hanks.

Und nun also Kramp-Karrenbauer. Neben ihr stehen Brandenburgs CDU-Chef Ingo Senftleben und sein Berliner Kollege Kai Wegner. Die Bierbänke vor dem Podium sind gut gefüllt. Parteimitglieder sind ebenso unter den Besuchern wie Neugierige und Zeitzeugen.

Kramp-Karrenbauer lobt den Mut derjenigen, die in der DDR für eine Wiedervereinigung kämpften. Sie erinnert an die Menschen, die an der Grenze bei Fluchtversuchen erschossen wurden: "Sie sind Opfer einer unmenschlichen Politik geworden, die in unserem Land bittere Realität war." Vom Erbe der Wende würden die Menschen heute profitieren, sagt sie. Niemand müsse mehr Leib und Leben riskieren, um etwas zu verändern. "Sie müssen nur zur Wahl gehen. Und das Kreuzchen an der richtigen Stelle setzen."

Senftleben betont, dass es ein Fehler sei zu denken, "die da drüben im Osten haben Demokratie nie gelernt". Und Wegner erklärt, man müsse aufpassen, dass niemand die Geschichte der Wende in seinem Sinne verdrehe.

Schnell ist klar: Es geht hier nicht nur um Erinnerung, sondern auch um Wahlkampf für die Landtage in Brandenburg, Sachsen und Thüringen, wo im Spätsommer und Herbst gewählt wird. In den letzten Wochen versucht ja die AfD vermehrt, das Erbe der friedlichen Revolution von 1989 umzudeuten, zu verfälschen und für sich zu vereinnahmen. Dafür ernten die Rechtspopulisten heftigen Widerspruch, zuletzt von DDR-Bürgerrechtlern.

In Brandenburg wird am 1. September gewählt, AfD-Spitzenkandidat Andreas Kalbitz gilt als der heimliche Anführer des völkisch-nationalistischen "Flügel"-Netzwerks in der Partei. Nichtsdestotrotz liegt er derzeit in den Umfragen vorn, die AfD könnte als stärkste Partei durchs Ziel gehen.

Senftlebens CDU liegt mit SPD, Grünen und Linken nahezu gleichauf unter der 20-Prozent-Marke. Wer im traditionell SPD-regierten Brandenburg künftig den Ministerpräsidenten stellt, ist wenige Wochen vor der Wahl völlig offen. Senftleben hat auch Gespräche mit der Linkspartei nicht ausgeschlossen.

Nicht weit entfernt von der Bühne, auf der Kramp-Karrenbauer und Senftleben sprechen, liegen drei Kränze im Gras. Dort hat Dietmar Woidke nur wenige Stunden zuvor den Opfern der Teilung gedacht. Woidke ist Brandenburgs amtierender Ministerpräsident und der Spitzenkandidat der SPD.

Für Woidke ist das Prozedere an der Brücke schon altbekannt. Auch in den letzten Jahren stand er am 13. August hier und legte einen Kranz nieder. Dieses Mal könnte es jedoch der vorerst letzte Besuch sein - zumindest als Ministerpräsident. Erstmals seit der Wende könnte die SPD ihren Platz an Brandenburgs Regierungsspitze verlieren. Woidke regiert noch mit einem rot-roten-Bündnis, das aber nach der Wahl wohl keine Mehrheit mehr haben wird.

Während die CDU den Tag nutzt, um Präsenz zu zeigen, wirkt Woidkes Besuch unscheinbar. Er hat keine Bühne, kein Mikro, keine Bierbänke. Gekommen sind nur ein paar vereinzelte Reporter.

Woidke posiert vor den Kränzen für Fotos, beantwortet einige Fragen und ist bald wieder verschwunden. Klar, Woidke ist an der Brücke als Ministerpräsident aufgetreten, nicht als Parteipolitiker wie Kramp-Karrenbauer. Dennoch steht die Unscheinbarkeit seines Termins geradezu symbolisch für die Situation der SPD.

insgesamt 7 Beiträge
scissor 14.08.2019
1. Wahlkampf
Ich finde es fast schon pervers, wie sich die CDU-Spitze hier darstellt. Wir haben 89 und auch davor NICHT für die Wiedervereinigung gekämpft sondern für die Demokratisierung der DDR mit dem Fernziel der Wiedervereinigung. [...]
Ich finde es fast schon pervers, wie sich die CDU-Spitze hier darstellt. Wir haben 89 und auch davor NICHT für die Wiedervereinigung gekämpft sondern für die Demokratisierung der DDR mit dem Fernziel der Wiedervereinigung. Daraus geworden ist ein Roll Back, Enteignung und der größte Diebstahl in der Geschichte. Ich weiß, dass die meisten mir da nicht folgen, weil sie es nicht besser wissen oder wissen wollen, vielleicht auch eingelullt sind von der ständigen Propaganda. Ich habe als Briefwähler (bin zum Wahltermin im Urlaub) bereits gewählt: CDU und auch AFD sind nicht darunter.
schamot 14.08.2019
2. Bekenntniss der DDR Bürger
Der Mauerfall ist ein damaliges Bekenntnis der DDR Bürger zur Demokratie. Die Feierlichkeit nutzt nun AKK zur Selbstdarstellung. Dabei ist gerade sie jene, die sich mit demokratiefeindlichen Aussagen und Intolleranz einen Namen [...]
Der Mauerfall ist ein damaliges Bekenntnis der DDR Bürger zur Demokratie. Die Feierlichkeit nutzt nun AKK zur Selbstdarstellung. Dabei ist gerade sie jene, die sich mit demokratiefeindlichen Aussagen und Intolleranz einen Namen gemacht hat. Typisch!
hilfe2018 14.08.2019
3. Berliner Mauerbau
Wer hat den die innerdeutsche Grenze geöffnet? Doch nicht Frau AKK und deren Mitläufer bzw. Vorgänger. Die disziplinierten und mutigen DDR Bürger haben die Mauer geöffnet. 45 Jahre hat es der Westen versucht und ist kläglich [...]
Wer hat den die innerdeutsche Grenze geöffnet? Doch nicht Frau AKK und deren Mitläufer bzw. Vorgänger. Die disziplinierten und mutigen DDR Bürger haben die Mauer geöffnet. 45 Jahre hat es der Westen versucht und ist kläglich gescheidert. Heute feiert man sich auf Kosten der Mutigen. Beschämend wie man das darstellt.
fortelkas 14.08.2019
4. Ja, der denkende Teil
...der Bürgerrechtsbewegung hat zunächst einmal für eine reformierte DDR gekämpft und nicht für eine überstürzte Wiedervereinigung mit der politischen Lüge von den "blühenden Landschaften." Die "D-Mark [...]
...der Bürgerrechtsbewegung hat zunächst einmal für eine reformierte DDR gekämpft und nicht für eine überstürzte Wiedervereinigung mit der politischen Lüge von den "blühenden Landschaften." Die "D-Mark Besoffenen" sind dann ja auch bitter enttäuscht worden. Nicht von ungefähr hat damals Oskar Lafontaine vor politischen Schnellschüssen, auch bei der Währungspolitik, gewarnt. Er hat Recht behalten, die DDR wurde einfach nach westdeutschen Vorstellungen politisch "abgewickelt", ohne Rücksicht auf die einfachen Menschen und deren Lebensleistung. Die Treuhand war die Gesellschaft, die rücksichtslos und brutal abgewickelt hat. Eine Wiedervereinigung in politisch gemäßigten Schritten wäre möglich gewesen, aber es sollte nicht sein. Im übrigen war die DDR kein Unrechtsstaat, und sie ist auch nicht entstanden, weil die Sowjetunion so böse war. Im unmittelbar nach dem II. Weltkrieg einsetzenden "Kalten Krieg" wurde das Potsdamer Abkommen weitgehend außer Kraft gesetzt, und das war nicht allein die politische Schuld der Sowjetunion. So weit eine letzte kleine Bemerkung zur Geschichte. Eine erschöpfende Aufarbeitung würde Bände füllen. Erwin Fortelka
k70-ingo 14.08.2019
5.
Wenn Sie mit "größte Diebstahl in der Geschichte" auf die Treuhand anspielen wollen, wiederholen Sie nur eine der vielen Lebenslügen der DDR. Der Diebstahl fand Jahrzehnte vor der Treuhand statt und wurde von [...]
Zitat von scissorIch finde es fast schon pervers, wie sich die CDU-Spitze hier darstellt. Wir haben 89 und auch davor NICHT für die Wiedervereinigung gekämpft sondern für die Demokratisierung der DDR mit dem Fernziel der Wiedervereinigung. Daraus geworden ist ein Roll Back, Enteignung und der größte Diebstahl in der Geschichte. Ich weiß, dass die meisten mir da nicht folgen, weil sie es nicht besser wissen oder wissen wollen, vielleicht auch eingelullt sind von der ständigen Propaganda. Ich habe als Briefwähler (bin zum Wahltermin im Urlaub) bereits gewählt: CDU und auch AFD sind nicht darunter.
Wenn Sie mit "größte Diebstahl in der Geschichte" auf die Treuhand anspielen wollen, wiederholen Sie nur eine der vielen Lebenslügen der DDR. Der Diebstahl fand Jahrzehnte vor der Treuhand statt und wurde von jemand anderem verübt: ab 1945 von der SMAD und ab 1949 von der SED, im Rahmen der diversen Verstaatlichungen plus anderer Staatsterrormaßnahmen wie der "Aktion Ungeziefer" und dem Mauerbau.

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