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Politik

Mord im Kleinen Tiergarten

Spur nach Moskau

Unweit des Bundestags wird ein Georgier am helllichten Tag ermordet. Nach SPIEGEL-Recherchen könnte der russische Staat hinter der Tat stehen.

Christoph Soeder/ picture alliance

Beamte sichern am Tatort in Berlin-Moabit Spuren (Archivbild)

Von und
Freitag, 04.10.2019   16:49 Uhr

Am 23. August, um die Mittagszeit, ist Zelimkhan Khangoshvili auf dem Weg zum Freitagsgebet. Im Berliner Kleinen Tiergarten nähert sich ihm von hinten ein Fahrradfahrer. Der Täter gibt drei Schüsse aus einer Pistole mit Schalldämpfer, Typ Glock-26, ab: mit einem streckt er Khangoshvili nieder, anschließend schießt er ihm aus kurzer Distanz zweimal in den Kopf. Der Georgier ist auf der Stelle tot.

Der Mord im Berliner Stadtteil Moabit, kaum zwei Kilometer Luftlinie von Kanzleramt und Bundestag entfernt, sorgt international für Aufsehen und könnte zum diplomatischen Krisenfall werden.

Recherchen des SPIEGEL, der investigativen Webseiten "Bellingcat" und "The Insider" und des Londoner Dossier Centers zeigen: Die Tat könnte vom russischen Staat unterstützt oder sogar in Auftrag gegeben worden sein. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Der Mord erinnert an den Giftgasanschlag auf den russischen Ex-Agenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia im britischen Salisbury Anfang März 2018 - und ist deshalb politisch brisant. Die deutsche Beschwichtigungspolitik gegenüber Russland sei gescheitert, sagte der britische Sicherheitsexperte Edward Lucas jüngst dem SPIEGEL.

Wer war der Ermordete?

Khangoshvili hatte im zweiten Tschetschenienkrieg gegen Russland gekämpft. Später arbeitete er jahrelang als Informant und Vermittler für georgische und ukrainische Antiterrorbehörden. Auch US-Dienste wie die CIA profitierten von seinen Kontakten in die schwer zugängliche Kaukasusregion und die tschetschenische Community im Ausland.

Nach andauernden Bedrohungen und einem Attentat auf ihn floh er zunächst in die Ukraine und später nach Deutschland. Ein Asylantrag seiner Familie wurde in Deutschland zunächst abgelehnt.

Was ist über den mutmaßlichen Täter bekannt?

Der mutmaßliche Mörder war von Moskau über Paris und Warschau nach Deutschland eingereist. Er wurde Minuten nach der Tat gefasst. Jugendliche beobachteten ihn, als er die Tatwaffe sowie eine Perücke in der Spree versenkte.

Eine Woche nach dem Mord berichteten der SPIEGEL und seine Recherchepartner, dass die Identität des Tatverdächtigen gefälscht war: Ein Reisepass, den er bei sich führte, wies ihn als russischen Staatsbürger namens Vadim Sokolov aus. Doch im russischen Reisepasssystem war kein Pass mit seinen Personalien gespeichert. Außerdem war der Reisepass von einer Abteilung des russischen Innenministeriums ausgestellt, die in der Vergangenheit auch Pässe für Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU ausgestellt hatte.

Bellingcat

Ausriss aus der Steuerdatenbank der russischen Föderation

Weitere Recherchen von SPIEGEL, "Bellingcat", "The Insider" und Dossier Center legen nahe, dass der russische Staat bei der Schaffung der falschen Identität mitgeholfen haben könnte:

DER SPIEGEL/BELLINGCAT

Laut Bildanalyse der Universität Bradford nicht dieselbe Person: Vladimir Andreewitsch Stepanov (links und Mitte) und der angebliche Sokolov (rechts)

Wie ist der Stand der Ermittlungen?

Mit den Ermittlungen sind die Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt (LKA) Berlin befasst. Wie der SPIEGEL aus Sicherheitskreisen erfuhr, soll der inhaftierte Tatverdächtige einen "guten Draht zur russischen Botschaft" haben und sich im Gefängnis "nahezu militärisch vorbildlich" verhalten. Ermittler sehen nach SPIEGEL-Informationen keine persönlichen Motive oder einen Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität.

Auch über die Tatwaffe sind neue Details bekannt geworden: Die Ermittler gehen davon aus, dass der mutmaßliche Mörder die Waffe auf dem Weg nach Berlin in Warschau von Unterstützern erhalten habe, berichtete jüngst die "Zeit". Die Pistole sei 1986 von Österreich nach Estland verkauft worden, eine Teilrepublik der damaligen Sowjetunion. Demnach sei der Lauf der Waffe ausgetauscht worden, womöglich um Spuren zu verwischen.

In Sicherheitskreisen spricht man nach SPIEGEL-Informationen davon, dass der abschließende Beweis für einen Mord im Auftrag Russlands bisher zwar fehle, jedoch alles auf eine staatliche Unterstützung durch Moskau hindeute. Dennoch hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen bisher nicht übernommen. Das wäre denkbar, wenn hinter der Tat der "Geheimdienst einer fremden Macht" stehen könnte. Für die Verfolgung "geheimdienstlicher Agententätigkeit" ist die Spionageabteilung der Bundesanwaltschaft zuständig. Hintergrund ist, dass in einem solchen Fall die äußere Sicherheit Deutschlands gefährdet sein könnte.

Wie reagiert die Politik?

Dass der Generealbundesanwalt die Ermittlungen noch nicht an sich zog, sorgt mancherorts für Unverständnis: "Die Tat scheint erhebliche und klare politische Fingerabdrücke zu tragen", sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, Norbert Röttgen (CDU), dem SPIEGEL. "Es erscheint unverständlich, weshalb der Fall noch nicht zu einer Sache für den Generalbundesanwalt gemacht wurde."

DER SPIEGEL/Bellingcat/Bradford University

Ergebnis der forensischen Fotoanalyse: In Berlin festgenommener mutmaßlicher Tiergarten-Mörder Sokolov (1 und 3) und in Russland inhaftierter Mörder Stepanov (2 und 4) sind nicht dieselbe Person

Auch das Schicksal von Khangoshvilis Familie beschäftigt die Politik: Außen-, Innen-, und Sicherheitspolitiker verschiedener Parteien sprachen sich jüngst gegenüber dem SPIEGEL für ein Bleiberecht der Familie aus. Die Ex-Partnerin und die vier Kinder des Ermordeten wären nach Ansicht von Experten in Lebensgefahr, sollten sie nach Georgien abgeschoben werden.

Was macht die Bundesregierung?

Während das Auswärtige Amt nach SPIEGEL-Informationen bisher keinen Kontakt zu russischen Stellen aufgenommen haben soll, sollen der Bundesnachrichtendienst und das Bundesamt für Verfassungsschutz im Zusammenhang mit dem Fall in Kontakt mit dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB stehen. Das Bundesinnenministerium steht nach eigenen Angaben in Kontakt mit dem Auswärtigen Amt und anderen Behörden.

Bisher hält sich die Bundesregierung mit öffentlichen Aussagen und Bewertungen zurück. Im Ausland sieht man das zum Teil skeptisch: "Ich habe den Eindruck, dass sie versuchen, es herunter- anstatt hochzuspielen", sagt Sicherheitsexperte Lucas.

Wie ist die Reaktion des Kreml?

Russland streitet ab, dass der Mord mit geheimdienstlichen Aktivitäten des Landes in Verbindung stehen könnte. "Dieser Fall hat nichts mit dem russischen Staat und offiziellen Organen zu tun. Ich weise entschieden jede Verbindung zwischen diesem Vorfall, diesem Mord und der russischen Regierung zurück", sagte Kremlsprecher Dmitrij Peskow wenige Tage nach der Tat.

Auch kremlnahe russische Medien halten sich - anders als im Fall Skripal - bisher zurück. Bei Skripal habe es eine massive Desinformationskampagne unter Beteiligung russischer Medien und Funktionäre gegeben, sagt Liubov Tsybulska, Leiterin der Hybrid Warfare Analytical Group in der Ukraine, dem SPIEGEL.

Im Gegensatz dazu werde über den Mord im Kleinen Tiergarten weitaus weniger berichtet. Tsybulska, zu deren Fachbereiten die Analyse von Desinformation und hybrider Kriegsführung gehören, sieht in den unterschiedlichen Reaktionen der Tatortländer einen möglichen Grund für die unterschiedliche Berichterstattung. "Während Großbritannien Maßnahmen ergriffen hat, sind die Deutschen sehr milde und das spiegelt Moskau zurück."

Auch Ben Nimmo von Graphika, einer auf die Analyse von sozialen Medien spezialisierten Firma, vermutet darin einen Grund für das bisherige Ausbleiben einer russischen Propagandaoffensive. Während im Fall Skripal die damalige britische Premierministerin, Theresa May, im britischen Parlament direkt den russischen Staat verantwortlich machte, gab es eine solche Reaktion der Bundesregierung bisher nicht.

Sollte die deutsche Regierung ihre Zurückhaltung aber aufgeben, sagt Nimmo dem SPIEGEL, könnte Russland mit einer Desinformationskampagne ähnlich der im Fall Skripal reagieren. Die Kennzeichen einer solchen seien die "vier Ds" der Propaganda: "dismiss, distort, distract, dismay". Abtun, verdrehen, ablenken, abschrecken.

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