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Politik

Hauptstadt

Berlin, eine Kippe

Wenn es gegen unsympathische mutmaßliche US-Geld-Schwaben-Touristen geht, kann man sich selbst in Kreuzberg schon einmal mit dem Lebensmitteldiscounter Aldi solidarisieren.

FELIPE TRUEBA/ EPA-EFE/ REX

Demonstration für den Erhalt einer Aldi-Filiale in Berlin-Kreuzberg

Eine Kolumne von
Montag, 01.04.2019   15:27 Uhr

Sie lag immer noch da. Einem der Arbeiter, die ständig dieses Bürohaus mit Presslufthämmern traktieren und konsequent einstauben, musste sie heruntergefallen sein, wahrscheinlich hatte er sie hinters Ohr geklemmt, und als er eines dieser riesigen undefinierbaren Bauteile in den Aufzug schieben wollte und dabei eine ungewohnt schnelle Arbeitsbewegung verrichten musste, ist sie ihm herausgerutscht und in die Ecke des Aufzugvorraumes gerollt: eine selbstgedrehte Zigarette.

Und weil das hier Berlin ist, bückte sich niemand und warf sie weg. Der Arbeiter nicht, der Putzdienst nicht, und auch keiner aus dem Bürovolk, das hier jeden Tag mehrmals hinauf- und hinunterfährt. Schau mal, sie liegt immer noch da, sagten wir zu einander. Tage vergingen, Wochen, zwischendurch musste jemand darauf getreten sein, die Zigarette war nun flach und lag umso stabiler.

Die platte Kippe, Symbol der deutschen Hauptstadt: Da liegt was? Steigen wir drüber. Da ist was kaputt? Nicht mein Problem. Da modert Müll? Gut, legen wir noch weiteren Müll dazu. Soll sich jemand darum kümmern. Anderswo mögen wohlmeinende Menschen ihre Freizeit damit verbringen, Unrat von der Straße zu klauben, hier machen wir so was nicht. Hat sowieso keinen Sinn.

Die Zustände sind sowieso unerträglich

Diese hartleibige Haltung des gemeinen Hauptstadtbewohners darf man nicht als Faulheit oder Desinteresse missverstehen, sie ist eine über Jahre erlernte Überlebensstrategie. Die Zustände sind sowieso unerträglich, also Augen zu und durch. Man gewöhnt sich daran.

Berlin verändert sich. In den vergangenen Jahren sind immer mehr Menschen in die Stadt gezogen, die offenbar nicht einsehen wollen, dass allzu großes Engagement sinnlos ist. Sie sind in großer Zahl mutmaßlich aus Schwaben und den USA allesamt nach Kreuzberg eingewandert und stören das eingeübte Zusammenleben. Sie eröffnen eine Bioeisdiele und zwei Häuser weiter noch eine Bioeisdiele, aber mit Salzeis. Mit ihrem geerbten Geld verderben sie die Preise, zahlen hohe Mieten und kaufen die finstersten Dreckslöcher zu Mondpreisen. Vor allem aber sind sie ständig überall.

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Am Samstag gab es eine Demo in Kreuzberg. Nicht gegen den Klimawandel, das wird freitags erledigt, oder gegen den Mietenwahn, der ist erst nächste Woche dran, sondern für den Aldi in der Markthalle IX. Diese Markthalle gibt es seit 1891, sie ist eine von ehemals 14 städtischen Markthallen, die Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurden, um den Berlinern bei Wind und Wetter das Einkaufen zu erleichtern, auch herrschten hier bessere hygienische Bedingungen. Mit der Zeit kamen die Markthallen jedoch aus der Mode. Als ich vor Jahren einige Zeit in der Nähe der Markthalle IX wohnte, ging ich nur ungern hinein. Die tristen Stände wirkten alles andere als einladend, die ganze Halle hatte die Atmosphäre eines Trinkertreffs. Aber das war zuzeiten, als man im Winter noch auf dem Landwehrkanal Schlittschuhlaufen konnte und Roberto Blanco mit zwei Blondinen im Arm über den Ku'damm schlenderte, also sehr lange her.

Die faszinierende Welt der Honigsorten

Mittlerweile hat die Markthalle neue Betreiber und sich mit neuem Konzept zu einem Treffpunkt für Gutverdiener und Touristen gewandelt. Es gibt einen "Breakfast Market", den "Street Food Thursday", und am 12. April kann man sich bei einem "Try Food Tasting" die faszinierende Welt der Honigsorten erklären lassen. Früher wollte man nicht in die Markthalle, weil sie zu heruntergekommen war. Heute kann man aus Prinzip nicht mehr hingehen.

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Denn das Prinzip des eingefleischten Berliners lautet: Meine Stadt ist kaputt und soll so bleiben. Und wehe, jemand kommt und will etwas verändern! Die Betreiber der Markthalle IX wollen nun den dort untergebrachten Aldi-Markt durch einen dm-Drogeriemarkt ersetzen, Aldi passt nicht mehr ins Konzept. Das geht natürlich überhaupt nicht. Also wurde demonstriert. Denn wo sollen die armen, alten, gehbehinderten Leute denn in Zukunft billig einkaufen? 100 Gramm Parmesan für über drei Euro können die sich nicht leisten. Und wie Honig schmeckt, wissen sie schon.

Wie hieß noch gleich die Nachbarin?

Wenn es gegen unsympathische mutmaßliche US-Geld-Schwaben-Touristen geht, kann man sich selbst in Kreuzberg schon einmal mit einem Lebensmitteldiscounter solidarisieren, der die Arbeitsbedingungen vom Hersteller bis zur Kassenkraft dermaßen durchoptimiert, dass bei der 500g-Packung Putenschnitzel für 2,99 Euro immer noch Gewinn hängen bleibt. Man könnte natürlich auch mal für die alte Nachbarin im Discounter 800 Meter weiter einkaufen gehen. Wenn man nur wüsste, wie die heißt.

Gestern hat ein Kollege das Foto einer Berliner Litfaßsäule auf Facebook gepostet. Die Litfaßsäulen sollen abgeschafft werden, offenbar informiert sich niemand mehr über die Auftritte von Berühmtheiten, indem er auf der Straße auf einen runden Plakataufsteller starrt. "Stoppt den Abriss der alten Säulen!" hat jemand auf die Säule geschrieben. Richtig so. Wir brauchen sie unbedingt und noch lange, die guten alten Litfaßsäulen. Was wäre Berlin ohne sie.

Letztens wollte ich ein Schild über der platten Kippe vor dem Büroaufzug anbringen, für mich gehörte sie mittlerweile zum schützenswerten Inventar, ein Hauptstadt-Kulturgut: "Selbstgedrehte Zigarette, Frühjahr 2019, Unbekannter Künstler". Aber irgendwer hatte sie weggeworfen.

Das ist nicht mehr mein Berlin.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes stand, die Demonstration für den Erhalt der Aldi-Filiale habe am Sonntag stattgefunden. Tatsächlich war sie am Samstag.

insgesamt 79 Beiträge
momo1203 01.04.2019
1. Wahnsinn
Ich finde es schade das sich so wenige wehren. Ich hab ne Kneipe, seit 25 Jahren, überwiegend Berliner Stammgäste. Nun kommen seit Jahren immer mehr Touristen und zugezogene, die denken, überall wo sin hintreten, gehört Ihnen [...]
Ich finde es schade das sich so wenige wehren. Ich hab ne Kneipe, seit 25 Jahren, überwiegend Berliner Stammgäste. Nun kommen seit Jahren immer mehr Touristen und zugezogene, die denken, überall wo sin hintreten, gehört Ihnen und von daher gibt’s auch keinen Respekt und keine Rücksicht! Gerade am Wochenende hab ich solch eine Bande aus dem Laden geschmissen, die Berliner Gäste waren froh, die Touris haben fluchend meinen Laden verlassen! Ich verzichte gerne auf die 40€, hab dafür n gemütlichen Abend mit coolen Gästen! Wenn das nur mehr machen würden!
felisconcolor 01.04.2019
2. Also lieber Stefan
da hätte sich ein bisschen mehr Engagement doch gelohnt. Kunst am Bau oder im Bau. Das wärs gewesen. Und man hätte gut aussehen können als Kunstmäzen. Aber ansonsten... Es kommt immer auf die Betrachtungsweise an. In meiner [...]
da hätte sich ein bisschen mehr Engagement doch gelohnt. Kunst am Bau oder im Bau. Das wärs gewesen. Und man hätte gut aussehen können als Kunstmäzen. Aber ansonsten... Es kommt immer auf die Betrachtungsweise an. In meiner alten Heimatstadt (übrigens auch eine Hauptstadt) gibt es auch eine Markthalle. Die war richtig toll. Da gab es Früchte aus aller Herren Länder, ein paar gute Ecken mit fantastischem Essen zu günstigen Preisen und den besten Cappuchino der Stadt. Und die Halle war immer brechend voll. Tja und dann kam ein Investor und kaufte den ganzen Laden. Es sollte moderner, hipper und sonst noch was werden. Zja und jetzt gibt es noch ein paar Fruchthändler die Ware dürftiger Qualität anbieten, jede Menge Fressbuden mit dürftigen Angeboten. Und die Halle ist immer noch die selbe vielleicht ein bissel bunter, noch lauter, weil alle in ihre Smartphones schreien trotz nur noch der Hälfte an Kundschaft und alles ist dreimal so teuer. Very hip. Ach ja der Cappuchino ist mittlerweile gruselig. Manchmal macht es Sinn an Altem etwas herunter gekommenen fest zu halten. Ach ja FRÜHER waren wir stolz drauf wenn unsere ersten Jeans langsam Löcher bekamen (ganz umsonst) Heute ist es echt total hip ein Schweinegeld für Jeans (die eigentlich gar keine Jeans mehr sind) auszugeben wo schon Löcher drin sind. Das ist doch verrückt oder?
dasfred 01.04.2019
3. Ich bleibe in Hamburg
Ich habe vor vierzig Jahren eine Woche in West Berlin verbracht. Diese Erinnerung möchte ich mir nicht rauben lassen. Sehr unterhaltsam heute, die Kolumne von Herrn Kutzmany. Bericht über ein stures Völkchen, das sich den [...]
Ich habe vor vierzig Jahren eine Woche in West Berlin verbracht. Diese Erinnerung möchte ich mir nicht rauben lassen. Sehr unterhaltsam heute, die Kolumne von Herrn Kutzmany. Bericht über ein stures Völkchen, das sich den Invasoren nicht geschlagen geben will. Man geht nicht in die Markthalle. Erst weil sie zu schmuddelig ist, dann weil sie zu hipp ist. Einfach normal scheint in Berlin nicht zu funktionieren. Entweder Schmuddel oder Hippster. Danke nein. Hamburg hat zwar auch solche Straßenzüge, aber es bleibt überschaubar.
hansfrans79 01.04.2019
4.
Seit 25 Jahren ne Kneipe, aber neulich noch auf "vielen Großbaustellen" gearbeitet.. Wer´s glaubt.. Mit der Einstellung ist es unwahrscheinlich, dass Sie eine Kneipe auch nur 5 Jahre führen könnten. Sei´s [...]
Zitat von momo1203Ich finde es schade das sich so wenige wehren. Ich hab ne Kneipe, seit 25 Jahren, überwiegend Berliner Stammgäste. Nun kommen seit Jahren immer mehr Touristen und zugezogene, die denken, überall wo sin hintreten, gehört Ihnen und von daher gibt’s auch keinen Respekt und keine Rücksicht! Gerade am Wochenende hab ich solch eine Bande aus dem Laden geschmissen, die Berliner Gäste waren froh, die Touris haben fluchend meinen Laden verlassen! Ich verzichte gerne auf die 40€, hab dafür n gemütlichen Abend mit coolen Gästen! Wenn das nur mehr machen würden!
Seit 25 Jahren ne Kneipe, aber neulich noch auf "vielen Großbaustellen" gearbeitet.. Wer´s glaubt.. Mit der Einstellung ist es unwahrscheinlich, dass Sie eine Kneipe auch nur 5 Jahre führen könnten. Sei´s drum, ein wunderbarer Artikel, der vermutlich nicht oder zumindest von jeder anders verstanden werden wird. :)
TLB 01.04.2019
5. Schwierig
Als vor jahren der bärtige Herr Thierse sich darüber echauffierte, dass seine Schrippen jetzt Wecken hießen, dachte ich - so geht´s los mit der Fremdenfeindlichkeit. Die eigene Sprache wird nicht mehr verstanden, lieb [...]
Zitat von momo1203Ich finde es schade das sich so wenige wehren. Ich hab ne Kneipe, seit 25 Jahren, überwiegend Berliner Stammgäste. Nun kommen seit Jahren immer mehr Touristen und zugezogene, die denken, überall wo sin hintreten, gehört Ihnen und von daher gibt’s auch keinen Respekt und keine Rücksicht! Gerade am Wochenende hab ich solch eine Bande aus dem Laden geschmissen, die Berliner Gäste waren froh, die Touris haben fluchend meinen Laden verlassen! Ich verzichte gerne auf die 40€, hab dafür n gemütlichen Abend mit coolen Gästen! Wenn das nur mehr machen würden!
Als vor jahren der bärtige Herr Thierse sich darüber echauffierte, dass seine Schrippen jetzt Wecken hießen, dachte ich - so geht´s los mit der Fremdenfeindlichkeit. Die eigene Sprache wird nicht mehr verstanden, lieb gewordene Gewohnheiten kommen unter die Räder, alles wird immer internationaler und damit gleicher. Ist das gut?
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