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Politik

CDU-Festakt mit Kohl

Stunde des Patriarchen

Die CDU macht auf Familie: Zum 20. Jahrestag ihrer eigenen Vereinigung feiert sie Altkanzler Helmut Kohl und sucht aktuellen Ärger vergessen zu machen. Doch der Patriarch gibt sich wenig altersmilde.

Foto: dpa
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Freitag, 01.10.2010   20:45 Uhr

Berlin - Ach, die Einheit. Wie gut, dass es wenigstens noch diese Einheit gibt. In Zeiten wie diesen, in denen die Christdemokratie stets auf der Suche ist nach festen Standpunkten. Und die Vorsitzende hat die Partei in den bisher zehn Jahren ihrer Regentschaft auch noch derart umgekrempelt, dass mancher aus der alten Garde sich bereits zwangssozialdemokratisiert wähnt.

Aber 1990! Derart in Ordnung wie in jenem Jahr war die Welt für die Union danach nie wieder. Nicht innerhalb und nicht außerhalb der Partei.

Und so trifft sich die noch vor den großen Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der schon an diesem Freitag im Berliner "Palais am Funkturm", um erst mal ihre eigene Wiedervereinigung zu feiern: Am 1. Oktober 1990 machten West- und Ost-CDU aus sich die Deutschland-CDU. Besser gesagt: machte das. Deshalb ist der jetzt 80-Jährige und gesundheitlich Angeschlagene an diesem Tag natürlich dabei. Im Rollstuhl wird er vorgefahren, Angela Merkel begrüßt er mit Handkuss. Im Hintergrund skandieren 28 Vertreter der Jungen Union mit Krawatte, Seitenscheitel und Schwarz-Rot-Gold: "Unser Idol, Helmut Kohl". Merkel sagt erstaunlicherweise, dass sich viel verändert habe seit 1990. Kohl winkt. Dann geht es rein.

Es ist die Stunde des Patriarchen.

Drin sitzt die "Familie", wie die Kanzlerin in Anlehnung an Kohl plötzlich ihre Partei nennt. Und die Familie bekommt das, wonach sie sich am meisten sehnt: die Gewissheit, auf der guten Seite zu stehen. "Es war die CDU", sagt Kohl in seiner halbstündigen Rede, "die an die deutsche Einheit glaubte und nicht die Annäherung an die SED suchte wie die SPD." Sozialdemokraten und Grüne hätten "vor 20 Jahren in historischer Stunde kläglich versagt".

Man applaudiert. Wir hier, die Sozen da. Endlich wieder klare Fronten in dieser ansonsten so unübersichtlichen Zeit, in der das konservative Profil verschollen scheint, man sich monatelangen Koalitionsknatsch liefert oder wegen eines Bahnhofsneubaus im Schwäbischen Teilen der eigenen Anhängerschaft mit dem Wasserwerfer begegnet. Auch Merkel zieht klare Linien: Die Standfesten, die Visionäre und Realisten hätten gottlob 1989 und 1990 das Land geführt, nicht die Zauderer und Kleinmütigen. "Sie sind der Kanzler der Einheit", ruft sie Kohl zu. Und ganz zu Beginn ihrer Rede stellt sie noch einmal klar, dass die DDR "ohne Wenn und Aber ein Unrechtsstaat" gewesen sei.

Der Applaus ist groß und die Atmosphäre heimelig. Doch dass es bei der Union unter der Oberfläche brodelt, bleibt an diesem Berliner Nachmittag nicht verborgen.

Da ist die Zusammensetzung des Publikums: Es ist die alte West-Berliner CDU mit Eberhard Diepgen an der Spitze, die sich hier - sehr passend - tief im Westteil der Stadt trifft. Als sie über die Hilfe der West-CDU im letzten DDR-Wahlkampf spricht, sagt Merkel einmal den hübschen Satz: "Danke, dass Sie so tolerant mit uns waren." Einzig wirklich prominente Vertreterin aus der DDR-Endphase ist an diesem Nachmittag Sabine Bergmann-Pohl, die Präsidentin der letzten und frei gewählten Volkskammer. Vor allem aber fehlt Lothar de Maizière, damals DDR-Ministerpräsident und zeitweise Chef der Ost-CDU.

Kohl und er konnten gegensätzlicher kaum sein - hier der barocke Machtmensch, dort der feinsinnige Musiker und Jurist. Entsprechend schlecht war ihr Verhältnis.

Erst neulich hat de Maizière seine Sicht auf den Einheitsprozess als Buch veröffentlicht, Merkel hat es vorgestellt. Darin macht er Kohl schwere Vorwürfe, beschreibt ihn und den damaligen CDU-Generalsekretär Volker Rühe im Einigungsprozess zwischen Ost- und West-CDU eher als Gegenspieler denn als Partner.

Der Patriarch mischt sich in die Tagespolitik ein

Kohl seinerseits schont de Maizière nicht. Keine Spur von Altersmilde. In einem pünktlich zur Feierstunde am Freitag veröffentlichten "Bild"-Interview nennt er den Ostdeutschen "so ein Beispiel eines verbitterten Menschen, der in der Bundesrepublik Deutschland nie angekommen ist". Und setzt hinzu: "Schad' für die Zeit, darüber überhaupt zu reden." Tatsächlich kommt dann de Maizière in Kohls Ansprache in keinem Satz vor. Dafür aber ausführlich bei Merkel. Sie, die dem letzten Ministerpräsidenten der DDR als Regierungssprecherin diente, müht sich ganz offensichtlich, die historische Bruchstelle der Partei zu kitten. De Maizière habe "die Weichen für die deutsche Einheit auf Seiten der DDR gestellt", sagt sie.

Das Gegenstück dieser Szene hat Merkel bereits bei der Vorstellung von de Maizières Buch in der vergangenen Woche geliefert. Da schritt sie zur Ehrenrettung Kohls. Sie spüre, dass de Maizière mit manchen Entscheidungen Kohls hadere, deshalb wolle sie noch mal die "historische Leistung" des Altkanzlers hervorheben. Moderatorin Merkel.

An anderer Stelle kann sie an diesem Freitag schwerlich vermitteln. Denn da mischt sich der Patriarch plötzlich in ihre Tagespolitik ein. Es geht plötzlich um Wehrpflicht statt um Einheit. Im Publikum ist man überrascht. "Ich war immer jemand, der die Wehrpflicht aus Überzeugung vertreten hat", sagt Kohl. Er habe daran auch in den Verhandlungen 1990 festgehalten und "sie unseren Freunden von der FDP abgerungen". Es sei gut, wenn "unsere Partei über dieses Kernthema der Union gründlich - ich sage: gründlich - diskutiert, bevor eine endgültige Entscheidung getroffen wird".

Und dann ist da schließlich noch die Sache mit Wolfgang Schäuble. Mit dem derzeit erkrankten Finanzminister hatte sich Kohl während der CDU-Spendenaffäre überworfen, nun versucht er ihn wieder in seine Familienvorstellung einzubinden: "Er ist ein Teil von uns. Und in diesen Tagen soll er das wissen."

Kohl hat auch früher schon vergleichbare Versuche der Wiederannäherung unternommen. Bisher ist Schäuble nicht darauf eingegangen.

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