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Politik

Podcast "Stimmenfang"

Daran ist die Mission Merz gescheitert

Das Mikrofon zu leise? Die Rede nicht geübt? Hören Sie im neuen Podcast, warum Friedrich Merz sein Comeback als CDU-Parteichef verpatzt hat und wie es jetzt mit ihm und der Partei weitergehen könnte.

Von und
Donnerstag, 13.12.2018   12:22 Uhr

Stimmenfang Podcast #78: Daran ist die Mission Merz gescheitert

Nur 18 Unterstützer mehr - und Friedrich Merz hätte die erforderliche Mehrheit auf dem CDU-Parteitag gehabt und wäre statt Annegret Kramp-Karrenbauer neuer CDU-Chef geworden.

In dieser Folge von Stimmenfang soll es um die Frage gehen, woran genau die "Mission Merz" gescheitert ist. Welche strategischen Fehler hat Friedrich Merz gemacht? Und was bedeutet das knappe Ergebnis für die CDU und ihre neue Vorsitzende? Im Stimmenfang-Studio: Markus Feldenkirchen, der Merz im Wahlkampf für den SPIEGEL beobachtet hat.

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Das vollständige Transkript
Sandra Sperber: [00:00:01] Willkommen zu Stimmenfang, dem Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE. Ich bin Sandra Sperber. Nur 18 Unterstützer mehr und Friedrich Merz hätte die erforderliche Mehrheit auf dem CDU-Parteitag gehabt und wäre statt Annegret Kramp-Karrenbauer neuer CDU-Chef geworden.

Friedrich Merz: [00:00:19] Ich hätte natürlich heute gern gewonnen. Aber ich muss sagen, es hat auch trotzdem großen Spaß gemacht.

Sandra Sperber: [00:00:28] In dieser Folge von Stimmenfang geht es um die Frage, woran genau die Mission Merz gescheitert ist. Und was das knappe Ergebnis für die CDU bedeutet. Mein Kollege Markus Feldkirchen vom Spiegel hat Friedrich Merz im Wahlkampf getroffen und auf den Regionalkonferenzen beobachtet. Und jetzt ist er hier bei mir im Studio. Hallo Markus!

Markus Feldenkirchen: [00:00:46] Hallo.

Sandra Sperber: [00:00:47] Du hast am Samstagfrüh nach der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer getwittert: Merz ist die wichtigste Rede seines Lebens missglückt sonst wäre er Parteichef geworden. Da bin ich mir sicher. Warum bist du dir da so sicher, dass es allein an dieser Rede lag?

Markus Feldenkirchen: [00:01:01] Er hätte sich klar fokussieren müssen, der Partei darzulegen, was aus seiner Sicht in den letzten Jahren falsch gelaufen ist und zu begründen, warum er derjenige ist, der es anders und besser macht. Gerade im Kontrast zu den beiden Reden von Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn hatte ich den Eindruck, dass er eine ganz andere Rede hält. So eine Art Welterklärer-Rede.

Friedrich Merz: [00:01:28] Sie wissen vermutlich, ich bin wirklich ein Freund Amerikas aber die Amerikaner brauchen hin und wieder eine klare und eindeutige Ansage.

Markus Feldenkirchen: [00:01:34] Wie quasi sie seine Antrittsrede als Bundeskanzler vor dem Deutschen Bundestag klang es eher.

Friedrich Merz: [00:01:40] Die Amerikaner akzeptieren Stärke und nicht Schwäche und das müssen wir auch in diesen schwierigen Zeiten so praktizieren.

Markus Feldenkirchen: [00:01:47] Und nicht das, was in diesem Moment nötig gewesen wäre, vielleicht etwas persönlicher zu reden - auch emotionalisieren. Meine Prognose wäre vorher gewesen, dass er Vorsitzender wird. Und dann haben wir das Ergebnis gesehen es war sehr, sehr knapp und jetzt darf man vielleicht die Kraft einer Rede oder die Wirkung einer Rede auch nicht überschätzen, überinterpretiert. Ich bin mir sicher, dass viele Delegierte als sie am Freitagmorgen aufstanden entschieden waren, wen sie wählen - ganz egal welche Performance der Kandidat oder die Kandidatin dort abgeliefert hätten. Aber Friedrich Merz kann kraftvoll, überzeugend reden. Das habe ich auch bei den Regionalkonferenzen gemerkt.

Friedrich Merz: [00:02:30] Ja wir sind in einer Koalition mit den Sozialdemokraten aber das bedeutet nicht, dass wir alle und jede Position der Sozialdemokraten uns auch zueigenmachen müssen. Die CDU muss eigene und klare Positionen haben.

Markus Feldenkirchen: [00:02:46] Ich hab mich dann wirklich gefragt, warum dieser bleierne, eher bleierne Vortrag auf dem Parteitag? Und ja, man weiß es nie zu hundert Prozent aber ich bin mir schon ziemlich sicher, dass eine Rede in Bestform auch mit dem Inhalt, wie er dort für 20 Minuten notwendig gewesen wäre, ihm eine Mehrheit beschert hätte.

Sandra Sperber: [00:03:08] Nochmal für die, die vielleicht diese Rede nicht im ganzen gehört haben: Was hat er aus seiner Sicht falsch gemacht? Wo lag er inhaltlich daneben?

Markus Feldenkirchen: [00:03:14] Er hat seine inhaltlichen Pointen, das, was auf den Regionalkonferenzen immer gut angekommen ist, zum Teil nicht sauber zu Ende gebracht.

Friedrich Merz: [00:03:23] Wir sind in Europa wahrscheinlich eine der letzten, vielleicht die letzte große christdemokratische Volkspartei.

Markus Feldenkirchen: [00:03:31] Er hat diese Versatzstücke in seinen Reden auf den Regionalkonferenzen dabeigehabt. Er hat sie in dieser Rede am Freitag, der Bewerbungsrede auf dem Parteitag, aber nicht gebündelt.

Friedrich Merz: [00:03:43] Wir haben damit eine Verantwortung, die über uns selbst hinausreicht.

Markus Feldenkirchen: [00:03:48] Nicht klar vorgetragen. Er hat ständig vom Blatt abgelesen, obwohl er frei reden kann.

Friedrich Merz: [00:03:54] Keine andere Partei in Deutschland und in Europa ist dazu so sehr aufgerufen wie wir, die Christlich Demokratische Union.

Markus Feldenkirchen: [00:04:05] Er hat in diesem Moment nicht geliefert. 20 Minuten das zählt. Entweder es gelingt mir, in diesen 20 Minuten eine Aufbruchsstimmung, eine Begeisterung zu erzeugen oder nicht und das wäre notwendig gewesen. Ich frage mich, wenn eine solche Rede bevorsteht, dann kann man die ja auch mal sieben Tage lang jeden Tag fünf Mal üben. Dann trägt man die frei vor und dann sitzt alles und dann passt auch die Länge. Das war ja auch so.

Sandra Sperber: [00:04:34] Das war auch zu lang.

Markus Feldenkirchen: [00:04:34] Genau. Und es lässt so auf eine gewisse Undiszipliniertheit schließen, wenn ich weiß, ich habe hier 20 Minuten, dann fülle ich die optimal und mache daraus nicht 30.

Sandra Sperber: [00:04:45] Es sind auch so ein paar Mythen unterwegs: Der Scheinwerfer war zu heiß, das Mikrofon zu leise. Hast du davon etwas gemerkt?

Markus Feldenkirchen: [00:04:50] Ich fand es, ehrlich gesagt, war ich auch verwundert, dass er relativ leise wirkte. Ich dachte, was ist denn da? Steht er zu weit weg vom Mikrofon? Oder ist es etwas leiser? Ich habe natürlich 0,0 Beleg dafür, dass das Absicht war oder es tatsächlich etwas runter geregelt wurde. Aber gerade einer, der kraftvoll spricht, der auch die Stimme modulieren kann - da habe ich schon gedacht, was ist denn da los? Ich glaube nicht, dass diese Verschwörungstheorien stimmen aber dass das jetzt unter Delegierten und vor allem den Delegierten, die nicht gewonnen haben, jetzt alle nach allen möglichen Gründen gesucht wird, das zeigt eigentlich in erster Linie, wie groß das Misstrauen der unterschiedlichen Lager und Flügel ist.

Sandra Sperber: [00:05:38] Die neue Frau an der Spitze Annegret Kramp-Karrenbauer wurde vorher nicht so gehypt in Bezug auf ihre Redefähigkeit. Ich glaube, die hat auch einige überrascht. Was hat sie im Vergleich zu Friedrich Merz an diesem entscheidenden Tag besser gemacht oder richtig gemacht?

Markus Feldenkirchen: [00:05:52] Bei solchen großen zugespitzten Momenten kommt es ja schon auch immer auf dass Erwartungs-Management im Vorfeld an. Wir kennen das zum Beispiel von den großen TV-Duellen vor der Bundestagswahl. Da hatte Angela Merkel insofern immer den Vorteil gegen ihre Konkurrenten von der SPD, dass über die gesagt wurde, zum Beispiel Steinbrück oder Martin Schulz, rhetorisch sind die besser. Insofern werden Sie da wahrscheinlich einen Vorteil haben bei dem TV-Duell. Und dann war es jedes Mal so danach, dass gesagt wurde, dafür dass die Merkel diese Disziplin ja eigentlich nicht kann, war sie eigentlich ziemlich gut. Und so hat jetzt auch Annegret Kramp-Karrenbauer profitiert, weil die Erzählung war natürlich vorher: ja, der große Redner Friedrich Merz. Während Frau Kramp-Karrenbauer, da wurde gesagt, das ist eine ehrliche, solide, bodenständige Frau aber die Rede ist jetzt nicht unbedingt ihre Stärke. Und sie hatte sich aber erkennbar vorher viele Gedanken gemacht und das war, wie ich fand, überzeugend, auch viel stärker emotionalisierend. Sie hat mit ihrer persönlichen Geschichte mit der Partei begonnen.

Annegret Kramp-Karrenbauer: [00:06:56] Dies ist für mich ein besonderer Moment, ein besonderer Tag: Hier vorne auf dieser Bühne zu stehen und mich um das Amt der Parteivorsitzenden zu bewerben. Es ist ein Tag, an den ich nicht gedacht habe, als ich 1981 in die Partei eingetreten bin.

Markus Feldenkirchen: [00:07:16] Es war sehr persönlich und daraus auch eine schlüssige Argumentation entwickelt. Und so stand sie dann im Vergleich tatsächlich als diejenige da, die die bessere Rede gehalten hat. Erwartet wurde es, wie gesagt, andersrum.

Sandra Sperber: [00:07:31] Was hast du für einen Mann Friedrich Merz in diesem Wahlkampf erlebt und kennengelernt? Hat es ihm gutgetan, dass er als Hoffnungsträger gestartet ist?

Markus Feldenkirchen: [00:07:39] Ich glaube, seine Einschätzung, dass er Chancen hat, weshalb er sich getraut hat, seine Komfortzone zu verlassen, also sein Leben in der Wirtschaft gut bezahlt mit sicherlich nicht zu großem Stress und so gut wie gar keiner öffentlichen Beobachtung, wie es in der Politik der Fall gewesen wäre. Also: Seine Einschätzung der Lage war richtig, dass es ein Bedürfnis nach einem etwas kernigerem, markigerem Kurs und auch Typus gibt.

Friedrich Merz: [00:08:10] Ich traue mir das wirklich zu. Viele, nicht alle, aber viele Wählerinnen und Wähler für die Union zurückzugewinnen.

Markus Feldenkirchen: [00:08:17] Ich glaube, in einem zweiten Schritt spielten dann auch wir Journalisten eine Rolle. Ein gewisses Bedürfnis, dass mal wieder was Interessantes passiert. Es gab so eine kurze Phase des Merz-Hypes, die dann allerdings dank Friedrich Merz selbst auch relativ schnell wieder abgekühlt ist.

Sandra Sperber: [00:08:35] Welche Fehler hat er gemacht? Was würdest du sagen?

Markus Feldenkirchen: [00:08:36] Also wenn ich zehn Jahre raus bin aus dem politischen Geschäft und dann klar ist, ich habe unzählige Aufsichtsratsmandate bei Firmen, die zum Teil nicht allzu beliebt sind, aus der Finanzwirtschaft wahrgenommen - unter anderem Blackrock. Wenn ich da unterwegs war, dass dann Fragen kommen, sind sie eigentlich sehr reich? Sind Sie Millionär? Wie viel verdienen Sie denn wirklich? Das ist das Naheliegendste überhaupt und dann in einem Interview in einem Live-Interview mit den Kollegen von Bild diese Frage tatsächlich gestellt zu bekommen.

Friedrich Merz: [00:09:17] Ich würde mich zu der gehobenen Mittelschicht in Deutschland zählen und nicht zu dieser kleinen, sehr vermögenden, sehr wohlhabenden Oberschicht. Dazu gehöre ich sicher nicht.

Markus Feldenkirchen: [00:09:28] Und dann so zu wirken als sei man völlig überrascht und herumzustottern.

Moderator: [00:09:35] Sind Sie Millionär? Oder sie wissen nicht, ob sie Millionär sind?

Friedrich Merz: [00:09:39] Ich weiß das schon. Ich kenne meine Einkommens- und Vermögensverhältnisse und nochmal...

Moderatorin: [00:09:42] Warum sagen sie nicht einfach: Ja?

Friedrich Merz: [00:09:46] Ich liege jedenfalls nicht drunter.

Markus Feldenkirchen: [00:09:47] Warum hat er nicht gesagt: Ja, ich war da erfolgreich, habe gut verdient. Bin auch Millionär und bin trotzdem bereit, auf all das Geld künftig zu verzichten, weil mein Dienst an der Partei oder sogar am Land mir jetzt wichtiger ist. Das wäre eine schlüssige Erklärung gewesen - hätte zumindest kein CDU-Mitglied davon abgehalten, ihn zu wählen und so wirkte er so ein bisschen ausweichend aber für mich noch stärker unprofessionell, dass man so merkte, der hat sich da vorher echt nicht mit beschäftigt mit naheliegendsten Fragen.

Sandra Sperber: [00:10:23] Ist das vielleicht auch weil er zehn Jahre aus der Politik raus war und dann vielleicht gar nicht so abschätzen kann, was es heute für einen Shitstorm gibt, wenn sich der Millionär Friedrich Merz als Mittelschicht bezeichnet?

Markus Feldenkirchen: [00:10:32] Ja, das ist auch etwas, was ich als roten Faden in dem Porträt, was ich im Spiegel über ihn geschrieben habe, besprochen habe, weil es mir immer wieder auffiel, dass die Art, wie Politik gemacht wird, wie Politik kommuniziert wird und auch kommentiert wird, ist natürlich eine ganz andere, viel schnelllebigere. In Teilen auch hysterischere. Man muss halt wissen, auf welches Spiel man sich da einlässt und da wirkt er doch an der ein oder anderen Stelle überrascht.

Sandra Sperber: [00:11:00] Es ist sehr begrüßt worden, dass er angetreten ist. Später hat dann Wolfgang Schäuble ihn unterstützt öffentlich. Wie ist Merz damit umgegangen?

Markus Feldenkirchen: [00:11:07] Dieser Hype der ersten Tage hat ihn selber geblendet.

Fernsehbeitrag: [00:11:11] Eine alte Sehnsucht flammt wieder auf. Nach dem Mann, der vor fast zehn Jahren diese politische Bühne verlassen hat: Friedrich Merz.

Fernsehbeitrag: [00:11:19] Die Rückkehr des CDU-Manns und Juristen, der 1989 seine politische Karriere als Europaabgeordneter begann.

Fernsehbeitrag: [00:11:27] Ein Rückkehrer in die Politik will für Aufbruch sorgen. Der Auftritt des über 60-jährigen Friedrich Merz: selbstbewusst.

Fernsehbeitrag: [00:11:33] Die Nachricht vom Comeback schlägt ein. Wohin man schaut: Friedrich Merz. Das Rennen um den CDU Parteivorsitz scheint für einige bereits entschieden.

Markus Feldenkirchen: [00:11:42] Er hat dann im kleinen Kreis direkt irgendwie die Umfragen der ersten Tage, die ihn vorne gesehen haben vor seinen Konkurrenten. Er dachte dann, glaube ich, das wird ein relativ leichtes Spiel. Er hat die Hürden, glaub ich, nicht ganz gesehen und bis hin zur letzten Rede wirkte seine Kandidatur unprofessioneller als man es von einem vermeintlichen Profi wie Friedrich Merz, der in der Politik zumindest sozialisiert wurde, erwartet hatte und der natürlich auch in seinem ganzen Habitus und Auftreten zumindest den Eindruck erweckt, er wisse genau, was er tue und sei ein Macher und ein Entscheider. Ein Beispiel war dann auch nochmal, dass er bei einer der Regionalkonferenzen, es war die dritte, plötzlich das Thema Asyl auf überraschende Weise thematisiert hat.

Friedrich Merz: [00:12:37] Ich bin schon seit langer Zeit der Meinung, dass wir bereit sein müssten, über dieses Asyl-Grundrecht offen zu reden, ob es in dieser Form fortbestehen kann, wenn wir ernsthaft eine europäische Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik wollen.

Markus Feldenkirchen: [00:12:54] Das war erkennbar eine Diskussion, die in Deutschland tatsächlich Anfang der 90er geführt wurde und dann stand er halt ziemlich dumm da. Die einen haben gesagt, okay, der will jetzt irgendwie nach rechts blinken und am rechten Rand fischen. Ich glaube aber das Problematische daran war, dass er einfach nicht mehr vertraut war mit der Rechtslage. Aktuell wirkt die europäische oder internationalen Regelungen zum Thema Asyl stärker als dieser eine Paragraf im deutschen Grundgesetz. Er hatte sich da irgendwie verheddert und hat das dann auch am nächsten Tag quasi abräumen müssen.

Sandra Sperber: [00:13:30] Ich komme nochmal zurück zum Parteitag. Die frisch gewählte CDU-Chefin hat ja dann Friedrich Merz explizit gebeten künftig die CDU mit zu formen.

Annegret Kramp-Karrenbauer: [00:13:39] ...und zu formen. Und ich würde mich sehr freuen, wenn sowohl Jens Spahn als auch Friedrich Merz gemeinsam an dieser Aufgabe mitarbeiten. Das ist das, was die Mitglieder erwarten. Und für beide ist ein Platz in dieser Partei. Vielen Dank.

Sandra Sperber: [00:13:55] Wie hat Merz da reagiert? Wie hat er auf seine Niederlage reagiert?

Markus Feldenkirchen: [00:13:59] Er hat sich formal korrekt verhalten, hat herzlich gratuliert.

Friedrich Merz: [00:14:05] Liebe Annegret! Ich gratuliere Dir herzlich und wünsche Dir viel Erfolg.

Markus Feldenkirchen: [00:14:11] Hat dann auch nochmal in einer Ansprache in den Saal seine Unterstützer und Anhänger darum gebeten, jetzt mit vollem Einsatz die gewählte neue Vorsitzende zu unterstützen.

Friedrich Merz: [00:14:23] Ich möchte Sie alle herzlich bitten, jetzt ihre ganze Kraft und ihre volle Unterstützung unserer neuen Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer zu geben.

Markus Feldenkirchen: [00:14:34] Aber als dann die Parteitagsregie fragte, okay, Jens Spahn und Friedrich Merz hätten die Gelegenheit, zu erklären ob sie auch als stellvertretender Vorsitzender oder für das Präsidium kandidieren wollten.

Daniel Günther: [00:14:45] Ich würde zunächst den Zweitplatzierten Friedrich Merz fragen und ihn auf die Bühne bitten.

Markus Feldenkirchen: [00:14:51] Da musste er auf die Bühne. Es schien so, als wirkte er sogar überrascht, dass er diese Sache jetzt noch einmal öffentlich erklären müsse. Hätte er da eine Bereitschaft erkennen lassen, das wäre natürlich ein Bekenntnis gewesen. Ich sagte mir war das so ernst. Ich ärgere mich zwar, dass ich hier verloren habe. Aber man kann vielleicht auch an zweiter Stelle vieles von dem erreichen, was ich der Partei vorher in meinem Wahlkampf versprochen habe. Und da kam es dann halt zum Schwur und er hat dann so eine allgemeine Formulierung benutzt.

Friedrich Merz: [00:15:20] Ich persönlich bin gerne bereit, auch in den nächsten Jahren, dort wo es gewünscht wird, diese Partei zu unterstützen und ihr zu helfen.

Markus Feldenkirchen: [00:15:31] Aber explizit kandidieren für ein Spitzenamt in der Partei, das wollte er erkennbar nicht. Er hat auch darauf verwiesen, dass er in letzter Zeit immer für die Partei da war. Was war er de facto? Brexit-Beauftragter des Landes NRW, wo keiner genau weiß, was das bedeutete.

Sandra Sperber: [00:15:52] Er war ziemlich abgetaucht auch aus der Öffentlichkeit.

Markus Feldenkirchen: [00:15:56] Genau es kann natürlich sein, dass in den nächsten Tagen oder Wochen sich das überlegt oder mal wartet, welche konkreten Angebote noch kommen. Formal hat er ja seine ganzen Engagements in der Wirtschaft nicht ein für allemal beendet sondern auch offengelassen, ob er auf gewisse Führungspositionen zurückkommen kann. Jetzt sieht es so aus, als wollte er das auch.

Sandra Sperber: [00:16:20] Du glaubst eher daran, dass er wieder in die Wirtschaft geht als dass er noch aktiv sich in der Partei engagiert und diesen Prozess, den man während der Regionalkonferenzen gefeiert hat, das alle arbeiten mit, bringen die Partei wieder auf Vordermann - da macht er nicht mit.

Markus Feldenkirchen: [00:16:33] Er hat das auch in diesem Wahlkampf immer, ich denke mal bewusst, offengelassen. Da muss man den Eindruck mitnehmen, dass er wollte: Entweder ich mach's als Chef oder gar nicht.

Sandra Sperber: [00:16:44] Glaubst du jetzt, das war es mit dem politischen Hoffnungsträger Friedrich Merz oder kommt ja vielleicht in fünf Jahren noch einmal irgendwie aus der Kiste wenn es der Partei mal wieder schlecht geht und man einen Vorsitzenden sucht?

Markus Feldenkirchen: [00:16:55] Ich glaube, dass zumindest diejenigen in der CDU, die mit Friedrich Merz jetzt große Hoffnung auf einen Wechsel auf einen Wandel verbunden haben, dass die natürlich nicht von jetzt auf gleich versöhnt sich hinter Kramp-Karrenbauer versammeln. Die werden immer noch darauf warten, was ist der Eindruck, den wir nach der Europawahl im Mai haben? Was ist spätestens der Eindruck nach den Landtagswahlen im Osten, wo es die CDU sehr schwer haben wird? Ich glaube, da gibt es schon nochmal die Hoffnung, auf ein Momentum, indem dann die Merz-Anhänger sagen können: Seht ihr, das war kein richtiger Wechsel, den wir da vollzogen haben zu Frau Kramp-Karrenbauer. Hoffentlich haben es jetzt alle eingesehen. Wir starten nochmal einen weiteren Anlauf. Es gibt kein konkretes Szenario dafür aber so ein latenter Wunsch und Hoffnung und Starren auf diese Termine der Wahlen im Jahr 2019.

Friedrich Merz: [00:17:54] Wir überlassen insbesondere den Osten unseres Landes nicht den Populisten von links und rechts, liebe Freudinnen und Freunde!

Markus Feldenkirchen: [00:18:02] Ob Friedrich Merz dann noch mal derjenige ist, auf den sich als Person diese Sehnsüchte nach einem Wandel richten werden. Das weiß ich nicht. Weil ich glaube, er hat dann letztlich mit seiner Performance im Wahlkampf und auf dem Parteitag einige von denen, die glaubten das ist der Heilsbringer und der kann zumindest politisch gesehen über Wasser laufen, dann doch enttäuscht.

Sandra Sperber: [00:18:26] Glaubst du, dass das jetzt auch noch weiter nachwirken wird, dass es da so einen harten Wahlkampf oder harte Konkurrenz gab und siehst du die Gefahr, dass es die Partei, die CDU tatsächlich spalten könnte?

Markus Feldenkirchen: [00:18:37] Wenn man solche Auseinandersetzungen zum Beispiel aus der SPD kennt, dann muss man sagen, war es alles sehr bürgerlich gesittet. Ich fand das nicht hart und während die Spitzenpolitik will, der muss ein paar Spitzen auch mal aushalten. Trotzdem: Ich würde den Anhängern von Merz wirklich unterstellen, dass es da weniger um persönliche Rache ging, sondern um das tiefe Bedürfnis nach einer anderen CDU. Es kann sein, dass Frau Kramp-Karrenbauer dieses Bedürfnis befriedigt. Bei dem, wie man sie bisher kennengelernt hat, ist das nicht unbedingt zu erwarten aber sie ist natürlich eine hochintelligente auch sozial intelligente Frau, die weiß schon, welche Sehnsüchte es da auf der anderen Seite ihrer Partei gibt und wird da sicherlich versuchen, denen zu signalisieren: Nee, ich weiß schon, was euch wichtig ist und das wird nicht eins zu eins eine Fortführung der Ära Merkel werden.

Sandra Sperber: [00:19:30] Vielen Dank Markus!

Markus Feldenkirchen: [00:19:31] Gerne.

Sandra Sperber: [00:19:34] Das war Stimmenfang, der Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE. Die nächste Folge gibt's kommenden Donnerstag auf unserer Webseite, auf Spotify oder in allen gängigen Podcast-Apps. Bis dahin freuen wir uns über Themenvorschläge und Feedback an Stimmenfang@spiegel.de und sie können uns jetzt auch eine Whatsapp-Sprachnachrichten schicken an die Nummer 040/38080-400. Das ist auch die Nummer der Stimmenfang-Mailbox. Wenn das jetzt alles zu schnell ging, finden Sie unsere Kontaktdaten auch in der Beschreibung zu diesem Podcast. Yasemin Yüksel und ich, Sandra Sperber, haben diese Folge produziert. Danke für die Unterstützung an Sebastian Fischer, Johannes Kückenes, Wiebke Rasmussen, Thorsten Rejzek und Matthias Streitz. Die Stimmenfang-Musik kommt von Davide Russo.

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insgesamt 26 Beiträge
IchbinDu 13.12.2018
1. Neuanfang?
Es war schon eine kühne Dreistigkeit von Herrn Merz, seine Bewerbung für den CDU-Vorsitz als einen "Neuanfang" für die CDU zu bezeichnen. Als Mann von vorgestern hatte er niemals eine Chance, politisch einen [...]
Es war schon eine kühne Dreistigkeit von Herrn Merz, seine Bewerbung für den CDU-Vorsitz als einen "Neuanfang" für die CDU zu bezeichnen. Als Mann von vorgestern hatte er niemals eine Chance, politisch einen realistischen Neuanfang zu erzeugen. Wer sein Haus mit einem "neuen" Internetzugang austatten will, holt sich ja auch keinen 300Baud-Akustikkoppler und ein Analogtelefon für den "Neuanfang". Oder?
nadennmallos 13.12.2018
2. Eigentlich ist die Frage interessanter, wie Merz "aus dem Stand" ...
... soweit kommen konnte! Dass er durch seine Rede oder die Aufnahmetechnik um seinen Wahlsieg gekommen ist, glaub' ich eher nicht. Die CDU war wohl noch nicht ganz soweit und viele Leute haben um ihre Pöstchen gefürchtet. Was [...]
... soweit kommen konnte! Dass er durch seine Rede oder die Aufnahmetechnik um seinen Wahlsieg gekommen ist, glaub' ich eher nicht. Die CDU war wohl noch nicht ganz soweit und viele Leute haben um ihre Pöstchen gefürchtet. Was aber das weitere Fortkommen des Herrn Merz angeht, so hoffe ich, dass er der CDU erhalten bleibt und sich in Zukunft (ab jetzt) kreativ einbringt. Die CDU kann's brauchen. Meine stille Hoffnung ist ja, dass dieser Mann die Chance bekommt, zur Kanzlerwahl antreten zu dürfen. Der Mann hat Köpfchen und, nicht zu unterschätzen, die AfD würde nach und nach deutlich unter 10% gedrückt.
c.roesch 13.12.2018
3. Oder....
weil es auch in der CDU Menschen gibt, die einem in verantwortlicher Position für CUM CUM und CUM EX Geschäfte tätigen kein politisches Amt zugestehen möchten. Danke CDU!
weil es auch in der CDU Menschen gibt, die einem in verantwortlicher Position für CUM CUM und CUM EX Geschäfte tätigen kein politisches Amt zugestehen möchten. Danke CDU!
hausfeen 13.12.2018
4. Zum Glück und nur kanpp ist Merz gescheitert.
Der Grund wohl, dass so eine neoliberale Abzocker-Mentalität überhaupt nichts mit Konservatismus zu tun hat. Nein, sie ist geradezu modern, radikal, unmoralisch, exhibitonistisch und was sonst noch alles. Aber eben nur für [...]
Der Grund wohl, dass so eine neoliberale Abzocker-Mentalität überhaupt nichts mit Konservatismus zu tun hat. Nein, sie ist geradezu modern, radikal, unmoralisch, exhibitonistisch und was sonst noch alles. Aber eben nur für wenige. Erinnert nicht nur wenig an den Absolutismus des 17. Jahrhunderts. Diese Art der Absahner machen mit ihrem vielen Geld, was das Herz begehrt und fragen selten nach Moral und Anstand. So eine Partei, die dafür steht, gibt es schon in Deutschland: Die FDP.
zvonimir 13.12.2018
5. erstaunlich
und praktisch nicht zu erklären, dass Merz überhaupt so viele Stimmen erhalten konnte. Der Mann ist nicht nur von vorvorgestern, seine Politik über weite Strecken längst überholt.
und praktisch nicht zu erklären, dass Merz überhaupt so viele Stimmen erhalten konnte. Der Mann ist nicht nur von vorvorgestern, seine Politik über weite Strecken längst überholt.

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