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Politik

Der Fall Relotius

Wir haben sehr viele Fragen an uns selbst

Claas Relotius hat für den SPIEGEL viele große Reportagen geschrieben, aber leider enthalten wohl die meisten erfundene Passagen. Es tut uns leid, was passiert ist - und wir werden den Fall in aller Demut aufarbeiten.

Von und
Donnerstag, 20.12.2018   06:42 Uhr

Für uns ist dies Tag 1, nachdem wir mit dem Fall Relotius an die Öffentlichkeit gegangen sind. Wir hatten eine Menge Krisensitzungen, einige Pressegespräche, wir haben aufmerksam die sozialen Netzwerke verfolgt, über Strategien gesprochen. Der Tag ging spät zu Ende. Heute wird es ähnlich.

Claas Relotius hat sieben Jahre lang für den SPIEGEL gearbeitet, viele große Reportagen geschrieben, aber leider enthalten wohl die meisten erfundene Passagen. Er schrieb über Leute, die er nicht getroffen oder sogar erfunden hatte, er beschrieb Szenen, die es so nie gab.

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Wir können die ganze Dimension des Falls noch nicht wirklich abschätzen, haben uns aber trotzdem entschlossen, ihn publik zu machen. Das wollten wir nicht anderen überlassen. Wir haben begonnen, aufzuklären, und wir werden ein Komitee bilden, das jeden Stein umdrehen soll. Denn wir wollen wissen, was genau warum passiert ist, damit es nie wieder passieren kann. Wir haben sehr viele Fragen an uns selbst, und die Antworten werden wahrscheinlich einiges in unserem Haus verändern.

Es tut uns leid, was passiert ist. Wir haben eine große Leserschaft, die sich nun fragen kann, ob dem SPIEGEL noch zu trauen ist. Wir haben viele Mitarbeiter, die sauber und gut arbeiten und die in nächster Zeit damit leben müssen, unter Generalverdacht zu stehen. Wir müssen unter Beweis stellen, dass dieser Verdacht unbegründet ist.

Uns ist bewusst, dass der Fall Relotius den Kampf gegen Fake News noch schwerer macht, für alle: für die anderen Medien, die an unserer Seite stehen, für die Bürger und Politiker, denen an einem wahren Bild von der Realität liegt. Auch bei denen möchten wir uns entschuldigen. Aber wir können ihnen versichern: Wir haben verstanden. Und wir werden alles tun, um aus unseren Fehlern zu lernen.

Claas Relotius hatte offenbar das Gefühl, unseren Erwartungen nicht gerecht werden zu können mit guten und sehr guten Geschichten. Sie mussten exzellent sein. Wir haben ihm diesen Eindruck nie vermittelt, waren aber natürlich stolz über die enorme Resonanz auf seine Geschichten und über die vielen Preise, die er gewonnen hat. Ihm machte das Druck, seine Erfolge zu wiederholen, den nächsten Preis zu gewinnen. Er glaubte offenbar, dies nur über Fälschungen zu schaffen.

Wir kämpfen jetzt um unsere Glaubwürdigkeit, und natürlich sind wir wütend, dass Relotius uns und die Leser so bitter enttäuscht hat. Aber wir sehen in Claas Relotius nicht einen Feind, sondern einen von uns, der mental in Not geraten ist und dann zu den falschen, grundfalschen Mitteln griff. Er hat auch unser Mitgefühl.

Er hat betrogen, wir haben uns betrügen lassen, die Chefredaktion, die zuständige Ressortleitung und Dokumentation. Wir waren immer stolz auf unser System der vielen Absicherungen, dass die Texte von so vielen Augen gelesen werden. Unsere Dokumentare sind die Faktenchecker, die unsere Texte überprüfen und Fehler ausmerzen sollen.

Heute wissen wir, dass dieses System lückenhaft ist. In den nächsten Wochen und Monaten soll das Komitee diese Lücken finden und Vorschläge machen, wie wir sie stopfen können. Ganz verhindern werden sich solche Betrugsfälle aber nicht lassen, denn Verifikation darf nicht in Bespitzelung ausarten.

Der Fall Relotius

Relotius ist ein Reporter, er hat vor allem Reportagen geschrieben. Dies ist eine besondere Form des Journalismus, bei der es vor allem um Anschaulichkeit und Lebendigkeit geht. Der Reporter ist dabei, schaut zu, hört zu, und schreibt dann auf, was er gesehen und gehört hat. Er gibt dem Ganzen eine Dramaturgie und gießt es in eine formvollendete Sprache.

So manch einer kann da versucht sein, aus Journalismus Literatur zu machen, die in Fiktion mündet. Reporter sind meistens alleine unterwegs, oft in fernen Ländern. Da ist es für einen Dokumentar in der Zentrale nicht einfach, alle Fakten auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.

Die meisten Reporter arbeiten absolut sauber, das muss hier noch einmal betont werden. Und dennoch lohnt es sich, über die Form der Reportage und ihre Versuchungen noch einmal nachzudenken. Ebenso wie über die vielen Journalistenpreise, die den Ehrgeiz anstacheln, aber nicht immer in einer gesunden Form.

Wir fanden immer, dass zu exzellentem Journalismus auch ein gewisses Maß an Freiheit gehört. Wir möchten unsere Kollegen nicht auf Schritt und Tritt kontrollieren. Sie sollen sich auch mal treiben lassen können, nur so entsteht Kreativität. Es darf aber auch nicht zu kreativ werden.

Wir werden den Fall Relotius in aller Demut aufarbeiten. Das sind wir Ihnen, unseren Lesern, schuldig. Wir lieben unseren SPIEGEL, und es tut uns leid, dass wir ihm, unserem guten, alten Freund, diese Krise nicht ersparen konnten.

Ihr Steffen Klusmann, künftiger SPIEGEL-Chefredakteur
Ihr Dirk Kurbjuweit, stellvertretender SPIEGEL-Chefredakteur

insgesamt 581 Beiträge
bernd80b 20.12.2018
1. Nach wie vor
gilt der alte Spruch "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser". Wer meint ihn nicht beherzigen zu müssen, dem fliegt die Sache um die Ohren, früher oder später. Ich wurde wegen meiner Skepsis (allgemein, nicht nur auf [...]
gilt der alte Spruch "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser". Wer meint ihn nicht beherzigen zu müssen, dem fliegt die Sache um die Ohren, früher oder später. Ich wurde wegen meiner Skepsis (allgemein, nicht nur auf diesen Fall bezogen) oft kritisiert.
großwolke 20.12.2018
2. Demut? Die fehlt hier oft
Dieses unsinnige Bemühen, eine Geschichte zu erzählen, finde ich leider in vielen Artikeln auf dieser Seite, selbst im Spiegel+-Angebot. Ihr Journalisten solltet Euch eins immer wieder klarmachen: Ihr seid Generalisten, der [...]
Dieses unsinnige Bemühen, eine Geschichte zu erzählen, finde ich leider in vielen Artikeln auf dieser Seite, selbst im Spiegel+-Angebot. Ihr Journalisten solltet Euch eins immer wieder klarmachen: Ihr seid Generalisten, der Normalzustand ist der, dass Ihr NICHT versteht, was eigentlich los ist, jedenfalls nicht völlig, nicht einmal nach ausgiebiger Recherche. Anstatt Geschichten zu erzählen, solltet Ihr vor allem eins tun: für Euch selbst und auch für Eure Leser aufschreiben, was wisst und auch, was Ihr nicht wisst, und zwar ganz plump, deutungsfrei. Das Narrativ soll im Kopf des Lesers entstehen, nicht in Eurem. Das ist nicht allein eine Schwäche vom Spiegel, das passiert leider überall, und es gefällt mir auch in konservativen Publikationen keinen Deut besser, selbst wenn ich deren Storys im Herzen eher zustimme. Würde man das abstellen, gäbe es auch für offensichtlich talentierte Geschichtenerzähler wie Herrn Relotius keine Bühne.
cater 24567 20.12.2018
3. Rechercheabteilung?
Der Spiegel redet doch immer von einer Rechercheabteilung, auf die sie besonders stolz sind. Wer hat denn diese Abtilung angewiesen, nur noch zu recherchieren, ob ein Artikel ideologisch mit der gewünschten politischen Agenda des [...]
Der Spiegel redet doch immer von einer Rechercheabteilung, auf die sie besonders stolz sind. Wer hat denn diese Abtilung angewiesen, nur noch zu recherchieren, ob ein Artikel ideologisch mit der gewünschten politischen Agenda des Spiegel übereinstimmt. Vielleicht sollte diese Abteilung, wie früher, schlicht die Fakten checken. Jeder Bäckergeselle in Leipzig wusste seit Langem, dass der Mann und andere ihre Geschichten frei erfinden. Man machte sich lustig, man lachte überheblich. Man zeichnete solche Lügner noch aus. Hauptsache der Tenor stimmt. Die Hitler-Tagebücher sind ein Witz gegen das.
funatiker 20.12.2018
4. Entscheidend war wohl
das die gefälschten Artikel bestimmte Meinungen bestätigen sollten. somit wurden sie anscheinend schnell durchgewinkt. Hätte ich nicht eh schon den Spiegel gekündigt, ich würde es jetzt machen. Was ist bloß aus dem [...]
das die gefälschten Artikel bestimmte Meinungen bestätigen sollten. somit wurden sie anscheinend schnell durchgewinkt. Hätte ich nicht eh schon den Spiegel gekündigt, ich würde es jetzt machen. Was ist bloß aus dem Spiegel geworden, der sich früher mit Politikern angelegt hat, wie FJ Strauß, sondern sich mit Inbrunst dem Fußball widmet.
floflofloflofloflo 20.12.2018
5.
Lügenpresse hatten die Komischen gerufen! Die hatte wohl doch nicht ganz unrecht... Leider!
Lügenpresse hatten die Komischen gerufen! Die hatte wohl doch nicht ganz unrecht... Leider!

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