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Politik

Ende der PDS

Gysi macht das Licht aus

SED, PDS, Linkspartei.PDS - alles Geschichte. Gregor Gysi hat beim letzten Parteitag der Sozialisten die Grabrede gehalten und seine meist DDR-geprägten Mitstreiter zu Tränen gerührt - mit Es-war-ja-nicht-alles-schlecht-Formeln und aufmunternden Worten zum Neubeginn mit der WASG.

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Freitag, 15.06.2007   23:23 Uhr

Berlin - Der Letzte macht das Licht aus. An diesem Abend im Berliner Estrel Convention Center ist Gregor Gysi der Letzte. Um 21.50 Uhr tritt er auf die Bühne, die Nominierungen für die Vorstandswahlen der sich am Samstag gründenden neuen Linken sind da schon lang gelaufen und Dutzende Parteifreunde haben die Formel von den "lieben Genossinnen und Genossen" ins Mikrofon gesprochen.

Gysi will keine Bewerbungsrede halten, der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag kandidiert für kein Amt mehr. Es wird eine Abschiedsrede; bevor etwas Neues entsteht, muss etwas Altes verschwinden: Es wird der Abschied von einer Partei. Die Partei des demokratischen Sozialismus, kurz PDS, seit geraumer Zeit als Linkspartei.PDS geführt, Ostpartei, hervorgegangen aus der DDR-Staatspartei SED, tritt ab. In wenigen Stunden wird sie mit der westdeutsch geprägten Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) verschmolzen sein und den Namen "Die Linke" tragen. Die rechtlichen Voraussetzungen sind bereits geschaffen: Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg teilte mit, es habe die Partei "Die Linke" ins Vereinsregister eingetragen. "Die Verschmelzung ist vollzogen", sagte der Fusionsbeauftragte der Linkspartei, Bodo Ramelow, unter dem Beifall der Delegierten.

Zwei Jahre haben Linkspartei.PDS und WASG auf diesen Augenblick gewartet, haben mit Fristen, juristischen Fallstricken und innerparteilichen Kritikern zu kämpfen gehabt und sich vor allem mit sich selbst beschäftigt - jetzt ist der Moment, auf Wiedersehen zu sagen und Bilanz zu ziehen. Und wer sollte das bei der Linkspartei.PDS tun, wenn nicht Gregor Gysi? Der 59-Jährige ist ihr bester Redner.

Er steht in dunklem Anzug und weißem Hemd auf der Bühne, der Knoten seiner Krawatte ist schon leicht gelöst, er wird sich in den nächsten 30 Minuten noch weiter lockern. Es wird eine halbe Stunde, in der Gysi den dahindämmernden letzten Parteitag der PDS noch einmal zum Leben erweckt. Durch Antrags-, Wahl- und Mandatsprüfungskommissionen hatten sich die Delegierten zuletzt geschleppt, manche sahen aus, als wollten sie einnicken. Aber Gysi braucht nur wenige Minuten, da wischen sich die ersten die Tränen aus den Augen. Er muss sie nur an vergangene Zeiten erinnern: "Es gab in der DDR Unrecht und Verfolgung, alles aufgearbeitet", sagt Gysi, aber es habe eben auch "beachtliche Leistungen" gegeben. "Warum kann man das nicht beides sagen?" Da brandet zum ersten Mal tosender Beifall durch den Saal.

Schwärmerei von der neuen Linkskraft

Ebenso als er den Delegierten einimpft, seine Partei müsse sich von der Union und der FDP in Fragen der geschichtlichen Aufarbeitung keinerlei Vorwürfe machen lassen. Beide hätten DDR-Parteien übernommen, sich aber "nicht eine halbe Stunde" mit geschichtlicher Aufarbeitung beschäftigt. Fast jedes Stichwort nehmen die Delegierten begeistert auf: "Freiheit und Sozialismus", "Erwerbsarbeit in Würde".

Gysi blickt zurück und schaut zugleich nach vorn. Lange Zeit hätten es sich etliche in der Partei gemütlich gemacht, "jetzt müssen wir raus, das tut ein bisschen weh, aber wir wollen doch die Gesellschaft verändern". Seine Parteifreunde sollten deshalb "jetzt Aufschwung ausstrahlen". Er sei dankbar dafür, dass es nun die Chance für eine bundesweite Linkskraft gebe, sagt Gysi. "Das hätten wir uns doch 1990 gar nicht träumen lassen."

Es sind zwei ungleiche Partner, die da zusammenwachsen: Auf der einen Seite die rund 60.000 Mitglieder starke Linkspartei.PDS, als Volkspartei im Osten fest verwurzelt, im Westen aber nie angekommen, auf der anderen Seite die WASG, zunächst von enttäuschten Sozialdemokraten und Gewerkschaftern als Verein gegründet, seit 2005 Partei, ein Westgewächs, rund 11.500 Mitglieder stark, erst schlagkräftig, seitdem sich ihr der frühere Sozialdemokrat Oskar Lafontaine angeschlossen hat. Was die beiden eint, ist nicht zuletzt die Erkenntnis, dass sie allein nicht ausreichend Kraft haben, um bundesweit erfolgreich zu sein.

"Wir werden ein bisschen wichtiger. Na und?"

Den gesamten Freitag tagten im Estrel Linkspartei.PDS und WASG noch in getrennten Räumen, am Samstag kommen sie zu ihrem formellen Gründungsparteitag zusammen. Ihr wichtigster Tagesordnungspunkt: Die Wahl des neuen, für ein Jahr amtierenden Vorstandes.

An der Spitze sollen Lafontaine und Lothar Bisky stehen, am Freitag wurden sie mit klaren Ergebnissen nominiert. Lafontaine erhielt 93,8 Prozent der Stimmen seiner WASG, Bisky bei der Linkspartei.PDS 86,2 Prozent. Beide wurden von den Delegierten gefeiert, vor allem Lafontaine, der seine Parteifreunde mit einer kämpferischen Rede auf die gemeinsame Linke eingeschworen hatte. In Deutschland sei die Demokratie inzwischen in Frage gestellt, weil die Interessen der Mehrheit in der Gesundheits-, Renten-, Steuer- und Außenpolitik nicht mehr vertreten würden. "Wir wollen die Partei der demokratischen Erneuerung werden", sagte Lafontaine.

Als Gysi um 22.20 Uhr von der Bühne tritt, sagt er es so: "Wir werden ein bisschen wichtiger. Na und?"

Dann strömen die Delegierten nach Hause und die Handwerker übernehmen die Regie in der Parteitagshalle. Die Trennwände werden geöffnet für den Gründungsparteitag, WASG und Linkspartei.PDS gibt es am Samstag nicht mehr.

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