Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Erich Mende

Der Liberale aus dem Schützengraben

2. Teil: Aus Mende wurde ein uneinsichtiger Mann des rechten, nationalen Flügels.

Von Franz Walter
Sonntag, 17.06.2007   11:02 Uhr

Dabei empfahlen sich die Freien Demokraten mit Mende an der Spitze als behutsames Korrektiv im festen bürgerlichen Bündnis. An der prinzipiellen bürgerlichen Zugehörigkeit ließen sie folglich keinen Zweifel mehr zu. Aber sie warben jetzt mit der zusätzlichen Funktion, in einer Regierungsallianz mit den Unionsparteien die sozialpolitischen Übertreibungen und katholischen Dogmatismen des Koalitionspartners begrenzen und zurückdrängen zu wollen. Damit trafen sie exakt den Nerv und die Stimmungen der liberalen Klientel, dem gerade der Sozialkatholizismus nicht geheuer war, der aber doch die politische Einheit des Bürgertums Herzenssache war. Noch etwas missfiel dieser liberalen Klientel zu Beginn der sechziger Jahre an der Union: Konrad Adenauer. Er galt ihnen als unzeitgemäß, als Mann von gestern, als verstockt und unmodern. Deswegen erfand die Mende-FDP die Wahlkampfparole, in der sich ihre neue Strategie pointiert bündelte: "Mit der CDU ohne Adenauer".

Dieser Slogan wurde zum Erfolgsschlager. 12,8 Prozent der Stimmen erzielten die Freien Demokraten bei den Bundestagswahlen 1961. Mehr erreichten sie nie wieder in ihrer Geschichte.

Mende fehlten Phantasie, Kreativität, Courage, auch Härte und Konfliktbereitschaft

Doch der große Sieg war schnell verspielt. Und im Grunde begann damit der allmähliche Fall und Abstieg des Erich Mende. Denn die Freien Demokraten nahmen es zugunsten der eigenen Regierungsbeteiligung hin, dass Adenauer für weitere zwei Jahre in das Kanzleramt zog. Gerade die liberale Öffentlichkeit aber, gerade derjenige Teil der neumittelschichtigen Wähler, der 1961 erstmals für die FDP votiert hatte, war empört. Die Mende-FDP hatte ihr Wahlversprechen – "mit der CDU ohne Adenauer" – gebrochen, galt fortan als "Umfallerpartei". Von diesem Odium konnten sich die Freien Demokraten noch Jahrzehnte später nicht recht befreien. Und dieses Odium wurde nach 1961 zuallererst mit Erich Mende verbunden.

Mende fand nun die Fortune nicht mehr, die ihm in den fünfziger Jahren ganz selbstverständlich zugefallen war. Im Grunde waren die sechziger Jahre nicht das Jahrzehnt für den Major a.D. und Ritterkreuzträger. Die Gesellschaft liberalisierte sich wirklich; aber die neuen Formen kultureller und sozialer Liberalität waren Mende fremd. Er verstand sie nicht. Für die soziologischen Veränderungen in der Mitte besaß er überhaupt kein Sensorium. Auch die Wandlungen in den beiden Volksparteien – die Sozialdemokraten waren nicht mehr so rot wie ehedem, die Christdemokraten blieben nicht mehr so schwarz wie noch zuvor – ignorierte er. So ließ er seine Partei, wie sie bis dahin war, bereitete sie auf die anstehenden Veränderungen nicht vor. Dafür fehlten Mende Phantasie, Kreativität, Courage, auch Härte und Konfliktbereitschaft.

Infolgedessen landete die FDP Ende 1966 wieder dort, wo Mende sie doch einige Jahre zuvor erst herausgeholt hatte: in der Opposition. Mende traf das vollkommen unvorbereitet. Er hätte nun in eine neue Rolle schlüpfen müssen, in die Rolle des forschen Oppositionspolitikers. Doch dafür taugte er partout nicht. Mende konnte keine konfrontativen Reden halten, konnte nicht aggressiv die Regierenden von der Rednertribüne aus attackieren und jagen. Dafür war Mende selbst zu sehr Würdenträger, Honoratior, Repräsentant des bürgerlichen Staates. Alle Welt konnte beobachten, wie Mende getroffen war, wie er gleichsam taumelte, als ihm die Insignien staatlicher Macht – er hatte seit 1963 (und das keineswegs schlecht) als Gesamtdeutscher Minister amtiert – verloren gingen.

Die Freien Demokraten zeigen gewohnheitsmäßig nicht sehr viel Erbarmen mit Parteichefs, denen ganz offensichtlich das Glück abhanden kommt. So auch in diesem Fall. Alles, was die Liberalen anfangs an Mende noch geschätzt hatten, war ihnen nun regelrecht zuwider. Von Hamburg bis Stuttgart lästerten die Freien Demokraten jetzt höhnisch über die aalglatte, lavierende Art Mendes. Zuvor hatten sie eben dies als hohe Kunst politischer Vermittlung und Moderation gepriesen. Vor allem die selbstbewusst und laut agierenden Jungdemokraten wählten sich Mende als Zielscheibe ihrer ätzenden Kritik am Altliberalismus aus. Wenn Mende auf Parteitagen sprach, zischelten und spotteten die jungen Liberalen. Für sie war er ein nationalistisches Fossil, das weg musste. Mende kam schwer mit dieser Form der Kritik, der rebellischen, ja unbürgerlichen Pose zurecht. Mende verstand es nicht, auf den provokativen Gestus der Jungen mit Gelassenheit, subtilem Humor und der ihn bis dahin auszeichnenden Kompromissfähigkeit zu reagieren. Aus dem früheren Mittler Mende wurde nun innerparteilich ein verbohrter Dogmatiker, ein uneinsichtiger Mann des rechten, nationalen Flügels.

Anfang 1968 verzichtete Mende, als er erkannte, wie isoliert er nun in seiner Partei dastand, auf eine neuerliche Kandidatur für den Parteivorsitz. Er war gerade 52 Jahre alt. Lange war seine Karriere geradlinig verlaufen; nun war sie faktisch zu Ende. Mende war ungeheuer verbittert. Anfang der siebziger Jahre verließ er seine Partei in bösem Unfrieden und wechselte zur CDU, für die er dann bis 1980 als Abgeordneter im Bundestag saß. Somit war Mende nach Franz Blücher, der den Liberalen zwischen 1949 und 1954 vorstand, schon der zweite Vorsitzende der FDP, der sich im Streit von der Partei trennte, die er doch mehrere Jahre nicht ohne Erfolg geführt hatte. Lange hielt man solche Konversionen für eine Eigentümlichkeit des individualistischen Liberalismus – bis Oskar Lafontaine dann 2005 ebenfalls "den Mende" machte.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP