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Politik

FDP-Chef Dehler

Selbstbewusster Vorkämpfer des Liberalismus

Radikaler Feuerkopf und Fundamentalist der politischen Rhetorik: Thomas Dehler hat der blassen FDP der fünfziger Jahre scharfes Profil verliehen. Zwar trieb der Franke seine Partei später auseinander, erfuhr aber bereits in den Sechzigern Renaissance.

Von Franz Walter
Sonntag, 08.07.2007   14:01 Uhr

Theodor Heuss und Franz Blücher - so hießen die ersten Parteiführer im bundesdeutschen Liberalismus. Beide waren maßvolle, dezente Honoratiorenpolitiker, angenehm unkomplizierte Bündnispartner für den ersten Bundeskanzler, für den Christdemokraten Konrad Adenauer. Das nutzte der CDU, aber es schadete den Freien Demokraten. Denn den Bonus für die damals vom Volk mehrheitlich geschätzte Regierungspolitik erhielten allein die Unionsparteien.

Die Freien Demokraten dagegen waren blass, fast unbemerkt geblieben, hatten keine politische Schatten geworfen. Also suchte sich die aufgeschreckte FDP Mitte der fünfziger Jahre einen neuen Führungstypus, einen selbstbewussten und vernehmlich agierenden Fackelträger des Liberalismus. So kam die Partei auf Thomas Dehler.

Dehler, aus Franken stammend und Justizminister im ersten Kabinett Adenauer, war das krasse Gegenstück zu Blücher und Heuß. Er war alles andere als ein Mann, der umsichtig taktierte, pfleglich mit dem Koalitionspartner umging, den Kompromiss und Ausgleich sorgsam im Blick hatte. Dehler war vielmehr ein radikaler Feuerkopf, ein Fundamentalist der politischen Rhetorik. Eben so aber wünschten die Freien Demokraten sich ihren Frontmann im Jahr 1954. Er sollte stürmisch mit dem Banner vorweg eilen. Jedenfalls sollte er eine klare Abgrenzungslinie zu den Unionsparteien ziehen, sollte dem Volk deutlich machen, wofür die FDP - und allein die FDP - stand. Daher schien Dehler den allermeisten Freidemokraten im Land unzweifelhaft als die richtige Figur zur richtigen Zeit.

Ohne Frage: Seine Reden im Bundestag hatten Wucht und Schärfe. In Richtung Opposition schoss er lustvoll giftige Pfeile ab. Selbst vor massiver Kritik an den hohen Richtern des Bundesverfassungsgerichts schreckte er nicht zurück. Genau so war es den Freien Demokraten nach Jahren der kraftlosen Leisetreterei lieb und teuer. Da Adenauer Dehler nach den Bundestagswahlen 1953 nicht mehr in das Kabinett geholt hatte, machten die Liberalen den früheren Justizminister daraufhin trotzig zu ihrem Partei- und Fraktionsvorsitzenden.

Vom Gefolgsmann zum Feind Adenauers

Aus diesem Amt heraus nun sollte Dehler das Profil der FDP schärfen, insbesondere auf dem Gebiet der Deutschland- und Außenpolitik. Denn hier war der rheinische Christdemokrat und Patriarch an der Spitze des Kanzleramts den Liberalen schon seit einiger Zeit entschieden zu teilstaatlich, zu wenig an der Einheit aller Deutschen, an der Rekonstituierung der ganzen Nation interessiert.

In seiner apodiktischen Schärfe und seinem unbeirrbaren Sendungsbewusstsein erinnerte Dehler seinerzeit ein wenig an Kurt Schumacher, den ersten Nachkriegsvorsitzenden der SPD. Dehler, 1897 geboren, gehörte zur gleichen Generation wie der frühere Chef der Sozialdemokraten, der 1895 zur Welt gekommen war. Schumacher und Dehler waren somit Teil der militanten Frontgeneration des Ersten Weltkriegs. Der Krieg hatte sie aufgewühlt, geprägt, ja gezeichnet.

Viele aus dieser Generation hatten fortan einen nachgerade kriegerischen Begriff von Politik. Ihre Sprache tönte martialisch, herrisch, klang aggressiv und unbedingt. Da die meisten aus dieser Generation in den Weimarer Jahren nicht recht zum Zuge gekommen waren, gleichsam im Wartestand der zweiten und dritten Reihe hatten ausharren müssen, wurde Ungeduld, Umtriebigkeit, nervöse Unrast zu einem dominanten Charakterzug - nicht bei allen, aber doch bei vielen, deutlich jedenfalls zu beobachten bei eben Dehler und Schumacher.

Dabei war auch Dehler anfangs, als Minister im ersten Bundeskabinett, noch ein getreuer Gefolgsmann des ersten bundesdeutschen Kanzlers. Doch dann wandelte er sich, da die einseitige Liebe nicht erwidert wurde, mit aller Energie und Monomanie des Konvertiten, zum erbitterten Feind Adenauers. Immer wieder attackierte Dehler die Deutschlandpolitik des Kanzlers der eigenen Koalition, im Ton oft zügellos, überscharf abgrenzend, mitunter gar hasserfüllt. In den ersten Monaten nach seiner Wahl hatten die Freien Demokraten sich noch am Temperament, an der Leidenschaft, an der rhetorischen Wucht Dehlers gelabt. Doch schon zwei Jahre später konnte kaum noch ein Liberaler die rednerischen Eskapaden und Ausfälle des FDP-Vorsitzenden ertragen. Sprach Dehler im Bundestag, dann verließen mehr und mehr FDP-Abgeordnete den Plenarsaal.

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