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Politik

FDP-Chef Lambsdorff

Feldherr des Wirtschaftsbürgertums

2. Teil: Wie Möllemann dem Grafen zusetzte und dessen Autorität beschädigte

Von Franz Walter
Sonntag, 22.07.2007   10:22 Uhr

Lambsdorffs Autoritätsverfall war infolgedessen beträchtlich. Überdies hatte Lambsdorff noch Jürgen W. Möllemann im Nacken, der ihn lustvoll trieb und reizte. Lambsdorff wurde der erste – zwei weitere sollten folgen - Parteivorsitzende der FDP, den Möllemann zur Strecke brachte. 1990 kündigte Möllemann ohne Absprache mit Lambsdorff an, dass er selber 1993 Parteivorsitzender werde, es jedenfalls anstrebe. Von da ab war Lambsdorff in der Partei und in der Öffentlichkeit eine "Vorsitzender auf Abruf", ein "Übergangschef", schlimmer noch: eine "lame duck".

Zwischen Möllemann und Lambsdorff brach eine erbitterte Feindschaft aus. Immer zog Lambsdorff den Kürzeren, ob es nach der Bundestagswahl um die Besetzung der Ministerien oder ob es 1992 um die Nachfolge Genschers an der Spitze des Auswärtigen Amtes ging. Stets scheiterte Lambsdorff mit seinen Personaltableaus. Nie war er der Boshaftigkeit und den Winkelzügen Möllemanns gewachsen. Die Freien Demokraten hatten sich gerade von Lambsdorff potente und robuste Führungskraft versprochen; aber sie bekamen überraschenderweise eher das Gegenteil.

1992 war gewiss ein schlimmes Jahr in der politischen Karriere von Otto Graf Lambsdorff. Er überlebte das an der Spitze der FDP wohl nur, weil das Lager seiner Gegner – es reichte von den Rechtsstaatsliberalen Baum und Hirsch über Genscher und Möllemann bis zu den Jungliberalen – so heterogen war. Auf einen allseits akzeptierten Kandidaten hätte sich die uneinige Lambsdorff-Fronde nicht verständigen können. Gerade Möllemann spürte das und warf daher auch nicht, wie erst avisiert, seinen Hut in den Ring. Doch eine schöne Zeit war es für Lambsdorff nicht. Er musste nun feststellen, dass er wenig treue Anhänger hatte, die sich für ihn in seiner Not schlugen.

Dafür hatte Lambsdorff den Freien Demokraten, die politisch auf seiner Linie standen, in der Vergangenheit einfach zu wenig gegeben. Lambsdorff erfuhr das Schicksal von vielen Politikern mit kühlem Scharfsinn und überdurchschnittlicher Intelligenz. Sie sind häufig zu emotionalen Zuwendungen nicht fähig und erhalten daher Treue und Loyalität nicht zurück. Oft waren sie in der Vergangenheit zu arrogant aufgetreten, zu barsch und ungeduldig. Ihre derart gedemütigten innerparteilichen Opfer pflegten sich das zu merken.

Kurzum: Lambsdorff wurde nicht zum Glücksfall für die FDP. Die Liberalen hatten überhaupt nie viel Fortune mit den Polarisierern und ideologisch Entschiedenen an ihrer Spitze. Gerade sie schafften nicht die Balance, auf die es für die Freien Demokraten in den langen Jahrzehnten der Regierungsbeteiligung ankam: Verlässlicher Koalitionspartner zu sein, aber dabei doch als eigenständige Partei kenntlich zu bleiben; Profil also zu demonstrieren, ohne damit indes die Regierung zu sprengen. Es war eine veritable politische Kunst, diese Spannung auszubalancieren.

Ein Künstler auf diesem Gebiet war Lambsdorff allerdings nicht – und daran sollte er letztlich scheitern.

insgesamt 8 Beiträge
Peter Sonntag 22.07.2007
1. Neo ?
Er ist ja auch kein "Neo"liberaler, sondern einer von altem Schrot und Korn, der es auch einmal wagt, gegen den korrekten Zeitgeist anzugehen. Ach, wenn es doch im Bundestag mehr von der Sorte gäbe.....
Zitat von sysopFührungstalente, Charismatiker oder politische Heroen - daran mangelte es in der FDP stets. Leuchtende Ausnahme war Otto Graf Lambsdorff, ein in vielen Schlachten bewährter Haudegen des bundesdeutschen Wirtschaftsbürgertums. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,493369,00.html
Er ist ja auch kein "Neo"liberaler, sondern einer von altem Schrot und Korn, der es auch einmal wagt, gegen den korrekten Zeitgeist anzugehen. Ach, wenn es doch im Bundestag mehr von der Sorte gäbe.....
sam clemens 22.07.2007
2. Behauptungen
Führungstalent kann Lambsdorff schon nach den Aussagen des Artikels nicht besessen haben, charismatisch war er nur für die, die Charisma mit Besserwisserei und Barschheit verwechseln und um ihn einen Heros zu nennen, müsste man [...]
Führungstalent kann Lambsdorff schon nach den Aussagen des Artikels nicht besessen haben, charismatisch war er nur für die, die Charisma mit Besserwisserei und Barschheit verwechseln und um ihn einen Heros zu nennen, müsste man die Flick-Affäre völlig vergessen (was ja Herrn Walter wohl unterlaufen ist). Und ein bewährter Feldherr? Wo bleiben denn die Siege? Angesichts der vielen Ungenauigkeiten und Fehler müsste der SPIEGEL das Autorenhonorar von Walter zurückfordern. Politische Analysen sind nur dann gut, wenn sie wirklich alle Aspekte erfassen, möglichst unaufgeregt und vor allem gelöst von vordergründigen Interessen.
Germanasty 22.07.2007
3. Klischees
Man sollte sich von den gängigen Klischees lösen, die CDU sei rechts, die SPD links und die FDP die Partei der bürgerlichen Mitte. Am Ende der Regierung Kohl bestanden die höchsten persönlichen Steuersätze in der [...]
Man sollte sich von den gängigen Klischees lösen, die CDU sei rechts, die SPD links und die FDP die Partei der bürgerlichen Mitte. Am Ende der Regierung Kohl bestanden die höchsten persönlichen Steuersätze in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Ohne die aktive Mitwirkung der FDP wäre dieses nicht möglich gewesen. Die unheilvolle Allianz zwischen katholischen Sozialisten und prinzipenlosen, nur ihrem eigenen Machterhalt verpflichteten FDPlern hat das Land in einen Reformstau geschickt, der ohne Beispiel ist. Interessant ist auch die Reaktion, wenn man FDP Funktionäre auf diese These anspricht: "Ich bin dafür nicht verantwortlich. Dieses Mal machen wir alles besser." Das mag zwar stimmen, aber Lambsdorff ist ganz sicher dafür verantwortlich.
David Leon 22.07.2007
4. Lambsdorff soziales Schaffen
Vergessen werden die sozialen Komponentnte von Lamgsdorff politischem Schaffen. Er hat sich sozial verantwortlich hr stark für diejenigen engagiert, die im Schatten unseres Wirtschaftssystems standen und noch heute stehen.
Zitat von sysopFührungstalente, Charismatiker oder politische Heroen - daran mangelte es in der FDP stets. Leuchtende Ausnahme war Otto Graf Lambsdorff, ein in vielen Schlachten bewährter Haudegen des bundesdeutschen Wirtschaftsbürgertums. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,493369,00.html
Vergessen werden die sozialen Komponentnte von Lamgsdorff politischem Schaffen. Er hat sich sozial verantwortlich hr stark für diejenigen engagiert, die im Schatten unseres Wirtschaftssystems standen und noch heute stehen.
jothaka 22.07.2007
5. YEPP; mehr solcher Politiker.
Stimmt mir fehlen auch die Betrüger, Steuerhinterzieher, mit wenig Erinnerungsvermögen gesegneten Politiker. Möge Kohl\Lambsdorff\Strauß\Scheel als Vorbild für noch viele jetztige und zukünftige Politiker gelten. Wichtig [...]
Zitat von Peter SonntagEr ist ja auch kein "Neo"liberaler, sondern einer von altem Schrot und Korn, der es auch einmal wagt, gegen den korrekten Zeitgeist anzugehen. Ach, wenn es doch im Bundestag mehr von der Sorte gäbe.....
Stimmt mir fehlen auch die Betrüger, Steuerhinterzieher, mit wenig Erinnerungsvermögen gesegneten Politiker. Möge Kohl\Lambsdorff\Strauß\Scheel als Vorbild für noch viele jetztige und zukünftige Politiker gelten. Wichtig ich die Klientel (auch Lobbyist genannt), die eigene Tasche und die Partei. Der Rest ..... ist egal.
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