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Politik

FDP-Mann Blücher

Bankdirektor und liberaler Vizekanzler

Er war der erste Mann der Liberalen in den ersten Jahren der deutschen Bundesrepublik: Franz Blücher. Er gehörte zur kleinen Zahl der Vorsitzenden, die ihrer Partei schließlich bitter enttäuscht den Rücken kehrten und sodann im trüben Abseits politischer Ohnmacht verschwanden.

Von Franz Walter
Samstag, 30.06.2007   13:48 Uhr

Franz Blücher folgte Theodor Heuss in der Leitung der Freien Demokraten, als der schwäbische Altliberale 1949 an die Spitze des Bundespräsidialamts trat. In jenen unmittelbaren Nachkriegsjahren machte Bücher – wie man es im Liberalismus oft erleben konnte – bemerkenswert rasch Kariere gemacht. Jedenfalls in der Zeit nach 1945. Zuvor, in den Jahren der Weimarer Republik, war der Aufstieg für ihn, wie für die meisten aus der jungen Frontgeneration des Ersten Weltkrieges, eher blockiert.

Blücher war in mancherlei Hinsicht ein ganz typischer Repräsentant dieser Alterskohorte. 1896 geboren, machte er 1915 Abitur und wurde unmittelbar darauf Soldat. Die Kriegsjahre prägten ihn, zeitlebens, da er auch im zivilen Leben, noch Jahrzehnte später, immer ein wenig forsch auftrat, sehr drahtig, straff in der Haltung. "Kameradschaftlichkeit" galt ihm zu allen Gelegenheiten als höchste Tugend; das nationale Bekenntnis war ihm Herzenssache.

Doch war Blücher keineswegs ein schnarrender Kommisskopf, von denen es damals in der FDP fraglos zahlreiche Exemplare gab, sondern durchaus ein Mann mit feinen Manieren, großem Taktgefühl und vorzüglicher Bildung. Es hieß von ihm, er lese täglich Gedichte. Dabei hatte Blücher nicht studiert, hatte vielmehr eine kaufmännische Lehre absolviert, avancierte dann aber in den späten 1930er Jahren dennoch zum Bankdirektor in seiner Heimatstadt, in Essen. Parteipolitisch hatte er vor 1933 – im Unterschied zu seinem Vorgänger Heuss – den Rechtsliberalen angehört, der Deutschen Volkspartei des Gustav Stresemann also.

Zum Berufspolitiker wurde Blücher erst nach 1945. Dann aber vollzog sich der Aufstieg in hurtigen Schritten. Schon 1946 stand er an er Spitze der Liberale in der britischen Zone; im gleichen Jahr leitete er dazu das Finanzministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Zwei Jahre später führte er die FDP-Fraktion im Frankfurter Wirtschaftsrat. Wahrscheinlich war das die wichtigste Zeit überhaupt im politischen Leben des Franz Blücher. Denn in diesen vor-bundesrepublikanischen Monaten orientierte er die Liberalen rigoros auf die marktwirtschaftliche Ordnung und auf das prinzipielle Bündnis mit der Unionsparteien. Das war eine nachhaltig wirkende Vorentscheidung für die erste bundesdeutsche Regierung; das legte noch für Jahrzehnte die Lagerstrukturen der Bonner Republik fest, mindestens bis zur sozialliberalen Machtwechsel, im Grunde aber noch weit darüber hinaus, wenn man so will: bis heute.

Dadurch machte Blücher wirklich Politik auf lange Dauer. Und so stand er 1948/49 im Zenit seiner politischen Wirkung. De facto war er schon unter Heuss der eigentliche Chef der Partei, da ihm organisatorische Dinge weit mehr lagen als dem philosophierenden schwäbischen Bildungsbürger. Heuss überließ Blücher daher die Administration, letztlich die Führung der Partei, die dann Anfang 1950 auch ganz offiziell an den Freidemokraten aus dem Ruhrgebiet fiel.

Dadurch kam Franz Blücher ganz selbstverständlich als einer von drei Freidemokraten in das erste bundesdeutsche Kabinett. Und er erhielt von Adenauer den Titel des Vizekanzlers. Aber das signalisierte schon den Abstieg vom Gipfel des politischen Einflusses, markierte die Erosion der Stellung Blüchers. Denn die Vizekanzlerschaft vermittelte keine Macht; sie bot nicht mehr als das Talmi einer Abfindung für entgangene klassische Ressorts, die der Bundeskanzler den Freien Demokraten und ihrem Anführer kalt vorenthielt. Blücher wäre wohl gerne Wirtschaftsminister geworden; auch das Finanzministerium hätte er nicht ausgeschlagen; doch am stärksten zog es ihn in das Außenministerium, das allerdings erst noch zu schaffen war, da es Adenauer selber in diesen Gründerjahren vom Palais Schaumburg aus verwaltete. Und Adenauer dachte damals nicht im Traum daran, die auswärtigen Angelegenheiten einem anderen, noch dazu einem jener schwer berechenbaren Liberalen, anzuvertrauen.

Auch das Wirtschaftsministerium stand nicht zur freidemokratischen Verfügung; es oblag ganz selbstverständlich dem Heros der Marktwirtschaft, dem fränkischen Schwergewicht Ludwig Erhard. Das Finanzministerium wiederum hatte aus Proporzgründen an einen Mann der CSU zu fallen, den sparsamen Fritz Schäffer. So gingen die Freien Demokraten ziemlich leer aus. Ihr Chef erhielt das vergleichsweise unbedeutende, kleine "Marshallplanministerium". Mit weniger wurde nie ein kleiner Koalitionspartner in einem Bundeskabinett abgespeist als die FDP in dieser ersten Legislaturperiode.

Dabei war das Wahlergebnis, das die Freien Demokraten 1949 erzielt hatten, außerordentlich beachtlich gewesen. Es hätte größere Ansprüche unschwer gerechtfertigt. Doch dem großen und kühlen Taktiker im Kanzleramt waren die braven Liberalen nicht gewachsen. Adenauer allein kassierte die Prämie für die Regierungserfolge der 1950er Jahre ab; die FDP, die doch an vielen segensreichen Weichenstellungen der frühen bundesdeutschen Jahre unzweifelhaft beteiligt war, hatte das Nachsehen. Ihre Minister ließen es arglos mit sich geschehen. Denn vor allem Blücher himmelte seinen Kanzler an. Er bewunderte Adenauer über die Maßen, wagte kaum einmal den harten Widerspruch, scheute den Versuch eines eigenen, kantigen Profils in der Koalition.

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