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Politik

Buch des Ex-SPD-Chefs

Müntes Weisheiten

Was macht eigentlich Franz Müntefering? Der Ex-SPD-Chef hat ein Buch geschrieben - über seine Partei, Willy Brandt, Oskar Lafontaine und "Adolfittla".

Getty Images/ Photothek

Franz Müntefering

Von
Montag, 11.03.2019   13:02 Uhr

Vor knapp zehn Jahren gab er den Posten des SPD-Chefs auf: Franz Müntefering, in der Partei schlicht "Münte" genannt, war Generalsekretär, Fraktionsvorsitzender, Arbeitsminister und Vizekanzler. 2005 versprach Müntefering seiner Partei noch: "Ich schreibe nie ein Buch. Ich halte nichts von diesen psychopathologischen Bemühungen, alles aufzuschreiben und aufzuarbeiten."

Mittlerweile ist Müntefering 79 Jahre alt - und nun hat er es doch getan: "Unterwegs. Älterwerden in dieser Zeit" lautet der etwas unbestimmte Titel des Buches, das der Ex-SPD-Chef am Montag in Berlin vorstellte. 224 Seiten, dem Vernehmen nach auf seiner geliebten, alten Schreibmaschine getippt.

Das Buch ist vor allem deshalb spannend, weil Müntefering sich - im Gegensatz zu manch anderem Ex-Parteichef - in den vergangenen Jahren mit öffentlicher Kritik an seinen Nachfolgern zurückhielt. Hat er sich die Abrechnung für sein Buch aufgespart? Eher nicht. "Unterwegs" ist ein persönlicher Rückblick, eine Analyse von Politik und Partei im typischen "Münte"-Stil: knappe, nüchterne Sätze ohne Pathos. Lediglich Oskar Lafontaine, einst Gegenspieler von Gerhard Schröder, bekommt von Müntefering persönlich einen mit.

Das steht drin in Müntes Buch:

Kindheits- und Kriegserinnerungen

Müntefering wurde im Januar 1940 geboren, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Wegen der Geburt habe sein Vater nicht nach Stalingrad gemusst, so Müntefering, sondern habe mit Generalfeldmarschall Erwin Rommel im Süden gekämpft. Lakonisch schreibt er weiter: "Ich denke, Krieg ist Krieg, aber auch im Krieg ist warm besser als eiskalt."

Ihm sei als Kind länger bewusst gewesen, "dass dieser Kriegsmist etwas mit Adolfittla zu tun hatte". Erst als Müntefering das Buchstabieren lernte, sei ihm bewusst geworden, dass es sich um einen Mann handelte: "Ich hatte mir darunter was anderes vorgestellt, irgendwas, Adolfittla eben. Keinen richtigen Menschen."

Preisabfragezeitpunkt:
20.04.2019, 21:30 Uhr
Ohne Gewähr

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Franz Müntefering
Unterwegs: Älterwerden in dieser Zeit

Verlag:
Dietz, J H
Seiten:
224
Preis:
EUR 23,00

In der Nachkriegszeit wuchs Müntefering auf und wurde politisch geprägt. Er habe nicht verstanden, warum man mit "den Amis und den Tommys" Krieg gehabt habe. Die US-Amerikaner schenkten ihm "eine dicke Scheibe weißes Brot oder ein Kaugummi, "sie sagten 'Fackingbasta' zu uns und wir grüßten so zurück. Darüber freuten die sich und lachten."

Münteferings Vater kam im Juni 1946 aus der Gefangenschaft in Bengasi frei. Auf eine geplante Auswanderung nach Jacksonville, Florida, verzichtete die Familie. Als Industriearbeiter würde er schon Arbeit finden, habe der Vater gesagt und ab 1949, dem Gründungsjahr der Bundesrepublik, habe es auch "wieder hinreichend zu essen" gegeben.

Warum SPD?

Aus Enttäuschung über Willy Brandts Wahlniederlage bei der Bundestagswahl 1965 sei er in die Partei eingetreten, schreibt Müntefering. In seiner ersten Ortsvereinsversammlung habe er erfahren, dass Brandts Zeit nach zwei Niederlagen "endgültig vorbei" sei. Fritz Erler galt als kommender Mann.

Als sich wenig später die Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger abzeichnete, sei er dagegen gewesen, so Müntefering, wie die Jusos generell. Er habe auch an die "Baracke in Bonn", so hieß die damalige Parteizentrale, geschrieben - aber keine Antwort bekommen.

Willy Brandt sei dann nach Erlers Tod Anfang 1967 wieder unbestritten gewesen: "Ob wir, wenn Fritz Erler gelebt hätte, Willy je in seiner Bestform gesehen hätten, ist Spekulation." Ihm sei damals bewusst geworden, schreibt Müntefering, wie viel in der Politik von Zufälligkeiten abhängt.

Der Machtwechsel 1998

Spannend ist, wie Müntefering die Zeit nach dem Wahlsieg von Gerhard Schröder beschreibt. Lafontaine weist er dabei die Rolle eines schlechten Verlierers zu. Der damalige SPD-Chef habe 1998 auf die Kanzlerkandidatur verzichtet, weil Schröder bessere Chancen hatte.

"Als er am Wahlabend dann das Ergebnis sah, wusste er (Lafontaine), dass er nicht mutig genug gewesen war, und meinte: Er hätte auch Helmut Kohl schlagen können. Dann versuchte er, die Wirklichkeit doch noch seinem Wunsch anzupassen. Das war ein schwerer Fehler, bitter für die deutsche Sozialdemokratie, wie sich 2005 endgültig zeigen sollte."

Lafontaine hatte im März 1999 überraschend alle Ämter aufgegeben und fortan die Rolle als ein führender Kritiker von Schröders rot-grüner Regierung übernommen. 2005 wechselte er zur WASG, aus der später im Bündnis mit der PDS die Linkspartei entstand.

Müntefering sieht Lafontaine als Schuldigen der Wahlniederlage 2005. Diese sei ein "Verhängnis" für die SPD gewesen, "hellsichtig-destruktiv eingestielt von einem ehemaligen Parteivorsitzenden. Ohne seine Grätsche hätten wir mit Gerhard Schröder noch ein gutes Jahrzehnt soziale und demokratische Politik machen können."

Die Agenda 2010

Müntefering wurde bei seinem Abgang 2009 für den Absturz der SPD entscheidend verantwortlich gemacht. Hartz IV, Rente mit 67, Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr: Für diese unpopulären Entscheidungen steht Müntefering wie sonst nur noch Altkanzler Gerhard Schröder.

Stimmenfang #86: Schluss mit Hartz IV - Rettet der Linksruck die SPD?

In seinem Buch verteidigt er die Reformen. Für einige sei die Agenda 2010 zum "wohlfeilen Schimpfwort" geworden, schreibt Müntefering. Aber es habe damals in der Partei klare Mehrheiten dafür gegeben - was manche heute gern verschweigen würden.

Zur Abkehr von Hartz IV, die seine Partei gerade vollzieht, äußert sich Müntefering skeptisch: So wollten manche, die den Begriff Hartz IV erfunden hätten, um das Gesetz zu diskreditieren, die Bezeichnung abschaffen, weil sie diskriminierend sei. "Und so Wahlen gewinnen. Darf man sich wundern?"

Die Krise der SPD

Müntefering beendet sein Buch mit der Krise der Partei. Um sich wieder zu erholen, reiche es für die SPD nicht, lediglich für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Für die große Mehrheit der Bevölkerung sei dies "nicht primär eine Nothilfefrage, sondern eine umfassende Gestaltungs- und Perspektivfrage". Es gehe um Stabilität von Wohlstand, Innovationskraft, Nachhaltigkeit. Im Klartext: Die Sozialdemokratie könne nur wieder Mehrheiten gewinnen, wenn sie wieder Volkspartei sei. Münteferings Kritik: "Die SPD macht sich zu gerne schmal statt breit."

Auch von der immer wieder beschworenen Erneuerung der Partei hält der Ex-Chef wenig. Was sei damit gemeint? Die Grundwerte nicht, das Wahlprogramm nicht, der Koalitionsvertrag auch nicht. Also das Grundsatzprogramm. Das mache die SPD immer wieder mal. "Dass daraus ein Wahlhit geworden ist, habe ich noch nicht erlebt."

Münteferings abschließende Sätze lesen sich wie eine Parteitagsrede - und wie ein Appell an die aktuelle Parteiführung: "Entschlossen handeln. Sammeln und führen. Es gibt Themen und Bedarf. Noch mal: Fangt an!"

insgesamt 49 Beiträge
mawies 11.03.2019
1. auch das noch!
Das Beste war, dass man in den letzten Jahren wenig von ihm gehört hat"Müntefering. Natürlich sieht er Lafontaine als Schuldigen der Wahlniederlage 2005 und Schuld sind immer die Anderen. Das nannte man früher mal den [...]
Das Beste war, dass man in den letzten Jahren wenig von ihm gehört hat"Müntefering. Natürlich sieht er Lafontaine als Schuldigen der Wahlniederlage 2005 und Schuld sind immer die Anderen. Das nannte man früher mal den Münteeffekt. Er und seine Parteigenossen Schröder, Clement haben ihre Wähler verraten und verkauft. Sie sind die wahren Totengräber der SPD und für den heutigen Zustand der Partei wesentlich verantwortlich. Diese Genossen haben sich schon immer durch ihre "selbstkritische" Art ausgezeichnet.
Kapustka 11.03.2019
2. Münte
Ob sich Frau Nahles auf die Lektüre freut, kann bezweifelt werden. Nahles verengt gerade die SPD auf den Kampf für den Komfort der Hartz IV-Empfänger, um sich selbst im SPD-Vorsitz zu halten. Und jetzt bekniet die SPD Merkel, [...]
Ob sich Frau Nahles auf die Lektüre freut, kann bezweifelt werden. Nahles verengt gerade die SPD auf den Kampf für den Komfort der Hartz IV-Empfänger, um sich selbst im SPD-Vorsitz zu halten. Und jetzt bekniet die SPD Merkel, damit sie doch bitte bis 2021 als Kanzlerin durchhält, weil es ansonsten AKK oder Neuwahlen geben könnte. Das zeigt, wie verzweifelt die Lage der SPD ist.
Schartin Mulz 11.03.2019
3. Die typische Verdrehung von Tatsachen
Lafontaine hat den neoliberalen Schwenk der SPD nicht mitgemacht und ist deshalb ausgetreten. Ich gehöre zu den vielen, die der SPD den Rücken gekehrt haben. Nicht wegen Oskar, sondern wegen Gerhard. Ich hätte 1998 niemals [...]
Lafontaine hat den neoliberalen Schwenk der SPD nicht mitgemacht und ist deshalb ausgetreten. Ich gehöre zu den vielen, die der SPD den Rücken gekehrt haben. Nicht wegen Oskar, sondern wegen Gerhard. Ich hätte 1998 niemals die SPD gewählt, wenn ich gewusst hätte, was dann folgt.
vera gehlkiel 11.03.2019
4.
Müntefering hat insofern schlicht und einfach recht, als dass die SPD unverändert linke Politik in Deutschland mitbestimmt, während ihr selbsternannter grosser Antipode Lafontaine nach Wagenknechts Eingeständnis des [...]
Zitat von mawiesDas Beste war, dass man in den letzten Jahren wenig von ihm gehört hat"Müntefering. Natürlich sieht er Lafontaine als Schuldigen der Wahlniederlage 2005 und Schuld sind immer die Anderen. Das nannte man früher mal den Münteeffekt. Er und seine Parteigenossen Schröder, Clement haben ihre Wähler verraten und verkauft. Sie sind die wahren Totengräber der SPD und für den heutigen Zustand der Partei wesentlich verantwortlich. Diese Genossen haben sich schon immer durch ihre "selbstkritische" Art ausgezeichnet.
Müntefering hat insofern schlicht und einfach recht, als dass die SPD unverändert linke Politik in Deutschland mitbestimmt, während ihr selbsternannter grosser Antipode Lafontaine nach Wagenknechts Eingeständnis des Scheiterns eines letzten, schon schwer bedenklich populistischen, Versuchs mit "Aufstehen" vor den Trümmern seiner künstlich hochgejazzten eoropafeindlichen Linkstums steht oder sitzt. Beide sind sicher keine Menschen der Zukunft. Aber Müntefering und Co. haben sich geschichtlich gesehen wenigstens immer ehrlich gemacht. Und nicht, wie der einstige Miterfinder des Neoliberalismus für die SPD, Lafontaine, ihre eigene Kränkung durch die Zeitlauefte zu verfehlter Weltgeschichte aufgepustet. Und dies auch noch im wahrsten Wortsinn ohne Rücksicht auf Verluste für diejenigen, die eine starke Linke statt einer total zerstrittenen nötig gehabt hätten.
die-wahrheit-bin-ich 11.03.2019
5. Der Mörder der Sozialdemokratie ist die SPD
Lafontaine hat nicht die SPD verraten, die SPD hat die SPD verraten! Und wie Münte so schön sagt, mit Mehrheit in den eigenen Reihen. Dabei halte ich Harz4 für das kleinste Übel. Schwerer wiegt da die Privatisierung der [...]
Lafontaine hat nicht die SPD verraten, die SPD hat die SPD verraten! Und wie Münte so schön sagt, mit Mehrheit in den eigenen Reihen. Dabei halte ich Harz4 für das kleinste Übel. Schwerer wiegt da die Privatisierung der Altersvorsorge ohne merkliche Senkung der Rentenbeitragssätze. DAS hat Stimmen gekostet. Zumindest meine! :-) SPD 2003 vs. 2019 Mit Sicherheit war da damals eine andere Führungskultur. Mehrheiten wurden anders herbeigeführt. Ich denke das war mehr eine Top-Down Führung. Unpopuläres wurde einfach durchgedrückt. Würde mich mal interessieren was jemand dazu zu sagen hat der dabei war und die SPD von damals mit der von heute vergleichen kann. Aber er schreibt ja selbst, „Sammeln und führen“. Die Frage ist, wie wurde damals geführt? Friss oder stirb? Wie wird heute geführt? Wir eiern solange rum bis wir nicht mehr über 5% kommen? Dann hat sich das Problem von allein erledigt. Beides nicht das Gelbe vom Ei. Diese Top-Down Führung ist übrigens auch das was der CDU in einer Post-Merkel-Apokalypse noch auf die Füße fallen wird. Vor allem was Europa- und Migrationspolitik angeht. Das sind Themen, welche auf der bürgerlichen Seite ähnliches Potenzial aufweisen wie die Abschaffung der Rente und Kriegseinsätze auf der Linken. Gefundenes Fressen für neue Projekte wie damals die Linkspartei und heute die AfD, die von Europolitikkritikern gegründet zur Rechtspartei mutierte. Dein politisches Erbe Hosenmutti. Stolz? :-)

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