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Politik

Oberlausitz

Wenn die jungen Frauen abhauen - und wer sich dagegenstemmt

Aus der Oberlausitz wollen viele Menschen weg, vor allem junge Frauen. Stimmt das? So pauschal nicht. Was es braucht, um sie zu halten, hat eine Studie herausgefunden.

Rainer Weisflog/ imago images

Obercunnersdorf, Landkreis Görlitz: Schön hier - trotzdem verlassen viele junge Menschen die Region

Aus Görlitz berichtet
Donnerstag, 29.08.2019   16:01 Uhr

Dass ihre Freundinnen weggezogen sind, kann Michaela nicht verstehen. Die 19-Jährige lebt mit ihren Eltern in Reichenbach, einer Kleinstadt im Landkreis Görlitz, dem östlichsten Sachsens - der Oberlausitz.

Die Oberlausitz, die durch das nahende Ende des Braunkohleabbaus in Studien regelmäßig zu den abgehängten Gegenden der Bundesrepublik gezählt wird. Die Oberlausitz, aus der Jugendliche lieber wegziehen. Die Oberlausitz mit ihrem hohen Anteil an Hartz-IV-Empfängern. Keine guten Aussichten. Eigentlich.

Michaela sieht das anders. Sie ist eine der Frauen, die hier bleiben wollen: wegen der Familie, ihren Eltern, der Natur, dem Garten mit Pool. "Ich gehöre hierher", sagt sie. Ihren Nachnamen und ihr Foto möchte sie nicht veröffentlicht sehen. So wie sie erzählt, wird klar: Es ist dieses positive Zugehörigkeitsgefühl, das oft übersehen wird, wenn in Städten wie Dresden oder Leipzig auf Gegenden wie die Oberlausitz geschaut wird.

Görlitz, so sagt es die Statistik, ist die Region in Sachsen, aus der die meisten Frauen wegziehen: Seit der Wende haben 30 Prozent der Einwohnerinnen diese Gegend verlassen. Auch insgesamt sehen viele junge Menschen ihre Zukunft erst einmal anderswo, das stellt auch das Berlin Institut in der Studie "Teilhabeatlas Deutschland" fest, die die Forscher im Auftrag der Wüstenrotstiftung durchgeführt haben. Im Schnitt verließen zwischen 2014 und 2017 rund 18 Prozent der 18- bis 29-Jährigen das Gebiet. Heute leben rund 250.000 Menschen hier.

Kann man hier zufrieden leben? Der "Teilhabeatlas Deutschland" hat vor Kurzem versucht, das herauszufinden.

In einem ersten Schritt wollten die Forscher feststellen, wie die Teilhabechancen in verschiedenen Regionen Deutschlands sind, etwa der Zugang zu Bildung, Infrastruktur, Arbeit. In einem zweiten, nicht repräsentativen Teil, fragten die Wissenschaftler Menschen in verschiedenen Regionen nach deren Zufriedenheit. Es zeigte sich: Menschen geht es nicht nur dann gut, wenn sie in einer Boomregion leben. Auch Menschen in abgehängten Regionen können eine hohe Lebenszufriedenheit haben.

Das deckt sich auch mit den Erfahrungen, die Soziologin Julia Gabler in ihrer Studie "Wer kommt, wer bleibt, wer geht". Gefördert wurde die Erhebung von der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Görlitz, Ines Fabisch. Sie und Gabler wollten herausfinden, was Frauen dazu bewegen könnte, in der Gegend zu bleiben. Gabler und ihre Kollegen interviewten 2015/2016 Elft- und Zwölftklässler der Gymnasien im Landkreis sowie Studierende aller Fachsemester der Hochschule Zittau/Görlitz in Onlinefragebögen, ob sie abwandern wollen. In Workshops kamen Gabler und ihre Kollegen mit verschiedenen Frauen aus der Region ins Gespräch. Repräsentativ ist die Studie nur für die Studenten der HSZG.

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Immer wieder haben Erhebungen bestätigt, dass die Frauen aus der Oberlausitz abwandern, weil es vor allem technische Berufe gibt, in denen traditionell Männer arbeiten. Wenn Frauen sich aber entscheiden zu bleiben, so die Ergebnisse der Befragung von Gabler und ihren Kollegen, liegt das oft an der Familie, ihrem sozialen Umfeld, den Möglichkeiten, öffentlichen Nahverkehr nutzen zu können. Forscherin Gabler kommt zu dem Schluss: Es ziehen zwar noch viele junge Frauen weg - doch es gibt auch eine Gegenbewegung. Frauen, die sich vernetzen, die bleiben und kämpfen.

Ein solches Netzwerk hat sie im Anschluss an die Studie mit gleichgesinnten Frauen selbst mitgegründet: "F wie Kraft" heißt es. Eine Plattform, die Frauen aus Ostsachsen zusammenbringen und stärken soll. Auch eine Initiative zur Unterstützung von Politikerinnen ist daraus erwachsen: "Frauen.Wahl.Lokal" unterstützt Frauen bei der Kandidatur für politische Ämter und danach.

Franziska Glaubitz

Gleichstellungsbeauftragte Ines Fabisch und Forscherin Julia Gabler im Gespräch: Sie wollen gemeinsam Frauen in Görlitz stärken und besser vernetzen

Auch junge Frauen, die noch nie etwas von diesen Netzwerken gehört haben, verteidigen ihre Heimat. Michaela aus Reichenbach zum Beispiel. Mit dem Zug kann sie in 15 Minuten nach Görlitz fahren, dort wohnt ihr Freund, dort arbeitet sie in der Produktion von Birkenstock, fertigt Schuhsohlen.

Nach ihrem Hauptschulabschluss hat Michaela verschiedene Jobs gehabt. Es gibt in der Gegend genug Arbeit, findet sie. Politik interessiert sie eher wenig, von politischen Entscheidungen profitiere sie nicht oder bekomme gar nichts davon mit. "Die machen da doch eh, was sie wollen", sagt sie über Politiker. Wählen will Michaela am Sonntag bei der Landtagswahl deshalb nicht. Es ist das erste Jahr, in dem sie es könnte.

Michaela, auch das zeigt die Studie von Julia Gabler, gehört zu den typischen Frauen, die in der Oberlausitz bleiben wollen. Das Problem, im Landkreis Jobs zu finden, haben vor allem die gut Ausgebildeten, die Abitur machen, studieren wollen.

Soziale Berufe müssen sich für Frauen lohnen

Die 14-jährige Lia etwa, die am Bahnhof in Reichenbach auf ihren Zug wartet, wird für ihr Fachabi im Gesundheitswesen auf eine Schule in die Stadt gehen müssen. Die Oberschule in Reichenbach geht schließlich nur bis zur zehnten Klasse. Für ihre Ausbildung will Lia, die ihren Nachnamen nicht öffentlich machen möchte, später nach Dresden ziehen. Vor Kurzem hat sie ein Praktikum als Krankenschwester gemacht, Gesundheitsmanagement, oder ein Pflegeberuf - sie kann sich beides gut vorstellen. Zurückkommen will sie, wenn sie selbst Kinder hat. Vorher noch etwas erleben, das sei hier schwierig.

Patrick Pleul/ DPA

Schild am Rand der Oberlausitz: Wie hält man junge Frauen im ländlichen Raum?

Forscherin Julia Gabler meint, es gehe eigentlich gar nicht so sehr darum, die Hochschulabsolventinnen dazubehalten, sondern Frauen mit einem mittleren Schulabschluss. Frauen wie Lia, die in soziale Berufe drängen. Dazu müsse sich die Arbeit etwa im sozialen Bereich mehr lohnen. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigten vor Kurzem, dass Vollzeitbeschäftigte im Landkreis Görlitz 2018 bundesweit den niedrigsten Durchschnittslohn im Monat bekamen - 2272 Euro brutto.

Wenn die Menschen in der Gegend bleiben sollen, müsste man zunächst einmal am Verdienst etwas ändern, findet Gabler. Pflegeberufe müssten besser bezahlt und mehr wertgeschätzt werden. "Durch den Niedriglohnsektor und die Anwerbung von Pflegepersonal aus Osteuropa schafft man sich das Problem vom Hals. Obwohl man gerade mit Pflegekräften natürlich auch eine Gruppe von Menschen hier behalten könnte."

Und zwar vor allem Frauen, die versuchen, Familie und Berufliches zusammenzubringen. Es gebe für sie aber nur wenige Qualifizierungsperspektiven in der Region. Die Hochschule konzentriere sich eher auf technische Berufe. "Hier könnte man investieren, wenn man die Frauen wirklich hier halten wollte", meint Gabler.

Es wundert nicht, wenn die AfD hier Wähler findet

Noch etwas ist der Forscherin in den Gesprächen aufgefallen: Wie die Landespolitik auf den Landkreis guckt und in den vergangenen Jahrzehnten agiert hat, das hat die Menschen hier geprägt. "Die strukturelle politische Irrelevanz von Erfahrungen und Wissen der Leute, die hier leben, ist Ausdruck einer Überheblichkeit, die wir uns eigentlich nicht leisten können", findet sie.

Sie meint damit auch die Diskussion um die Fördergelder nach der Wende. "Wenn immer wieder gesagt wird: 'Ihr habt doch Geld gekriegt für Straßenbau und Gewerbegebiete, was wollt ihr denn noch?'"

Diese Haltung verhindere, dass man Strukturschwäche thematisieren könne. Sie sei auch durch den Verlust der sozialen Infrastruktur, der öffentlichen Orte für Bildung und Vergemeinschaftung in den vergangenen Jahrzehnten entstanden und habe zu Vereinzelung und Vereinsamung geführt. Es wundere sie nicht, wenn die AfD hier Wähler finde.

Dieser Umstand sei zwar nicht allein auf die Politik zurückzuführen, aber die AfD oder ihre Wählerschaft immer wieder als "dumm" zu bezeichnen, stigmatisiere immerhin mehr als 30 Prozent der Menschen im Landkreis Görlitz, die bei der Europawahl wählen gegangen seien. Bis in den Mittelstand hinein.

In der Oberlausitz seien aber nicht alle gleich und man dürfe nicht alle ausschließen. "Die ländliche Gesellschaft ist vielfältig und diese Vielfalt muss sich darstellen können, um konfliktfähig zu sein", sagt Gabler. Das müssten Politiker endlich erkennen. Sie sollten lieber ihr eigenes Programm verfolgen, als das der AfD zu dämonisieren. Im Zweifel, empfiehlt Gabler: Frauen fragen. Die wählen immerhin deutlich seltener die AfD als Männer.

insgesamt 64 Beiträge
hausfeen 29.08.2019
1. "Ich will einen Cowboy als Mann"
und keinen Neonazi. Vielleicht ist das ein Teufelskreis, ein Hamsterrad.
und keinen Neonazi. Vielleicht ist das ein Teufelskreis, ein Hamsterrad.
Flauschie 29.08.2019
2. Was ist so schlimm an Abwanderung?
Gab's schon immer und der Natur tut's gut.
Gab's schon immer und der Natur tut's gut.
Sibylle1969 29.08.2019
3.
Das Phänomen, dass die eher gut Gebildeten ländliche Gegenden verlassen, ist bundesweit häufig. Denn in ländlichen Gegenden gibt es für Akademiker außer für Mediziner, Lehrer, Juristen und vielleicht noch Steuerberater oft [...]
Das Phänomen, dass die eher gut Gebildeten ländliche Gegenden verlassen, ist bundesweit häufig. Denn in ländlichen Gegenden gibt es für Akademiker außer für Mediziner, Lehrer, Juristen und vielleicht noch Steuerberater oft nur wenige adäquate Jobs. Einige meiner Ex-Kollegen stammten zB aus dem Werra-Meißner-Kreis, da hat mir mal einer erzählt, dass es für junge Menschen mit Abitur außer der Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Sparkasse kaum Optionen dort gibt. Daher verlassen die meisten zum Studium die Heimat, und kaum jemand kommt später wieder zurück.
gusty.braun 29.08.2019
4. Im Ernst?
Leute mit Job, Eigenheim, Garten mit Pool wollen nicht in eine teure Stadt ziehen? Wer hätte das gedacht?
Leute mit Job, Eigenheim, Garten mit Pool wollen nicht in eine teure Stadt ziehen? Wer hätte das gedacht?
sikasuu 29.08.2019
5. Das kann man(n)/Frau ja alles verstehen, aber Berlin macht...
.. ein Angebot, das Frau wohl nicht oder kaum ablehnen kann: . Eine neue Autobahn dort: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-08/klimapolitik-klimaschutz-klimawandel-bundesregierung-autobahn-5vor8 . Damit Frau wirklich [...]
.. ein Angebot, das Frau wohl nicht oder kaum ablehnen kann: . Eine neue Autobahn dort: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-08/klimapolitik-klimaschutz-klimawandel-bundesregierung-autobahn-5vor8 . Damit Frau wirklich verkehrsgünstig abhauen kann? Irgendwie scheinen sich da verschiedene Projekte in die Haare zu kommen.
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