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Politik

Grüne nach der Bayernwahl

Breite Brust, Regierungsfrust

Die Grünen berauschen sich an ihrem Bayern-Ergebnis - auch zwei Tage nach der Wahl. Doch zum Regieren reicht es trotzdem nicht. Was macht die Partei jetzt mit all der Euphorie?

Getty Images

Robert Habeck (ganz links), Katharina Schulze (Mitte) und Ludwig Hartmann (Mitte rechts)

Aus München berichtet
Dienstag, 16.10.2018   19:02 Uhr

Ludwig Hartmann nimmt Anlauf und springt in die Menge, viele Hände gehen nach oben, sie halten ihn, gerade so. Crowdsurfing nennt sich das und ist eigentlich eher was für Rockstars. Hartmann aber ist Politiker. Er war Spitzenkandidat der Grünen bei der Landtagswahl in Bayern am vergangenen Sonntag. Seine Partei hat das beste Ergebnis ihrer Geschichte im Freistaat eingefahren, 17,5 Prozent. Hartmann holte in seinem Wahlkreis - München-Mitte - 44 Prozent. Das ist einmalig.

DPA

Hartmann, obenauf

Auch zwei Tage nach dem Sprung ins Publikum schwärmen Hartmann und seine Co-Spitzenkandidatin Katharina Schulze noch von dem Ergebnis. "Bombig", sagt Hartmann. Sie sind in München stärkste Kraft geworden, haben sechs Direktmandate geholt, fünf in München und eines in Würzburg. Zum Regieren aber fehlt ihnen die Mehrheit - und der Koalitionspartner. Die CSU und Ministerpräsident Markus Söder haben den Freien Wählern schon jetzt Signale gesendet. Die Regierung in Bayern bleibt wohl konservativ .

Das linksliberale Lager kommt auf 30,4 Prozent

Ohnehin wird, wenn man sich das Wahlergebnis ansieht, klar, dass sich so viel nicht verändert hat im Freistaat. Auch wenn die Grünen das anders sehen. Zählt man die Ergebnisse von CSU, Freien Wählern und FDP zusammen, kommt man auf eine solide Mehrheit von 53,9 Prozent. Und das ohne die AfD, die immerhin 160.000 Wähler von der CSU abwarb. Das linksliberale Lager (SPD, Grüne und Linke) konnte 30,4 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Das ist sogar ein Prozentpunkt weniger als bei der Wahl 2013.

Die Grünen haben vor allem Stimmen von der SPD gewonnen: 18,9 Prozent der sozialdemokratischen Wähler machten dieses Mal ihr Kreuz bei den Grünen. Von denjenigen, die beim letzten Mal CSU gewählt haben, konnten sie nur 6,6 Prozent überzeugen.

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Trotzdem: Für die Grünen ist diese Wahl ein Erfolg. 20 Prozent der Frauen haben grün gewählt und 21 Prozent der 25- bis 34-Jährigen. Eine Zahl aber hat sie besonders gefreut: In den Landgemeinden konnten die Grünen ihr Ergebnis von 7 auf 14 Prozent verdoppeln.

"Das Ergebnis zeigt, dass wir eine Partei für das ganze Land sind", sagt Spitzenkandidat Hartmann. Auf dem Land merke man die negativen Auswirkungen der Politik der CSU am deutlichsten: Der Wald verschwinde zugunsten des neuen Gewerbegebiets, der Dorfkern blute aus, stattdessen würden immer neue Einkaufszentren gebaut.

Parteiforscher: Grüne konnten Milieu erweitern

Auch der Parteienforscher Heinrich Oberreuter findet das Ergebnis der Grünen bemerkenswert. Es gebe eine Erweiterung des Milieus im ländlichen Raum und eine noch größere aus dem liberal-konservativen bis christlichen Flügel der CSU aufgrund der Verwerfungen in der Flüchtlingspolitik, sagt er dem SPIEGEL.

Grünen-Kandidat Hartmann hofft, das Ergebnis auf dem Land bei der Kommunalwahl in eineinhalb Jahren noch verbessern zu können: "Wir müssen die Struktur und unsere Präsenz dort deutlich ausbauen." Sie hätten nun zum Beispiel viele Abgeordnete in München. Einige könnten, so seine Überlegung, auch Regionalbüros in anderen Landesteilen eröffnen, wo die Grünen bislang schwach sind. "Wir müssen schauen, dass wir den Vertrauensvorschuss, den wir auf dem Land bekommen haben, nicht verspielen", sagt Hartmann.

Die Strategie wäre natürlich um einiges einfacher, wenn man denn regieren könnte. Am Mittwoch steht die erste Sondierungsrunde an. "Aus Stärke wächst Verantwortung", sagt Spitzenkandidatin Katharina Schulze. Und: "Die Bayerinnen und Bayern wollen eine Veränderung. Das hat diese Wahl deutlich gezeigt."

Hartmann will Hoffnung auf Regierungsbeteiligung nicht aufgeben

Auf Bundesebene wäre es für die Grünen ebenfalls ein Erfolg, wenn es Schwarz-Grün in Bayern gäbe. Ein bisschen erinnert die Situation an die vor einem Jahr. Um ein Haar hätten die Grünen in der Regierung gesessen. Doch dann verließ die FDP die Jamaika-Gespräche, sechs Wochen nach der Wahl, kurz vor dem Durchbruch. Auch in Bayern hegten viele den unbedingten Wunsch nach einer Regierungsbeteiligung. Zumal bei diesem Ergebnis.

Im Video: Das ist der Würzburger, der für die Grünen das Direktmandat holte

Foto: SPIEGEL ONLINE

So aber müssen die bayerischen Grünen ihre Unterstützer davon überzeugen, dass sie die Politik in Bayern verändern können, ohne in der Regierung zu sitzen. Auf die Bundesgrünen kommen schon die nächsten Wahlkämpfe zu: Europa und Ostdeutschland. Vor allem dort hapert es, zum Teil kommen sie in Umfragen nur knapp über die Fünfprozenthürde.

Ohne Machtoption in Bayern bleibt es ein Traum der Grünen, Volkspartei zu werden. Doch so ganz und endgültig will Hartmann die Hoffnung auf eine Regierungsbeteiligung noch nicht aufgeben: "Ich sehe die Chance, in einer schwarz-grünen Zusammenarbeit auf Augenhöhe Ökonomie und Ökologie zu versöhnen und das Beste aus beiden Welten zusammenzuführen."

insgesamt 51 Beiträge
westin 16.10.2018
1. Glücksfall wie im Lotto,wird sich nicht wiederholen
Die Grünen haben doch nur aus dem Frust geschöpft den die grossen Parteien momentan hinterlassen haben. Ist Merkel und Nahles erstmal weg,werden sich die grossen Parteien wieder stabilisieren.
Die Grünen haben doch nur aus dem Frust geschöpft den die grossen Parteien momentan hinterlassen haben. Ist Merkel und Nahles erstmal weg,werden sich die grossen Parteien wieder stabilisieren.
herbert 16.10.2018
2. Die Grünen werden wieder abstürzen
wenn die anderen Parteien wieder mehr Geist zum Regieren bringen. Was nützt den Grünen wie jetzt mehr Stimmen, wenn sie damit nichts anfangen können. Anders gesagt! Sie regieren nicht mit sondern sie schauen zu wie immer und [...]
wenn die anderen Parteien wieder mehr Geist zum Regieren bringen. Was nützt den Grünen wie jetzt mehr Stimmen, wenn sie damit nichts anfangen können. Anders gesagt! Sie regieren nicht mit sondern sie schauen zu wie immer und das ist gut so !
haarer.15 16.10.2018
3. Liebe Grüne
Ja - mit den Zielen, für die ihr steht, könnt ihr das Land Bayern zum Positiven verändern. Ihr tut es doch jetzt schon und das Feedback ist deutlich genug. Besser aus einer starken Opposition heraus agieren - als in Regierung. [...]
Ja - mit den Zielen, für die ihr steht, könnt ihr das Land Bayern zum Positiven verändern. Ihr tut es doch jetzt schon und das Feedback ist deutlich genug. Besser aus einer starken Opposition heraus agieren - als in Regierung. Denn dort würdet ihr von der CSU, insbesondere von Herrn Söder, gnadenlos verbraten. Die Christsozialen und ihren Light-Abklatsch, die Freien Wähler, welche sie schlucken werden, könnt ihr jetzt die nächste Zeit genüsslich vor euch hertreiben. Ihr werdet weitere Wähler gewinnen, weil ihr authentisch seid und euch nicht verbiegen lässt. Es war prima, dass die CSU vom hohen Ross heruntergestoßen wurde. Regieren nach Großherrenart, das ist vorbei.
zeisig 16.10.2018
4. Nicht zu viel verlangen.
Trotz dieses Ergebnisses - die Grünen haben einen klaren Oppositionsauftrag. Es hat sich bei dieser Wahl gezeigt, daß die Mehrheit in Bayern, und vermutlich nicht nur dort, konservativ tickt. Auch wenn uns der mediale Mainstream [...]
Trotz dieses Ergebnisses - die Grünen haben einen klaren Oppositionsauftrag. Es hat sich bei dieser Wahl gezeigt, daß die Mehrheit in Bayern, und vermutlich nicht nur dort, konservativ tickt. Auch wenn uns der mediale Mainstream etwas anderes verkaufen will.
mueller1 16.10.2018
5. It takes two to tango
Tja, vor der Wahl ist den Grünen ihr erwarteter Erfolg zu Kopf gestiegen und in ihrer Überheblichkeit haben sie von der CSU gefordert, dass sich überall was bewegen müsse und "sie müsse ihre politischen Fehler der [...]
Tja, vor der Wahl ist den Grünen ihr erwarteter Erfolg zu Kopf gestiegen und in ihrer Überheblichkeit haben sie von der CSU gefordert, dass sich überall was bewegen müsse und "sie müsse ihre politischen Fehler der Vergangenheit im Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage oder dem Umgang mit den Rechtspopulisten einsehen und auch Entschuldigung sagen", dass man überhaupt miteinander reden könne (Habeck in der Augsburger Allgemeinen). Mit solch einer Attitüde dürfen sich die Grünen nicht wundern, dass die CSU überhaupt kein Interesse daran hat, mit ihnen zu reden - ganz abgesehen von unterschiedlichen politischen Positionen auf Gebieten wie innerer Sicherheit oder Migration.

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