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Politik

Das Grundgesetz im fiktiven Interview

"Manchmal gelingt mir sogar noch ein Spagat"

Was würde uns das Grundgesetz sagen, wenn es sprechen könnte? Zum 70. Geburtstag bricht die Verfassung ihr Schweigen und redet über Muskelkater, eine Diva namens Nation und ihr Leben als Provisorium.

Tobias Schwarz / AFP

Ein fiktives Interview von
Mittwoch, 22.05.2019   20:09 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, verehrte ...verehrtes... wie dürfen wir Sie nennen? Tantchen?

Grundgesetz: Das verbitte ich mir. Grundgesetz, das genügt. Für Freunde auch Gigi. Wird das noch ein ernsthaftes Gespräch?

SPIEGEL ONLINE: Kränkt es Sie, nicht Verfassung genannt zu werden?

Grundgesetz: Schall und Rauch! Was ich verfüge, ist verfassungsrechtlich festgelegt. Titel helfen dabei wenig. Wir wissen alle, wie es meiner Vorgängerin ergangen ist, der Weimarer Verfassung. Hat ihr am Ende auch nichts genützt.

SPIEGEL ONLINE: Wo erreichen wir Sie gerade?

Grundgesetz: Auf Herrenchiemsee. Im Alter zieht es einen doch an die Orte der Kindheit zurück, nicht wahr?

SPIEGEL ONLINE: Sie residieren im Schloss?

Grundgesetz: In diesem zugigen Schuppen? Wo denken Sie hin? Das ist mir viel zu royalistisch. Auch bin ich 70 Jahre alt und habe in meinem Leben, wie Sie wissen, nur hin und wieder gearbeitet. Von meiner Rente könnte ich mir das nicht leisten, nein. Ein ehemaliger Bundesverfassungsrichter hat mir freundlicherweise seine Ferienwohnung überlassen. Ich gieße dafür die Blumen, die jetzt, im Frühling, in ganz reizender Blüte stehen. Immer sind es die Rechtswissenschaftler, die sich für mich interessieren.

SPIEGEL ONLINE: Über mangelnde Aufmerksamkeit können Sie sich nicht beklagen, oder?

Grundgesetz: Dieser Tage nicht, nein. Wissen Sie, mir wird das alles schnell zu viel. Die festlichen Akte, die feierlichen Reden. Es gibt sogar ein recht hübsches Magazin über mich, "GG", so wie es "Barbara" gibt oder "Pilawa". Es gibt mich auch als App. Ich warte noch auf "GG - Das Computerspiel", wahlweise auch eine Verfilmung durch Tom Tykwer.

SPIEGEL ONLINE: Darin gäbe es durchaus etwas zu erzählen.

Grundgesetz: Da bin ich mir nicht sicher. Ich halte mich für eher trocken - allen Bemühungen zum Trotz, mich zu popularisieren. Meine Wirkung entfalte ich lieber im Hintergrund. Als Ordnungsrahmen, verstehen Sie? Mein Job ist es doch im Kern, die Rechte des Individuums mit jenen der Allgemeinheit auszubalancieren. Das kann auf Dauer ganz schön in die Arme gehen...

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Leute, die würden Sie gern als Nachtwächterin sehen - die nur eingreift, wenn es gar nicht anders geht.

Grundgesetz: Die Leute sagen viel, wenn die Legislaturperiode lang ist. Ich könnte nicht in einem Kabuff hocken. Ich bin ständig unterwegs, in juristischen Seminaren, in Karlsruhe, bisweilen sogar anderswo auf der Welt. Im Ausland werde ich nämlich auch geschätzt, wussten Sie das?

SPIEGEL ONLINE: In der Bevölkerung haben Sie eine sehr hohe Akzeptanz. Eine Volksabstimmung über ein neues, für ganz Deutschland geltendes und nicht mehr provisorisches Grundgesetz wurde mehrheitlich abgelehnt.

Grundgesetz: Sie können sich vorstellen, wie erleichtert ich da war. Es tut ganz gut, Provisorium zu sein. Immerhin entfalte ich meine Wirkung, oder? Denken Sie an Artikel 5, wo ich die Meinungsfreiheit festlege. Oder die Menschenrechte. Wenn sie, wie es immer heißt, "mit Füßen getreten werden", bin ich zur Stelle. Das ist mein Job. Ich würde ungern allzuviel Aufhebens darum machen.

SPIEGEL ONLINE: Und doch werden Sie jetzt, zum Jubiläum, wieder ausgiebig gewürdigt.

Grundgesetz: Mir ist das, wie gesagt, peinlich. Auf paradoxe Weise stehe ich ja in gewisser Konkurrenz mit der Nation. Die sollten Sie mal anrufen! Die Frage war doch immer, worauf eine Patriotin oder eine Patriotin sich beim Hand-aufs-Herz legen beziehen solle: auf mich oder die Idee einer Nation, dieser Diva?

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SPIEGEL ONLINE: Sie spielen auf den Historikerstreit an, den Ernst Nolte...

Grundgesetz: Ich spiele auf Dolf Sternberger und Jürgen Habermas an, die den Begriff des Verfassungspatriotismus geprägt beziehungsweise populär gemacht haben. Das war ganz reizend von den beiden Herren. Ich schließe sie stets in meine Gebete ein. Die Arbeit wurde dadurch aber nicht weniger!

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Leben gab es viele Änderungen...

Grundgesetz: ...63, um genau zu sein. Ich habe mir das gemerkt, weil mich diese Änderungen, Hinzufügungen und Streichungen immer ein wenig nervös machen. Mich juckt's dann überall. Nicht immer, verstehen Sie mich nicht falsch. Reformen des Föderalismus oder des Finanzwesens - wie soll ich sagen? Das ist Alltag. An die Wiedereinführung der Wehrpflicht erinnere ich mich aber noch gut, obwohl ich da erst sieben Jahre alt war. Auch die Notstandsverfassung von 1968 bereitete mir Bauchschmerzen.

SPIEGEL ONLINE: Im Grunde handelt es sich bei Ihnen doch um ein sprachliches Denkmal, oder?

Grundgesetz: Nett, dass Sie das sagen. Gleichwohl lasse ich Änderungen, wie wir gesehen haben, recht willenlos über mich ergehen. Hier eine Feuertreppe, dort ein externer Fahrstuhl, da eine rollstuhlgerechte Zufahrt. Man muss mit der Zeit gehen!

SPIEGEL ONLINE: Ihr Umfang hat sich, mit Verlaub, in den letzten 70 Jahren nahezu verdoppelt.

Grundgesetz: Sehr charmant, sehr charmant. Ich würde aber sagen, dass ich trotzdem noch ziemlich beweglich bin. Manchmal gelingt mir sogar noch ein Spagat, etwa beim großen Lauschangriff!

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie nicht, zu alt zu sein?

Grundgesetz: Ich bin ja nicht in Stein gemeißelt, auch wenn Absatz 3 in Artikel 79...

SPIEGEL ONLINE: ...die sogenannte "Ewigkeitsklausel"...

Grundgesetz: ...eine andere Sprache spricht, genau. Hier geht es aber nur um Grundsätzliches, die Unmöglichkeit einer Auflösung des Bundes zugunsten eines zentralistischen Staates oder einer parlamentarischen Monarchie. Abgesehen davon stört es mich aber nicht, wenn an mir herumgefummelt wird.

SPIEGEL ONLINE: Bisher heißt es in Artikel 3: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden." Aktuell fordern die Grünen von Ihnen, auch die sexuelle Identität zu schützen. Juckt Sie das?

Grundgesetz: Mich freut das ganz außerordentlich.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Grundgesetz: Das Private sollte privat bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Eine Andeutung vielleicht?

Grundgesetz: Wenn ich Ihnen sage, dass mir seit einiger Zeit die Verfassung der Fünften Französischen Republik das Bett mit Croissants vollkrümelt, ist das dezent genug? Ich kann ihr aber einfach nicht böse sein, sie hat so eine entzückende Zahnlücke und...

SPIEGEL ONLINE: Verehrte Dame, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

insgesamt 11 Beiträge
syracusa 22.05.2019
1. Glück gehabt
Wir haben echt Glück gehabt mit unserem Grundgesetz, und v.a. mit der Ewigkeitsklausel, die Artikel 1 (und damit alle Grundrechtsartikel 1 bis 19) und Artikel 20 mit dem Widerstandsrecht vor jedem Zugriff schützt. Das [...]
Wir haben echt Glück gehabt mit unserem Grundgesetz, und v.a. mit der Ewigkeitsklausel, die Artikel 1 (und damit alle Grundrechtsartikel 1 bis 19) und Artikel 20 mit dem Widerstandsrecht vor jedem Zugriff schützt. Das Grundgesetz ist damit eine Art wohlwollender Diktator, der die Grundwerte der Demokratie auch vor eventuellen Wählermehrheiten schützt.
Beagle-Fan 22.05.2019
2. Steinmeier irrt
das Grundgesetz der BR Deutschland ist keine Verfassung. Zwar wurde das Grundgesetz nach dem Ende von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg gegeben. Auch hatte es wie andere Verfassungen eine konstituierende Bedeutung für [...]
das Grundgesetz der BR Deutschland ist keine Verfassung. Zwar wurde das Grundgesetz nach dem Ende von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg gegeben. Auch hatte es wie andere Verfassungen eine konstituierende Bedeutung für den neuen Staat, denn die Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 ist zugleich die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Dennoch fehlten ihm entscheidende Attribute: Das Grundgesetz war/ist eben keine Verfassung. Und es wurde auch nicht vom Volk in einem Referendum ratifiziert. Zudem sollte es nicht einen neuen deutschen Nationalstaat begründen, sondern zunächst nur aus den drei westlichen Besatzungszonen ein einheitliches Staatsgebiet machen, also nur einen westdeutschen Staat begründen.Daran ändert auch die dt. Wiedervereinigung nichts.
Wolfgang Höfft 23.05.2019
3. Das Grundgesetz im fiktiven Interview zu präsentieren, ist ein äußerst
geistreicher Einfall und bezaubernd umgesetzt - bis hin zu der entzückenden Zahnlücke der Fünften Republik und den krümelnden Croissants. Famos!
geistreicher Einfall und bezaubernd umgesetzt - bis hin zu der entzückenden Zahnlücke der Fünften Republik und den krümelnden Croissants. Famos!
Kratylos65 23.05.2019
4.
Die Ewigkeitsklausel Art. 79 GG Abs. 3: "Eine Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 [...]
Zitat von syracusaWir haben echt Glück gehabt mit unserem Grundgesetz, und v.a. mit der Ewigkeitsklausel, die Artikel 1 (und damit alle Grundrechtsartikel 1 bis 19) und Artikel 20 mit dem Widerstandsrecht vor jedem Zugriff schützt. Das Grundgesetz ist damit eine Art wohlwollender Diktator, der die Grundwerte der Demokratie auch vor eventuellen Wählermehrheiten schützt.
Die Ewigkeitsklausel Art. 79 GG Abs. 3: "Eine Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig." Von der Ewigkeitsklausel sind nur Artikel 1 UND Artikel 20 Abs. 1 bis 3 gegen Änderungen geschützt. Absatz 4 des Art. 20 GG (Widerstandsrecht) ist eine der erwähnten 63 Änderungen des GG und somit nicht vom Schutz der Ewigkeitsklausel erfaßt. Absatz 4 des Artikel 20 GG wurde im Rahmen der Notstandsgesetzgebung 1968 nachträglich ins GG aufgenommen.
Kratylos65 23.05.2019
5.
Unser Grundgesetz ist die Verfassung der Bundesrepuplik Deutschland, mit der deutschen Einheit hat das Grundgesetz nur aufgehört, Provisorium zu sein. Und, ob sie es nun glauben wollen oder nicht, nur weil das Grundgesetz [...]
Zitat von Beagle-Fandas Grundgesetz der BR Deutschland ist keine Verfassung. Zwar wurde das Grundgesetz nach dem Ende von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg gegeben. Auch hatte es wie andere Verfassungen eine konstituierende Bedeutung für den neuen Staat, denn die Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 ist zugleich die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Dennoch fehlten ihm entscheidende Attribute: Das Grundgesetz war/ist eben keine Verfassung. Und es wurde auch nicht vom Volk in einem Referendum ratifiziert. Zudem sollte es nicht einen neuen deutschen Nationalstaat begründen, sondern zunächst nur aus den drei westlichen Besatzungszonen ein einheitliches Staatsgebiet machen, also nur einen westdeutschen Staat begründen.Daran ändert auch die dt. Wiedervereinigung nichts.
Unser Grundgesetz ist die Verfassung der Bundesrepuplik Deutschland, mit der deutschen Einheit hat das Grundgesetz nur aufgehört, Provisorium zu sein. Und, ob sie es nun glauben wollen oder nicht, nur weil das Grundgesetz nicht den Namen" Verfassung" trägt, erfüllt es dennoch funktional und formal und materiell alle Aufgaben einer Verfassung - selbst die Verfassungsgerichtsbarkeit ist darin geregelt. Übrigens ist es nicht notwendig, daß eine Verfassung, um Verfassung zu sein, vom Volke "ratifiziert" werden müsse. Es gibt sogar Staaten, die haben gar keine Verfassung. Ihre "Argumente" klingen doch eher nach denen, derer sich die sogenannte "Reichsbürger" bedienen.

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