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Politik

Datenanalyse zur Hessenwahl

Grüne jagen CDU und SPD fast 200.000 Stimmen ab

Bei der Wahl in Hessen setzt sich ein Trend fort: Die traditionellen Volksparteien verlieren an Unterstützung. Die Grünen profitieren davon am stärksten, die AfD gewinnt die meisten Stimmen hinzu. Der Überblick.

DPA

Von , und (Grafiken)
Montag, 29.10.2018   10:28 Uhr

Nach den ersten Prognosen am Wahlabend musste Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) einräumen: "Wir haben schmerzliche Verluste erlitten, das macht uns demütig, das nehmen wir ernst." Thorsten Schäfer-Gümbel, Spitzenkandidat der Sozialdemokraten, konstatierte enttäuscht: "Das ist eine bittere Niederlage, und da gibt's auch nichts dran herumzudeuteln." Seine Partei sieht er in einer "schweren Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise".

CDU und SPD haben bei der Landtagswahl in Hessen historische Verluste erlitten. Die Union bleibt nach den Prognosen von ARD und ZDF zwar stärkste Kraft, muss aber ihr schlechtestes Ergebnis seit mehr als 50 Jahren hinnehmen. Bei der SPD ist es gar das schlechteste Ergebnis in dem Bundesland überhaupt. Verglichen mit der Hessenwahl 2013 liegen die Verluste beider Parteien im zweistelligen Bereich.

Damit setzt sich ein Trend fort, der schon bei der Bundestagswahl 2017 und der Landtagswahl in Bayern vor zwei Wochen zu beobachten war: Die traditionellen Volksparteien, die auch im Bund miteinander koalieren, verlieren an Unterstützung.

Große Gewinner sind die Grünen. Sie erzielen ihr bestes Ergebnis bei einer Hessenwahl überhaupt. Auch die AfD verbessert sich deutlich und holt mehr als 13 Prozent. Sie zieht damit erstmals in den Wiesbadener Landtag ein und ist nun in allen 16 Landesparlamenten vertreten.

Wie konnte es zu diesen Verschiebungen kommen? Wo verlieren CDU und SPD? Wo legen die Grünen zu, wo die AfD? Einen ersten Überblick gibt eine Analyse der vorläufigen Wählerwanderung von Infratest dimap für die ARD (Stand: 20 Uhr am Wahltag).

CDU und SPD verlieren Hunderttausende Wähler - Grüne und AfD profitieren

Die CDU verliert demnach fast 287.000 Wähler, die Sozialdemokraten 281.000. Von der Verlusten der beiden traditionellen Volksparteien profitieren vor allem die Grünen und die AfD.

Die Grünen jagen der SPD 101.000 Stimmen ab, den Christdemokraten etwa 92.000. Eine nennenswerte Abwanderung eigener Wähler an eine der etablierten Parteien müssen die Grünen nicht hinnehmen. Allerdings können die Grünen weder Nichtwähler von sich überzeugen noch den kleineren Parteien Stimmen wegnehmen. Zudem verlieren sie 11.000 Wähler an Parteien, die an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.

Mit Ausnahme der Grünen geben alle Parteien, die es nach jetzigem Stand ins Parlament schaffen, Wähler an die AfD ab. Die mit Abstand meisten Stimmen holen die Rechtspopulisten im Lager der Union (94.000). Der SPD luchsen sie 38.000 Wähler ab, der FDP 17.000 und der Linken 15.000. Außerdem stimmen 21.000 ehemalige Nichtwähler für die Partei sowie 45.000 Wähler, die 2013 Parteien gewählt hatten, die den Einzug in den Landtag verpassten.

Mit 230.000 Stimmen verzeichnet die AfD den größten Zuwachs aller Parteien.

Zehntausende frühere SPD- und CDU-Wähler gehen nicht zur Wahl

Wie schon bei der Bayernwahl verliert die SPD auch in Hessen an alle etablierten Parteien Wähler; die mit Abstand meisten davon an die Grünen. 21.000 Stimmen verlieren die Sozialdemokraten an Parteien, die nicht im Parlament vertreten sein werden. Ebenfalls bitter für die Sozialdemokraten: Sie können einen nennenswerten Teil ihrer einstigen Wähler nicht mobilisieren; 68.000 von diesen gingen nicht zur Wahl.

Ähnlich sieht es bei der CDU aus: 58.000 ihrer früheren Wähler gaben an diesem Wahltag ihre Stimme nicht ab. In deutlichem Umfang verlieren die Christdemokraten nicht nur an Grüne und AfD, sondern auch an die FDP (38.000) sowie an Parteien, die den Einzug in den Landtag verpassen (29.000). Nur den Sozialdemokraten kann die Union Wähler abjagen (27.000).

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Eine signifikante Wählerwanderung hin zu den Liberalen gibt es nicht nur aus dem Lager der CDU, sondern auch aus dem der Sozialdemokraten (23.000). Zudem kann die FDP als einzige Partei neben der AfD ehemalige Nichtwähler überzeugen. Allerdings verliert sie recht deutlich an die AfD.

Gleiches gilt für die Linke, die andererseits nicht nur der SPD Wähler abjagen kann, sondern - in deutlich geringerem Maß - auch der Union.

Und wie haben die Parteien in den unterschiedlichen Altersklassen abgeschnitten?

Union und SPD holen ihre besten Ergebnisse unter älteren Wählern. Aber auch in der Gruppe "60 Jahre und älter" büßen die beiden Parteien ein - so wie in allen anderen Altersgruppen auch. Die CDU muss sogar in allen Altersgruppen zweistellige Verluste hinnehmen, die SPD in allen Gruppen unter 60. Für die Christdemokraten gilt zudem: je jünger die Wähler, desto schlechter schneiden sie ab.

Bei den Grünen ist der Trend umgekehrt: In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen verzeichnen sie sowohl ihren größten Zuwachs als auch ihr bestes Ergebnis. In dieser Altersgruppe sind sie - ebenso wie bei den 25- bis 34-Jährigen stärkste Kraft. Bei Wählern im Alter von 35 bis 44 Jahren liegen sie mit der Union gleichauf. Insgesamt verbessern sich die Grünen in allen Altersgruppen deutlich.

Das gilt auch für die AfD, die ihren größten Zuwachs ebenso wie ihr bestes Resultat in den mittleren Altersgruppen holt.

Die FDP verbessert sich in allen Altersgruppen unter 60 Jahren. Die Liberalen punkten besonders in der jüngsten Wählergruppe, wo sie ein Ergebnis von zehn Prozent erreichen und sich um sechs Prozentpunkte verbessern.

Betrachtet man das Wahlverhalten von Frauen und Männern getrennt, so zeigt sich eine Auffälligkeit, die schon bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr und der Bayernwahl vor zwei Wochen zu beobachten war: Die AfD wählen deutlich mehr Männer (15 Prozent) als Frauen (9 Prozent).

Die Grünen sind vor allem bei Frauen erfolgreich. Bei Union und SPD ist der Anteil der Wählerinnen etwas höher, bei den Liberalen etwas niedriger.

Eine der wenigen erfreulichen Nachrichten für die Sozialdemokraten offenbart der Blick auf die verschiedenen Berufsgruppen: Die SPD ist noch immer Hessens Arbeiterpartei (22 Prozent). Allerdings muss sie auch hier deutliche Verluste hinnehmen und landet nur knapp vor der AfD, die auf 19 Prozent kommt.

Union und SPD erzielen ihre besten Ergebnisse in der Gruppe der Rentner, die FDP bei den Selbstständigen. Bei den Beamten liegt die SPD inzwischen knapp hinter, die CDU nur noch knapp vor den Grünen.

Im höheren Bildungsbereich legen die Grünen deutlich zu. Sie überholen hier die CDU und holen das beste Ergebnis aller Parteien. Aber auch im mittleren und niedrigen Bildungsbereich verbessert sich die Partei deutlich.

Gleiches gilt für die AfD, die in der niedrigen Bildungsschicht das drittbeste Ergebnis hinter Union und SPD holt.

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