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Politik

Seehofer-Verlängerung

Zeit schinden für Mr Right

Rente mit 67? Nicht mit Horst Seehofer. Der CSU-Chef hat sein politisches Haltbarkeitsdatum nach hinten datiert. Wegen seiner Wirkmächtigkeit - und weil er auf einen Rückkehrer aus Amerika hofft.

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Horst Seehofer

Von , München
Montag, 24.04.2017   16:24 Uhr

Hätte die CSU-Zentrale im Norden Münchens einen Schornstein, dann wäre an diesem Montagmorgen um zehn Uhr möglicherweise weiß-blauer Rauch aufgestiegen. So ähnlich wie bei der Papstfindung.

Denn um zehn Uhr hatte sich die Parteiführung versammelt, um die frohe Botschaft zu empfangen: Die Partei und das Land bekommen einen neuen Regenten: Es ist der alte, 67 Jahre alt, seit neun Jahren Ministerpräsident und Parteichef.

Horst Seehofer also macht es noch mal. Ja, er will. Er hat sich entschieden, seine Gesundheit hält stand, seine Familie ist einverstanden, Halleluja!

Die Inszenierung dieser Personalfindung als packendes Drama ringt Respekt ab. Ein Bühnenstück in vielen Akten. Das Abwägen, die Zerrissenheit, die große Bürde, schließlich die Idee, vielleicht doch noch mal anzutreten. Die sorgenvolle Miene, der Gesundheitscheck, die innere Klausur zu Ostern, und schließlich die Erlösung. Just am vergangenen Wochenende die Entscheidung, "nur ich zusammen mit meiner Frau".

So erzählt es Seehofer am Montag, nachdem er die Führungszirkel seiner Partei unterrichtet hat. Neben ihm steht Joachim Herrmann, sein Innenminister, der nun als CSU-Spitzenkandidat "in die Schlacht" (O-Ton Herrmann) ziehen soll. Er meint die Bundestagswahl. Seehofer sagt, die einst von ihm selbst vorgenommene Datierung seines Rückzugs aufs Jahr 2018 gehöre "nicht zu den klügsten" Aussagen seiner Karriere. Nun, mit der Ankündigung weiterzumachen, sei er aber zufrieden, weil "das das Ende eines von mir selbst verursachten Fehlers ist".

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Rivalen Seehofer, Söder

Von der Papstwahl unterscheidet sich die Wiederauferstehung des Horst Seehofer natürlich auch dadurch, dass ein Papst immer noch von dem Konklave gewählt wird. Diese demokratische Hürde hat man in der CSU ausgelassen. Horst Seehofer wählte sich selbst, die Partei darf dem auf einem Parteitag zustimmen.

So groß übrigens ist die Show am Tag der Verkündung, dass man in Bayern leicht etwas anderes übersieht.

Etwa dass die CSU schon lange nicht mehr durch Sachthemen auffällt. Dass die Pkw-Maut noch scheitern könnte. Dass die Energiewende im Freistaat auf der Stelle tritt. Dass die Obergrenze in der Flüchtlingspolitik nur ein überstrapaziertes Wort ist. Alles hinter der Kulisse des Wer-wann-wo-wie-lange-Theaters verschwunden.

Und man vergisst die entscheidende Frage: Warum eigentlich mach er's noch mal?

Die Antwort kann nicht nur sein, dass sich Horst Seehofer als Wahlkämpfer und Landesvater für unschlagbar hält. Eine solche Vermessenheit unterstellen ihm nur Weggefährten, die ihn nicht genau kennen. Denn dazu ist er, obschon ihn seine große Bedeutsamkeit ziemlich erfüllt, zu schlau. Die Antwort kann auch nicht lauten: Damit es nicht Markus Söder macht.

Denn Söder wäre mit der heutigen Verlängerung ja nur gebremst, nicht ausgebremst. In wenigen Jahren, wenn Seehofer zu alt für die Spitzenämter ist und Söder immer noch jung genug, wäre der Weg für den Finanzminister aus Nürnberg frei.

Nein. Wer Seehofer kennt, der ahnt, dass er einen anderen Plan verfolgen könnte. Einen Plan, der Söder nicht nur diesmal, sondern möglicherweise dauerhaft unten halten soll. Der Plan könnte so gehen: Zeit gewinnen und hoffen auf Mr Right. Hoffen auf Karl-Theodor zu Guttenberg.

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Ex-Verteidigungsminister Guttenberg

Würde der frühere Verteidigungsminister Guttenberg aus seinem US-Exil nach Deutschland zurückkehren und die Spitze seiner Partei begehren, er würde sie in Windeseile erobern. Söder, den zum einen die Anti-Seehofer-Gruppe in der Landtagsfraktion zähneknirschend als Nachfolger akzeptiert, den zum anderen diejenigen emporheben, denen er bereits Posten in Aussicht gestellt hat, würde bei einer Kampfkandidatur wohl unterliegen.

Doch Guttenberg steht für ein Spitzenamt weder bei der Wahl des Parteichefs im Herbst dieses Jahres, noch bei der Landtagswahl 2018 parat. Womöglich aber in ein paar Jahren.

Seine Wiederannäherung an die CSU und an sein Heimatland lief im vergangenen Jahr ziemlich rasant. Bis vor Kurzem hatte "KT" stets betont, er denke nicht daran, wieder in die Politik in Deutschland oder Bayern zurückzukehren. Jetzt macht er immerhin schon Wahlkampf für die CSU, bei sieben Auftritten in Bayern im August und September. Und er führe, sagen Parteifreunde, lange Gespräche mit Seehofer und dem Brüsseler EVP-Fraktionschef Manfred Weber, der auch CSU-Vize ist. Guttenberg soll eine Art außerparlamentarischer Außenpolitiker der Christsozialen werden.

Teil zwei des möglichen Plans: Guttenberg könnte künftig ein Spitzenduo mit seinem Freund Weber bilden. Weber, der sich im EU-Parlament mit viel Sachverstand um Innen- und Sicherheitspolitik gekümmert hat, wird als Anwärter auf den Posten des bayerischen Innenministers gehandelt, wenn Joachim Herrmann nach der Bundestagswahl nach Berlin wechseln sollte.

Ein solcher Plan stützt sich noch auf viele Unwägbarkeiten. Immerhin, die Rückkehr von Guttenberg nach Deutschland gilt inzwischen als wahrscheinlich. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" zitierte ihn Ende März mit dem Satz: "Ich werde nicht alt in Amerika." Auch die Familie wolle irgendwann zurück nach Europa. Es fehle in Amerika die kulturelle Tiefe und natürlich die Heimat.

Bleibt die Frage, ob er dann hier lieber als Geschäftsmann lebt. Oder als mächtiger Politiker.

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