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Politik

Islamkonferenz mit Innenminister Friedrich

Vom Scharfmacher zum Islamversteher

Fürs Einpeitschen sind jetzt andere zuständig: Innenminister Hans-Peter Friedrich will sich plötzlich ein neues Image zulegen - auf der Islamkonferenz hat er sich überraschend moderat präsentiert. Selbst muslimische Teilnehmer und Oppositionspolitiker sind voll des Lobes für den CSU-Mann.

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Donnerstag, 19.04.2012   16:51 Uhr

Berlin - So ist es, wenn Provokation sich abgenutzt hat. "Der Islam gehört nicht zu Deutschland", verkündete Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) am Donnerstagmorgen, bevor sich in Berlin-Kreuzberg Muslime und staatliche Vertreter zur jährlichen Plenumssitzung der deutschen Islamkonferenz trafen.

Aufregen wollte sich kaum mehr jemand darüber - jedenfalls nicht von muslimischer Seite: Kauder sei lediglich eine "störende Stimme". Auf der Sitzung der Islamkonferenz habe dessen Äußerung überhaupt keine Rolle gespielt. "Jeder hat gesehen, dass es Nonsens ist", sagt die muslimische Teilnehmerin Tuba Isik-Yigit, eine junge Wissenschaftlerin mit Kopftuch. Einzig die deutsche Opposition sprang an. Kauder sei der "letzte Kreuzritter der Union", befand der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann.

Innenminister Hans-Peter Friedrich jedenfalls, der selbst zu seinem Amtsantritt erklärt hatte, dass der Islam - jedenfalls historisch gesehen - nicht zu Deutschland gehöre, will offenbar nicht mehr zu den Scharfmachern gehören.

Friedrich lobt muslimische Verbände

Friedrich hat in den vergangenen Tagen eine erstaunliche Wandlung vollzogen.

Bereits im Vorfeld der Islamkonferenz, die Friedrich leitet, hatte er sich Ärger mit seinen Koalitionskollegen eingehandelt. CDU und FDP-Politiker forderten eine neue Tagesordnung für die Islamkonferenz, das Thema Salafismus müsse nach der Koran-Verteilung in deutschen Städten zentral behandelt werden. Der Innenminister lehnte das ab. Dafür bekam er Lob von den Grünen.

Das ist ein höchst ungewöhnlicher Vorgang für Friedrich. Denn zwar gilt der in seiner eigenen Partei, der CSU, fast als Liberaler. Wenn sich der Innenminister allerdings in der Vergangenheit zum Thema Islam und Muslime äußerte, ging das meistens ziemlich daneben. Mal warnte er vor angeblich gefährlichen Entwicklungen bei muslimischen Jugendlichen, ohne die dazu gehörige Studie überhaupt richtig gelesen zu haben. Bei der letzten Sitzung der Islamkonferenz im vergangenen März kam es dann zum Eklat und offenen Streit mit muslimischen Vertretern. Sie waren entsetzt darüber, dass Friedrich ohne Absprache eine Sicherheitspartnerschaft ankündigte. Die Idee seines Vorvorgängers Ex-Innenminister Wolfgang Schäubles (CDU), auf Augenhöhe mit Muslimen zu reden und sie nicht in die Gefahrenecke zu stellen, sahen viele zerstört.

"Das Amt hat ihn sehr verändert"

Ganz anders war das an diesem Donnerstag: Nur eines sorgte für Ärger. Friedrich hatte entschieden, erstmals in der Geschichte der Islamkonferenz keine gemeinsame Pressekonferenz mit muslimischen Vertretern zu geben, sondern allein vor die Journalisten zu treten. Damit lag die Deutungshoheit ausschließlich bei Friedrich. Der begründete das damit, dass sich im vergangenen Jahr Teilnehmer beschwert hätten, weil durch die Pressekonferenz die Zeit auf der eigentlichen Veranstaltung zu knapp war. Es ist bekannt, dass das Thema Islam nicht unbedingt Friedrichs Herzensangelegenheit ist, die Islamkonferenz ist in den Jahren unter dem CSU-Mann bedeutungsloser geworden.

Aber das, was Friedrich am Donnerstag sagte, hätte - zumindest von muslimischer Seite - wohl ohnehin nicht viel Widerspruch provoziert. Die muslimischen Verbände lobte er für ihre "sehr klare, sehr eindeutige Positionierung gegen den Salafismus". Er sehe unter den Muslimen in Deutschland keinen breiten Rückhalt für die radikalislamischen Salafisten. Teilnehmer bestätigten, dass sich Friedrich auch auf dem nichtöffentlichen Teil der Sitzung immer wieder klar dagegen gestellt habe, die Islamkonferenz zu einer Sicherheitskonferenz zu machen, in der es vorrangig um die Gefahren des Salafismus geht. Bilkay Öney, SPD-Integrationsministerin aus Baden-Württemberg sagte: "Friedrich war sehr moderat, sehr ausgleichend, sehr mutig. Es ist schon erstaunlich, dass er sich so gegen seine eigenen Unionskollegen stellte." Der Innenminister sei hier "sehr standhaft" geblieben, lobt auch Teilnehmerin Sineb el-Masrar.

Statt um Salafismus ging es auf der Konferenz um Gleichberechtigung und häusliche Gewalt. Die Teilnehmer verabschiedeten eine eindeutige Erklärung. Darin heißt es, jeder habe ein Recht auf "körperliche und seelische Unversehrtheit sowie das Recht, aus eigenem Entschluss und im Rahmen der geltenden Gesetze eine Ehe einzugehen oder dies zu unterlassen". Leider würden "diese universellen Menschenrechte auch heute noch häufig missachtet. Es sei das erste Mal, dass "so viele muslimische Verbände und Einzelpersonen eine solche Erklärung unterschrieben hätten", verkündete Friedrich stolz und erklärte vor der Presse schließlich mehrmals, dass Zwangsehen und Gewalt nichts mit dem Islam zu tun hätten, sondern mit einer "paternalistisch-traditionalistischen Kultur". Nach Angaben von Teilnehmern hat der CSU-Mann diesen Glaubenssatz auch immer wieder auf der Plenumssitzung betont.

Friedrich will über Islamfeindlichkeit diskutieren

Und Friedrich geht noch weiter: Für die nächsten zwölf Monate soll die Islamkonferenz über Prävention und Extremismus diskutieren. Das zentrale Thema dabei soll nicht etwa Islamismus oder Antisemitismus sein - sondern Islamfeindlichkeit. "Das ist durchaus ein Thema, das uns Sorgen bereitet", sagte Friedrich.

Eine bemerkenswerte Situation entstand, als Friedrich von Journalisten darauf angesprochen wurde, wie er denn zu der Äußerung Volker Kauders stehe. Friedrich antwortete etwas umständlich - und ein bisschen genervt. Das Thema solle nicht "immer wieder aufgewärmt" werden. Es sei ja in "gewisser Weise auch mit seiner Person" verbunden.

Dann sagte der Innenminister noch: Es sei jetzt wichtig bei der Integration auch mehr Erfolgsgeschichten zu erzählen, um Vorbilder zu schaffen.

Ehemalige Friedrich-Kritiker sind beinahe verstört ob dieser Verwandlung: "Das Amt hat ihn offenbar verändert", sagt SPD-Frau Bilkay Öney. "Dadurch, dass er sich wirklich mit dem Thema Islam und mit Muslimen befasst hat, hat er anscheinend mehr Verständnis entwickelt." Eine "völlig andere Stimmung" sei das in diesem Jahr mit Friedrich gewesen, sagt auch Teilnehmerin Tuba Isik-Yigit. Letztes Jahr warf er Friedrich "Unerfahrenheit" vor, nun sei er "sehr positiv überrascht" von dem deutschen Innenminister, meint Kenan Kolat.

insgesamt 31 Beiträge
Senftöpfchen 19.04.2012
1. Ist ja egal..
mit welcher Religionsdroge die Menschen, welche es brauchen, ruhig gestellt werden können. Aufgeklärte Menschen sehen in "der" Religion natürlich kein Konfliktpotential. Wichtig ist mir persönlich das mich [...]
Zitat von sysopdapdFürs Einpeitschen sind jetzt andere zuständig: Innenminister Hans-Peter Friedrich will sich plötzlich ein neues Image zulegen - auf der Islamkonferenz hat er sich überraschend moderat präsentiert. Selbst muslimische Teilnehmer und Oppositionspolitiker sind voll des Lobes für den CSU-Mann. Islamkonferenz mit Innenminister Friedrich: Vom Scharfmacher zum Islamversteher - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828536,00.html)
mit welcher Religionsdroge die Menschen, welche es brauchen, ruhig gestellt werden können. Aufgeklärte Menschen sehen in "der" Religion natürlich kein Konfliktpotential. Wichtig ist mir persönlich das mich niemand, von welcher Religion auch immer, einschränkt.
robinson1959 19.04.2012
2. Schön, wenn dem so wäre
Es sei das erste Mal, dass "so viele muslimische Verbände und Einzelpersonen eine solche Erklärung unterschrieben hätten", verkündete Friedrich stolz und erklärte vor der Presse schließlich mehrmals, dass [...]
Zitat von sysopdapdFürs Einpeitschen sind jetzt andere zuständig: Innenminister Hans-Peter Friedrich will sich plötzlich ein neues Image zulegen - auf der Islamkonferenz hat er sich überraschend moderat präsentiert. Selbst muslimische Teilnehmer und Oppositionspolitiker sind voll des Lobes für den CSU-Mann. Islamkonferenz mit Innenminister Friedrich: Vom Scharfmacher zum Islamversteher - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828536,00.html)
Es sei das erste Mal, dass "so viele muslimische Verbände und Einzelpersonen eine solche Erklärung unterschrieben hätten", verkündete Friedrich stolz und erklärte vor der Presse schließlich mehrmals, dass Zwangsehen und Gewalt nichts mit dem Islam zu tun hätten, sondern mit einer "paternalistisch-traditionalistischen Kultur". Nach Angaben von Teilnehmern hat der CSU-Mann diesen Glaubenssatz auch immer wieder auf der Plenumssitzung betont. Wenn denn alle Muslime der Ansicht wären, dass Gewalt und Zwangsehe nicht zu ihrer Religion gehören, so wäre auch alles in Ordnung. Aber leider sehen das viele noch anders.
Ingmar E. 19.04.2012
3.
Möchten Sie jetzt von jedem einzelnen Muslimen ne Unterschrift oder was brauchen Sie noch? Da würde ich aber auch von jedem Christen ne ähnliche Unterschrift fordern, schließlich steht in der Bibel auch viel Mist über [...]
Zitat von robinson1959Es sei das erste Mal, dass "so viele muslimische Verbände und Einzelpersonen eine solche Erklärung unterschrieben hätten", verkündete Friedrich stolz und erklärte vor der Presse schließlich mehrmals, dass Zwangsehen und Gewalt nichts mit dem Islam zu tun hätten, sondern mit einer "paternalistisch-traditionalistischen Kultur". Nach Angaben von Teilnehmern hat der CSU-Mann diesen Glaubenssatz auch immer wieder auf der Plenumssitzung betont. Wenn denn alle Muslime der Ansicht wären, dass Gewalt und Zwangsehe nicht zu ihrer Religion gehören, so wäre auch alles in Ordnung. Aber leider sehen das viele noch anders.
Möchten Sie jetzt von jedem einzelnen Muslimen ne Unterschrift oder was brauchen Sie noch? Da würde ich aber auch von jedem Christen ne ähnliche Unterschrift fordern, schließlich steht in der Bibel auch viel Mist über "Frau sei dem Mann Untertan", was ja wie man so hört auch als Entschuldigung für Gewalt in christlichen Haushalten hergenommen wurde. Am besten lassen wir einfach jeden Bürger, und nicht nur bei einer Einbürgerung, aufs Grundgesetz schwören. Und wer nicht schwört, oder den Eid bricht, der wird ausgebürgert. Dann braucht man nur noch Ahnenforschung zu machen, ob nicht etwa ein Opa polnischer Staatsbürger war, und schwupps wirste dahin abgeschoben. Da würde sich vermutlich die Hälfte der NPD in Polen wiederfinden ;D.
Ippokratis 19.04.2012
4. Einschränkung
Sie sprechen mir aus der Seele! Eine Ergänzung vielleicht: dass alle Freiheitsliebende besonders energisch jene Religionen und deren vertreter zurückweisen sollten, die eine stärkere Tendenz zur Beschneidung von Freiheit [...]
Zitat von Senftöpfchenmit welcher Religionsdroge die Menschen, welche es brauchen, ruhig gestellt werden können. Aufgeklärte Menschen sehen in "der" Religion natürlich kein Konfliktpotential. Wichtig ist mir persönlich das mich niemand, von welcher Religion auch immer, einschränkt.
Sie sprechen mir aus der Seele! Eine Ergänzung vielleicht: dass alle Freiheitsliebende besonders energisch jene Religionen und deren vertreter zurückweisen sollten, die eine stärkere Tendenz zur Beschneidung von Freiheit und geistiger Selbständigkeit aufweisen. Welche Religionen sich als besonders rückständig und freiheitsbeschneidend erweisen, erleben wir alle tagtäglich durch die Medien und unseren Alltag ...
rundertischdgf 19.04.2012
5. Kauder und Friedrich
Ein wirkliches tolles Doppelspiel betreiben die beiden! CDU Kauder: Islam gehört nicht zu Deutschland? « rundertischdgf (http://rundertischdgf.wordpress.com/2012/04/19/cdu-kauder-islam-gehort-nicht-zu-deutschland/)
Zitat von sysopdapdFürs Einpeitschen sind jetzt andere zuständig: Innenminister Hans-Peter Friedrich will sich plötzlich ein neues Image zulegen - auf der Islamkonferenz hat er sich überraschend moderat präsentiert. Selbst muslimische Teilnehmer und Oppositionspolitiker sind voll des Lobes für den CSU-Mann. Islamkonferenz mit Innenminister Friedrich: Vom Scharfmacher zum Islamversteher - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828536,00.html)
Ein wirkliches tolles Doppelspiel betreiben die beiden! CDU Kauder: Islam gehört nicht zu Deutschland? « rundertischdgf (http://rundertischdgf.wordpress.com/2012/04/19/cdu-kauder-islam-gehort-nicht-zu-deutschland/)
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Die Islamkonferenz

Für wen gibt es sie?
In Deutschland leben nach Angaben des Innenministeriums etwa vier Millionen Muslime, knapp die Hälfte von ihnen besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Seit 1961 hatte Deutschland bis zum Anwerbestopp 1973 aus islamisch geprägten Ländern Arbeitskräfte ins Land geholt, vor allem aus der Türkei. Die meisten Zuwanderer kamen damals aus der bildungsfernen Unterschicht. Ihre Integration war lange kein Thema. Die Deutsche Islamkonferenz (DIK) wurde 2006 vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) ins Leben gerufen.

Wer sind die Teilnehmer?
In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Zusammensetzung der Teilnehmer der Islamkonferenz mehrmals verändert. Friedrichs Vorgänger Thomas de Maizière hatte die zehn muslimischen Einzelpersonen, die an der Konferenz teilnehmen, ausgetauscht - etwa die Soziologin Necla Kelek nicht mehr eingeladen. Friedrich hat erneut neue Leute ins Plenum gerufen. Von muslimischer Seite nimmt der Verband Ditib, der Verband der Islamischen Kulturzentren, die Alevitische Gemeinde, die Türkische Gemeinde, die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken, der Zentralrat der Marokkaner in Deutschland. Die beiden konservativen Verbände Islamrat und Zentralrat der Muslime sind seit dem Jahr 2010 nicht mehr dabei. Der Islamrat darf nach einer Entscheidung von de Maizière nicht mehr teilnehmen, weil strafrechtliche Ermittlungen gegen hohe Funktionäre seines größten Mitglieds Milli Görüs liefen. Von staatlicher Seite gibt es 17 Vertreter: jeweils sechs von Bund und Ländern sowie fünf von Kommunen.

Worum geht es?
Die zweite Phase der Islamkonferenz, die 2010 begann, soll stärker praktisch ausgerichtet sein und konkrete Fragen behandeln. Dazu gehören die Schaffung islamisch-theologischer Lehrangebote an deutschen Hochschulen, islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, die Prävention radikaler Formen des Islam und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Bis zur nächsten Plenumssitzung im Jahr 2013 will sich die Islamkonferenz mit dem Thema Prävention von Extremismus beschäftigen, ein Schwerpunkt soll der Kampf gegen Islamfeindlichkeit sein.

Islam

Geschichte
Der arabische Begriff "Islam" bedeutet "Unterwerfung", gemeint ist "unter den Willen Gottes". Er bezeichnet die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Der Islam entstand im 7. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im heutigen Saudi-Arabien. Schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed stieg das islamische Reich zur Weltmacht auf.
Islam , Christentum und Judentum eint vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.
Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka ( Hadsch ). Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten , fast alle übrigen Sunniten .
Mohammed
Mohammed war der Empfänger des Koran : Ihm erschien der Erzengel Gabriel, er gab Gottes Offenbarung an die Mekkaner weiter. Die freilich wollten von der aufrührerischen neuen Lehre zunächst nichts wissen und ihren Polytheismus nicht aufgeben. Mohammed verließ seine Heimatstadt daraufhin und zog mit seinen ersten Unterstützern ins rund 300 Kilometer entfernte Yatrib, das spätere Medina. Dort stieg Mohammed bald zum Führer seiner stetig wachsenden Gemeinde auf. Schließlich schlossen sich auch die Mekanner dem Islam an.
Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch göttlichen Ursprungs gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.
Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
Koran
"Koran" bedeutet in etwa "Das Vorzutragende" und beschreibt die Summe der Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfing - übermittelt durch den Erzengel Gabriel.
Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten , auf denselben Text.
Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.
Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mekka
Mekka ist als Geburtsort des Propheten Mohammed die heiligste Stadt und der wichtigste Wallfahrtsort des Islam . Mittelpunkt Mekkas ist die Kaaba im Hof der Hauptmoschee. Jeder Moslem muss einmal im Leben dieses Heiligtum im Westen von Saudi-Arabien besuchen - vorausgesetzt, seine Gesundheit und finanziellen Mittel lassen die Reise zu. Nicht-Moslems dürfen die nähere Umgebung der Stadt nicht betreten.
In der ganzen Welt richten sich die Gebetsnischen der Moscheen nach Mekka und zeigen damit den Betenden die Richtung an, in die sie sich niederzuwerfen haben.
Mekka ist ein reines Kult- und Kulturzentrum ohne Industrie oder Landwirtschaft.
Kaaba
Die Kaaba ist ein würfelförmiges Gebäude in Mekka , das heute von einer riesigen Moschee umbaut ist. Sie ist das Zentrum der islamischen Religion, zu ihr wenden sich alle Muslime beim Ritualgebet, zu ihr pilgern alljährlich Millionen Gläubige. Sie umkreisen den Bau und versuchen, den in die Ostecke eingelassenen schwarzen Stein (möglicherweise ein Meteorit) zu küssen.
Schon in vorislamischer Zeit war die Kaaba ein bedeutendes Heiligtum. Nach islamischer Vorstellung ist sie "das erste Haus Gottes auf Erden" (Sure 3, Vers 96), erbaut vom Propheten Abraham. Jedes Jahr zum Ende des Hadsch wird die Kaaba mit einem Überzug aus schwarzem Brokat neu eingekleidet.
Hadsch
Hadsch , die Pilgerfahrt nach Mekka im heutigen Saudi-Arabien ist eine der fünf Säulen des Islam . Sie findet im letzten Monat des islamischen Mondjahres statt. Fast drei Millionen Gläubige nehmen an den Riten teil, zu denen außer dem Umkreisen der Kaaba auch der Aufenthalt am Berg Arafat und eine symbolische Steinigung des Satans gehören. Nach dem Opferfest und der Rückkehr nach Mekka mit erneuter Umrundung der Kaaba endet der Weihezustand (arab. "Ihram"), in dem sich die Pilger befinden, und sie legen das Pilgergewand ab. Fortan dürfen die Männer den Ehrentitel Hadsch bzw. Hadschi führen, Frauen werden Hadscha genannt.
Bilderfeindlichkeit
Der Koran kennt kein Verbot der bildlichen Darstellung. Allerdings bezeichnet eine Vielzahl von Prophetenworten (Hadith) die Nachbildung von Mensch und Tier als blasphemisch und daher als verboten: Gott allein dürfe Lebewesen erschaffen. Daher vertraten sunnitische wie schiitische Rechtsgelehrte seit dem 8. Jahrhundert eine bilderfeindliche Haltung.
Trotzdem entwickelte sich in der islamischen Welt eine reiche Maltradition, die im 12. Jahrhundert in der Buchkunst ihren Ausgang nahm. Im 14. Jahrhundert entstanden sogar Illustrationen, die Szenen aus dem Leben des Propheten Mohammed zeigen. Nur der Koran wurde nie bildlich verziert.

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