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Politik

Konservatismus-Debatte

Union ohne Kompass

Wie hält die CDU es mit den konservativen Werten? So schnell wird Angela Merkel diese Debatte nicht los. Die Partei hat ihre Orientierung verloren und damit viele Wähler, meint der Politologe Franz Walter.

REUTERS

Kanzlerin Merkel: Politische Orientierungswerte der Partei verflüchtigt

Dienstag, 14.09.2010   16:01 Uhr

Die deutschen Christdemokraten taumeln. Ihr früher europaweit einzigartiger großer Rückhalt in der Bevölkerung schmilzt furios hinweg. Und die über Jahrzehnte so stabilen politischen Orientierungswerte der Partei Adenauers und Kohls haben sich ebenfalls in alle Richtungen verflüchtigt. Die Partei ist sich der eigenen Normen, Ziele und Maßstäbe nicht mehr gewiss. Die CDU ist verunsichert wie wohl noch nie in ihrer Geschichte.

Und so mehren sich die Gerüchte, dass die nunmehr heimatlos und frustriert geworden Altkonservativen auf dem Sprung zu einer neuen Partei sind.

Lange wurde die als konservative Partei bezeichnet. Doch gerade in dieser Charakterisierung liegt alles Ach und Weh der deutschen "C"-Parteien. Denn die Christdemokraten sind seit Jahren nicht mehr sicher, ob sie überhaupt noch konservativ sein mögen. Vor allem: Sie können weder sich noch anderen plausibel erklären, was im Jahr 2010 die Leitideen eines zeitgemäßen Konservatismus sind.

Vor allem fragten sie sich in den Jahren des fröhlichen Anything goes, mindestens still und heimlich, ob konservative Politik überhaupt noch erstrebenswert sei, auf Bedarf stoße.

Kurzum: Der Konservatismus ist in der großen Partei des deutschen Bürgertums zur Leerstelle geworden.

Natürlich, die Krise des Konservatismus der Rechten begann nicht erst mit dem Abgang von Kohl und dem Entree von Merkel. Sie liegt weit länger zurück. Schon in den gesellschaftlich aufgewühlten Jahrzehnten zwischen 1870 und 1945 hatte es der Konservatismus schwer, sich als Idee und Konzept im rechtsbürgerlichen Spektrum zu behaupten. Die Nation war jung; und auch in der Gesellschaft dominierten jahrzehntelang die jungerwachsenen Kohorten. Aus dieser Konstellation nährten sich die Massenbewegungen mit ihrem Heilsverlangen: radikale Sozialisten, wüste Nationalisten, aggressive Alldeutsche und Antisemiten, exzentrische Lebensreformer. Und so weiter.

Verstaubt, altväterlich, behäbig

Demgegenüber wirkte der Konservatismus verstaubt, altväterlich, behäbig, lahm. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war die bürgerliche Jugend nationalimperialistisch, dann radikalfaschistisch, keineswegs aber konservativ. Und da die Konservativen fürchteten, den Zug der Zeit zu verpassen und den eigenen Nachwuchs zu verlieren, wandelten sie sich der nationalen Erhebung an und verliehen ihr nach 1933 die Legitimation des traditionellen Deutschlands.

Das hatte den Konservatismus als Ideologie der deutschnationalen Rechten anhaltend diskreditiert; und das machte seither jeden Versuch der Renaissance rechts von der Mitte schwer, ja rasch zunichte.

Nun mag man einwenden, dass ja unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus die beste Zeit des Konservatismus in Deutschland während des 20. Jahrhunderts erst begann. In der Tat: Gerade die fünfziger Jahre waren das Jahrzehnt einer breiten konservativen Basismentalität.

Mentaler Konservatismus eines ruhebedürftigen Volkes

Die Deutschen waren müde, waren der Versprechen überdrüssig, zu politischen Aufbrüchen ganz und gar unwillig. Sie suchten vielmehr nach Entlastung. Deshalb überantworteten sie sich dem Patriarchen im Bundeskanzleramt, Konrad Adenauer, der Ruhe, Sicherheit, Experimentenlosigkeit und die christliche Gnade der Vergebung für schuldhaftes Verhalten versprach.

Zwei Jahrzehnte später jedoch hatte der neuliberale Einstellungswechsel in der CDU und im gewerblichen Bürgertum die altkonservativen Fundamente ins Wanken gebracht. Es waren, spätestens seit 1989, nicht die sozialistischen Feinde des Konservatismus von ehedem, welche die konservative Lebens- und Wertewelt unter Beschuss nahmen. Jetzt waren es vielmehr die Avantgardeure des wirtschaftlichen Liberalismus im bürgerlichen Lager selbst, die den überlieferten Institutionen und Bräuchen den Garaus bereiteten.

Der bürgerliche Neuliberalismus untergrub die altkonservativen Bindungen.

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