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Politik

Lernen von Daniel Cohn-Bendit

Schämet euch nicht!

Es ist tatsächlich möglich: die Welt retten und trotzdem tun und lassen, was man will. Es tut auch gar nicht weh - man muss sich nur entspannen wie Daniel Cohn-Bendit.

DPA

Linker Vordenker Daniel Cohn-Bendit (Archivbild)

Eine Kolumne von
Montag, 12.08.2019   14:33 Uhr

Es muss ein wunderbares Gefühl sein, alles bestens zu wissen und immer richtig zu machen. Wer wollte das nicht: Total tiefenentspannt auf die Menschheit blicken und aus der bequemen Position des vollendet Erleuchteten Ratschläge erteilen.

Ich gebe zu: Daran muss ich noch arbeiten. Die Voraussetzungen könnten allerdings besser nicht sein. Die wichtigsten Eigenschaften für eine späte Karriere als Alleswisser habe ich ja bereits: weiß, männlich, gutes Ein- und Auskommen. Eigentlich müsste ich schon so viel Weisheit mit Löffeln gefressen haben, dass ich sie hektoliterweise in die Welt speien könnte. Was nur hält mich zurück?

Vielleicht ist es eine Frage des Alters. Vielleicht brauche ich noch etwas mehr Zeit. Sigmar Gabriel zum Beispiel musste fast 60 Jahre alt werden, um so richtig ganz genau zu wissen, wie die SPD sein soll, um endlich wieder erfolgreich zu werden. Schade eigentlich, dass er nicht mehr ihr Vorsitzender ist, wäre es doch so viel einfacher, seine Partei aus dem tiefen Loch zu hieven, in das er sie eigenhändig gesteuert hat.

Aber auch gut: So hat er viel mehr Zeit, erhellende Interviews zum Kurs der SPD zu geben und sich mit erhobenem Zeigefinger ablichten zu lassen.

Die eigene Ansicht als absolute Vernunft

Nur noch ein paar Jahre, dann bringt er es vielleicht noch so weit wie Daniel Cohn-Bendit. Der 74-Jährige französisch-deutsche urlinke Vordenker hat sich noch nie zufriedengegeben mit Visionen für den richtigen Weg nur eines Landes oder gar nur einer einzigen Partei - seine Ideen umspannen ganze Parteienfamilien und Kontinente, da reicht kein Zeigefinger zur Untermalung, es sind mindestens beide Hände vonnöten.

Kürzlich forderte er in der "taz" die Zusammenlegung von SPD und Linkspartei (gute Idee!), jüngst widmete er sich in der "Zeit" der Zukunft der Grünen, genauer: der schwelenden Frage einer grünen Kanzlerschaft.

"Für mich ist Robert Habeck ganz klar die Person, die als erster grüner Bundeskanzler in die Geschichte eingehen kann", sprach die historische Figur DCB und schob schnell hinterher: "Nicht dass ich es Annalena Baerbock nicht zutrauen würde." Die muss, geht es nach Cohn-Bendit, allerdings ein Einsehen in die geschichtlichen Notwendigkeiten haben: "Mein Wunsch wäre, dass Annalena Baerbock ihn vorschlägt und ein Parteitag Robert Habeck aufstellt. Ich traue ihr diese Klugheit absolut zu."

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Das muss ich wohl noch lernen, will ich es weit bringen: Die eigene Ansicht als absolute Vernunft definieren und anderen großzügig unterstellen, sie kämen schon noch von selbst drauf. Die hart erkämpfte Frauenquote? Völlig wurscht, wenn es um die Wurst geht.

Sodann weitet Cohn-Bendit den Blick auf ein grünes Programm zur Bekämpfung des Klimawandels: "Wenn die Grünen ehrlich sind, müssen sie sagen: Wählt uns, und alles wird schwieriger." Das bedeutet eigentlich weniger Auto, weniger Fleisch, weniger Fliegen - aber das sagt Cohn-Bendit nicht explizit, wohl, weil, wie er weiß, "die Gesellschaft langsamer" sei "als eine Wissenschaft, die Notwendigkeiten postulieren kann". Lieber postuliert er den Neubau von Atomkraftwerken in aller Welt, um schneller aus der Kohle auszusteigen. Ganz nebenbei die nächste grüne Errungenschaft abgeräumt.

Störende Tabus

Nicht schlecht, möchte man meinen: Da räumt einer auf mit Tabus, die doch nur stören auf dem Weg zur Macht. Na gut, möchte man meinen, vielleicht ist das so. Vielleicht muss man sich trennen von alten Überzeugungen, wenn man es ernst meint, die Welt zu retten. Vielleicht geht es jetzt wirklich nicht mehr um Kinkerlitzchen wie Geschlechtergerechtigkeit oder Atommüll, wenn die Klima-Apokalypse unmittelbar bevorsteht.

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Na gut. Aber dann wird Cohn-Bendit noch befragt, ob es das Wort "Flugscham" auch in anderen europäischen Sprachen gebe. Es sei ein "typisch deutsches Wort", befindet der Denker (der Begriff stammt aus Schweden). Er selbst trete schon lange keine "unsinnigen Flüge" mehr an, "von Berlin nach Frankfurt oder so". Nur, wenn er "unbedingt" zu einer Veranstaltung müsse, fliege er. Oder von einer weg. "Oder ich will einfach nur nach New York. Ich verbinde rationale Argumente mit meinem Lustprinzip! Und deswegen brauche ich mich nicht zu schämen."

Das ist die eigentliche Lektion Daniel Cohn-Bendits: Wo er ist, ist's richtig. Was er sagt und tut, stimmt. Denn sonst würde er es ja nicht sagen und tun. Die anderen werden schon auch noch darauf kommen, diese Klugheit traut er ihnen absolut zu.

Es muss ein wunderbares Gefühl sein, vollkommen schamlos durch die Welt zu schreiten.

insgesamt 69 Beiträge
steppenwolf81 12.08.2019
1.
Eine gelungene Abservierung auf "DCB", diesen nicht ganz angenehmen, aber sehr geschwätzigen Herrn. Verstanden, woher der eigentlich kommt, was er will und was von uns habe ich nie wirklich. Insoweit ist die Kolumne zu [...]
Eine gelungene Abservierung auf "DCB", diesen nicht ganz angenehmen, aber sehr geschwätzigen Herrn. Verstanden, woher der eigentlich kommt, was er will und was von uns habe ich nie wirklich. Insoweit ist die Kolumne zu ihm auch schon fast überzählig.
rainer.d.arnold 12.08.2019
2. Wahre Größe
Für DCB gilt: Wo ich bin, ist vorne. Das zeugt von einer gewissen Egozentrik und vor allem von ausgeprägtem Selbstbewußtsein. Und machen wir uns nichts vor. Menschen, die so denken und agieren, gehören in aller Regel zur [...]
Für DCB gilt: Wo ich bin, ist vorne. Das zeugt von einer gewissen Egozentrik und vor allem von ausgeprägtem Selbstbewußtsein. Und machen wir uns nichts vor. Menschen, die so denken und agieren, gehören in aller Regel zur sogenannten wirtschaftlichen, sozialen, gesellschaftlichen oder politischen Elite. Alle anderen sind nur Arbeitssklaven, gesellschaftliches Füllmaterial oder Wahlpöbel, und werden es nie bis nach ganz oben schaffen. Die Frage dabei ist, ob man wirklich zu denen ganz oben gehören will, denn die Privilegien, die es dort gibt, sind auch mit jeder Menge Nachteilen fest verbunden, denn geschenkt bekommt man nichts im Leben.
Plasmagreen 12.08.2019
3. Ins Leere
Was wohl als schnippische Kolumne gegen DCB gemeint war, endet als Rohrkrepierer. Keiner der Kritikpunkte hält stand: wenn Cohn-Bendit Habeck als Kanzlerkandidaten geeigneter hält als Baerbock, darf er das nicht sagen, oder wie? [...]
Was wohl als schnippische Kolumne gegen DCB gemeint war, endet als Rohrkrepierer. Keiner der Kritikpunkte hält stand: wenn Cohn-Bendit Habeck als Kanzlerkandidaten geeigneter hält als Baerbock, darf er das nicht sagen, oder wie? Und was hat das mit einer Frauenquote zu tun? Und: "Wenn die Grünen ehrlich sind, müssen sie sagen: Wählt uns, und alles wird schwieriger." ist doch ein ehrlicher Satz, der wahrscheinlich stimmt, was gibt es da zu kritisieren? Reden nicht alle davon, dass wir uns einschränken müssen, wenn wir es mit dem Klimaschutz ernst meinen? Eine gewisse Selbstherrlichkeit hatte DCB schon immer an den Tag gelegt und ist nun auch nichts neues. Gehört halt zu seinem Charakter und ist nichts schlimmes, wie ich finde, wenn dies zur Durchsetzungsfähigkeit in bestimmten Positionen genutzt wird. Wenn der Autor ihn deshalb nicht mag, ist das sein gutes Recht, aber deshalb eine schlechtmachende und inhaltslose Schrift verfassen? Sommerloch-Kolumne?
e.schuermann 12.08.2019
4. Als Daniel sich die Haare schneiden ließ
Als Studentenführer in Paris machte Cohn Bendit von sich reden. Auffallend waren seine langen roten Haare. Jahre später trat er für die Grünen in der BRD an, wenn ich recht erinnere, bei den Europawahlen. Auf dem Wahlplakat [...]
Als Studentenführer in Paris machte Cohn Bendit von sich reden. Auffallend waren seine langen roten Haare. Jahre später trat er für die Grünen in der BRD an, wenn ich recht erinnere, bei den Europawahlen. Auf dem Wahlplakat sollte er wohl einen seriösen Eindruck machen. Lange Haare waren out. Dementsprechend hatte er seine Haare stutzen lassen. Auf mich wirkte er unglaubwürdig. Ein Schwätzer.
sans_words 12.08.2019
5. Präziser gehts kaum
"Es muss ein wunderbares Gefühl sein, vollkommen schamlos durch die Welt zu schreiten." Präziser kann man die Gebaren von Daniel Cohn-Bendit nicht beschreiben. Wer nicht weiß, was ich meine, googelt den Namen plus [...]
"Es muss ein wunderbares Gefühl sein, vollkommen schamlos durch die Welt zu schreiten." Präziser kann man die Gebaren von Daniel Cohn-Bendit nicht beschreiben. Wer nicht weiß, was ich meine, googelt den Namen plus den Begriff "Hosenlatz". Eine der abstoßendsten politischen Gestalten und völlig ungeächtet.
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