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Politik

CSU-Aschermittwoch

Lautsprecher stumm geschaltet

CSU mal anders: Beim politischen Aschermittwoch in Passau experimentieren die Christsozialen mit Tiefgang statt Tabubruch. Und Markus Söder mit einem neuen Look.

REUTERS

CSU-Politiker Weber, Söder (v. l.)

Aus Passau berichtet
Mittwoch, 06.03.2019   16:57 Uhr

Die Politparty in der zum überdimensionalen Wirtshaus umdekorierten Passauer Dreiländerhalle beginnt mit einem Schockmoment für die Menschen an den Bierkrügen.

Als die Kapelle den Defiliermarsch anstimmt, der stets die Ankunft des bayerischen Ministerpräsidenten verkündet, da sieht es für einen kleinen Moment so aus, als marschiere nicht Amtsinhaber Markus Söder in die Halle ein. Sondern sein grüner Antipode Robert Habeck.

Denn Söder trägt an diesem politischen Aschermittwoch Dreitagebart und ein am Hals aufgeknöpftes Hemd. Habeck-Style eben. Nahezu tiefenentspannt bewegt sich der Habeck-Söder durch die Menge. Reden im Bierzelt, das hatte er ja bereits im zurückliegenden Landtagswahlkampf häufig behauptet, sei für ihn eine Entspannungsmethode.

Wer Zweifel am neuem Look des Chefs hatte, dem rief Verkehrsminister Andreas Scheuer in seiner Eröffnungsansprache noch zu: Die heutige Veranstaltung sei keine "Verlängerung von Fasching, sondern der Tag, an dem Politik gemacht wird." Nun denn.

Tatsächlich hatte sich die Partei etwas Besonderes ausgedacht. Ein Zeichen gegen Populismus wolle man setzten, so hatte es Markus Söder bereits tags zuvor angekündigt. Manfred Weber, der EVP-Spitzenkandidat für die Europawahl, CSU-Vize und zweite Hauptredner an diesem Mittwoch, sekundierte: Dieses Jahr gehe es um "echte Themen".

Heißt: Echte Themen statt verbaler Schienbeintritte, mit denen CSU-Veteran Franz Josef Strauß die Aschermittwochssause in Passau einst berühmt und berüchtigt gemacht hatte.

Ein gewagtes Experiment - das nicht so ganz aufging.

Breitbeiner Markus Söder jedenfalls hat sich im letzten halben Jahr vom Raufbold in einen sanften Riesen verwandelt. Einen Reifeprozess habe er in seiner neuen Rolle als Ministerpräsident durchlaufen, behauptet er nun stets in Interviews. Auf Ego-Shows werde er in Zukunft verzichten, stattdessen werde er "Profil mit Stil" praktizieren.

Die Wandlung zum Staatsmann ging so weit, dass Söder zur traditionellen Fastnachtsveranstaltung im fränkischen Veitshöchheim in diesem Jahr ohne Kostüm erschien. Er trug Smoking mit - ein bisschen Spaß muss sein - bunter Fliege. Für Söders Verhältnisse ist das bemerkenswert, schließlich erschien er in den Jahren zuvor als Prinzregent Luitpold, Marilyn Monroe, Shrek - oder Edmund Stoiber.

Die CSU will jünger, dynamischer, weiblicher werden

2019 soll nach dem Willen der Parteiführung das "Jahr der Erneuerung" werden. Die CSU will jünger, dynamischer, weiblicher sein. Auf der Passauer Bühne allerdings findet diese Erneuerung nicht wirklich statt. Die Hauptredner sind Männer, allein eine Passauer Stadträtin darf ein Grußwort sprechen. (Lesen Sie hier das Newsblog zu den Aschermittwochsveranstaltungen.)

EVP-Spitzenkandidat Weber setzt auf einen sehr selbstbewussten, sehr proeuropäischen Auftritt. Er habe gezeigt, dass er Europa zusammenhalten kann, ruft Weber: "Ich will, ich kann und ich werde Europäischer Kommissionspräsident". Das kommt an im Saal. Söder, früher nicht gerade ein Verbündeter Webers, wird später gar vom "Manfred-Fieber" sprechen.

Europafähnchen sind in der diesjährigen Bierbank-Dekoration omnipräsent. Die tausend weiß-blauen Lebkuchenherzen mit Webers Konterfei aus Zuckerguss, die sein Wahlkampfteam mit nach Passau gebracht hatte, sind schnell vergriffen. Und der Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber schickt einen Emissär der Jungen Union zum Stand mit Fanartikeln, um zumindest noch einen Manfred-Schal zu ergattern.

Doch so schwungvoll Weber redet, besonders viel Mut beweist er nicht. Über den umstrittenen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der wegen seiner Anti-Brüssel-Kampagnen vor dem Rauswurf aus der EVP-Parteienfamilie steht, verliert Weber kein Wort. Folglich auch kein kritisches.

Auf Lob für Emmanuel Macrons Europa-Visionen verzichtet Weber ebenfalls. Dafür kündigt er an, die EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei umgehend zu beenden, sollte er Kommissionspräsident werden. Das trägt ihm sehr starken Applaus ein.

Weber sagt, Politik müsse aus der Mitte heraus gestaltet werden "und nicht von rechten Dumpfbacken". Das geht gegen die AfD und die anderen Rechtspopulisten in Europa. Auch Söder nimmt dieses Motiv auf, positioniert sich in seiner Rede gleich zu Beginn ungewohnt deutlich gegen rechts. Den Wählern der AfD ruft er zu: "Kehrt zurück und lasst die Nazis in der Partei allein."

Foto: REUTERS

Insgesamt aber setzt Söder ganz im Sinne seines neuen Images auf für Aschermittwochsverhältnisse eher leise Töne. Er spricht über die schlechte Ausstattung der Bundeswehr ("Es ist peinlich, wenn man Ersatzteile schneller beim Schrotthändler bekommt als bei der Bundeswehr"), klagt über das "No GroKo-Genörgel" der SPD, über Trumps Steuerzölle und die Schülerproteste für mehr Klimaschutz.

Söder wirkt wie ein Boxer, der den Gegner lieber kunstvoll müde tänzelt, statt ihn mit Kinnhaken zu traktieren.

Neben der AfD nimmt er sich ausgiebig die "besserwisserischen" Grünen vor. Er wisse wohl, sagt Söder, dass er mit dem Dreitagebart im Gesicht aussehe wie Robert Habeck. Aber "so lässig wie der sind wir schon lange. Bloß wächst bei uns mehr." Da johlen sie im Saal.

Am Ende fällt der Applaus für Söder dennoch ein bisschen geringer aus als für Manfred Weber. Die Menschen stehen auf den Bierbänken und rufen "Manfred, Manfred". Trost für Söder: Die vielleicht längste Menschenschlange des Tages gibt es nicht am Bierausschank und auch nicht vor den Herrentoiletten.

Sondern vor einem Selfie-Automaten, in dem sich die Aschermittwochs-Besucher auf ein Bild mit Markus Söder photoshoppen lassen können.

insgesamt 32 Beiträge
claus7447 06.03.2019
1. CSU Stammtisch halt
Es ist immer lustig diese Bierzelt Politik, insbesondere der CSU anzuhören. Die blasen sich derart auf, da könnte man schon der Ansicht sein, die CSU hat 51% der wählerstimmen in Deutschland. Söder macht sich ja einen [...]
Es ist immer lustig diese Bierzelt Politik, insbesondere der CSU anzuhören. Die blasen sich derart auf, da könnte man schon der Ansicht sein, die CSU hat 51% der wählerstimmen in Deutschland. Söder macht sich ja einen schlanken Fuß und will mit Berlin eigentlich nichts zu tun haben. Der Ober-D...p Scheuer darf auch auftreten und Orban-Frager Weber schweigt sich aus. Null Profil, ja nicht mal kritisch hinterfragen ob die EVP Kollegen in Ungarn eigentlich noch sauber sind! Aber so san's halt. Nur Hund san's nicht!
mtec. 06.03.2019
2. Genießen wir mit der CSU die letzte große Feier
Wer die Demokratie so mit Füßen tritt wie die CSU sich undemokratisch verhält wie in der europäischen Fraktion und sich gegen Orban stellt einem einstigen Freund der CSU wird wohl nicht mehr viel zu feiern haben nach der [...]
Wer die Demokratie so mit Füßen tritt wie die CSU sich undemokratisch verhält wie in der europäischen Fraktion und sich gegen Orban stellt einem einstigen Freund der CSU wird wohl nicht mehr viel zu feiern haben nach der Europawahl. Es ist Zeit dass der Wähler denen endlich mal eine Klatsche gibt und klar macht diese Lügerei der Politiker möchten wir nicht länger haben! Ich denke es ist an der Zeit auch nach so vielen Seehofers Mahnungen in Richtung Frau Merkel mit der Einwanderungspolitik dass der Bürger Konsequenz zeigt bei der Europawahl und diese Bande der etablierten Parteien endlich ab
Karsten Kriwat 06.03.2019
3. Kurswechsel der CSU?
Komisch, dass die CSU jetzt plötzlich auf einen Pro-EU-Kurs umschaltet. Unter Gauweiler klang dies doch noch anders. Nur, weil der CSU-Spitzenkandidat Manfred Weber Kommissionspräsident der EU werden kann? Ich halte diesen Kurs [...]
Komisch, dass die CSU jetzt plötzlich auf einen Pro-EU-Kurs umschaltet. Unter Gauweiler klang dies doch noch anders. Nur, weil der CSU-Spitzenkandidat Manfred Weber Kommissionspräsident der EU werden kann? Ich halte diesen Kurs gegen "Nationalisten und Rechtspopulisten" der CSU für eher unglaubwürdig. Die CSU-Basis wird davon auch kaum begeistert sein. Profitieren werden bei der Europawahl wohl eher AfD und NPD...
jkbremen 06.03.2019
4. @mtec
Was fürn Blödsinn hier manche reden. Sie wollen im Ernst einen der größten Industriestaaten der Erde von den Krawallbrüdern der AFD regieren lassen? Glauben Sie im Ernst, dass unsere Wirtschaft die dann massive Abwendung [...]
Was fürn Blödsinn hier manche reden. Sie wollen im Ernst einen der größten Industriestaaten der Erde von den Krawallbrüdern der AFD regieren lassen? Glauben Sie im Ernst, dass unsere Wirtschaft die dann massive Abwendung vieler Staaten und Unternehmen von Deutschland unbeschadet übersteht? Wollen Sie Ihren Arbeitsplatz dafür opfern dass die braunen Gesellen regieren dürfen? Ich nicht! Söder hat Recht: Vernunft ist angesagt und Kopf einschalten in der Wahlkabine.
cougar60 06.03.2019
5. A ha Söder versucht es im Hinblick
auf die Europawahl mit einer neuen Masche, um Wähler für die CSU einzufangen. Nach den herben Verlusten bei der Landtagswahl hat er wohl einsehen müßen. Das es der CSU nichts einbringt, wenn sie versucht die AfD mit rechten [...]
auf die Europawahl mit einer neuen Masche, um Wähler für die CSU einzufangen. Nach den herben Verlusten bei der Landtagswahl hat er wohl einsehen müßen. Das es der CSU nichts einbringt, wenn sie versucht die AfD mit rechten Parolen überholen zu wollen. Was die Braunen betrifft, sollte Söder den Mund nicht so weit aufreissen. Denn wieviele überzeugte Ex-NSDAPler werden nch dem verlorenen Krieg wohl eine neue politische Heimat in CDU und CSU gefunden haben. Das dürften wohl Tausende gewesen sein, erwähnen möchte ich beispielsweise den verstorbenen Ex-Mp von Baden Württemberg namens Filbinger.

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