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Politik

Neuer Liberalismus

Burnout in der Generation Guido

Leistungsbereit, marktorientiert, fortschrittsgläubig - eine Generation wie Guido Westerwelle. Lange spiegelte dessen FDP die Wünsche und Ziele vieler heute 30-Jähriger wieder. Jetzt erleben sie ihr erstes Burnout-Syndrom und die Liberalen ihr blaues Wunder.

Von Franz Walter
Sonntag, 10.06.2007   17:24 Uhr

Vor einigen Jahren machte für eine Weile die Metapher von der "Generation Guido" die Runde durch die Medienlandschaft. Das war vor den horriblen Eskapaden des Jürgen W. Möllemann, auch vor der Pleite mit dem lustigen Guidomobil im schwerblütigen Hochwasserwahlkampf 2002. Die schöne Zeit der "Generation Guido" lag im Jahr 2000, als die CDU traurig in der Geldkofferdepression und die New Economy noch euphorisch im Höhenrausch lag.

Schon in den Jahren zuvor hatte ihr Patron – eben Guido Westerwelle – zwar mit imposanter Hartnäckigkeit für sich die Rolle des Protagonisten einer neuen Generation reklamiert. Aber er blieb zunächst lange ein seltsamer, da einsamer Prophet ohne Anhänger. In seiner Generation – Westerwelle gehört dem Geburtsjahrgang 1961 an – schnitten und schneiden die Freien Demokraten weit überproportional schlecht ab, die Hauptgegner Westerwelles, die Grünen, hingegen außergewöhnlich gut.

Und doch lag Westerwelle mit seiner Wahrnehmung nicht rundum falsch. Die Anführer neuer politischer Generationen entstammen schließlich in aller historischen Regel niemals eben dieser Generation, sondern zumeist der vorangegangenen Kohorte.

Jedenfalls antizipierte Westerwelle unzweifelhaft früh, schon als Jugendlicher in den noch eher ökopazifistisch durchdrungenen frühen achtziger Jahren, dass sich der kulturelle Wind in der Republik drehen würde. Eben dies geschah in den ersten Jahren der langen Ära Kohl. Der zuvor so prägungsmächtige 68er Mainstream versiegte allmählich.

Dinks und Yuppies konnten mit Mao und Marx nichts anfangen

Vorbei ging es mit Hippielook, der "Peter, Paul und Mary"-Musik, dem Kult um die Sonnenblume, mit Mao, Marx und Marcuse. Die neuen Kohorten lasen "Tempo" und "Wiener" statt "Konkret" oder "Berliner Extradienst", kleideten sich chic statt schmuddelig. Steffi Graf und Boris Becker waren kongeniale Helden und Idole. Für die neuen Jahrgänge bürgerten sich im Laufe der Achtziger und Neunziger allerhand Kollektivbegriffe ein; zunächst sprach man von "Yuppies", dann kamen die Bezeichnungen "Dinks", "Dotcoms" und "Yetties" auf. In Deutschland wurde Florian Illies' Metapher "Generation Golf" so populär wie umstritten. Auch von "Ichlingen" war die Rede.

Derlei Sprachgirlanden haben viel Spott hervorgerufen. Die Generationenlampions galten als rein spekulativ, modisch, als Konstrukte originalitätsheischender Feuilletonschreiber. Doch selbst die stocknüchternen quantifizierenden Wahl- und Werteforscher stellten nach penibler Auswertung langer Datenreihen und wohl auch zur eigenen Verblüffung fest, dass sich die Orientierungen und das Wahlverhalten der Jahrgänge 1966 bis 1977 – eben derjenigen, die man fortan der "Generation Guido/Golf" zuordnete – von der sogenannten postmaterialistischen Vorgängergeneration ziemlich fundamental unterschieden.

Kurzum: Die "Generation Guido/Golf" himmelte nicht mehr Lafontaine, Schröder und Fischer an; sie schlug sich stattdessen mehrheitlich in das bürgerliche Lager von Union und FDP. Insbesondere die Freien Demokraten profitierten von dieser Gruppe. Und allen voran Guido Westerwelle konnte sich nach etlichen Jahren schlimmer freidemokratischer Niederlagen in Ländern und Kommunen, nach Legionen von hämischen Kommentaren schlussendlich als Mann im Recht fühlen, was er bekanntermaßen auch weidlich, mitunter reichlich enervierend kundtat.

insgesamt 11 Beiträge
Nostro 10.06.2007
1. Guido's Abstieg
Dieser Artikel behauptet, dass die FTP immer nur die Generation Golf als Klientel hatte. Und das die Waehler wegbleiben, weil die Golffahrer jetzt Mercedes fahren. Gleichzeitig wird die FDP als radikalindividualistisch [...]
Dieser Artikel behauptet, dass die FTP immer nur die Generation Golf als Klientel hatte. Und das die Waehler wegbleiben, weil die Golffahrer jetzt Mercedes fahren. Gleichzeitig wird die FDP als radikalindividualistisch gekennzeichnet. Ich glaube, das geht ziehmlich weit an den wahren Gruenden vorbei. Zunaechst muss man festhalten, dass die FTP gar keine liberale Partei ist, sondern vielmehr eine Partei, die ganz gezielt Lobbyarbeit fuer ein bestimmtes Klientel macht. Das sind keine Radikalindividualisten, sondern Handwerksmeister, Juristen und Aerzte. Am deutlichsten wird es aber beim Kampf fuer private Krankenkassen. Ist es liberal, dass der Versicherte ein Mindeseinkommen vorweisen muss, damit er in die private Kasse einsteigen kann? Ist 'sonst gehen die privaten Krankenkassen kaputt und Arbeitsplaetze verloren' liberal? Bloedsinn, wenn man sich fuer ein freies System entscheidet, soll jeder Zugang bekommen koennen. Wenn man nicht konkurrenzfaehig ist, hat man keine Existenzberechtigung und wenn man sich fuer ein Solidarsystem entscheidet, hat auch jeder daran zu partizipieren, basta. Die FDP kann man einfach nicht ernst nehmen, dass ist wohl ihr groesstes Problem. Ich haette gerne eine wirklich liberale Wahlalternative. Die Kommentare vom Chefsozialisten Beck sprengen mal wieder alles und klingen stark nach Oskar Lafontaine. Ich glaube, der wuenscht sich die DDR als Staatsentwurf.
mboettcher 10.06.2007
2. Werbung?
Liegt das Buch von Walter immer noch wie Blei im Regal? Will es - trotz massiver Werbung durch den Spiegel - einfach nicht in der Bestseller-Liste auftauchen? Dann seht doch endlich ein: es interessiert sich niemand für das [...]
Liegt das Buch von Walter immer noch wie Blei im Regal? Will es - trotz massiver Werbung durch den Spiegel - einfach nicht in der Bestseller-Liste auftauchen? Dann seht doch endlich ein: es interessiert sich niemand für das Geblubber von Walter. Gebt das Buch ins Papier-Recycling, und gut ist. M. Boettcher
still alive 10.06.2007
3. Diffuser Artikel, mangelhafte Analyse!!
Jetzt habe ich doch meine wertvolle Zeit tatsächlich für einen Artikel voller Spekulationen und haltloser Behauptungen vergeudet. Was haben Autor und Spiegel vor? Guido in die Rente zu schicken? Das geht auch sachlicher. Aber [...]
Jetzt habe ich doch meine wertvolle Zeit tatsächlich für einen Artikel voller Spekulationen und haltloser Behauptungen vergeudet. Was haben Autor und Spiegel vor? Guido in die Rente zu schicken? Das geht auch sachlicher. Aber nicht vergessen: Wann seine Zeit vorbei ist, entscheiden immer noch Parteifreunde und Wähler. MfG, ein Golffahrer, der noch nie auf die Idee kam gelb zu wählen.
andrku 10.06.2007
4. Ich kann das Gemeckere...
...von euch nicht nachvollziehen, auch wenn ich nie Radikalindividualist war und nie Golf fuhr, kann ich mich beschämenderweise teilweise wiedererkennen und auch einige Charaktere aus meiner näheren Altersgruppe. Ja ich [...]
...von euch nicht nachvollziehen, auch wenn ich nie Radikalindividualist war und nie Golf fuhr, kann ich mich beschämenderweise teilweise wiedererkennen und auch einige Charaktere aus meiner näheren Altersgruppe. Ja ich habe mal FDP gewählt (und schon am nächsten Tag bereut, heute gehe ich gar nicht mehr wählen). Allerdings hätten einige fundierte empirische Daten dem Artikel nicht geschadet, kommt er doch letztlich selbst nicht über Vermutungen hinaus. Imho sind die ganzen neoliberalen Konzepte im Großen und Ganzen gescheitert, auch wenn es mal einen Punkt gab, wo sie mir vollkommen einleuchtend schienen. Man lernt halt dazu und wird älter, außerdem hat sich seit den 90-igern das Internet und die damit verbundene Diskussions- und Nachrichtenkultur weiterentwickelt. Man fällt nicht mehr auf jeden Schmonzes rein, den ein Magazin schreibt/verdreht. AKu
Hartmut Dresia 11.06.2007
5. Die FDP und der Wettbewerb
Franz Walters "Träume von Jamaika" werden Träume bleiben; selbst wenn die Grünen wollten, sie können nicht, der kulturelle Graben zu Union und FDP ist zu tief. Die FDP stellt sich dem zentralen Thema nicht. [...]
Zitat von sysopLeistungsbereit, marktorientiert, fortschrittsgläubig - eine Generation wie Guido Westerwelle. Lange spiegelte dessen FDP die Wünsche und Ziele vieler heute 30-Jähriger wieder. Jetzt erleben sie ihr erstes Burnout-Syndrom und die Liberalen ihr blaues Wunder. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,487710,00.html
Franz Walters "Träume von Jamaika" werden Träume bleiben; selbst wenn die Grünen wollten, sie können nicht, der kulturelle Graben zu Union und FDP ist zu tief. Die FDP stellt sich dem zentralen Thema nicht. Wettbewerb in der Kulturgesellschaft - Freiheit und Solidarität statt Kapitalismus (http://www.magazin.institut1.de/677_Sprache_Doping_und_Dumping_bedrohen_Freiheit_und_Solidaritaet.html) steht zur Diskussion an. Liberalismus ohne Solidarität ist ein Auslaufmodell. Auch die CDU scheint sich auf momentanen Umfrageerfolgen auszuruhen. Wie die FDP ignoriert sie, dass es zuletzt im letzten Jahrtausend eine Mehrheit jenseits von SPD/Grüne/Linke gab.
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