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Politik

Queere Pflege

Ganz besonders, ganz normal

Die Regierung ringt mit dem generellen Pflegenotstand, doch die Herausforderung ist komplexer. Das zeigt ein für LSBTI-sensible Pflege ausgezeichnetes Heim in Berlin. Ein Besuch bei Menschen, für die Normalität besonders ist.

DPA

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Sonntag, 10.02.2019   12:53 Uhr

Als Eva Bornemann vor einem Jahr ins Pflegeheim zog, trug sie ein T-Shirt, auf dem ihre sexuelle Orientierung zu lesen war. "Lesbian" stand dort. Sie wollte damit die anderen älteren Menschen provozieren. Menschen, die vielleicht noch nicht so viele Lesben gesehen hatten. Denen der offene Umgang mit Sexualität Angst machte. Die vielleicht eine schlechte Meinung von Homosexuellen hatten. Mehrere Tage trug Bornemann das T-Shirt, erzählt sie. Niemand habe sie darauf angesprochen.

An diesem Tag im Januar steht nicht "Lesbian" auf Bornemanns T-Shirt, sondern "SAFIA". Das ist eine Organisation für lesbische Frauen ab 40, die ihr Alter gestalten wollen. Bornemann war dort lange aktiv, als ihre sexuelle Orientierung noch nicht akzeptiert war. Seit sie nicht mehr so gut hört und sieht, ist das schwieriger geworden.

Die 92-Jährige wohnt seit einem Jahr im "Immanuel Seniorenzentrum" in Berlin-Schöneberg, dem Pflegeheim, das als erstes in Deutschland für seine LSBTI-sensible Pflege mit dem Zertifikat "Lebensort Vielfalt" ausgezeichnet wurde. Sie ist eine von derzeit 62 Pflegebedürftigen und eine der drei Bewohner, die im Heim schwul oder lesbisch sind.

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Eva Bornemann, 92.

Bornemann sitzt auf der Kante ihres Bettes im dritten Stock des Pflegeheims, auf dem kleinen Tisch am Fenster steht das Bild von Helga, neben einer Porzellankatze. 25 Jahre waren die beiden ein Paar. Seit drei Jahren ist Helga tot und Eva allein.

Man behandle sie hier im Pflegeheim ganz normal, sagt Bornemann. Wer noch erlebt hat, dass Homosexualität unter Strafe steht, dem kann Normalität besonders vorkommen. Bei Eva Bornemann ist das so.

Hintergrund LSBTI

LSBTI ist die deutsche Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle. Die Buchstabenkombination bezeichnet die Idee von einer solidarischen Bewegung marginalisierter geschlechtlicher und sexueller Identitäten. Auf Englisch wird oft die Abkürzung LGBTIQ verwendet. Sie existiert im englischsprachigen Raum bereits seit den 1990er Jahren.

Aber was ist in Deutschland eigentlich Normalität im Umgang mit queeren Menschen? Und mit älteren? Nach Schätzungen des niedersächsischen Sozialministeriums sind etwa 1,8 Millionen queere Menschen heute älter als 60 Jahre. Diese Menschen werden in den nächsten Jahren pflegebedürftig werden. Wenn alles "ganz normal" ist: Braucht es dann überhaupt Qualitätsstandards für den Umgang mit ihnen? Und ein Zertifikat?

Eine restlose Gleichstellung zwischen homo- und heterosexuellen Partnerschaften gibt es jedenfalls nicht, an manchen Orten in Deutschland kann man sich von der Homosexualität immer noch "heilen" lassen. Die Pflege alter Menschen wird immer noch aus der Mitte der Gesellschaft verbannt. Eine lesbische 92-Jährige wie Frau Bornemann ist deshalb in doppeltem Sinne auf das Wohlwollen ihrer Umgebung angewiesen.

Im Pflegeheim in Schöneberg treffen die Konflikte aufeinander, für die die Politik noch keine ausreichenden Lösungen gefunden hat: Wie geht die Gesellschaft in Deutschland mit alten Menschen um? Wie mit Minderheiten? Und wie lässt sich ein fairer Umgang mit Pflegebedürftigen überhaupt finanzieren? Wie lässt sich die Arbeit stemmen bei 40.000 unbesetzten Stellen in der Pflege?

Das Gesundheitsministerium versucht gerade ein paar dieser Fragen zu beantworten: Mit der "Konzertierten Aktion Pflege"wollen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Familienministerin Franziska Giffey (SPD) und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) den Pflegeberuf attraktiver machen.

Pflegeheimleiter: "Normalität braucht viele Zwischenschritte"

Im Immanuel Seniorenzentrum in Berlin-Schöneberg scheint das nicht mehr nötig zu sein. Heimleiter Ralf Schäfer führt gern herum. Er spricht mit den Bewohnern, hebt gelegentlich etwas vom Boden auf, das eine Pflegekraft noch nicht gesehen hat, wirft eine Windel in einen Eimer, streicht einem Bewohner über den Rücken. Seitdem das Heim im November 2018 das Qualitätssiegel "Lebensort Vielfalt" erhalten hat, ist es zum Vorzeigeort geworden: Hier gibt es keinen Mangel an Pflegekräften, keinen Pflegenotstand, keinen Skandal. Eigentlich dürfte es so ein Siegel trotzdem nicht mehr geben, findet Schäfer, "aber Normalität braucht eben viele Zwischenschritte".

Die Berliner Schwulenberatung hat das Siegel im vergangenen Jahr entwickelt und will damit einen besonders fairen Umgang mit queeren Menschen fördern. Finanziert wird das vom Bundesfamilienministerium. Bislang kommen noch nicht viele Pflegeheime für das Siegel in Frage. Es ist auch eine Frage von Zeit, ob eine Pflegekraft auf individuelle Bedürfnisse eingehen kann.

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Ralf Schäfer, Leiter des Immanuel Seniorenzentrums

In Schäfers Heim klappt das, sagt er, weil er versucht, die Pflegekräfte weniger mit Bürokratie aufzuhalten: Sie müssen etwa nicht alle Routinevorgänge schriftlich dokumentieren. Es klappt, weil eine Dauermedikation durch eine Vertragsapotheke erfolgt. Weil die Pflegekräfte nicht auch noch putzen müssen, oder Essen kochen. All das klingt einfach - sorgt in vielen Heimen umgekehrt aber für Überlastung.

Es klappt vielleicht auch, weil sich die Pflegekräfte wohl fühlen bei der Arbeit, weil sie einen Tariflohn bezahlt bekommen, weil der Eigenanteil der Pflegebedürftigen etwas höher liegt als der Durchschnitt, bei 2132 Euro.

Auf einer Postkarte steht: "Alte Lesben sind eine Bereicherung"

Am Ende des Flurs im dritten Stock hilft eine Pflegekraft mit Kopftuch einer Frau beim Essen. Im Schrank dahinter liegen Ausgaben des lesbischen Magazins "L-Mag" gestapelt, daneben eine DVD mit dem Titel "Tunten lügen nicht" und eine Postkarte: "Alte Lesben sind eine Bereicherung".

Das Haus tut alles dafür, als vielfältig wahrgenommen zu werden: Mitarbeiter mit acht Nationalitäten arbeiten hier, einige von ihnen sind schwul oder lesbisch. Auch einen Transgender-Mitarbeiter gab es bereits.

Mit dem neuen Siegel sollen es noch mehr werden. Dazu hat zunächst der Berliner Senat Schulungen zu geschlechtlicher Identität finanziert. Inzwischen organisiert das Heim diese zweimal im Jahr selbst. Es wirbt in queeren Magazinen um Mitarbeiter und Pflegebedürftige, ist jedes Jahr auf dem schwul-lesbischen Stadtfest präsent und inzwischen in der queeren Szene Schönebergs bekannt.

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In die Fenster haben Bewohner mit Pflegern Regenbogen gemalt. Einen in jedem Stockwerk. Die Berliner Schwulenberatung, die das Siegel kreiert hat, wollte eine deutlichere Präsenz von Symbolen. Seitdem fahren im Aufzug drei Personen hoch und runter: Auf dem Schild sind ein Mann, eine Frau und eine Person mit Sternchen zu sehen. Am Stationsschild steht Bewohner*innen, statt Bewohner, an den Toiletten schlicht: WC.

Offenheit für Sexualität im Alter

Die Pflegebedürftigen sollen sich ermuntert fühlen, über Vorlieben zu sprechen, ohne Scheu. Das gilt auch für heterosexuelle Bewohner, die gern bestimmte erotische Filme ansehen wollen. Es gibt Filmabende mit dem Drama " Brokeback Mountain" über eine Liebe zwischen zwei Cowboys und "Wenn der Postmann zweimal klingelt".

"Sexualität im Alter drückt sich eher in Berührung aus", sagt Heimleiter Schäfer. Sie habe deshalb auch mit der Pflege zu tun, weil auch die etwas sehr intimes sei. "Wir arbeiten in der Pflege biografisch. Wir müssen wissen, was Stärken und Schwächen der Menschen in der Vergangenheit waren. Was ihre Vorlieben sind. Die geschlechtliche und sexuelle Identität ist Teil dieser Biografie!" Doch in vielen Pflegeheimen sei Sexualität allgemein immer noch ein Tabuthema.

Hier versuchen die Pfleger für alles offen zu sein. Das erzählt auch Pfleger Niels O., der seit fast zehn Jahren hier arbeitet. Er fragt Patienten bei der Aufnahme: "Wie möchten Sie angesprochen werden?" Das sei nicht viel anders als die Fragen danach, wie die Patienten versorgt werden möchten und was sie brauchen oder ob sie von einem Mann oder einer Frau gepflegt werden wollen. Mit den Jahren seien die Pflegebedürftigen offener geworden. Das liege zum Teil am Generationenwechsel, sagt Niels O., aber auch daran, dass sie sich hier so zeigen könnten, wie sie sind.

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Pfleger Niels O. im Immanuel Seniorenzentrum Berlin.

Am liebsten erzählt der 44-Jährige von Herrn L.: "Herr L. war schwul, hatte HIV und ein Faible für Lack, Leder und Gummi". In der Nacht wollte er deshalb über seiner Windel ein Gummihöschen tragen. Das wurde ihm dann auch angezogen. Auch Niels O. geht offen mit seiner sexuellen Orientierung um: "Ich bin schwul". Mit manchen Kollegen rede er darüber, mit anderen nicht. Er wisse aber: Es sei ok.

Viele Menschen verstecken ihre sexuelle Identität

"Es gibt immer noch Menschen, die ihre geschlechtliche oder sexuelle Identität bei der Arbeit verstecken müssen", sagt Ralf Schäfer. "Da geht ein großer Teil der Arbeitskraft verloren, zeigen Studien." Der Heimleiter sieht das auch pragmatisch.

Denn der Konkurrenzkampf um Fachkräfte ist in der Pflegebranche groß. Wenn man nicht mehr zahlen kann als den Tariflohn - und selbst der ist nicht verpflichtend -, dann muss man den Arbeitsort attraktiv machen. Das Siegel helfe dabei - Schäfer hat alle seine Stellen besetzt, niedrige Krankenstände und er bekommt immer mehr Anfragen aus der LSBTI-Community. In einer Branche, die um Arbeitskräfte kämpft, ist das etwas Besonderes.

*Anmerkung der Redaktion. In einer früheren Version des Textes hieß es, das Immanuel Seniorenzentrum sei als erstes Pflegeheim in Deutschland für seine LSBTI-sensible Pflege ausgezeichnet worden. Korrekt muss es heißen: Es wurde als erstes in Deutschland mit dem Siegel "Lebensort Vielfalt" ausgezeichnet. Zwei weitere Pflegeeinrichtungen hatten zuvor bereits ein vergleichbares Siegel erhalten: den Regenbogenschlüssel. Wir haben den Text entsprechend angepasst.

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