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Politik

Robert Habeck

Deutschlands grüne Nervensäge

Niemand verkörpert den Politiker als Emotionalienhändler besser als der Vorsitzende der Grünen. Keine Plattitüde, die bei ihm nicht zu Gold wird. Alle finden ihn toll. Was ist sein Geheimnis?

imago/ Future Image

Robert Habeck

Eine Kolumne von
Donnerstag, 17.01.2019   15:14 Uhr

Erinnern Sie sich noch an Björn Engholm? Den ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein und Herausgeber von Büchern mit Titeln wie "Die Zukunft der Freizeit"?

Der zwischenzeitlich zum Kanzlerkandidaten avancierte Diplompolitologe, dessen Reden immer so klangen, als habe sie Herman van Veen geschrieben, berief sich gern auf die "sensiblen Potenziale" im Lande. Den von ihm fälschlicherweise Lessing statt Fontane zugeschrieben Satz, man solle mit dem Herzen denken und dem Kopfe fühlen, verstand er nicht als Selbstbezichtigung, sondern als Kompliment.

Habeck stellt selbst Claudia Roth in den Schatten

Engholm ist zurück und damit auch die Indienstnahme des Kopfes zu Gefühlszwecken. Engholm heißt jetzt Robert Habeck. Kein Politiker versteht es besser, seine Auftritte so klingen zu lassen, als habe er gerade etwas furchtbar Bedeutendes gesagt, auch wenn man beim Nachlesen erkennt, dass es vor allem Wohlklingendes war. Das Publikum liegt ihm trotzdem zu Füßen, insbesondere das journalistische.

Ich hatte mir vorgenommen, zu Habeck zu schweigen. Ich habe stoisch seinen Twitter-Abschied hingenommen und die anschließende Befassung aller mir zugänglichen Medien mit diesem Ereignis. Ich habe seine Selbsterklärung ignoriert, wie das Böse beinahe von ihm Besitz ergriffen hätte, weshalb er nun den sozialen Medien entsage, und tapfer zur Kenntnis genommen, dass er im Jahr 2018 der meisteingeladene Politiker in deutschen Talkshows war.

Am Wochenende präsentierte mir dann die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" den Bundesvorsitzenden der Grünen auf einer ganzen Seite im Gespräch zur Frage, warum er lieber ein gutes Buch schreibe, als seine Zeit im Netz zu verbringen. Das war zu viel. Ein Blick auf ein Habeck-Interview funktioniert bei mir wie bei ihm ein Blick auf die Kommentar-Apps im Handy: Es triggert die Affekte.

Ich hielt Claudia Roth ("Wie soll ich Sozialpolitik machen, wenn ich nichts empfinde?") für eine Heimsuchung oder Katrin Göring-Eckardt, die Frau, die mit den Bienen spricht. Habeck stellt alle in den Schatten. Niemand verkörpert den Politiker als Emotionalienhändler überzeugender als der Mann von der Küste. Keine Binse, die bei ihm nicht zu medialem Gold wird, kein Stein, der nicht durch das weiche Wasser seine Rede in Stücke bricht.

Ganz direkt im Ich und Du

Was antwortet der Parteichef der Grünen auf die Frage, was ihn antreibe? "Wofür ich eine Leidenschaft habe, ist, vernünftige Interviews zu geben, Blogbeiträge zu schreiben, die nicht nur das Parteiprogramm wiederholen, auch mal ein Buch zu schreiben, wenn ich die Kraft und Zeit habe, und eben ganz direkt: die Debatte, wenn man dem Gegenüber in die Augen schauen kann." Die meisten Politiker sind froh, wenn sie dem Wähler hin und wieder die Hand schütteln können. Habeck begegnet ihm zwischen Interview und Buch auf Augenhöhe, ganz direkt im Ich und Du. Darunter macht er es nicht.

Wo lernt man so zu reden? Da reichen nicht mal zwölf Jahre Waldorf plus Montessori, und dabei war Habeck noch nicht mal auf einer Waldorfschule. Antwort in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", was ihn am meisten an Twitter gestört hat: "Das Ausgewogene, das Nachdenkliche, das aufeinander Bezogene hat da keinen Raum." Frage der Redakteure, ob er jetzt auch auf Talkshows verzichte? "Nein, da würde ich mir allerdings wünschen, dass es mehr um Sachthemen ginge."

Klar, hätte man sich denken können: Wenn es jemanden gibt, der die Oberflächlichkeit verabscheut, dann Dr. Robert Habeck. Deshalb dürfen sie in den Talkshow-Redaktionen auch dankbar sein, dass er ihre Sendungen aus der Seichtheit und Vorhersehbarkeit des politischen Kleinkleins heraushebt.

Kein dunkler Gedanke

Habecks einzige Schwäche ist, wenn man so will, die Abwesenheit jedes dunklen Gedankens. In den Zeitungen stand seine Twitter-Abkehr als Geschichte eines Mannes, der vom Bösen in Versuchung geführt wurde. Aber das ist ein Missverständnis. Habeck hat keinen schwarzen Kern, den man zum Vorschein bringen könnte. Das Böseste, zu dem er in der Lage ist, sind ein paar unglückliche Formulierungen, die andere als beleidigend empfinden könnten.

Einmal hat er den Witz gerissen, dass Bayern nach dem Ende der Alleinherrschaft der CSU zur Demokratie zurückkehren werde. Das andere Mal hat er den Thüringern gewünscht, dass sie ein bisschen weltoffener würden - nicht schön im Wahlkampf. Aber andererseits ziemlich genau das, was die Mehrheit seiner Anhänger denkt.

No big deal, würde ich sagen. Aber so kann man die Dinge nicht sehen, wenn man sich dem Nachdenklichen und aufeinander Bezogenen verpflichtet fühlt. Da müssen "radikale Konsequenzen" her. Nicht auszudenken, was passierte, wenn Habeck am Steuer eines Porsche erwischt würde. Oder, Gott möge es verhüten, bei einem Vorurteil gegenüber Fremden. Die Zeitungen müssten Sonderbeilagen drucken, um seiner Selbstanklage Platz zu verschaffen.

Was mich an Habeck am meisten fasziniert, ist das Wohlwollen großer Teile des medialen Betriebs. Es heißt immer, der Journalismus sei der Beruf von Leuten, denen man nichts recht machen könne. Selbst über Mutter Teresa findet sich Abträgliches. Den Mann aus dem Norden finden alle im Prinzip toll. Habeck schafft es sogar, seine Mitvorsitzende blass aussehen zu lassen, ohne dass ihm das jemand übelnimmt.

Es ist wahrscheinlich nur ein böses Vorurteil, dass Journalisten alle Skeptiker und Zyniker sind. Auch wir Journalisten sehnen uns, tief im Innern, nach Liebe und Geborgenheit. Oder, um mit Robert Habeck zu sprechen: der Debatte, bei der man dem anderen in die Augen schauen kann.

Im Video: DER SPIEGEL Live von der Frankfurter Buchmesse mit Robert Habeck

Foto: DER SPIEGEL
insgesamt 323 Beiträge
Olaf 17.01.2019
1.
Ja, der Umgang der Medien mir Habecks Rückzug aus Twitter hat mich auch überrascht. Man stelle sich vor, Horst Seehofer wäre so ein fauxpaus passiert. Welche Mengen an Spott und die Häme über ihn ausgeschüttet worden wäre. [...]
Ja, der Umgang der Medien mir Habecks Rückzug aus Twitter hat mich auch überrascht. Man stelle sich vor, Horst Seehofer wäre so ein fauxpaus passiert. Welche Mengen an Spott und die Häme über ihn ausgeschüttet worden wäre. Aber, wenn ich so darüber nachdenke, eigentlich hat mich der Umgang der Medien mit der grünen Hoffnung doch nicht überrascht. Leider.
lady_amanda 17.01.2019
2. Äh.
Hatten Sie heute Nachmittag kurz Zeit, Herr Fleischhauer,und dachten sich, schreibe ich dochmal was was zu Habeck? Ich verstehe die Motivation dieses Artikels nicht wirklich. Selten etwas inhaltsloseres gelesen. Oder ist es [...]
Hatten Sie heute Nachmittag kurz Zeit, Herr Fleischhauer,und dachten sich, schreibe ich dochmal was was zu Habeck? Ich verstehe die Motivation dieses Artikels nicht wirklich. Selten etwas inhaltsloseres gelesen. Oder ist es einfach, Neid?
dendro 17.01.2019
3. Alle richtig gemacht
Wenn Fleischhauer hier Gift und Galle spuckt, dann hat der Habeck offenbar alles richtig gemacht.
Wenn Fleischhauer hier Gift und Galle spuckt, dann hat der Habeck offenbar alles richtig gemacht.
Quercus pubescens 17.01.2019
4. Alle finden ihn toll?
na dann ist ja gut. Ich halte ihn für einen substanzlosen und völlig realitätsfernen Schwätzer. Er ist ein Rattenfänger, der viele Versprechungen macht, von denen er nicht eine einzige realisieren könnte. Aber der deutsche [...]
na dann ist ja gut. Ich halte ihn für einen substanzlosen und völlig realitätsfernen Schwätzer. Er ist ein Rattenfänger, der viele Versprechungen macht, von denen er nicht eine einzige realisieren könnte. Aber der deutsche Michel hat ja auch naiv wie üblich die Formel "Wir schaffen das" geglaubt und wacht jetzt langsam auf.
Darwins Affe 17.01.2019
5. Volkstribun
Endlich habt ihr in Deutschland jetzt euren Volkstribun. Manchmal erinnert Habeck sogar etwas an Beppe Grillo. Nach einer Phlegmatikerin wäre ein Komiker als Kanzler schon mal eine Abwechlung.
Endlich habt ihr in Deutschland jetzt euren Volkstribun. Manchmal erinnert Habeck sogar etwas an Beppe Grillo. Nach einer Phlegmatikerin wäre ein Komiker als Kanzler schon mal eine Abwechlung.
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