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Politik

Habecks Höhenflug

Heute ein König

Die Grünen sind in den Umfragen obenauf, vor allem Parteichef Robert Habeck begeistert alte und neue Anhänger. Bloß nicht abheben, heißt die Devise. Und das ist gar nicht so leicht.

Robert Michael/DPA

Grünen-Chef Robert Habeck: Im Moment geht bei den Grünen nichts schief.

Von
Montag, 22.04.2019   10:49 Uhr

Robert Habeck muss jetzt Silber gießen. Er steht in einer Goldschmiede in Winsen an der Luhe, es ist ein Dienstagmittag im April. "Haben Sie zwei Minuten?" Mit diesen Worten hat Henning Fast, der Goldschmied, den Grünenchef beim Rundgang durch die Innenstadt abgefangen. "Ich hab auch fünf", sagt Habeck. "Zwei reichen", sagt Fast und zieht Habeck in sein Geschäft, vorbei an der Kasse, die Treppe hoch in die Schmiede.

Die Werkbänke sind aus Holz, zwei Frauen arbeiten daran. Auf den Tischen stapeln sich die Utensilien. Eine Werkstatt wie aus dem Märchenbuch. "Echt geil", sagt Habeck.

Fast drückt ihm den Lötkolben in die Hand, Habeck soll das Silber schmelzen, das in einer Kuhle aus Metall auf der Werkbank liegt. Ein bisschen Borax hinein, es pufft und zischt, Habeck hat jetzt Boraxflöckchen am zerknitterten Jackett, aber das Silber bleibt hart.

"Ich merke, Sie sind ehrgeizig", sagt Fast. "Ich bin nicht ehrgeizig", sagt Habeck.

Dann färbt sich die Flamme grün, das Silber wird flüssig. Habeck gießt es in einen Stift, schnell, schnell, bevor es wieder starr wird. Es ist noch nicht ganz drin, da ist es auch schon abgekühlt. Der Goldschmied ist stolz: "Das hätte ich nicht gedacht, dass mal so ein prominenter Politiker in meiner Werkstatt steht."

Valerie Höhne/SPIEGEL ONLINE

Robert Habeck übt beim Goldschmied in Winsen an der Luhe

Habeck ist eigentlich gekommen, um Susanne Menge zu unterstützen, die lokale Bürgermeisterkandidatin seiner Partei - aber als er da ist, dreht sich alles nur um ihn. So wie einst bei der CDU, wenn Kanzlerin Angela Merkel zum Wahlkampftermin kam.

Später im Marstall, einem umgebauten Pferdestall, wo die Grünen eine Bürgerversammlung organisiert haben, ist es rappelvoll. Gut 200 Leute passen hinein, aber es sind mehr gekommen, an einem Dienstag um 15 Uhr.

Für den Grünenchef läuft es hervorragend. Seit Monaten liegen die Grünen in Umfragen vor der SPD, würde an diesem Sonntag gewählt, stünden ihre Chancen nicht schlecht, zweitstärkste Kraft zu werden. Das ZDF-Politbarometer kürte Habeck kürzlich zum beliebtesten Politiker des Landes, in einer Forsa-Umfrage bescheinigten ihm 20 Prozent Kanzlertauglichkeit, er lag vor der SPD-Politikerin Andrea Nahles und nicht allzu weit hinter Vizekanzler Olaf Scholz und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. In TV-Talkshows ist er Dauergast.

Das alles innerhalb eines Jahres. Im Januar 2018 war er gemeinsam mit Annalena Baerbock zur neuen Doppelspitze der Partei gewählt worden. Seitdem läuft es. Die Grünen können, teils im Monatstakt, neue Erfolge verkünden: bestes Wahlergebnis jemals in Bayern, bestes Ergebnis jemals in Hessen, stärkster Mitgliederzuwachs seit Bestehen der Partei. Rekord, Rekord, Rekord.

Blumen und E-Auto

Welchen Anteil hat die Spitze daran? Habeck sagt, die Partei habe Vorsitzende gesucht, die Optimismus und Zuversicht verbreiteten. Aber: "Das ist kein Projekt von Annalena und Robert. Würden wir scheitern, würde die Partei neue Vorsitzende wählen, die den Spirit weiter tragen." Je lauter der Zuspruch, desto stiller werde man.

Heute ein Umfragekönig. Und morgen? Bloß nicht abheben - zumindest nicht öffentlich.

Im Winsener Marstall sieht es nicht nach Scheitern aus. Die Leute drängeln sich im Eingang, sitzen auf Vorsprüngen, lehnen an der Wand. Sie zücken ihre Handys und machen Fotos. Dass es so voll ist, überrascht auch Habeck.

In Hamburg am Bahnhof, als Susanne Menge und ein Parteifreund ihn abholten, sorgte sich Habeck noch um die Veranstaltung. Menge stand hinter der Balustrade, winkte mit einer gelben Gerbera. Im Elektroauto ging es nach Winsen. Blumen und E-Auto - die Grünen mögen sich bald wie eine Volkspartei fühlen, aber das Ökopartei-Klischee können sie noch immer bedienen.

Habeck hat sich Winsen von Menge erklären lassen. Der Kleinstadt gehe es gut, aber auch hier stiegen die Mieten, Amazon hat ein riesiges Logistikzentrum in der Stadt errichten lassen, von den ortsansässigen Bäckern seien viele pleite gegangen.

SPIEGEL ONLINE

Im Marstall stehen die Menschen, um Habeck zu sehen

Auf der Bühne redet Habeck frei, er doziert über Demokratie, über Europa, über Klimaschutz und "Fridays For Future", spannt den Bogen von Brüssel nach Winsen. Warum zahle Amazon seine Steuern nicht in Deutschland oder Winsen? "Ich bleibe eine Antwort schuldig. Die nationalen Regelungen greifen nicht mehr. Wir brauchen eine europäische Antwort", sagt er. Als die Veranstaltung vorbei ist, sagt eine ältere Frau: "Gott schütze ihn. Dass es so wunderbare Menschen gibt wie ihn." Dann fährt Habeck weiter, nach Walsrode, zum niedersächsischen Bauerntag.

Inszenierung als Antipolitiker

Habeck gilt als eitel. Die absichtlich leicht verwuschelte Frisur ist oft beschrieben, auch dass er in Jeans und Lederstiefeln zu Terminen erscheint. Er trägt ein Perlenarmband aus recyceltem Plastik, das aus dem Meer gefischt wurde. Die Schnur ist von einem alten Fischernetz, einer seiner Söhne hat es ihm zu Weihnachten geschenkt.

Habeck weiß, wie er sich inszenieren muss, um nicht wie der typische Politiker zu wirken. Als sie in Bayern 17,6 Prozent bei der Landtagswahl holten, warf er sich mit dem bayerischen Spitzenkandidaten Ludwig Hartmann bei der Wahlparty in die Menge. Seitdem gibt es Bilder von Politikern beim Crowdsurfing. Wie Rockstars. Als er sich vor einigen Monaten entschied, sein Twitterprofil aufzugeben, weil er Thüringen versehentlich als undemokratisch bezeichnet hatte, zelebrierte er die öffentliche Selbstkasteiung.

Habeck genießt die Aufmerksamkeit, das gefällt nicht jedem, auch nicht in der eigenen Partei. Aber der Grünenchef weiß auch, dass es ihm ergehen könnte wie Karl-Theodor zu Guttenberg oder Martin Schulz. Wer hochgejubelt wird, kann tief fallen.

Angesichts des Höhenflugs in den Umfragen, stellen sich den Grünen ohnehin ganz neue Fragen. Was, wenn die Große Koalition vorzeitig auseinanderfliegt? Sollte man für eine neue Kanzlerin Kramp-Karrenbauer dann als Jamaika-Partner bereit stehen? Dann könnte man endlich mal wieder regieren. Aber es wäre riskant. Womöglich landen die Grünen dann bei der nächsten Wahl unsanft. Vielleicht doch lieber Neuwahlen und auf das Momentum setzen.

"Ich bin jetzt genau da, wo ich hingehöre"

Was reizt Habeck eigentlich an der Politik? Politik sei für ihn eine Art Übersetzungsarbeit, sagt er. Man müsse lernen, das Fachpolitische in eine Sprache zu bringen, die jeder verstehe. Und den Istzustand immer hinterfragen.

Bis September des vergangenen Jahres war Habeck Umwelt- und Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein. Als solcher hat er mit dem Bauernverband heftige Kämpfe ausgefochten. Die Landwirte hatten auf ihren Feldern neben der A7 riesige Plakate an Strohballen aufgehängt. Habeck hat sie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit gesehen.

"Guten Morgen, Robert", "Schöne Landschaft, Robert", "Das waren wir, Robert!"

Und dann: "Robert vernichtet Höfe", "Robert zerstört unsere Knicks", "Robert fördert Massentierhaltung".

Auf Veranstaltungen haben ihn die Bauern in Schleswig-Holstein schon mal ausgepfiffen, jetzt, beim niedersächsischen Bauerntag in Walsrode, gibt es Applaus. Etwa 600 Leute hören ihm in der Stadthalle zu.

Als er Agrarminister geworden sei, sagt Habeck, da habe er gedacht: "Jetzt hab ich die Macht, jetzt läuft das so, wie ich es will." Das sei nicht so erfolgreich gewesen. Er habe gelernt: Man solle nicht ideologisch, sondern ökonomisch sprechen. Und es könne überraschend häufig gelingen, obwohl man völlig unterschiedlich geprägt sei, zu Kompromissen zu finden. "Auch die Grünen sollten danke sagen, dass die Landwirtschaft Deutschland so reich und so satt gemacht hat."

Die Bauern sind zufrieden. Habeck habe das "sehr ordentlich" gemacht, sagt der Redakteur der Verbandszeitung "Landvolk Lüneburger Heide". Ein anderer lobt, Habeck sei nicht abgehoben. Für den Grünenpolitiker, dem das manch einer gern unterstellt, ist das ein großes Kompliment.

Bei all dem Erfolg - was macht ihm eigentlich Angst?

"Ich habe Persönliches und Politisches nie besonders getrennt", sagt Habeck. "Aber wenn das schiefgeht, ist man echt ungeschützt." Klingt, als denke er stets auch über Alternativen zum politischen Leben nach.

"Ich bin jetzt genau da, wo ich hingehöre", sagt er. Aber: "Ich habe mir im Leben mehrmals die Freiheit genommen, nicht zu wissen, was in drei Jahren ist."



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insgesamt 124 Beiträge
robert_schleif 22.04.2019
1. Überschrift
Habeck ist der legitime Erbe des Merkelianismus: Linksgrün in der Propaganda, multinational-turbokapitalistisch in der Ausrichtung und realsozialistisch in der Machtausübung.
Habeck ist der legitime Erbe des Merkelianismus: Linksgrün in der Propaganda, multinational-turbokapitalistisch in der Ausrichtung und realsozialistisch in der Machtausübung.
ptb29 22.04.2019
2. Was nutzen gegenwärtige Umfragehochs
wenn gar nicht gewählt wird? In der ostdeutschen Bundesländern, in denen demnächst Wahlen stattfinden, spielen die Grünen eine untergeordnete Rolle.
wenn gar nicht gewählt wird? In der ostdeutschen Bundesländern, in denen demnächst Wahlen stattfinden, spielen die Grünen eine untergeordnete Rolle.
interessierter10 22.04.2019
3. Da habe ich keine Sorge,
die meisten Medien, linksliberale und konservative sowieso, werden ihn schon so zusammenschreiben, dass nichts übrig bleibt. Irgendetwas wird sich schon finden, er ist ja auch nur ein Mensch. Das wurde mit allen Hoffnungsträgern [...]
die meisten Medien, linksliberale und konservative sowieso, werden ihn schon so zusammenschreiben, dass nichts übrig bleibt. Irgendetwas wird sich schon finden, er ist ja auch nur ein Mensch. Das wurde mit allen Hoffnungsträgern so gemacht. Übrig geblieben ist dann nur der resistente Rest, der das Niveau, die Gleichförmigkeit, die Mutlosigkeit und die Politikverdrossenheit und letztlich den Beweis der Unfähigkeit der Demokratie weiter fördert. Die BILD ist schon akribisch dran. Mich wundert nur, dass noch nichts gefunden wurde. Vermutlich hält man sich das Pulver für den nächsten Bundeswahlkamof trocken. Solche Leute wie Habeck sind so klug wie sensibel, das bedingt nämlich einander, und werden sich dann wieder zurückziehen, dann sind die mit der Elefantenhaut wieder unter sich.
h.hass 22.04.2019
4.
Da hat sich aber mal wieder einer abreagiert, der wohl lieber "alternativ" wählt. Inwiefern Merkel "realsozialistisch" regiert, wird lieber gar nicht erst näher erläutert.
Zitat von robert_schleifHabeck ist der legitime Erbe des Merkelianismus: Linksgrün in der Propaganda, multinational-turbokapitalistisch in der Ausrichtung und realsozialistisch in der Machtausübung.
Da hat sich aber mal wieder einer abreagiert, der wohl lieber "alternativ" wählt. Inwiefern Merkel "realsozialistisch" regiert, wird lieber gar nicht erst näher erläutert.
peter-11 22.04.2019
5. anderer Typ
Ich denke, Herr Habeck und Frau Baerbock werden nicht abheben. Sie werden sich aber daran gewöhnen müssen, dass bald karrieregeile Journalisten sich daran geben werden sie niederzuschreiben. Auch im Forum wird wohl geschrieben, [...]
Ich denke, Herr Habeck und Frau Baerbock werden nicht abheben. Sie werden sich aber daran gewöhnen müssen, dass bald karrieregeile Journalisten sich daran geben werden sie niederzuschreiben. Auch im Forum wird wohl geschrieben, dass man die Grünen nicht mehr wählen kann, weil sie sich verbiegen. Aber die neue Spitze hat erkannt, dass man nur mit Ideologie und mit einem bleibenden Stimmenanteil von unter 10% einfach nichts verändern kann. Beispiel: Die Linke .... wenn man die Kommentare im Forum liest könnte man glatt glauben, sie lägen irgendwo bei 30 - 40 %. Das ist aber nun mal nicht so, sie dümpeln immer ideologisch so bei 10% herum. Ich wünsche Frau Baerbock und Herrn Habeck weiterhin alles Gute.

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