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Politik

Podcast "Stimmenfang"

Er oder ich! Wie CDU und AfD in Sachsen um Direktmandate kämpfen

Sachsen war immer CDU-Stammland. Dann kam die AfD. Jetzt konkurrieren Kandidaten der beiden Parteien um die Direktmandate. Für wen entscheiden sich die Wähler?

Ein Podcast von und
Donnerstag, 29.08.2019   17:23 Uhr

Stimmenfang #110 - Er oder ich! Wie CDU und AfD in Sachsen um Direktmandate kämpfen

Bei der Landtagswahl 2014 gewann die CDU in Sachsen 59 der 60 Direktmandate. Dieses Jahr könnte sie die Hälfte davon verlieren - vor allem an die AfD. Für die neue Podcast-Folge sind wir nach Radebeul bei Dresden gefahren, um ein solches Direktmandat-Duell vor Ort zu beobachten.

Wir haben einen CDU-Politiker getroffen, der seinen Wahlkreis seit der Wende immer gewonnen hat, dieses Jahr aber zittern muss. Und wir standen am Infostand seines AfD-Gegenkandidaten und haben Menschen zugehört, die den etablierten Parteien nicht mehr vertrauen.

Unser Kollege Timo Lehmann, SPIEGEL-Redakteur in Leipzig, hat uns schließlich erklärt, wie es für die CDU in ihrem Stammland Sachsen überhaupt so weit kommen konnte und warum die Parteien mehr gegen ein Gefühl von Unsicherheit ankämpfen als gegen die Wirklichkeit.

Der Podcast als Text zum Lesen

Sie wollen lesen, was im Podcast gesagt wird? Dann sind Sie hier richtig.
Das vollständige Transkript

[00:00:02] Matthias Kirsch Willkommen zu Stimmenfang, dem Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE. Ich bin Matthias Kirsch.

[00:00:11] Einspieler Im deutschen Bundesland Sachsen hat die CDU die Landtagswahlen klar gewonnen. Allerdings...

[00:00:15] Matthias Kirsch So oder so ähnlich hat es sich seit der Wiedervereinigung immer angehört, wenn in Sachsen eine Landtagswahl war. Denn Sachsen war CDU Stammland, immer, auch 2014: in 59 der 60 Wahlkreise gewannen die CDU-Kandidaten damals das Direktmandat. Doch wenn am kommenden Sonntag in Sachsen gewählt wird, dann könnte die CDU gut die Hälfte dieser Direktmandate verlieren, und zwar vor allem an die AfD. Deswegen bin ich für diese Folge von Stimmenfang nach Sachsen gefahren und habe mir einen dieser Zweikämpfe zwischen AfD und CDU aus der Nähe angeschaut.

[00:00:49] Matthias Rößler (CDU) Entweder der AfD-Kandidat schafft's oder ich.

[00:00:54] Matthias Kirsch Das ist Matthias Rößler. Für ihn wie für viele seiner CDU-Kollegen in Sachsen, waren die Landtagswahlen in den letzten Jahrzehnten Selbstläufer. Rößler sitzt seit der ersten Landtagswahl nach der Wende im sächsischen Parlament. Mittlerweile ist er seit zehn Jahren Landtagspräsident, der Dienstälteste in ganz Deutschland. Sechs Wahlperioden lang kam ihm praktisch nie jemand in den Weg. Dieses Jahr aber, sagt er solche Sätze:

[00:01:18] Matthias Rößler (CDU) Und ich habe ja hier über viele Jahre über 50 Prozent in meinem Wahlkreis gehabt. Jetzt habe ich vielleicht noch die Hälfte, die andere Hälfte - entschuldigen Sie, dass ich das so deutlich sage - ist jedenfalls momentan bei ihm. Mein ganzes Kämpfen ist, dass ich natürlich vor ihm liege.

[00:01:37] Matthias Kirsch Vor ihm - damit meint Matthias Rößler seinen Gegenkandidaten von der AfD. Mit dieser Ausgangslage ist er nicht alleine. Auch Dutzende andere CDU-Kandidaten in Sachsen konkurrieren mit AfDlern um die Direktmandate. Wenn also - wie Matthias Rößler sagt - die AfD der CDU die Hälfte der Wähler in Sachsen weggenommen hat - woran liegt das? Liegt es daran, dass die beiden Parteien sich nicht allzu sehr unterscheiden?

[00:02:02] René Hein (AfD) Na klar ist die CDU inhaltlich bei uns relativ nah, aber wir sind natürlich ihr schlimmster Wettbewerber, weil wir die gleiche Zielgruppe, die gleiche Wählerzielgruppe haben. Ist ja ganz klar, logisch.

[00:02:11] Matthias Kirsch Ist ja ganz klar. Der Mann, den wir hier gehört haben, der Mann, der sich so sicher ist, dass AfD und CDU in Sachsen um die gleiche konservative Wählerschaft buhlen - das ist René Hein. Er ist auch der Mann von dem Matthias Rößler sagt: Entweder er schafft es oder ich.

[00:02:28] Ansage S-Bahn Nächste Station: Radebeul Kötzschenbroda - Erlebnisweingut - Schloss Wackerbarth. Ausstieg links.

[00:02:37] Matthias Kirsch René Hein und Matthias Rößler wollen beide das Direktmandat im sächsischen Wahlkreis 40 gewinnen. Dazu gehört die Stadt Radebeul. Insgesamt knapp 50.000 Wähler sind in dem Wahlkreis, mit der S-Bahn 20 Minuten von Dresden entfernt.

[00:02:52] Matthias Kirsch Ich gehe jetzt gerade hier durch die Straßen und da hängen auch schon Wahlplakate von dem AfD-Kandidaten, dem Herrn Hein, den ich jetzt gleich treffe.

[00:03:06] René Hein (AfD) Herr Kirsch, nehme ich an?

[00:03:07] Matthias Kirsch Richtig.

[00:03:07] René Hein (AfD) Hallo.

[00:03:10] Matthias Kirsch René Hein ist voll im Wahlkampfmodus. Gerade unterhält er sich mit einem jungen Mann, der von der AfD wissen will, was sie ihm als Start-Up-Gründer denn so bieten kann. Heins mobiler Infostand, ein AfD-blauer Transporter, steht mitten an einer vielbefahrenen Kreuzung. Aber nicht nur die AfD steht hier an der Straße. Auch Matthias Rößler macht Wahlkampf und will die Bürger für die CDU gewinnen.

[00:03:34] Matthias Kirsch Wie oft teilen Sie sich denn hier so wirklich den Platz - auch dass Sie einen Stand gleichzeitig hätten?

[00:03:39] Matthias Rößler (CDU) Das ist ganz selten. Das ist eigentlich bloß hier. Das ist ein neuralgischer Punkt hier. Hier tobt die Auseinandersetzung in meinem Wahlkreis 40 zwischen AfD und CDU um den Wahlkreis.

[00:03:51] Matthias Kirsch CDU oder AfD? - vor dieser Entscheidung werden am Sonntag bei der Landtagswahl viele konservative Wähler stehen. Wie nah die beiden Parteien aber inhaltlich wirklich beieinander liegen, zeigt beispielsweise ein Blick auf Wahlwerbespot und Aussagen von Kandidaten von CDU und AfD:

[00:04:09] Einspieler Meine wichtigen landespolitischen Themen werden zum ersten die Sicherheit in Sachsen...Ich denke da an die Wiederherstellung der inneren Sicherheit, da denke ich speziell auch an uns Frauen... Die Ordnung und Sicherheit in unserem Freistaat...Einmal die Sicherheit... Innere Sicherheit... Innere Sicherheit... Gesellschaftliche Sicherheit... Sicherheit... Und innere Sicherheit.

[00:04:28] Matthias Kirsch Egal ob sie jetzt AfD oder CDU angehören - bei ganz vielen Kandidaten in Sachsen gibt es keine sehr großen inhaltlichen Unterschiede. Und beim Thema Sicherheit trifft das auch auf Matthias Rößler und René Hein zu.

[00:04:42] Matthias Kirsch Gibt es denn Ihrer Meinung nach, bestimmte Themen, die den Wahlkampf dieses Jahr besonders beeinflussen?

[00:04:47] Matthias Rößler (CDU) Das entscheidende Thema ist Innere Sicherheit, genau wie Sie es bei SPIEGEL ONLINE aufgeschrieben haben. Dann geht es weiter, und das hätte ich nicht gedacht, Wirtschaftspolitik auch. Genau das ist die Reihenfolge, die ich auch wahrnehme.

[00:05:00] Matthias Kirsch Das sagt Matthias Rößler. Und sein Gegenkandidat René Hein von der AfD?

[00:05:05] René Hein (AfD) Innere Sicherheit wird geschliffen, aus meiner Sicht. Auch bei vielen Fragen, wir haben zum Beispiel das Polizeigesetz...

[00:05:10] Matthias Kirsch Das gleiche Spiel könnte man mit einer Menge anderer Themen machen: dem Ausbau des ländlichen Raums zum Beispiel, der Entbürokratisierung oder der Stärkung von Handwerksbetrieben. In all diesen Punkten wollen AfD und CDU nämlich sehr ähnliche Dinge erreichen. Am Infostand von René Hein ist es mittlerweile Mittag geworden, die Sonne drückt und Hein versteckt sich unter einem Sonnenschirm. Eine Dame kommt vorbei, sie will in die AfD eintreten.

[00:05:40] AfD-Anhängerin Wo muss ich mich denn da hinwenden?

[00:05:47] René Hein (AfD) An mich oder an den Vorstand. Ich würde mal sagen... Ich habe Flyer mit der Adresse. Aber ich gebe Ihnen einfach meine Telefonnummer.

[00:05:58] Matthias Kirsch Hier in Radebeul zieht die AfD viele Leute an - auch solche, die die Partei nicht gut finden.

[00:06:05] Matthias Kirsch Man hat hier mehr oder weniger auch die Attraktivität.

[00:06:13] AfD-Kritikerin Hallo, hallo? Wenn Sie solche Vorschläge machen, dann müssen Sie auch konkrete Beispiele bringen.

[00:06:16] Matthias Kirsch Eine Frau hat der AfD vorgeworfen, sie würde die Realität verdrehen und ist dann weitergegangen. Mit den AfDlern diskutieren will sie nicht.

[00:06:26] Matthias Kirsch Passiert so etwas häufig bei Ihnen auf den Infoständen, dass sich Leute ganz klar gegen Sie äußern?

[00:06:34] René Hein (AfD) Also, man muss ja natürlich unterscheiden. Das ist ja eher so ein Mischbereich städtisch-ländlich - Kleinstadt, wenn man so will. Hier, in dem Bereich wird man relativ selten damit konfrontiert. Aber gibt es natürlich auch, ganz klar. Aber es ist natürlich auch logisch aus meiner Sicht, weil wir polarisieren ja in einer gewissen Form.

[00:06:53] Matthias Kirsch Wie polarisieren Sie denn?

[00:06:53] René Hein (AfD) Naja, wir haben eine eindeutige Sache, wo die anderen Parteien mehr oder weniger eine vollständig andere Meinung haben. Migrationskritik...

[00:07:04] Matthias Kirsch Egal, wie viele Gemeinsamkeiten im Wahlprogramm stehen oder wie ähnlich die Kandidaten von CDU und AfD ihre Prioritäten setzen: Im Endeffekt scheinen die Menschen in Radebeul die AfD dann doch vor allem aus diesem einen Grund zu wählen - wegen ihrer Ablehnung der deutschen Flüchtlingspolitik seit 2015. Viele AfD-Sympathisanten am Stand von René Hein wollten nicht in mein Mikrofon sprechen. Bei denen, die es getan haben, waren die Antworten fast immer gleich:

[00:07:32] Matthias Kirsch Gibt es konkrete Punkte, wo Sie sagen, da überzeugt die AfD mich?

[00:07:36] AfD-Anhängerin Die Ausländerpolitik. Das erlebe ich praktisch vor der Haustür selber so ein bisschen. Also, man wagt sich ja schon gar nicht mehr zu sagen, man ist Deutscher. So!

[00:07:44] Matthias Kirsch Auch bei dieser Dame, die sich am AfD-Stand Flyer abgeholt hat:

[00:07:51] AfD-Anhängerin Gründe gibt es, glaube ich, bei der jetzigen Regierung und die wir seit 30 Jahren haben, mehr als genug, AfD zu wählen.

[00:07:57] Matthias Kirsch Haben Sie ein Beispiel?

[00:08:01] AfD-Anhängerin Ein Beispiel wollen Sie hören? Da fange ich bei der Klimapolitik an, da fange ich bei der Flüchtlingspolitik an, da fang ich bei der kaputten Wirtschaft an in Deutschland.

[00:08:07] Matthias Kirsch Neben der Flüchtlingspolitik haben die AfD-Anhänger in Radebeul aber noch eine weitere Gemeinsamkeit:

[00:08:14] AfD-Anhängerin Ich war immer CDU-Wähler, bis vor vier Jahren. Und ich werde nie wieder diese Partei wählen und keine von den Altparteien werde ich je wieder wählen.

[00:08:20] Matthias Kirsch "Ich war immer CDU-Wähler." Diesen Satz höre ich oft. Auch von diesen beiden AfD-Unterstützern:

[00:08:30] AfD-Anhänger Also früher waren wir immer so CDU-mäßig, aber das ist definitiv schon lange vorbei.

[00:08:32] AfD-Anhängerin Ich war ein dauerhafter CDU-Wähler - auch anfangs von der Frau Merkel sehr überzeugt, weil die hat Biss gezeigt. Also wirklich, ich habe das bewundert gegen diese Selbstverliebten...

[00:08:45] Matthias Kirsch Und nicht nur bei den Wählern ist das so. Auch der AfD-Kandidat René Hein sagt selbst:.

[00:08:50] René Hein (AfD) Ich muss ganz offen sagen, gewählt habe eigentlich schon mehr oder weniger CDU. Gerade in den 90er Jahren unter Biedenkopf, das war für uns, das war eine coole Zeit.

[00:08:59] Matthias Kirsch Natürlich sind eine Handvoll auf der Straße befragter Menschen nur eine kleine Stichprobe. Und natürlich kommt es vor, dass eine konservative Partei einer anderen konservativen Partei Wähler abwirbt. Vielleicht liegt es auch ganz einfach an Radebeul, wo die CDU in der Vergangenheit im Durchschnitt noch stärker war als in anderen Orten in Sachsen. Aber trotzdem: Warum scheinen hier so viele Leute der CDU den Rücken gekehrt zu haben? Noch ein Wahlkreis Termin von Matthias Rößler, dem CDU-Kandidaten. Er besucht ein Krankenhaus in den letzten Jahren waren solche Termine seltener geworden, das sagt Rösler selbst - kein Wunder, in Sachsen konnte ein CDUler früher beinah ohne Wahlkampf ein Direktmandat gewinnen. Ich frage Matthias Rößler, welche Gründe er dafür sieht, dass die Leute die CDU verlassen haben.

[00:09:48] Matthias Rößler (CDU) Wir haben da auch von der Substanz gelebt, wir haben da Fehler gemacht, das ist ganz, ganz unbestritten. Das kommt alles noch dazu. Aber das zentrale Moment für unsere Situation ist der Vertrauensverlust in die Gestaltungsfähigkeit im Herbst 2015, wo die Leute das Gefühl hatten, über Wochen, über Monate, die haben die Situation gar nicht mehr im Griff. Hier läuft alles aus dem Ruder! Und das war für uns, nicht nur in Sachsen, ein gewaltiger Schlag.

[00:10:16] Matthias Kirsch Die diesjährige Landtagswahl ist die erste seit jenem Herbst 2015. Bei den anderen Wahlen, die in der Zwischenzeit waren - also die Bundestagswahl vor zwei Jahren und die Europawahl dieses Jahr - hat die AfD von genau diesem Bild gezehrt. Auch jetzt ist das immer noch so.

[00:10:32] Matthias Kirsch Was sagen diese Leute Ihnen?

[00:10:34] Matthias Rößler (CDU) Da kommt unisono eins: Flüchtlingspolitik. Fast zu 90 Prozent, würde ich denken. Es gibt auch ein paar andere Sachen, aber es hat immer irgendetwas damit zu tun. Die sind enttäuscht und viele von denen sind...oder sie sind schon vorher in die Nichtwähler abgewandert und jetzt stehen die alle wieder auf der Matte. Um die Wahlbeteiligung ist mir weiß Gott nicht bange.

[00:10:57] Matthias Kirsch Man merkt Matthias Rößler so im Gespräch schon an, dass es ihn nervt, dass dieses bundespolitische Thema ihm in Sachsen so schadet. Denn es kostet ihn und die CDU einfach sehr viele Wählerstimmen. Für Rößler ist die Situation ziemlich klar: Ja, CDU und AfD haben einige Gemeinsamkeiten. Und ja, sie buhlen auch um die gleichen Wähler. Aber Rösler sagt auch:

[00:11:19] Matthias Rößler (CDU) Wir sind die Profis! Und das muss wieder deutlich werden. Und das können Sie nur beweisen, indem sie handeln. Wir dürfen nicht länger - und da hilft uns auch die Bundesebene überhaupt nicht in vielen Fragen - hier eigentlich in dieser Apathie vor uns hindämmern. Wir müssen die Probleme anpacken und lösen. Und das zentrale Problem in dem Land ist: Vertrauensverlust in Politik. Den müssen wir korrigieren...

[00:11:42] Matthias Kirsch Matthias Rößler ist überzeugt davon, dass die CDU weiß, was sie tut - und dass sie die Leute hat, die wissen wie die Dinge funktionieren - ganz im Gegensatz zur AfD. Sein Problem ist aber, dass das nicht die Wähler zurückholt, die schon längst weg sind. Um das zu tun, muss er sich auf dünnes Eis begeben - nämlich in Richtung der AfD. So wie Anfang August, als er den früheren Geheimdienst-Chef Hans-Georg Maaßen für eine Wahlkampfveranstaltung nach Radebeul eingeladen hatte.

[00:12:14] Matthias Kirsch Hans-Georg Maaßen ist CDU-Mitglied. Er vertritt als Mitglied der WerteUnion, die konservative Ecke. Wegen einigen seiner Aussagen unterstellen ihm aber manche eine Nähe zur AfD. Im letzten Sommer wurde er in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, nachdem er Berichte über rechtsextreme Hetzjagden in Chemnitz zurückgewiesen hatte. Auch in Radebeul bedient er ein bestimmtes Publikum.

[00:12:37] Hans-Georg Maaßen (CDU) Die Sicherheit in einem Land muss man nicht absolut gewährleisten, denn sonst kämen wir einen Status wie in einem totalitären Staat. Aber es muss immer mit der Lage gehandelt werden. Und die Lagesituation in Deutschland hat sich in den letzten Jahren verändert.

[00:12:54] Matthias Kirsch Wegen solcher Einstellungen kommt der CDU-Mann Maaßen bei der AfD und ihren Wählern gut an. Auch das ist ein Grund, warum der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer es überhaupt nicht gut fand, dass Matthias Rößler Maaßen in den Wahlkampf eingeladen hat. Im Interview mit meinen Kollegen vom SPIEGEL sagte Kretschmer sogar, er hätte Maaßen nicht eingeladen, denn der würde Sachsen schaden. Die nicht immer eindeutige Positionierung zur AfD fällt auch an der CDU-Parteibasis auf. Bei einer weiteren Wahlkampfveranstaltung von Matthias Rößler haben mir zwei CDU-Anhänger zum Beispiel folgendes gesagt:

[00:13:30] CDU-Anhänger Wir sind jetzt in Sachsen doch schon in einer schwierigen Phase jetzt, gerade mit der AfD, die sich neu positioniert. Ich möchte natürlich, dass es konservativ bleibt, aber ich bin mir selber auch noch unsicher. Weil man weiß gar nicht so richtig, wo die Reise eigentlich hingeht.

[00:13:46] CDU-Anhänger Das ist gerade das große Problem, dass die CDU momentan einen Schlingerkurs fährt und einerseits versucht, AfD-Wähler wieder abspenstig zu machen, sodass eine Profilschärfung sehr gering ist.

[00:13:59] Matthias Kirsch Es ist eine schwierige Aufgabe für Matthias Rößler - auf der einen Seite will er sich nicht mit der AfD gemein machen. Auf der anderen Seite will er aber auch Wähler von der AfD zurückholen -oder zumindest nicht noch mehr Wähler verlieren. Wenn man merkt, wie nah es ihm geht, wenn genau das passiert.

[00:14:16] Matthias Rößler (CDU) Manchmal erlebe ich auch CDU-Mitglieder - ich bin ja hier 20 Jahre Kreisvorsitzender gewesen - da bin ich vollkommen überrascht. Die stehen dann in der Podiumsdiskussion auf und dann auf einmal - und ich dachte noch, denn kennst du doch - dann stellt er sich dort als AfD-Mitglied vor. Das ist schon manchmal überraschend - vor allen Dingen, wenn sie die Menschen 15 Jahre lang oder 20 Jahre lang in einer ganz anderen Partei erlebt haben.

[00:14:40] In Radebeul könnte es am Ende für Matthias Rößler darauf ankommen, wie viele Menschen tatsächlich noch die Seite wechseln zwischen AfD und CDU - und damit das Duell für ihn, oder für seinen Gegenkandidaten René Heim entscheiden. Weil es bei der Landtagswahl in ganz vielen anderen Wahlkreisen genauso aussehen könnte wie in Radebeul, habe ich mich abschließend noch mit meinem Kollegen Timo Lehmann getroffen. Timo Lehmann ist SPIEGEL-Redakteur in Leipzig und beschäftigt sich momentan praktisch jeden Tag mit den Wahlen in Sachsen.

[00:15:12] Matthias Kirsch Hallo Timo.

[00:15:13] Timo Lehmann Hallo.

[00:15:14] Matthias Kirsch Sag mir mal, was ist mit der CDU in Sachsen passiert? Die stehen mittlerweile in den Umfragen nur noch knapp vor der AfD.

[00:15:21] Timo Lehmann Ich würde sagen, das ist natürlich die Frage, die sich die CDU hier gerade die ganze Zeit stellt. Hier wird zumindest von der sächsischen Union natürlich immer behauptet, dass es mehr an Berlin liegt - und nicht an ihnen selbst. Es gibt ja durchaus viele Stimmen hier, die sagen: Der Kurs von Angela Merkel in den vergangenen Jahren habe eben immer mehr Wähler auf der rechten Seite von der CDU wegbewegt. Und das sind genau diejenigen, die heute zum großen Teil auch AfD wählen.

[00:15:49] Matthias Kirsch Wenn man als Parteien um die gleiche Wählerschaft buhlt - nämlich eine konservative Wählerschaft - was macht dann den Unterschied zwischen diesen beiden Parteien?

[00:15:59] Timo Lehmann Also, ich glaube schon, dass es ganz extreme Unterschiede nach wie vor in dem Personal einerseits gibt. Auch bei der AfD in Sachsen sind Leute dabei die dem rechtsradikalen Milieu zuzuordnen sind. Es sind Leute dabei, die leugnen den Klimawandel, die wollen nicht den Kohleausstieg, die sagen, dass das ein Riesenfehler war, was 2015 passiert ist mit den Flüchtlingen, die ganz heftig dafür werben, dass man die meisten Leute abschiebt, die Begriffe benutzen wie "Masseneinwanderung". Da sind schon nochmal große Unterschiede, die in großen Teilen - so konservativ die sächsische Union auch ist - wo schon auch Grenzen eindeutig sind.

[00:16:38] Matthias Kirsch Ist denn - du hast die Flüchtlingspolitik angesprochen - das denn das Argument, was die Leute, die der CDU den Rücken kehren, hier anbringen?

[00:16:46] Timo Lehmann Teilweise schon. Ich war auf einer Veranstaltung, wo Rainer Wendt aufgetreten ist, der Präsident der Deutschen Polizeigewerkschaft. Und da waren viele CDU-Leute, Mitglieder, die gesagt haben: Ich habe die CDU gewählt und dann habe ich am Ende die Ehe-Öffnung bekommen, dann habe ich den Atomausstieg bekommen, jetzt noch den Kohle-Kompromiss, den Kohleausstieg, dann noch die Flüchtlingspolitik. Das sind zu viele Punkte aus deren Sicht, die nicht dem Kern der CDU entsprechen würden.

[00:17:19] Matthias Kirsch Wenn wir jetzt einmal noch auf die Flüchtlingspolitik schauen. Erst diese Woche hat die Sächsische Zeitung getitelt, dass die Zahl der Asylbewerber in Sachsen fällt. Wie groß ist denn der Einfluss dieser Flüchtlingspolitik hier in Sachsen immer noch?

[00:17:33] Timo Lehmann Eigentlich sehr gering. Auch wenn immer über Sicherheit gesprochen wird, eigentlich ist es sehr sicher in Sachsen wie die Statistiken sagen. Die Kriminalität geht weiter zurück. Auch bei wirtschaftlichen Dingen: die Arbeitslosigkeit geht zurück. Also eigentlich fragt man sich, wenn es hier so viel sicherer ist, warum wählen dann hier so viel mehr Leute AfD als in den Teilen, wo es vermeintlich so schlimm ist. Für die CDU, oder für alle - das sagt Kretschmer ja auch immer selbst - das Land wird runter geredet, schlecht geredet von der AfD. Das würden wahrscheinlich auch die anderen Parteien so sagen. Und es geht mehr darum, gegen ein Gefühl anzukommen als gegen objektive Probleme - was insbesondere die Flüchtlingsproblematik angeht. Ich würde aber auch sagen, dass es teilweise auch die wirtschaftliche Problematik angeht, die immer wieder angesprochen wird. Immer wieder das Gerede davon, dass Regionen abgehängt seien und ähnliches.

[00:18:23] Matthias Kirsch In Ordnung. Vielen Dank Timo.

[00:18:24] Timo Lehmann Dankeschön.

[00:18:27] Matthias Kirsch Das war Stimmenfang, der Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE. Wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, dann wollen sie vielleicht auch mal in einen anderen SPIEGEL-Podcast reinhören. Für die aktuelle Episode von SPIEGEL live haben meine Kollegen Susanne Baier und Janko Tietz ein spannendes Gespräch mit Christiane Paul geführt. Die Schauspielerin erzählt darin von ihrer Jugend in der DDR und warum sie die Wiedervereinigung zwar befürwortet, es sich für sie aber so anfühlt, als sei der Osten übernommen worden. Wie alle unsere Podcasts können sie SPIEGEL live bei Apple Podcasts, Spotify und in allen anderen Podcatchern abonnieren. Dort hören Sie am nächsten Donnerstag dann auch wie gewohnt die nächste Episode von Stimmenfang. Wenn Sie uns Feedback schicken möchten schreiben Sie uns einfach eine Mail an stimmenfang@spiegel.de oder nutzen Sie unsere Stimmenfang-Mailbox unter 040 380 80 400. An die gleiche Nummer, also 040 380 80 400 können Sie uns auch eine WhatsApp-Nachricht schicken. Diese Folge wurde produziert von Yasemin Yüksel und mir, Matthias Kirsch. Danke für die Unterstützung an Johannes Kückens, Wiebke Rasmussen, Thorsten Rejzek, Matthias Streitz und Philipp Wittrock. Die Stimmenfang-Musik kommt von Davide Russo.

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insgesamt 52 Beiträge
der_meier 29.08.2019
1. Es ist ganz einfach der AfD ihre Grenzen zu zeigen
wenn man unter den anderen Parteien ein Mindestmaß an Anti-Rechts-Solidarität finden würde: Grüne, SPD, Linke, FDP fordern ihre Anhänger zur Wahl des CDU-Kandidaten auf. Aber das ist natürlich zuviel verlangt .. Gegen AfD [...]
wenn man unter den anderen Parteien ein Mindestmaß an Anti-Rechts-Solidarität finden würde: Grüne, SPD, Linke, FDP fordern ihre Anhänger zur Wahl des CDU-Kandidaten auf. Aber das ist natürlich zuviel verlangt .. Gegen AfD nur als Lippenbekenntnis - ansonsten ihnen kräftig die Direktmandate zuschieben. Merkel ist schuld ...
didel-m 29.08.2019
2. Die Sachsen-CDU wird die Bundes- CDU vor sich her treiben
Weil man ja die AfD nicht zur stärksten Kraft in Sachsen werden ließ. Am Ende wird die CDU am irren Spagat den sie seit Merkel hinlegt auseinander brechen. In starke Ost- und hinsiechende West-CDU.
Weil man ja die AfD nicht zur stärksten Kraft in Sachsen werden ließ. Am Ende wird die CDU am irren Spagat den sie seit Merkel hinlegt auseinander brechen. In starke Ost- und hinsiechende West-CDU.
kizfonis 29.08.2019
3.
"Grüne, SPD, Linke, FDP fordern ihre Anhänger zur Wahl des CDU-Kandidaten auf." - Hat doch in Görlitz bei der OB-Wahl funktioniert!!! Nur: bei der sächsischen CDU in Gänze wäre ich da skeptisch. Dafür ist das [...]
"Grüne, SPD, Linke, FDP fordern ihre Anhänger zur Wahl des CDU-Kandidaten auf." - Hat doch in Görlitz bei der OB-Wahl funktioniert!!! Nur: bei der sächsischen CDU in Gänze wäre ich da skeptisch. Dafür ist das Potenzial an AfD-Sympathisanten dort zu groß. Da bin ich dann eher dafür, dass diese Parteien mit der Union - wenn es nötig ist - gegen die AfD koalieren. Dann kommen diese Ansichten auch in der Regierung vor. Ich persönlich misstraue übrigens sehr dem Kretschmer. Norbert Sinofzik, Rheinstadt Uerdingen
melnibone 29.08.2019
4. Na wie immer ...
Man kann beiden Parteien niemals ´die Stimme´ bei sämtlichen Wahlen in dieser BRD auf welchem Wahlzettel auch immer ... zukommen lassen. Und man kann darauf warten: ... diese beiden Parteien werden koalieren. Zuerst auf [...]
Man kann beiden Parteien niemals ´die Stimme´ bei sämtlichen Wahlen in dieser BRD auf welchem Wahlzettel auch immer ... zukommen lassen. Und man kann darauf warten: ... diese beiden Parteien werden koalieren. Zuerst auf Landesebene ... und dann in ähnlicher SPD-Miniatur-Form auf Bundesebene. Diese Tabu-Brüche sind in jeder scheinheiligen Partei ´einzurechnen´. Und was ist beliebiger als Parteien oder das Parteienverständnis von Herrn Steinmeier.
burlei 29.08.2019
5. @der_meier, #1
Warum sollen Grüne, SPD, Linke und FDP dazu aufrufen, einen CDU-Kandidaten zu wählen? Dann hat man in Sachsen eine starke AfD und eine starke CDU mit rechter Schlagseite, aber keine Partei, die die Interessen einer Gruppe [...]
Zitat von der_meierwenn man unter den anderen Parteien ein Mindestmaß an Anti-Rechts-Solidarität finden würde: Grüne, SPD, Linke, FDP fordern ihre Anhänger zur Wahl des CDU-Kandidaten auf. Aber das ist natürlich zuviel verlangt .. Gegen AfD nur als Lippenbekenntnis - ansonsten ihnen kräftig die Direktmandate zuschieben. Merkel ist schuld ...
Warum sollen Grüne, SPD, Linke und FDP dazu aufrufen, einen CDU-Kandidaten zu wählen? Dann hat man in Sachsen eine starke AfD und eine starke CDU mit rechter Schlagseite, aber keine Partei, die die Interessen einer Gruppe vertritt, die nicht rechts ist. "Merkel ist schuld"! Klar, ist logisch. Dabei haben CDU-Politiker in Sachsen und Thüringen einen Wahlkampfauftritt von Fr. Merkel strikt abgelehnt. Lieber sind sie mit dem Rechtsausleger der "Werte"union durch die Lande gezogen, der kräftig die Werbetrommel für die seltsamen Gedankengänge der AfD gerührt hat. Ist Merkel jetzt schuld, dass sie nicht hingefahren ist oder ist Merkel schuld, dass sie existiert? Oder ist sie schuld, dass eine Gruppe von 20 bis 25% der Wahlberechtigten mit so etwas komplizierten wie "Demokratie" nichts anfangen können, sie lieber wieder eine Diktatur haben wollen, nur nicht mehr von links? Nein, die AfD wird schon genügend Direktmandate holen, dann ist ihre Dämlichkeit bei der Aufstellung der Kandidatenliste wenigstens nicht so offensichtlich.

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