Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Jung. Allein. Gefährdet?

Der jugendliche Angreifer im Zug von Würzburg kam wohl allein aus Afghanistan nach Deutschland. Wie viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gibt es? Wer kümmert sich um sie? Der Überblick.

picture alliance / dpa

Minderjährige Flüchtlinge

Von
Dienstag, 19.07.2016   14:46 Uhr

Viel weiß man bisher nicht über jenen Teenager, der am Montagabend in einem Regionalzug bei Würzburg mit Axt und Messer mehrere Passagiere verletzte und nach der Bluttat von der Polizei erschossen wurde.

Riaz K. war 17 Jahre alt, stammte aus Afghanistan, lebte hier bei einer Pflegefamilie. Es heißt, Menschen aus seinem Umfeld beschrieben ihn als ruhig und ausgeglichen, als gläubig, aber nicht fanatisch. Dennoch fanden Ermittler in seinem Zimmer eine selbst gemalte Fahne der Terrormiliz "Islamischer Staat", die den Angriff prompt für sich reklamierte.

Riaz K. soll vor mehr als einem Jahr nach Deutschland gekommen sein - allein, so wie Zehntausende andere Kinder und Jugendliche, sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF). Viele von ihnen haben in ihrer Heimat und auf der gefährlichen Reise oft Gewalt und Perspektivlosigkeit erlebt. Ein Nährboden für Radikalismus?

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge:

Wer gilt als "Unbegleiteter minderjähriger Flüchtling"?

Zunächst einmal sind jene jungen Flüchtlinge gemeint, die ohne Begleitung eines Sorgeberechtigten oder Bevollmächtigten einreisen. Als minderjährig gelten Kinder und Jugendliche, die von den Behörden jünger als 18 Jahre eingeschätzt werden. Für ein späteres Asylverfahren ist entscheidend, dass nicht bereits Familienangehörige in einem anderen Staat der Europäischen Union leben.

Wie viele UMF gibt es in Deutschland?

Die Behörden erfassen die Zahlen der UMF, die von Jugendämtern betreut werden. Anfang Juli waren das 52.400. Dazu kommen mehrere Tausend junge Männer und Frauen, die zwar bereits volljährig sind, aber trotzdem Anspruch auf Jugendhilfe haben.

Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) stellten im vergangenen Jahr etwa 14.400 UMF einen Asylantrag, die meisten waren zwischen 16 und 18 Jahre alt (71,3 Prozent). In Bayern hielten sich nach Angaben des Deutschen Landkreistags Ende März dieses Jahres mehr als 15.000 UMF auf.

Woher kommen die jungen Flüchtlinge?

Ein Großteil der Kinder und Jugendlichen fliehe vor Terror, aus Bürgerkriegsländern und zerrütteten Staaten, erklärt Niels Espenhorst vom Bundesfachverband unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge (Bumf). Dazu gehörten Länder wie Syrien, Irak, Afghanistan, Somalia oder Eritrea - von hier kommen die meisten UMF.

Häufig erleben die jungen Menschen in ihrer Heimat Gewalt: Jungen und Männer werden für einen oft jahrelangen und gefährlichen Dienst beim Militär zwangsrekrutiert, Mädchen und Frauen zwangsverheiratet. Laut Espenhorst sind die gefährlichen Fluchtbedingungen der Grund, warum sich letztlich mehr männliche als weibliche Migranten auf die beschwerliche Reise machen.

Fotostrecke

Bei Würzburg: Attacke im Regionalzug

Warum fliehen Kinder und Jugendliche allein?

Bumf-Sprecher Espenhorst nennt drei wesentliche Gründe:

Wer kümmert sich in Deutschland um die jungen Flüchtlinge?

Die Kinder und Jugendlichen werden in der Regel zunächst in speziellen Erstaufnahmeeinrichtungen für Jugendliche untergebracht, eventuell auch bei Verwandten. Nach der Prüfung des Alters werden die UMF nach einem bundesweiten Schlüssel verteilt und den jeweils örtlich zuständigen Jugendämtern zugewiesen.

Diese klären den Aufenthaltsstatus, bestellen einen Vormund und ermitteln auch den "Erziehungsbedarf". In dieser Zeit leben die Flüchtlinge je nach Kommune in Jugendheimen oder -wohngruppen, bei Pflegefamilien oder bei Verwandten.

Welche Probleme haben die Jugendlichen in Deutschland?

Die Erfahrungen auf der Flucht sowie die Einsamkeit seien "sehr belastend" für die jungen Flüchtlinge, sagt Experte Espenhorst. Vor allem wenn die Kinder und Jugendlichen ihre Eltern auf der Flucht verloren haben.

In Deutschland angekommen müssen sie sich völlig neu orientieren. "Die Kinder haben sich durchgekämpft, sie haben eine Überlebensstrategie entwickelt", sagt Espenhorst. "Jetzt müssen sie eine Lebensstrategie entwickeln." Der Blick nach vorne falle jedoch vielen nicht leicht. Das habe auch mit den mitunter extrem langen Verfahren zu tun.

Sind Jugendliche besonders anfällig für Radikalismus?

Der Anschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen, der Angriff auf einen Polizisten in Hannover, jetzt die Attacke im Zug bei Würzburg: Es scheint, als seien vor allem Jugendliche empfänglich für Radikalismus.

Die Taten von Essen und Hannover wurden allerdings nicht von Flüchtlingen begangen, die jungen Angreifer sind in Deutschland geboren. Über die UMF lässt sich nicht ohne Weiteres sagen, dass sie besonders anfällig für islamistisches Gedankengut seien, weil sie womöglich psychisch instabil sind. Vor allem viele Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan gehören zur Mittelschicht. Sie haben Schul- und manchmal auch Universitätsbildung. "Ihnen geht es einfach um eine Perspektive", sagt Bumf-Vertreter Espenhorst.

Und: "Bei jungen Flüchtlingen funktioniert die Hilfe besser als bei älteren. Man kümmert sich stärker um sie. Das gibt auch mehr Stabilität." Allerdings berichten Sicherheitskreise immer wieder von Anwerbungsversuchen radikaler Gruppen bei jungen Flüchtlingen.

Und auch in den Herkunftsländern tut sich etwas: Laut dem Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network nimmt die Radikalisierung an Afghanistans Universitäten zu.

SPIEGEL TV Reportage (15.6.2016)

Mit Material von AFP und dpa

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP