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Reise

Städtereiseführer für Schwule

Stilvoll um die Welt

Braucht es extra einen Reiseführer für Schwule? Ja, sagt Bastiaan Ellen. Denn entweder richten sich die Empfehlungen sonst nur an Frauen oder es geht nur um Sex, Bars oder Saunas. Und was ist mit Essen und Trinken, Kultur und Kunst?

Matt Dutile/ Image Source/ Getty Images
Ein Interview von
Mittwoch, 22.05.2019   07:05 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen interessieren sich für Design und Stil. Wieso haben Sie mit "Mr Hudson unterwegs" einen Reiseführer herausgegeben, der sich explizit an schwule Männer richtet?

Ellen: Die meisten Reiseveranstalter und -magazine konzentrieren sich auf Frauen. In Hetero-Partnerschaften sind sie es meist, die die Reiseentscheidungen treffen. Daher geht es darin viel um Shopping-Tipps für Frauen und so weiter. Aber was ist mit uns? Den Männern? Also haben wir Tipps zusammengetragen zu Essen und Trinken, Kultur und Kunst, Shopping - aus einer queeren und schwulen Perspektive.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie denn anders als Gay-Reiseblogger?

Ellen: Die meisten von ihnen kümmern sich nur darum, wo schwules Leben am sichtbarsten ist: das Nachtleben. Sie schreiben entweder nur über Schwulenbars, Restaurants, Klubs, Saunas und alles, was mit Aufreißen und Sex zu tun hat. Heute leben aber viele Schwule ein vollkommen anderes Leben, in festen Partnerschaften, und wollen das Beste erleben, was die Reiseziele zu bieten haben. Es gibt so viele schöne Dinge - warum sich limitieren auf das, was für Gays reserviert ist?

SPIEGEL ONLINE: Könnte Ihr "stilvoller Reiseführer für schwule Männer", wie es in der Unterzeile heißt, auch interessant sein für die Hetero-Welt?

Ellen: Viele schwule Männer teilen eine gemeinsame Wertschätzung für die ästhetischen Dinge des Lebens, für Design, Schönheit, Authentizität, und die will ich auch einem breiteren Publikum zugänglich machen. Und - auch wenn man das nicht verallgemeinern kann - oft haben Gays ein Fingerspitzengefühl für neue Trends. Wenn Sie also etwas über aufstrebende Reiseziele wissen wollen, dann sollten sie sich in der Gay-Szene oder bei schwulen Freunden umhören.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie persönlich eine Erklärung für dieses Trendgespür?

Ellen: Oft wird ein Coming-out als etwas Negatives gesehen, es geht immer um Mobbing oder Streit mit den Eltern. Ich denke aber, dass es einen positiven Spin gibt bei dem Prozess, zu merken, dass du anders bist und zu einer Minderheit gehörst: Mich hat er gut auf das Leben vorbereitet, stärker gemacht und gelehrt, nicht allzu viel darauf zu geben, was andere von mir halten oder von mir erwarten. Ich denke, dadurch bin ich offener und vielleicht weniger abhängig von Normen und Konventionen.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

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gestalten
Mr Hudson Unterwegs: Der stilvolle Reiseführer für schwule Männer

Verlag:
Die Gestalten Verlag
Seiten:
320
Preis:
EUR 29,90

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch geben Sie Tipps für 20 Städte weltweit - von Amsterdam über Portland und Tokio bis Vancouver. Und besonders spannend: Einheimische - meist Künstler - erzählen ihre Sicht auf ihre Heimat. Was sind denn Ihre Lieblingsziele?

Ellen: Ich schätze an Städten vor allem Diversität - daher stehen auf der Liste ganz oben Berlin, London und Madrid, wo ich zurzeit lebe. Ich bin in Amsterdam geboren und zog in meinen Dreißigern nach London. Die Stadt ist ein Zentrum der Innovation, Vielfalt und Kreativität. Daher ist auch der Brexit so eine Katastrophe: Für mich ist es fast schmerzhaft zu beobachten, wie Großbritannien im Zuge des drohenden EU-Austritts Diversität ablehnt.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie und Ihr Ehemann wegen des Brexits nach Madrid gezogen?

Ellen: Nein, zuvor haben wir in Zürich gelebt, eine Stadt, die ich nicht so mag. Sie ist sehr homogen, fast klinisch. Ich mag es etwas weniger poliert, weniger perfekt. Und ich mag auch Orte wie Tokio und Rio de Janeiro, die komplett anders sind als das, was wir in Europa kennen, und die eine unglaubliche Energie haben. Man fühlt sich dort so klein und realisiert, wie fremd man ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es mit Tel Aviv, eine der 20 Städte in Ihrem Buch, gerade ESC-Austragungsort gewesen und bekannt als queeres Reiseziel?

Ellen: Ich war noch nicht in Tel Aviv. In Gesprächen mit Autoren für das Buch erinnerte mich die Stadt aber an das frühere Ibiza. Dort gibt es in dem Sinne keine Gay-Szene, sondern alles ist integriert. Die gesamte Stadt ist so queer, dass es so etwas wie Gay Bars nicht braucht. Jeder macht jedes mit jedem, und das finde ich cool so und so viel zeitgemäßer.

SPIEGEL ONLINE: In welchem Sinne zeitgemäßer?

Ellen: Ich schätze an der jüngeren Generation, dass sie offen gegenüber Diversität ist und sich nicht vor Veränderungen fürchtet. Sie scheint so viel relaxter zu sein und kümmert sich weniger um Vorurteile. Vielleicht müssen wir Schwule uns künftig selber mehr in die Gesellschaft integrieren, auf eine sehr viel natürlichere Weise.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest in Metropolen und in der westlichen Welt. Wenn Sie den "Spartacus Gay Travel Index" betrachten, dann scheint sich aber sogar in Deutschland die Situation für LGBT im vergangenen Jahr verschlechtert zu haben.

Ellen: Ja, das stimmt. Wenn Sie an den Zustand der Welt denken, den zunehmenden Populismus, dann müssen wir wachsam und sichtbar sein. Wir scheinen an einem Punkt zu sein, an dem die Akzeptanz abnimmt. Auch in Amsterdam zeigen zurzeit schwule Paare ihre Zuneigung nicht mehr so offen, weil sie dann angespuckt oder angefeindet werden. Dabei war die Stadt einmal so superfortschrittlich.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie manche Länder auf Ihren Reisen meiden?

Ellen: Grundsätzlich denke ich, Schwule sollten frei sein, überall hinzureisen. Sogar nach Iran. Viele sagen, das sei ein unglaublich interessantes und schönes Land, wenn auch eines der gefährlichsten für offen lebende Gays. Man sollte sich bewusst sein, dass man dort seine sexuelle Orientierung verbergen muss.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie persönlich dort Urlaub machen wollen?

Ellen: Ich muss zugeben: Auf meiner Liste der vielen Ziele, die ich noch sehen will, stehen Länder wie Iran nicht ganz oben. Lieber reise ich dorthin, wo ich mich willkommen und sicher fühle - und für mich ist es wichtig, meinem Mann offen meine Zuneigung zeigen zu können. Natürlich gibt es in Ländern, in denen Homosexuelle verfolgt werden, auch Schwule, die sich verstecken müssen und Hilfe gebrauchen könnten. Wenn Touristen nicht mehr dorthin reisen würden, wären sie komplett abgeschnitten und hätten keine Möglichkeit mehr, ihre Geschichten zu erzählen.

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