Schrift:
Ansicht Home:
Reise

Verunglückte Bergsteiger in Kanada

"Eine Lawine weiß nicht, dass du Profi bist"

David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley sind in Kanada von einer Lawine verschüttet worden. Sie sind tot. Es hat drei Ausnahmetalente getroffen. Eine Würdigung.

Von
Freitag, 19.04.2019   18:18 Uhr

Wenn David Lama anfing zu sprechen, musste man unwillkürlich schmunzeln: Der starke Tiroler Dialekt schien so gar nicht zu dem 28-Jährigen zu passen, so polyglott, wie er war - und er machte ihn sofort sympathisch. Wenn David Lama anfing zu klettern, war es vorbei mit dem Schmunzeln. Dann staunten auch jene, die keine Ahnung von Schwierigkeitsgraden oder Felsarten hatten: Lama bewegte sich leicht, dynamisch, die Griffe und Fußtritte saßen, als wäre jede Route eine einstudierte Choreografie, er tanzte die Wand empor. Jetzt musste seine Familie Abschied von ihm nehmen.

Fotostrecke

Vermisste Bergsteiger: Am Fels zu Hause

Lama, dessen Vater aus Nepal und dessen Mutter aus Innsbruck stammt, galt als Ausnahmetalent. Nicht nur im Sportklettern, auch im Alpinismus erzielte er außergewöhnliche Erfolge. Seit Mittwoch werden er und zwei weitere Profi-Bergsteiger im Banff-Nationalpark in Kanada vermisst. Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley wurden von einer Lawine verschüttet, die Hoffnungen, dass einer von ihnen überlebt haben könnte, haben sich nicht erfüllt.

Die Familie von David Lama zeigt auf seiner Website ein Schwarz-Weiß-Foto des Kletterers. Daneben heißt es: "David lebte für die Berge, und seine Leidenschaft für das Klettern und Bergsteigen hat uns als Familie geprägt und begleitet. Er folgte stets seinem Weg und lebte seinen Traum. Das nun Geschehene werden wir als Teil davon akzeptieren."

Auf dem letzten Foto, das auf dem Instagram-Account von David Lama gepostet wurde, sieht alles nach einem perfekten Tag in den Bergen aus: Knietief versinken die Bergsteiger im frisch gespurten Schnee, die Skier auf dem Rücken, es ist so klar, dass man bis ins Tal schauen kann. Das Foto ist wohl älter, es wurde erst vor zwei Tagen auf Instagram hochgeladen und zeigt eine frühere Tour. Eine Tour, wie sie Lama und seine Mitstreiter so liebten.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

When you’re living in a place you often end up doing the same thing over and over again. Sometimes it takes a fresh view to break you out of the routine. In this case it was @jimwmorrison and @mikeyarno spotting a line I had almost forgotten about. We got out the next day to hit it and it turned out to be one of the better days of this winter. @thenorthface Photo by @christianpondella

Ein Beitrag geteilt von David Lama (@davidlama_official) am

"David war keiner, der bewusst ein unnötiges Risiko eingegangen ist", sagt Peter Ortner. Der Tiroler Kletterer kennt Lama seit 2009, zusammen sind sie unter anderem als Erste die schwierige "Kompressorroute" am Cerro Torre in Argentinien frei geklettert. "Er wusste genau, was er kann, war immer bestens vorbereitet", sagt Ortner. "Die Berge waren sein Leben."

Als Lama mit Ortner im Januar 2012 den Gipfel des 3128 Meter hohen Cerro Torre erreichte, grinste er verschmitzt, so wie er oft verschmitzt grinste, wenn er eine Route schaffte. Er war niemand, der mit seinen Leistungen prahlte, obwohl er die Standards im Klettersport immer wieder nach oben verschoben hat.

Capital Pictures/ ddp images

Cerro Torre (3128 Meter) in Patagonien

Mit fünf Jahren kam er in eine Klettergruppe, die von Bergsteigerlegende Peter Habeler betreut wurde. "Er ist mir sofort aufgefallen", sagt Habeler, der sogleich die Eltern des kleinen David über dessen außergewöhnliches Talent informierte. "Er hatte mit fünf Jahren schon so einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn und gar keine Angst."

Die Eltern förderten ihn, er bekam einen Trainer. Mit sieben Jahren nahm Lama zum ersten Mal an einem Kletterwettkampf teil, mit neun Jahren gewann er den Jugendcup des österreichischen Alpenvereins. Ein Jahr später kletterte er als jüngster Kletterer eine Route im Schwierigkeitsgrad 8a. Es folgten Siege im Europacup und bei den Weltmeisterschaften.

Dann kam der Bruch: Nach seinem Weltmeistertitel 2008 hatte Lama genug vom Wettkampfsport. Er entdeckte den Alpinismus für sich, war lieber draußen in den Bergen als drinnen in der Halle. "Richtiges Klettern ist für mich am Fels", sagte Lama 2016 in einem Interview mit der österreichischen Zeitung "Die Presse".

Er war nun immer öfter an den großen Felswänden mit Steigeisen und Eispickel unterwegs. Dennoch, oder vielleicht gerade aufgrund seiner Vorerfahrungen im Wettkampfsport, verfolgte er nicht das Motto "Höher, weiter, schneller". "Der Faktor des Abenteuers, das erste Verwirklichen einer Idee - das steht für mich im Vordergrund, nicht irgendein Rekord, irgendein Vergleichswert", sagte er.

Im Video: David Lama klettert in der Baatara-Schlucht im Libanon

Foto: Red Bull Content Pool

"Einer der Besten und gleichzeitig nicht überheblich"

Er suchte sein Abenteuer immer wieder in abgelegenen und rauen Gebieten: Neben seinem Erfolg in Patagonien durchstieg er einige der schwierigsten Routen in den Alpen, in Alaska, im Karakorum und im Himalaja. Im Oktober 2018 gelang ihm die Solo-Erstbesteigung des 6895 Meter hohen Lunag Ri in Nepal.

"Ich habe seinen Werdegang mit Freude beobachtet", sagt Habeler. "Er ist einer der Besten geworden und gleichzeitig nicht überheblich." Er habe Humor gehabt und er sei einer, der umkehren konnte, zwei wichtige Eigenschaften im Bergsport.

"Es hängt immer davon ab, ob ich glaube, dass das Ziel, das dem Risiko gegenübersteht, erreichbar ist", sagte Lama selbst über seine Risikobereitschaft. "Als Bergsteiger minimiere ich es sogar, so gut es geht, aber ich bin trotzdem bereit, gewisse Risiken einzugehen, wenn es dafürsteht."

Lama war ehrgeizig. Er hat sein Können so perfektioniert, dass er es beinahe ausschließen konnte, technisch zu versagen. "Erfolg heißt für mich nicht primär den Gipfel zu erreichen, sondern meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden", hieß es auf seiner Website.

"Wenn ich mit dem David geklettert bin, wusste ich immer: Der fliegt nicht runter", sagt Habeler, der mit Lama vor zwei Jahren noch die Eiger Nordwand durchstiegen hat. "Und er ist auch jetzt nicht runtergeflogen."

privat

Peter Habeler (l.) und David Lama im "Todesbiwak" in der Eiger Nordwand (2017)

Lama war ein verlässlicher Kletterpartner, das wusste auch der 35-jährige Auer, sie waren schon oft zusammen auf Expeditionen. Auer kletterte ebenfalls, seit er ein Kind war. Er wurde vor allem durch seine Free-Solo-Klettereien bekannt. Seine Begehung der Route "Weg durch den Fisch" (Schwierigkeitsgrad 7b+) an der Marmolata in den Dolomiten galt 2007 als einer der Wendepunkte im Free-Solo-Klettern. Danach gelangen dem Österreicher immer wieder Begehungen ohne technische Sicherungsmittel von sogenannten Big Walls (großen Wänden) und einige schwierige Routen auf Siebentausender.

Jüngster Mensch auf dem Everest

Auch der US-Amerikaner Jess Roskelley ist einer der erfahrensten Alpinisten weltweit. 2003 bestieg er mit 20 Jahren als jüngster Mensch der Welt den Mount Everest zusammen mit seinem Vater John. Der 36-Jährige hatte seinem Vater versprochen, sich am Dienstag zu melden. Zusammen mit Lama und Auer wollte er die schwierige Route M16 an der Ostwand des Howse Peak in den kanadischen Rocky Mountains begehen. Er rief nicht an.

Drei Bergsteiger, die seit Kindesbeinen in den Bergen unterwegs waren und als Ausnahmetalente galten. Drei, die Bedingungen im Gebirge so gut kannten wie kaum ein anderer und die technische Fähigkeiten besaßen, auf die sie vertrauen konnten. Doch es blieb ein Restrisiko. Immer.

"Es gibt Situationen, die man einfach nicht einschätzen kann", sagt der österreichische Lawinenexperte Peter Höller. "Schnee gehört dazu - eine Lawine weiß nicht, dass du ein Profi bist." Als die drei Bergsteiger bei besten Bedingungen am Howse Peak in Kanada unterwegs waren, könnte sich ein Schneebrett gelöst haben. "Kurz davor hört man oft 'Wumm'-Geräusche", sagt Höller. "Das ist ein deutliches Anzeichen, dass man aufpassen muss." Gerät man dann wirklich in eine Lawine, brauche man viel Glück.

"Meist kann man nichts mehr tun, der Körper wird in die Tiefe gezogen und ist dann von dem kompakten Schnee wie einbetoniert", sagt Höller. "Die ersten 20 Minuten hat man noch gute Chancen zu überleben." Danach sinke die Wahrscheinlichkeit drastisch, nach 35 Minuten sei sie nur noch bei 30 Prozent.

Am Montag, fünf Tage nach dem Unglück, wurden die Leichen der drei Bergsteiger gefunden.

Anmerkung: Der Text wurde aktualisiert. In einer früheren Version konnte außerdem der Eindruck entstehen, das vor zwei Tagen auf dem Instagram-Account von David Lama gepostete Foto zeige die Truppe in Kanada. Tatsächlich wurde es wohl bei einer früheren Tour aufgenommen, aber jetzt erst hochgeladen. Wir haben die Passage präzisiert.

insgesamt 68 Beiträge
Hörbört 19.04.2019
1. Zwei Seiten einer Medaille
Die Jungs lebten ihren Traum. [Schnitt] Jetzt leben die Angehörigen ihren Albtraum.
Die Jungs lebten ihren Traum. [Schnitt] Jetzt leben die Angehörigen ihren Albtraum.
juba39 19.04.2019
2. Treffender kann man es nicht sagen.
"Er folgte stets seinem Weg und lebte seinen Traum. Das nun Geschehene werden wir als Teil davon akzeptieren." Wer selbst einen kletternden Sohn hat, kann nachfühlen. Und gleichzeitig immer wieder nur akzeptieren, die [...]
"Er folgte stets seinem Weg und lebte seinen Traum. Das nun Geschehene werden wir als Teil davon akzeptieren." Wer selbst einen kletternden Sohn hat, kann nachfühlen. Und gleichzeitig immer wieder nur akzeptieren, die Natur duldet uns Menschen nur. Sie kann uns jederzeit auch abschütteln. R.I.P
iffelsine 19.04.2019
3. Ich kann auch bei ROT
über die Ampel gehen - wenn ich überlebe, habe ich "Erfolg" gehabt...
über die Ampel gehen - wenn ich überlebe, habe ich "Erfolg" gehabt...
oranier 19.04.2019
4.
"Eine Lawine weiß nicht, dass du Profi bist" Aber ein Profi sollte damit rechnen, dass sie kommt.
"Eine Lawine weiß nicht, dass du Profi bist" Aber ein Profi sollte damit rechnen, dass sie kommt.
andreasmeinhold 19.04.2019
5. Mein Beileid den Angehörigen & Freunden und R.I.P. an die Drei,...
aber eine blöde Frage hab ich dann doch: Hatten die Drei keinen Lawinenrucksack (Airbag) dabei oder nützt der in solchen Fällen nichts?
aber eine blöde Frage hab ich dann doch: Hatten die Drei keinen Lawinenrucksack (Airbag) dabei oder nützt der in solchen Fällen nichts?

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP