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Reise

Bilanz der DFS

Flugsicherung für deutlich mehr Verspätungen verantwortlich

Fehlende Lotsen und ein überlasteter Luftraum: Die Deutsche Flugsicherung hat 2018 sehr viel mehr Verspätungen im Flugverkehr verursacht. Dies ändert sich so schnell auch nicht.

DPA

Tower am Hamburger Flughafen

Mittwoch, 10.04.2019   15:21 Uhr

Wer im Sommer 2018 in den Urlaub fliegen wollte, musste in vielen Fällen mit Flugausfällen und Verspätungen rechnen. Verantwortlich für diesen Missstand war unter anderem die Deutsche Flugsicherung (DFS).

Auch für das laufende Jahr erwartet die bundeseigene GmbH wieder Engpässe am deutschen Himmel. Trotz einiger Gegenmaßnahmen gebe es nach wie vor zu wenig Lotsen und überlastete Verkehrsräume bei einem gleichzeitig wachsenden Flugverkehr, teilte die DFS mit. Nach dem Rekordwert von 3,4 Millionen Flugbewegungen im Vorjahr erwartet sie eine weitere Steigerung von bis zu vier Prozent im deutschen Luftraum.

Insbesondere der obere Luftraum, der aus dem Center Karlsruhe gesteuert wird, sei über Deutschland so überlastet, dass täglich Hunderte Flüge in den darunter liegenden Luftraum verlagert werden, obwohl die Flugzeuge dort wegen des höheren Luftwiderstands mehr Sprit verbrauchen.

Nach der Bilanz der Flugsicherung sind die von ihnen verursachten Verspätungen deutlich gestiegen, von 0,5 Minuten 2017 auf 1,23 Minuten pro Flug im vergangenen Jahr. Angestrebt wird ein Wert von höchstens 0,25 Minuten. Europaweit waren die deutschen Lotsen 2018 damit für ein gutes Fünftel der Flugsicherungsverspätungen verantwortlich.

DFS-Chef Klaus-Dieter Scheurle wehrte sich allerdings gegen den Begriff "Chaos". "Es gibt kein Chaos. Wir schaffen als Flugsicherung Ordnung am Himmel. Aber genau diese Ordnung generiert manchmal Verspätungen."

Mehr Lotsen, mehr Überstunden

Die DFS hat nach Scheurles Angaben mehrere Maßnahmen zur Verbesserung der Situation ergriffen, etwa die intensivierte Ausbildung neuer Lotsen und die Freistellung der Bestandslotsen von fachfremden Tätigkeiten. Eine Vereinbarung mit der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) zu zusätzlichen Überstunden gibt es hingegen noch nicht. Die am Montag begonnenen Gespräche seien aber sehr konstruktiv verlaufen, sagte Scheurle.

Mehr Lotsen ausbilden, ihnen mehr Zeit für die wichtigsten Aufgaben geben - das alles klingt nach einem guten Plan. Doch da nicht alle Maßnahmen sofort greifen, rechnet nicht nur die DFS, sondern auch Politik und Wirtschaft für den Sommer 2019 mit Verspätungen und Flugausfällen. Das prognostizierten die Teilnehmer des zweiten Luftfahrtgipfels bereits im März in Hamburg.

Der Gipfel mit Vertretern von Bund, Ländern, Airlines, Flughäfen, Flugsicherung und Behörden war das Nachfolgetreffen einer ersten Konferenz im vergangenen Oktober nach dem chaotischen Reisesommer 2018. Die Teilnehmer hatten einen Katalog von 24 Maßnahmen beschlossen und überprüft, wie weit sie in jedem einzelnen Punkt gekommen sind.

"Wir wollen ein gutes Mobilitätsangebot für die Bürger, und wir arbeiten intensiv daran", sagte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) im März. "Doch in diesem Sommer können wir noch nicht alle glücklich machen."

30,1 Millionen Verlust trotz erhöhten Flugaufkommens

Im vergangenen Jahr hat die DFS weniger Umsätze verbucht, obwohl sie deutlich mehr Flüge durch den deutschen Luftraum gelotst hat. Die Erlöse sanken im Vergleich zum Vorjahr um 1,1 Prozent auf 1,18 Milliarden Euro. Die Zahl der DFS-kontrollierten Flüge war in der gleichen Zeit um 4,2 Prozent gestiegen.

Unter dem Strich gab es einen Verlust von 30,1 Millionen Euro, nachdem 2017 noch ein Gewinn von 30,8 Millionen Euro angefallen war. Als wichtigsten Grund nannte DFS-Chef Scheuerle die durch EU-Regulierung abgesenkten Flugsicherheitsgebühren. Diese Entwicklung gehe auch im laufenden Jahr weiter.

Positiv habe sich das kommerzielle Drittgeschäft entwickelt, in dem die DFS unter anderem Flughafen-Tower in Großbritannien betreibt. Bei einem Umsatz von 67 Millionen Euro wurde ein operativer Gewinn von 1,5 Millionen Euro erzielt. Auch unter dem Strich seien die Nebengeschäfte trotz erheblicher Investitionen gewinnbringend gewesen.

Linken-Verkehrspolitiker Jörg Cezanne verlangte von der Bundesregierung mehr Reformeifer in der Europäischen Union. "Da seit Langem bekannt ist, dass die rigiden Leistungsziele der EU für die Flugsicherungen kontraproduktiv sind, muss die Bundesregierung endlich in die Spur kommen und in Brüssel für grundlegende Änderungen eintreten", sagte Cezanne einer Mitteilung zufolge in Berlin. "Es kann nicht sein, dass der von der Luftverkehrslobby durchgesetzte Sparzwang zu einem Sicherheitsproblem wird."

abl/jus/dpa

insgesamt 14 Beiträge
hasselblad 10.04.2019
1.
Die naheliegendste Lösung: weniger Luftverkehr. Wenn man sich einen modernen Flughafen anschaut steht das halbe Vorfeld mittlerweile voller Maschinen irgendwelcher Billigheimer, die aus Kostengründen mit Bussen geboardet werden. [...]
Die naheliegendste Lösung: weniger Luftverkehr. Wenn man sich einen modernen Flughafen anschaut steht das halbe Vorfeld mittlerweile voller Maschinen irgendwelcher Billigheimer, die aus Kostengründen mit Bussen geboardet werden. Flughäfen sind zwar Wirtschaftsunternehmen, die mit der Abfertigung von Flügen Geld verdienen müssen. Aber es gibt natürliche Kapazitätsgrenzen - Anzahl der Sicherheitsschleusen zB. oder eben die Anzahl der Fluggastbrücken. Werden diese eklatant gedehnt oder überschritten und kann die Flugsicherung dabei kapazitär nicht mithalten, entstehen zwangsläufig Lücken im Betriebsablauf. Weil in Hamburg ein Fluglotse krank war und nicht ersetzt werden konnte, habe ich am vergangenen Wochenende eineinhalb Stunden auf dem Rollfeld in Köln verbracht. Wenn die Planungen von Airports und DFS dermaßen auseinandergehen, dass eine einzige Vakanz den gesamten Ablauf massiv stört, und die DFS nicht so schnell Personal aufbauen kann wie erforderlich, dann muss der Flughafen halt auf Geschäft verzichten. Aber anscheinend arbeiten Flughäfen und DFS komplett aneinander vorbei. Vorauseilende Entschuldigungen helfen zumindest niemandem und lösen vor allem nicht die hausgemachten Planungs- und Managementprobleme der involvierten Entitäten.
kfvk-07 10.04.2019
2. Besser Verspätungen als Abstürze
Einfach es einmal positiv sehen, wenn der Luftraum überquillt und die Lotsen mangels Platz und Kollegen für Verspätungen verantwortlich sind. Wären sie für Abstürze verantwortlich, wäre es schlimmer. Wen Verspätungen zu [...]
Einfach es einmal positiv sehen, wenn der Luftraum überquillt und die Lotsen mangels Platz und Kollegen für Verspätungen verantwortlich sind. Wären sie für Abstürze verantwortlich, wäre es schlimmer. Wen Verspätungen zu sehr nerven, der kann ja bei kürzeren Strecken auf Pkw, Busse oder Bahn ausweichen. Aber auch da gibt es Verspätungen... Ein Zeichen unserer Zeit: alle haben es eilig und keiner bleibt gerne da wo er gerade ist und in der Konsequenz hat er oder sie dann Verspätung.
spon-1178958794633 10.04.2019
3. Verwechseln Sie nicht ...
"Flugsicherheit" und "Flugsicherung"?
"Flugsicherheit" und "Flugsicherung"?
Thomasvon Bröckel 11.04.2019
4. Privatisierungswahn
Zum einen ist es aus meiner Sicht schon ein Skandal, solche hoheitlichen Aufgaben zu privatisieren und Gewinnmaximierung in den Vordergrund zu stellen. Zum anderen sollten sich einmal alle Vielflieger kritisch hinterfragen, die [...]
Zum einen ist es aus meiner Sicht schon ein Skandal, solche hoheitlichen Aufgaben zu privatisieren und Gewinnmaximierung in den Vordergrund zu stellen. Zum anderen sollten sich einmal alle Vielflieger kritisch hinterfragen, die immer noch meinen, für 19,99 ? mal eben nach Malle oder europäische Großstädte jetten zu müssen! Höchste Zeit, diesen Irrsinn zu verteuern, z. B. durch hohe Steuern. Inlandsflüge sollten gleich ganz verboten werden.
ott.burgkunstadt 12.04.2019
5. Privatisierung
ist halt doch nicht immer der Königsweg zu Einsparungen im Haushalt. Kann es sein, dass die Beamten-DFS attraktiver war?
ist halt doch nicht immer der Königsweg zu Einsparungen im Haushalt. Kann es sein, dass die Beamten-DFS attraktiver war?

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