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Reise

Fotosafari in Botswana

Mit den grauen Riesen durch die Kalahari

Elefantenherden bis zum Horizont, Löwen am Wegesrand: Das Okawango-Delta zählt zu den tierreichsten Regionen Afrikas. Wer auf eigene Faust die Wildfauna erleben möchte, ist hier richtig - falls die Nerven stark genug sind für nächtliche Dickhäuter-Besuche.

Michael Martin
Von Michael Martin
Mittwoch, 02.10.2013   06:37 Uhr

Kilometer um Kilometer folgen wir dem Trans-Kalahari-Highway, gelbes Gras und dornige Bäume fliegen am Fenster unseres Geländewagens vorbei. Auf dem Armaturenbrett liegt Laurens Van der Posts Buch "Die verlorene Welt der Kalahari". Der südafrikanisch-britische Autor beschreibt die letzten Reste der San-Kultur, denen er in den fünfziger Jahren nachspürte.

Damals war die Kalahari noch kaum erschlossen, Botswana gehörte zu den zehn ärmsten Ländern der Erde. Doch 1967 wurden hier Diamanten gefunden, parallel machten Brunnenbohrungen die Rinderzucht im industriellen Maßstab möglich, die Erschließung der Kalahari begann. Kämpfte ich mich 1991 noch mit meinem Motorrad auf katastrophalen Sandpisten durch die Region, rollen meine Freundin Elfriede Fischer und ich nun zunächst auf einem breiten Teerband durch die nordwestliche Kalahari.

Deren rötlicher Sand reicht vom südafrikanischen Oranje-Fluss bis zu den Ausläufern des kongolesischen Regenwaldes. Der Kernbereich der Kalahari befindet sich im östlichen Namibia und in Botswana. Doch auch hier ist von Wüste keine Spur - denn zwar können manche Regionen als Halbwüste gelten, der weitaus größte Teil aber zählt zur Dornbusch- und Trockensavanne.

Unser eigentliches Ziel ist das Okawango-Delta in Botswana. Der Fluss entspringt auf dem regenreichen Benguela-Plateau in Angola und spült seine Wassermassen im Nordwesten Botswana in den Sand der Kalahari. Aufgrund der hohen Vegetationsdichte dauert es vier Monate, bis das Wasser den südlichen Rand des Deltas erreicht. Die Verzögerung hat enorme Bedeutung für die Tierwelt, denn der Höchststand im Delta fällt mit dem Höhepunkt der Trockenzeit zusammen. 71 Fisch-, 64 Reptilien-, 444 Vogel- und 122 Säugetierarten machen das Okawango-Delta zu einer wahren Arche Noah.

Flusspferde und Elefanten zu Besuch im Camp

Gleich am Eingang des Moremi-Nationalparks, der das Herzstück des Deltas schützt, stoßen wir auf riesige Elefanten-, Zebra- und Gnu-Herden. Elly filmt und ich fotografiere bei den sogenannten Black Pools bis zum Sonnenuntergang, so dass wir nachts fast nicht mehr das 40 Kilometer entfernte Camp bei Third Bridge finden.

Die zweite Nacht verbringen wir im Xakanaxa Camp, das an weitläufigen Wasserflächen liegt. Nachts steigen Flusspferde aus dem Wasser und laufen grunzend zwischen den wenigen Campern hindurch. In den Nächten zuvor hatte ein Elefant auf der Suche nach Äpfeln mehrere Autos und Zelte beschädigt und die Camper in Angst und Schrecken versetzt.

Was für ein Unterschied zum namibischen Etosha-Nationalpark, in dem wir vorher waren! Dort erinnert die Begegnung mit Tieren eher an einen Zoobesuch, die Zeltplätze verströmen den Charme von Autobahnstätten. Wer auf eigene Faust afrikanische Wildtiere erleben möchte, ist in Botswana richtig. Dies gilt auch für den nördlich anschließenden Chobe-Nationalpark, vor dessen Mababe-Tor uns gleich ein Löwenpärchen unter einem Busch empfängt.

Herzstück ist hier die Savuti-Marsch, ein Feuchtgebiet mit großem Büffel-, Elefanten- und Löwenpopulationen. Die Chance, auf den König der Tiere zu treffen, ist nirgendwo auf der Erde höher als im Chobe-Park. Der Tierreichtum hat aber auch seine Schattenseiten. So haben die 120.000 Elefanten massive Schäden an der Vegetation angerichtet. Die Sanitäranlagen des Savuti-Camps müssen mit meterdicken Betonwänden vor den Dickhäutern geschützt werden.

Tierreich und menschenleer

Nach wilder, mehrstündiger Fahrt von Gweta aus erreichen wir bei Sonnenuntergang die Granitinsel Kubu Island am Rand der Makgadikgadik Pan, einer der für die Kalahari so typischen Salzpfannen. Unser Lagerfeuer beleuchtet bis tief in die Nacht die mächtigen Granitfelsen, die von Jahrtausende alten Baobabs gesprengt zu werden scheinen.

Am nächsten Tag gelangen wir über die Salzpfanne nach Lethlakane, wo wir unsere Vorräte für unseren nächsten Reisehöhepunkt ergänzen: das Central Kalahari Game Reserve (CKGR), die einsamste Region Afrikas südlich des Äquators. Auch ohne die angeblich notwendige Vorausbuchung lassen uns die Ranger am Gate ein und weisen uns einen Campingplatz nahe der Deception Pan zu.

Beim Abendessen besucht uns ein Honigdachs, der seine Vordertatzen auf den Campingtisch legt, sich ein großes Butterstück schnappt und unter dem Tisch laut schmatzend verschlingt. Auch ansonsten können wir uns über Tiermangel nicht beklagen - auch nicht über zu viele Touristen: Als wir das Xade Gate erreichen, zeigt der Tachometer des Geländewagens 400 Kilometer mehr an, ohne dass wir einem einzigen Fahrzeug begegnet wären.

Spätabends erreichen wir New Xade. Hier leben jene San, die vor zwei Jahrzehnten noch den kleinen Ort Xade im CKGR bewohnten, von den Behörden dann aber trotz Protesten von Menschenrechtsorganisationen zwangsumgesiedelt wurden. Die San sind die indigene Bevölkerung des südlichen Afrikas. Die umgangssprachlich oftmals als Buschleute bezeichneten Ureinwohner sind relativ kleinwüchsig und haben eine vergleichsweise hellere Hautfarbe.

Zwangsumgesiedelt und abhängig von Almosen

Diamantbergbau, kommerzielle Rinderzucht und die Ausweisung riesiger Nationalparks habe den San den Lebensraum genommen. Ihr Leben als Jäger und Sammler lässt sich mit den Regularien eines Naturschutzparks nicht vereinbaren. Die San von New Xade werden zwar regelmäßig mit Lebensmitteln versorgt und erhalten ärztliche Hilfe, aber sie haben ihr wichtigstes Gut verloren: ein selbstbestimmtes Leben. Sie haben keine Erfahrung mit Viehzucht oder Lohnarbeit und sind vollkommen von den Almosen der Regierung abhängig.

Wir bekommen Kontakt zu einer Gruppe San, weil die Lichtmaschine unseres Toyotas am Ortsrand von Xade den Geist aufgibt und wir die Nacht dort verbringen müssen. 20 Jahre erzwungene Sesshaftigkeit in New Xade haben diesen Menschen nicht ihren Humor und ihre Warmherzigkeit nehmen können. Wir beobachten, wie liebevoll sie ihre Kinder behandeln und wie respektvoll sie miteinander umgehen.

Im 100 Kilometer entfernten Ghanzi begegnen wir weiteren San, die verwahrlost und alkoholisiert sind, ihre Kinder betteln mit Schnüffelflaschen in der Hand. Das Volk scheint keinen Platz in der Gesellschaft des heutigen Botswana zu haben. Der Buchtitel "Die verlorene Welt der Kalahari" ist für ihre Ureinwohner tatsächlich tragische Wirklichkeit geworden.

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