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Insolvenzantrag

Was Germania-Kunden jetzt wissen müssen

Vier Millionen Passagiere beförderte die Germania pro Jahr. Welche Rechte haben Kunden nach der Pleite der Fluggesellschaft? Und wie kommen sie nun an ihre Reiseziele? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

DPA

Germania-Flugzeuge auf dem Nürnberger Albrecht Dürer Airport

Von
Dienstag, 05.02.2019   13:46 Uhr

Die Fluggesellschaft Germania hat Insolvenz beantragt und mit sofortiger Wirkung den Flugbetrieb eingestellt. Die Airline mit Sitz in Berlin beförderte bislang nach eigenen Angaben jährlich vier Millionen Passagiere und flog mehr als 60 Ziele an - innerhalb Europas, nach Nordafrika sowie in den Nahen und Mittleren Osten.

Was bedeutet die Pleite für die Kunden? Und wie kommen sie nun an ihre Reiseziele? Hier sind Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Haben Germania-Kunden ein Recht auf Ersatzbeförderung?

Das kommt darauf an, ob man Flug und Hotel über einen Veranstalter oder nur einen Flug direkt bei Germania gebucht hat. Während Pauschalreisende von ihrem Anbieter den Transport zum Reiseziel verlangen können, haben Individualreisende hier wohl das Nachsehen. Nach Angaben von Germania besteht für Passagiere, die ihr Flugticket direkt bei der Fluggesellschaft kauften, aufgrund der Gesetzeslage "bedauerlicherweise kein Anspruch auf Ersatzbeförderung".

Müssen Pauschalreisende mit Änderungen im Reiseplan rechnen?

"Die deutschen Reiseveranstalter kümmern sich darum, für ihre Gäste alternative Reisemöglichkeiten zu organisieren", sagt Ralf Hieke laut einer Mitteilung vom Deutschen Reiseverband (DRV). Die Veranstalter täten alles, damit Reisende ihren Urlaub antreten können. "Sollte eine Rückreise nicht zum ursprünglich geplanten Zeitpunkt stattfinden können, bringen die Reiseveranstalter betroffene Gäste bei Bedarf in Hotels unter." In Einzelfällen könne nicht ausgeschlossen werden, dass sich der Abflughafen ändert. Die Reiseveranstalter setzten jedoch alles daran, die Umbuchungen so verträglich wie möglich für die Urlauber zu gestalten.

Zu den Anbietern, die Gäste nach und nach umbuchen, gehörten nach eigenen Angaben die TUI, die Marken der DER Touristik (darunter ITS und Jahn Reisen), die von Thomas Cook (darunter Neckermann und Bucher Reisen) sowie Schauinsland Reisen, Alltours und FTI. Eventuell anfallende Kosten - zum Beispiel für eine Zusatzübernachtung an einem Urlaubsort - würden übernommen, teilten mehrere Veranstalter mit. Umgebucht würden betroffene Gäste zum Beispiel auf Flugverbindungen mit der Condor, Eurowings und TUIfly, hieß es bei DER Touristik.

Einige Gäste von Thomas-Cook-Marken, die Reisen nach Paphos auf Zypern oder nach Scharm al-Scheich in Ägypten gebucht haben, werden allerdings zumindest in den kommenden Wochen gar nicht an ihr gewünschtes Ziel kommen: Thomas Cook werde alle Reisen zu diesen zwei Zielen bis einschließlich 28. Februar "mangels alternativer Flugverbindungen" kündigen, teilte das Unternehmen mit. Thomas Cook bietet neben dem Storno auch kostenfreies Umbuchen an.

Was können Selbstbucher tun, um nicht auf den Kosten sitzen zu bleiben?

Und wie kommen Selbstbucher nun an ihr Reiseziel?

Sie müssen einen neuen Flug buchen - und ein zweites Mal zahlen. Fluggesellschaften wie die Lufthansa, TUIfly, Condor und EasyJet bieten betroffenen Germania-Kunden besondere Tarife an. Lesen Sie hier mehr über die aktuellen Sonderkonditionen der Fluggesellschaften.

Wer als Direktbucher kurz vor einer mit Germania geplanten Reise steht und nun überlegt, diese abzusagen, sollte dabei bedenken: Weitere am Ziel gebuchte Leistungen wie beispielsweise Hotelübernachtungen und ein Mietwagen stehen ja zur Verfügung und müssten in jedem Fall bezahlt werden.

Warum gibt es für Selbstbucher keinen Schutz vor Insolvenz?

Die EU-Pauschalreiserichtlinie sorgt dafür, dass Reisende im Falle einer Insolvenz einen Ersatztransport erhalten. Verbraucherschützer fordern schon seit Jahren so eine Absicherung auch für Direktbucher. Doch eine Insolvenzversicherung für Fluggesellschaften, die bei einer Pleite Kunden helfe, sei noch immer nicht beschlossen, sagt Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Er appelliert an die Politik, endlich zu handeln. "Trotz der Erfahrungen mit der Insolvenz von Air Berlin haben Bundesregierung und EU nichts unternommen. Das rächt sich nun." Den Germania-Kunden drohe "immenser Schaden".

Auch der ADAC forderte eine Festschreibung des Insolvenzschutzes für Fluggäste, wie sie für Pauschalreisen bereits existiere. Alternativ bestehe die Möglichkeit, Fluggesellschaften dazu zu verpflichten, beim Ticketverkauf eine Versicherung für den Ticketpreis und die Rückbeförderung mit anzubieten. "Dadurch wird beim Verbraucher ein Risikobewusstsein geweckt und zugleich eine Lösung auf freiwilliger Basis geschaffen", so der Verkehrsklub.

Welche Flughäfen sind betroffen?

Auf deutsche Flughäfen wirkt sich die Pleite unterschiedlich aus. Vor allem kleinere Airports sind zum Teil massiv betroffen, zum Beispiel der Flughafen Rostock-Laage. "Von den knapp 296.000 Passagieren im vergangenen Jahr flogen 46 Prozent mit Germania", sagte Flughafen-Geschäftsführerin Dörthe Hausmann. Auch an den Flughäfen Erfurt und Friedrichshafen gibt es viele Annullierungen.

Lesen Sie hier, an welchen deutschen Airports Germania-Flüge ausfallen .

Die finanziellen Schwierigkeiten bei Germania waren Anfang Januar bekannt geworden. Der Flugbetrieb ging jedoch zunächst planmäßig weiter. Zwischenzeitlich hatte das Unternehmen von erfolgreichen Finanzierungsverhandlungen gesprochen. Ende Januar wurde aber bekannt, dass es bei der Auszahlung der Januargehälter an die Mitarbeiter Verzögerungen gibt. Die Airline begründet den finanziellen Engpass mit massiven Steigerungen der Kerosinpreise und mit einer "außergewöhnlich hohen Anzahl technischer Serviceleistungen an der Flotte".

Video: Germania beantragt Insolvenz

Foto: DPA

Germania ist eine deutsche Fluggesellschaft mit einer mehr als 30-jährigen Geschichte. Sie wurde 1986 gegründet, seit 2009 ist Berlin der Firmensitz. Zusammen mit der Schweizer Germania Flugbetrieb AG und der Bulgarian Eagle betrieb Germania zuletzt 37 Flugzeuge.

Mit Material von dpa, AFP

insgesamt 9 Beiträge
sotraluz 05.02.2019
1. In Wirklichkeit ist die Realität oft anders
Als einer der von der Niki- Insolvenz im Dezember 2017 Betroffenen musste ich feststellen, dass man auf die Unterstützung des Veranstalters nicht vetrauen kann. Obwohl ich mich mit diesem unverzüglich in Verbindung setzte, wurde [...]
Als einer der von der Niki- Insolvenz im Dezember 2017 Betroffenen musste ich feststellen, dass man auf die Unterstützung des Veranstalters nicht vetrauen kann. Obwohl ich mich mit diesem unverzüglich in Verbindung setzte, wurde ich vertröstet und an den Agenten vor Ort verwiesen, der telefonisch nicht erreichbar war. Ausser einem Schreiben, dass man von dem Ereignis völlig überrascht worden sei und die Unanehmlichkeiten bedaure, gab es keinerlei Bemühungen zur Verschaffung einer Rücktransportmöglichkeit. Hätte ich meinen rückflug nicht selbst organisiert, würde ich wahrscheinlich immer noch auf dieser Insel festsitzen. Zur Erstattung meiner Kosten konnte man sich dann erst nach langem Hin und Her entschließen, "ohne eine Rechtspflicht anzuerkennen".
radost 05.02.2019
2. Betroffene Belegschaft?
Ich hätte mich gefreut, wenn auch etwas über die betroffenen Mitarbeiter gebracht worden wäre. Wie viele Kollegen werden entlassen etc.?
Ich hätte mich gefreut, wenn auch etwas über die betroffenen Mitarbeiter gebracht worden wäre. Wie viele Kollegen werden entlassen etc.?
Paul G. 05.02.2019
3. 100 % Zustimmung
Ich Ärger ebenfalls betroffen. Mit der richtigen Kreditkarte war das Problem relativ schnell gelöst. Neben der Versicherung mit Kostenübernahme haben die sich auch um meinen Rückflug bemüht. Ich saß in einem der ersten [...]
Zitat von sotraluzAls einer der von der Niki- Insolvenz im Dezember 2017 Betroffenen musste ich feststellen, dass man auf die Unterstützung des Veranstalters nicht vetrauen kann. Obwohl ich mich mit diesem unverzüglich in Verbindung setzte, wurde ich vertröstet und an den Agenten vor Ort verwiesen, der telefonisch nicht erreichbar war. Ausser einem Schreiben, dass man von dem Ereignis völlig überrascht worden sei und die Unanehmlichkeiten bedaure, gab es keinerlei Bemühungen zur Verschaffung einer Rücktransportmöglichkeit. Hätte ich meinen rückflug nicht selbst organisiert, würde ich wahrscheinlich immer noch auf dieser Insel festsitzen. Zur Erstattung meiner Kosten konnte man sich dann erst nach langem Hin und Her entschließen, "ohne eine Rechtspflicht anzuerkennen".
Ich Ärger ebenfalls betroffen. Mit der richtigen Kreditkarte war das Problem relativ schnell gelöst. Neben der Versicherung mit Kostenübernahme haben die sich auch um meinen Rückflug bemüht. Ich saß in einem der ersten Flieger. Die Verzweiflung der Leute die keinen Ansprechpartner hatten oder kein Geld um mal eben so einen Flug für 1700 $ zu buchen war groß. Da waren Familien die einfach keine sieben bis acht TD $ hatten um schnell nach Hause zu kommen.
brooklyner 05.02.2019
4.
Bei der sirberlin pleite hat diese merkwürdige Blockflöte auch erstmal jedem gedroht, der seine Kreditkartenzahlung wegen nicht erbrachter Leistung zurück buchen liess. Nicht wenige haben sich von dem Clown einschüchtern [...]
Bei der sirberlin pleite hat diese merkwürdige Blockflöte auch erstmal jedem gedroht, der seine Kreditkartenzahlung wegen nicht erbrachter Leistung zurück buchen liess. Nicht wenige haben sich von dem Clown einschüchtern lassen. Es gab aber bei Visa und Mastercard ein internes Memo, den Betroffenen schnell und unkompliziert den Betrag zurückzuerstatten. Dies erfuhr man natürlich nicht auf spon, sondern in diversen Vielfliegerforen. Der einzige, der jetzt noch verdient ist der Insolvenzverwalter. Und bei airberlin hat er mal so gar nichts gerissen, ausser sich selbst nen Haufen Geld unter den Nagel. Der grösste Witz war, dass man nicht mal Anspruch auf die Erstattung der Steuern hatte, die zwar von der airline für die nicht erbrachte Leistung einbehalten wurde, was aber natürlich völlig ungerechtfertigt war, da die Flüge ja nie stattfanden. Also auf jeden Fall die Bank anrufen, die die Kreditkarte herausgegeben hat und notfalls mit Kündigung drohen, was aber meist nicht nötig sein dürfte. Bei mir hat das damals eine halbe Stunde gedauert, nachdem ich die unterlagen gemailt hatte, dann war der Betrag erstattet.
Kekser 05.02.2019
5. Wäre
eine Rücklastschrift eigentlich nicht möglich? Immerhin sollte man ein SEPA Mandat innerhalb von 8 Wochen ohne Angabe von Gründen durch Widerspruch zurückholen können. Dies ist sinnvoll, wenn bei Internet Geschäften die Ware [...]
eine Rücklastschrift eigentlich nicht möglich? Immerhin sollte man ein SEPA Mandat innerhalb von 8 Wochen ohne Angabe von Gründen durch Widerspruch zurückholen können. Dies ist sinnvoll, wenn bei Internet Geschäften die Ware nicht geliefert wurde oder sich jemand mit Hilfe krimineller Energie meines Geldes bemächtigen will.

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