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Reise

Instagram-Ansturm in Kalifornien

Superblüte, Superfotos - super viel Ärger

Eine üppige Mohnblüte in Kalifornien versetzt Instagram-Fans in einen #Superbloom-Rausch: Viele kommen mit Selfiestick, zertrampeln für die Fotos Blumen, verstopfen Straßen. Die Gemeinde wehrt sich.

REUTERS
Mittwoch, 20.03.2019   04:47 Uhr

Mehr als 100.000 Ergebnisse liefert Instagram, wenn man in diesen Tagen das Hashtag #Superbloom in die Suche des sozialen Netzwerks eingibt. Die Fotos zeigen Menschen (lächelnd oder ernst blickend) inmitten orangefarbener Blumen, Hunde (mit Zunge aus dem Hals hängend oder ernst blickend) inmitten orangefarbener Blumen - oder einfach nur orangefarbene Blumen unter einem blauen Himmel.

Kalifornien erlebt derzeit eine besonders üppige Blüte des Goldmohns - und alle flippen vor Freude aus. Nun ja, nicht alle. Die Bewohner von Lake Elsinore leiden seit Tagen unter einem Besucheransturm, den das südöstlich von Los Angeles gelegene Städtchen "noch nie erlebt hat" - und auch nie wieder erleben möchte, wie es auf der Facebook-Seite des Rathauses heißt.

Lake Elsinore ist der Ausgangspunkt für Ausflügler, die im Walker Canyon wandern wollen. Die für ihre Wildblumen bekannte Naturlandschaft auf der östlichen Seite des Santa-Ana-Gebirges zieht besonders im Frühling viele Besucher an. Doch in diesem Jahr kamen nicht ein paar einzelne Frischluft- und Pflanzenfans vorbei, sondern so viele Menschen, dass die Straßen verstopften und der Verkehr zusammenbrach.

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#Superbloom: Albtraum in Orange

Die "Superblüte" veranlasste die Gemeinde darum Anfang der Woche zu einem außergewöhnlichen Schritt: Sie schloss den Walker Canyon für Besucher. "Kein Einlass mehr, bitte bleibt fort", hieß es Anfang der Woche auf Facebook. "Die Situation ist eskaliert", steht in dem dazugehörigen Post, "das Wochenende war unerträglich". Es seien so viele Menschen mit Autos angereist, dass die Straßen zeitweise komplett blockiert waren.

"Wie viele Mohnblüten hast du zertrampelt?"

Im vergangenen Winter hat es in Kalifornien mehr als sonst geregnet. Das führte zu einer prachtvollen Blüte von Wildblumen. "Diese Attraktion hat Tausende Menschen aus aller Welt hierher geführt", heißt es weiter. Und natürlich freue man sich auch über die Besucher, die in den Geschäften und Restaurants im Ort Geld ausgaben. Problematisch jedoch war deren hohe Anzahl für die Nerven der Einwohner - und für die Natur.

Denn nicht alle Blumenfans begnügten sich damit, den Farbenrausch von den markierten Wanderwegen aus zu bestaunen. Viele verließen die Pfade und stürzten sich mitten in die Blütenpracht, um dort Bilder zu knipsen, von denen viele auf der Fotoplattform Instagram landeten.

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Poppies be poppin’ ��

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"Ich liebe diese Fotos" und anderes Lob ist in den Kommentaren zu den Aufnahmen zu lesen. Andere Nutzer wiederum machen ihrem Ärger Luft. "Wie viele Mohnblüten hast du dafür zertrampelt?", steht unter einer recht ästhetischen Luftaufnahme. Sie zeigt eine Frau, die in einem hellblauem Kleid in einem Teppich aus Goldmohn liegt, die Arme unterm Kopf verschränkt. "Instagram tötet die Natur", kommentiert ein User.

Instagram verändert die Welt

In vielen Goldmohn-Postings weisen die Amateurfotografen aber auch darauf hin, dass jeder Besucher Verantwortung für die Landschaft trägt. "Pflückt bitte keine Blumen, bleibt auf den Wegen und habt Respekt", schreibt ein Nutzer.

Was darf man für ein gutes Foto riskieren? Was ruinieren? An diesen Fragen scheiden sich auch unter Instagramern die Geister. Fest steht: Die Plattform verändert Orte auf der ganzen Welt - nicht immer zum Guten. Erst vor wenigen Tagen wehrten sich die Anwohner der Rue Crémieux in Paris gegen Fotojäger, die ihre Straße belagerten. Der Pragser Wildsee in Südtirol wurde durch Instagram erst so richtig berühmt - und dann überrannt. Und an der Trolltunga, einem Felsvorsprung in Norwegen, stieg die jährliche Besucherzahl nach einem Instagram-Hype von 500 auf 40.000 zwischen 2009 und 2014, wie "National Geographic" schätzt.

Um den blühenden Goldmohn zu sehen, kam auch Jessie Fortune am Wochenende in den Walker Canyon. Allerdings nicht, um Fotos zu machen. Er brachte eine Staffelei und eine Leinwand mit - und malte ein Bild von der selten schönen Blüte.

jus

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