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Reise

Foto-Wahn in den Niederlanden

Zerstört nicht unsere Tulpen!

In Knallfarben leuchtende Blüten und selfiewütige Touristen - das ist eine schwierige Kombination. Nun kämpfen die Niederländer um ihre Tulpenfelder und fordern Respekt.

Hollandse Hoogte/ imago images
Donnerstag, 25.04.2019   16:09 Uhr

In Kalifornien musste eine Gemeinde ein geschütztes Tal, in dem wilder Mohn ungewöhnlich intensiv blühte, vor dem Zertrampeln bewahren. In der Provence wehren sich Bauern, wenn Horden von Selfie-Touristen die Lavendelfelder stürmen. Und in den Niederlanden sind Gärtnereien gezwungen, Schilder vor ihren Tulpen aufzustellen: "Genießt die Blumen, respektiert unseren Stolz", steht darauf, in Englisch und Chinesisch.

Eigentlich ist gerade die Blüte der niederländischen Nationalblume eine Hochzeit für die Tourismusindustrie des Landes. Über die Ostertage hatte die Tourismusbehörde mit mehr als einer Million ausländischer Besucher gerechnet, die 300 Millionen Euro ausgeben. Unter den Topzielen im Frühling sind neben Museen und Grachten auch die Tulpenfelder und die Gartenanlage Keukenhof.

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Selfie-Wahn: Respekt für die Tulpen!

"Dies hat eine Schattenseite", sagt Jos Vranken von der Niederländischen Tourismuszentrale, "Bauern verzeichnen immer höhere Verluste durch Touristen, die ihre Felder zerstören, um zu fotografieren." Vor allem in der Bollenstreek genannten Region an der Küste zwischen Haarlem und Leiden stürmen die selfiegetriebenen Instagramer die Blumenrabatten. Blütenradar-Apps und -Webseiten leiten Einheimische und Touristen und zeigen genau an, wo es gerade am schönsten ist.

"Ich züchte Tulpenknollen seit 40 Jahren, aber es wird immer schlimmer", sagte Simon Pennings dem Sender Omroep West . "Sie laufen durch die Felder und springen von Weg zu Weg. Das verursacht Schäden, sie zertrampeln die Tulpen." Im vergangenen Jahr habe der Züchter in Noordwijkerhout einen Schaden von etwa 10.000 Euro erlitten. "An manchen Orten in der Region sind 300 Leute auf einmal durch ein Feld gelaufen."

"Sie denken nicht darüber nach", sagte er der Zeitung "Algemeen Dagblad". "Die Leute haben aus den Augen verloren, wie Pflanzen wachsen und dass wir das ganze Jahr dafür arbeiten. Wenn ich das den Menschen auf den Feldern erzähle, sagen sie: 'O, ja, Sie haben recht' und 'Es tut mir leid, ich habe das nicht gesehen und nicht verstanden'." Pennings vermutet vor allem Unwissenheit: "Milch kommt für sie aus der Fabrik und nicht von einer Kuh. Dasselbe gilt für die Knollen - sie denken, dass sei eine Art Plastik."

Freiwillige Botschafter der Tulpe

Züchter Pennings, andere Leidensgenossen und ihre Verbände haben sich zusammengeschlossen und eine Kampagne gestartet. Sie stellen Plakate, Schilder, Sperren an ihren Feldern auf, eine Gruppe von Freiwilligen heißt Touristen willkommen, erzählt aus der Historie der Tulpe und leitet sie zu weniger empfindlichen Selfie-Spots. "Jeder ist willkommen", sagt Pennings, "aber wir wollen, das dies allen Spaß bringt."

Unterstützt wird die Kampagne auch von der Tourismusbehörde. Auf einer Webseite informiert sie über Dos und Don'ts für das #tulipselfie. "Genießt unsere Blumen respektvoll" und "Besucht die Felder, auf denen Ihr Blumen pflücken dürft", schreibt sie. Wer über die Felder laufe, verursache Schäden an den Tulpen und Knollen und könne Pflanzenkrankheiten verbreiten.

Und Spaß und Tulpen-Selfie-Wahn zusammen kann wiederum Einkommen generieren: etwa in "Tulpenpluktuin" - Tulpenpflückgärten. Oder nordwestlich von Amsterdam hat ein Unternehmen ein "Tulip Experience" kreiert. Dort in Creil gibt es ein ausgeschildertes Selfie-Gebiet, dazu werden Hunderte Tulpen-Varietäten ausgestellt und Hubschrauberflüge, Getränke, Speisen und Kinderhüpfburg angeboten.

abl/Reuters

insgesamt 1 Beitrag
Nepomuk 25.04.2019
1. Knollen?
Das sind Blumenzwiebeln, Kartoffeln sind Knollen! Und ich kenne mich aus, bin Niederländer und Landwirt ;)
Das sind Blumenzwiebeln, Kartoffeln sind Knollen! Und ich kenne mich aus, bin Niederländer und Landwirt ;)

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