Schrift:
Ansicht Home:
Reise

Tourismustrend Waldbaden

Mein Therapeut, der Baum

Ob Mikroabenteuer, Übernachten in Baumhäusern oder Waldbaden - die Natur scheint für viele Großstädter wie ein fremder Planet zu sein. Der Waldbaden-Experte Martin Kiem erklärt den neuen Draußen-Trend.

imago/ Westend61
Ein Interview von
Donnerstag, 21.03.2019   06:11 Uhr

Zur Person

Martin Kiem, 36, ist Psychologe und besitzt unter anderem eine Ausbildung zum Natur- und Waldtherapie-Führer. Zusammen mit Karin Greiner hat er einen eigenen Zertifikatslehrgang Waldbaden entwickelt und arbeitet gegenwärtig mit mehreren Universitäten zusammen, unter anderem der LMU München. Sein neues Buch "Wald tut gut" ist im Februar erschienen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kiem, waren Sie heute schon Waldbaden?

Kiem: Ich habe einen Hund und einen neun Monate alten Sohn. Deshalb bin ich sowieso jeden Tag draußen in der Natur. Was hilft: Mein Wohnort Prissian, ein 500-Einwohner-Dorf in Südtirol auf etwa 640 Höhenmetern, ist umgeben von schönen Mischwäldern.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Unterschied zwischen einem stinknormalen Waldspaziergang und Waldbaden? Kann ich mich nicht einfach so unter Bäume begeben?

Kiem: Können Sie. Doch die Geschwindigkeit macht den größten Unterschied aus. Durchschnittlich legt der Mensch bei einem Spaziergang vier bis fünf Kilometer in der Stunde zurück, beim Waldbaden ist es ein Kilometer in mehreren Stunden. Also ein Zehntel davon. Für ganz viele Menschen in unserer westlichen Gesellschaft ist das schmerzhaft.

SPIEGEL ONLINE: Wieso denn das?

Kiem: Früher war Langsamkeit eine Tugend, heute wird es als Laster angesehen. Wir sind auf Geschwindigkeit konditioniert. Ich bin neulich in Berlin gewesen. Während der Rushhour bewegen sich die Menschen dort ja mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Und wenn ich schnell gehe, wird auch das Gedankenkarussell schneller. Je langsamer ich dagegen bin, desto mehr nehme ich wahr. Beim Waldbaden gibt es eine goldene Regel: Bemerke alles!

SPIEGEL ONLINE: Das geht doch auch auf einer schönen Wiese im Englischen Garten.

Kiem: Natürlich. Es geht um das menschliche Grundbedürfnis, sich mit der Natur zu verbinden. Das leidet zurzeit, wir erleben eine Naturentfremdung.

Fotostrecke

Waldbaden: "Die Sinne sind der Schlüssel"

SPIEGEL ONLINE: Mikroabenteuer , Urlaub in Baumhäusern oder Waldbaden. Wenn man sich die Trends heute anschaut, könnte man annehmen, die Natur ist für Großstädter wirklich so etwas wie ein fremder Planet. Ist das nicht seltsam?

Kiem: Für viele ist es tatsächlich ein fremder Planet. Deshalb kaufen wir Bücher darüber. Laut Studien lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, die durchschnittliche Lebenszeit verbringt man zu knapp 90 Prozent in Gebäuden. Gefängnisinsassen verbringen mehr Zeit im Freien als die Hälfte der Kinder in der westlichen Welt.

SPIEGEL ONLINE: Okay, dann nichts wie raus. Was würden Sie als Waldbadexperte Anfängern empfehlen?

Kiem: Geht einfach mit kleinen Kindern in den Wald und beobachtet sie. Für meinen Sohn ist ein Kieselstein das Zentrum des Universums. Kinder können total achtsam sein, sind dabei nicht gestresst oder gehetzt und interagieren mit der Natur. Sie brauchen im Gegensatz zu Erwachsenen keine Anleitung.

SPIEGEL ONLINE: Und sonst? Einfach den Wald genießen und stressige Gedanken abschalten?

Kiem: Nein, das funktioniert nicht. Wenn man einen Gedanken, der mit einer negativen Emotion verbunden ist, wegdrängt, kommen garantiert drei bis fünf zurück. Abschalten kann man nur, indem man sich etwas zuwendet. Zum Beispiel Sinnen wie dem Hörsinn. Fühlen versus Denken. Das sind neurowissenschaftlich komplett unterschiedliche Netzwerke.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind die Sinne so wichtig?

Kiem: In unserer Wissensgesellschaft ist der Denk- und nicht der Fühlmodus vorherrschend. Mal die Fußsohlen, die Atmung, die Luftfeuchtigkeit, vielleicht Windbewegungen mit den Fingern spüren, Geräusche hören - das ist für viele Menschen überhaupt nicht einfach. Die Sinne sind der Schlüssel. Sie sind wie Türen oder Fenster zur Außenwelt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt: Der Therapeut ist eigentlich der Wald.

Kiem: Das ist schon etwas plakativ. Aber der Wirkungsmechanismus ist natürlich die Interaktion zwischen Mensch und Natur. Ich begleite den Prozess nur.

SPIEGEL ONLINE: Wer nimmt an Ihren Kursen teil? Sie veranstalten die Kurse ja auch in Kooperation mit den Südtiroler Fremdenverkehrsämtern.

Kiem: Ganz unterschiedlich. Bei einer Gruppe waren zum Beispiel eine 27-Jährige und ein 84-Jähriger dabei. Derzeit sind es mehr Frauen als Männer, aber das verändert sich langsam. Auch Einheimische sind unter den Teilnehmern.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:20 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Karin Greiner, Martin Kiem
Wald tut gut!: Stress abbauen, Wohlbefinden und Gesundheit stärken

Verlag:
AT Verlag
Seiten:
250
Preis:
EUR 25,00

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Innsbruck Psychologie studiert, sind später nach Australien gezogen und waren dort als Coach für gestresste, Burnout-geplagte Manager großer Firmen tätig. Wie sind Sie in den Wald gekommen?

Kiem: Eine US-amerikanische Organisation bot in Neuseeland eine sechsmonatige Ausbildung zum zertifizierten Natur-und Waldtherapie-Führer an. Das fand ich spannend: dass die Interaktion mit der Natur auch eine Rolle dabei spielen kann, gesünder und entspannter zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Da sind Sie nicht der Einzige. Waldbade-Angebote schießen ja gerade im Gesundheitstourismus wie Pilze aus dem Boden....

Kiem: Das ist sehr zweischneidig. Manche Angebote sind nicht sehr seriös. Es sind auch - um Ihr Bild aufzugreifen - giftige oder ungenießbare Pilze dabei. Es gibt ja noch nicht einmal eine einheitliche Definition von Waldbaden.

SPIEGEL ONLINE: Das Waldbaden kommt ja ursprünglich aus Japan: "Shinrin Yoku" ist angeblich als Heilmethode etabliert. Bekannt wurde es vor allem durch den Forstwissenschaftler Iwao Uehara. Ist das keine seriöse Referenz?

Kiem: Kennen Sie den Begriff "Karoshi"? Das bedeutet auf Japanisch Tod durch stressbedingtes Überarbeiten. Über 90 Prozent der Japaner leben in riesigen Metropolen und arbeiten extrem viel. Deswegen hat man Kampagnen initiiert, um die Menschen wieder mehr zum Entspannen in die Natur zu locken. Früher spielte Natur dort eine große Rolle, auch bei philosophischen Strömungen wie dem Zenbuddhismus oder Shinto. Durch den Kapitalismus hat sich das stark verändert. Mittlerweile bin ich bei einigen Waldbaden-Studien sehr vorsichtig. Das Studiendesign ist schwach, es gibt kaum vergleichbare Kontrollgruppen, und die Teilnehmerzahlen sind gering. Daher braucht es weitere Studien um herauszufinden, ob sich die viel versprechenden Ergebnisse auch wiederholen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Pflanzliche Botenstoffe, sogenannte Terpene, sollen laut dieser Studien das Immunsystem stärken.

Kiem: Prinzipiell spricht einiges dafür. Zudem beeinflusst der Kontakt mit der Natur auch unser Nerven- und Hormonsystem positiv.

SPIEGEL ONLINE: Steckt die Waldbade-Forschung noch in den Anfängen?

Kiem: Ich arbeite mit Universitäten wie der LMU in München zusammen, die daran arbeiten, die japanischen Studienergebnisse zu überprüfen. Wenn wir wollen, dass das Thema nicht belächelt wird, müssen wir mehr Geld in das Forschungsgebiet stecken.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft sollte man als gestresster Großstadtmensch jetzt in den Wald zum Entspannen? Am besten gleich drei Wochen am Stück?

Kiem: Wenn zum Beispiel ein gestresster Manager nie in die Natur geht, sollte man ganz realistisch anfangen und die Aufenthaltszeit in der Natur langsam steigern. Schaffst du es, in der Mittagpause nicht am Schreibtisch zu essen, sondern zum nahe gelegenen Park zu gehen? Dann ziehe dort die Schuhe aus, berühre mit deiner Haut die Erdoberfläche und mache danach eine Übung: Schließ die Augen und konzentrier dich auf die Vogelgeräusche. Das sind schöne Mikromomente von Naturverbundenheit.

insgesamt 10 Beiträge
Reg Schuh 21.03.2019
1.
Immer wieder lustig, wie man über komplett selbstverständliche Dinge Bücher verkaufen kann. Der kontakt zum Selbstverständlichen scheint zu vielen Menschen tatsächlich verloren zugehen, wenn man sich vielleicht zu viel den [...]
Immer wieder lustig, wie man über komplett selbstverständliche Dinge Bücher verkaufen kann. Der kontakt zum Selbstverständlichen scheint zu vielen Menschen tatsächlich verloren zugehen, wenn man sich vielleicht zu viel den Smartphones, den "sozialen Medien", den Einkaufszentren und ... tja... dem Kapitalismus ergeben muß.
Mertrager 21.03.2019
2. Vielleicht
sollte von vorneherein mehr Wert auf eine Umkehrung der Perspektive gelegt werden. - Wir brauchen den Wald. Aber der braucht uns nur bedingt. Schon jetzt, wo angeblich die Leute angeblich 90 % ihrer Zeit in Gebäuden verbringen, [...]
sollte von vorneherein mehr Wert auf eine Umkehrung der Perspektive gelegt werden. - Wir brauchen den Wald. Aber der braucht uns nur bedingt. Schon jetzt, wo angeblich die Leute angeblich 90 % ihrer Zeit in Gebäuden verbringen, ist es mancherorts im Wald alles andere als einsam. Die Wälder um die Ballungsgebiete sind oftmals überlaufen. Teilweise im warsten Sinne des Wortes. Wenn mann dann schaut, wie andere TRENDS die Landschaft verändert haben, verheisst das für den Wald selbst nicht unbedingt etwas gutes.
Spiegelleser2018 21.03.2019
3.
Ich möchte dem Therapeuten nicht zu Nahe treten und jeder kann sein Geld natürlich ausgeben wofür er will, aber aus meiner Sicht wird das so nichts. Mit Kurs und Anleitung und anderem Kokolores werde ich eines im Wald sicher [...]
Ich möchte dem Therapeuten nicht zu Nahe treten und jeder kann sein Geld natürlich ausgeben wofür er will, aber aus meiner Sicht wird das so nichts. Mit Kurs und Anleitung und anderem Kokolores werde ich eines im Wald sicher nicht finden : Ruhe und Entspannung. Mein Tipp : Schuhe anziehen, ab in den Wald und fertig. Mehr brauchts garantiert nicht! (Achja, eines noch: Smartphone daheim lassen)
docker 21.03.2019
4. Kein Wunder.
Stadtmenschen sind Bäume fremd geworden. Kein Wunder : In Hamburg z.B. wurden im letzten halben Jahr 1000 Bäume gefällt. In den letzten 10 Jahren an die 10000. In manchen Vierteln muß man weit gehen , um einen einigermaßen [...]
Stadtmenschen sind Bäume fremd geworden. Kein Wunder : In Hamburg z.B. wurden im letzten halben Jahr 1000 Bäume gefällt. In den letzten 10 Jahren an die 10000. In manchen Vierteln muß man weit gehen , um einen einigermaßen erwachsenen Baum umarmen zu können.
ka.lauer 21.03.2019
5. Echt jetzt ....
Waldbaden-Experte, Draußen-Trend, Waldtherapie-Führer, Zertifikatslehrgang Waldbaden ... Die Welt wird immer verrückter. Jeden Tag steht halt irgendwo ein Depp auf. Man muss ihn nur finden. Einzig positiv: Der Mann vermeidet [...]
Waldbaden-Experte, Draußen-Trend, Waldtherapie-Führer, Zertifikatslehrgang Waldbaden ... Die Welt wird immer verrückter. Jeden Tag steht halt irgendwo ein Depp auf. Man muss ihn nur finden. Einzig positiv: Der Mann vermeidet Anglizismen. Bravo.
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP