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Reise

Slackliner Alexander Schulz

Weltrekorde am laufenden Band

650 Meter lang war das Seil - und nur 2,5 Zentimeter breit: Extremsportler Alexander Schulz hat in der Auvergne erneut einen Weltrekord im Slacklinen aufgestellt. Ein Sehfehler hilft ihm dabei.

One Inch Dreams
Von
Dienstag, 18.10.2016   18:45 Uhr

Wie eine gigantische Halfpipe ruhen die Roches Tuilieres et Sanadoire in der Landschaft. Links ein Felsturm, rechts ein Felsturm und dazwischen ganz viel Grün. Über dieser 650 Meter breiten Schlucht in der französischen Auvergne hat Extremsportler Alexander Schulz nun einen Spaziergang auf einer Slackline zurückgelegt - und damit einen neuen Weltrekord aufgestellt.

Der 25-jährige Profi-Slackliner aus dem bayerischen Rosenheim hat die Schlucht in 200 Meter Höhe auf einem Band aus Nylon überquert. "Ich bin erschöpft", sagt Schulz zwei Tage nach dem gelungenen Versuch - und nur Minuten, nachdem ihm auch der Rückweg auf dem gespannten Seil geglückt war. "Als Weltrekord hat zwar bereits die eine Richtung gezählt, aber ich bin erleichtert, dass ich es sogar ein zweites Mal geschafft habe."

Die Bedingungen für das gesamte Unterfangen waren alles andere als gut. Beim ersten Versuch vor drei Wochen hatte es so stark gestürmt, dass Schulz die Überquerung nach einigen erfolglosen Versuchen aus Sicherheitsgründen abbrach. "Das war der extremste Wind, den ich je auf einer Highline erlebt habe", sagt er. Für die darauffolgenden Tage wurden Windstärken von 125 km/h vorhergesagt. Schulz reiste zusammen mit seinem Team ab.

Am vergangenen Wochenende, als er es erneut wagen wollte, hatte es in der Region im Zentrum Frankreichs starke Niederschläge gegeben - der Albtraum für einen Slackliner. "Es hat tagsüber und nachts durchgeregnet", sagt Schulz. "Dadurch hat sich die Line gedehnt und war sehr rutschig an den Seiten."

Doch Wind und Wetter konnten ihn nicht aufhalten. Schulz stieg auf das schmale Band und ging los. "Der erste Teil war einfach", sagt er. Doch ab der Mitte wurde der Wind stärker und böiger, Schulz musste alles geben. "Das Wichtigste ist die mentale Verfassung, man muss die Konzentration immer aufrechterhalten und darf nie dran zweifeln, dass es klappt." So ein Marsch in luftiger Höhe ist zudem eine immense körperliche Anstrengung. "Alles ist angespannt, ich bin dann wie in einem Tunnel."

"Die Landschaft kommt zu mir"

Trotzdem hatte Schulz bei seiner spektakulären Schluchtüberquerung noch einen Blick für die beiden Seitenränder des alten Vulkankraters übrig, durch den vor langer Zeit mal ein Gletscher geflossen ist. "Egal, wie sehr ich mich fokussiere - an einem gewissen Punkt kommt die Landschaft zu mir", sagt der Slackliner. Auch bei seinem 650-Meter-Rekord gab es diesen Moment, an dem er die Vulkanketten am Horizont erblickte und den herbstlich gefärbten Wald unter sich. "Das aus der Luft zu sehen, ist ein Wahnsinnserlebnis."

Normalerweise bleibt Schulz in solchen Momenten auf der Slackline stehen, dreht sich um 90 Grad und hält inne. Doch diesmal wollte er auf Nummer sicher gehen. Keine Panoramapause, Konzentration - und weiter. Als er am Ende des Highline ankam, konnte er sein Glück kaum fassen.

Um so eine lange Passage auf einem nur 2,5 Zentimeter breiten Band zu schaffen, bedarf es einiger Vorbereitung. Mehrmals hatte das "One Inch Dreams"-Team um Schulz Übungsseile in der Auvergne gespannt - unter anderem am Wasserfall Grand Cascard. "So konnte ich mich auf die Region einstimmen", sagt Schulz. "Das Rauschen des Wassers hat mir Energie und Kraft gegeben."

Wandern zwischen zwei Gletscherbahnkabinen

Alexander Schulz sorgt nicht zum ersten Mal für Aufsehen in der Slackliner-Szene. Vor zwei Jahren brach er den damaligen Weltrekord im Highlinen, indem er eine 375 Meter lange Line zwischen zwei riesigen Kalkfelsen in China überquerte. "Höhenangst ist mir völlig fremd", sagte er damals in einem Interview mit UniSPIEGEL. "Allerdings hilft mir auch, dass ich kurzsichtig bin. Schluchten wirken auf mich kaum bedrohlich, eher verschwommen."

Wenige Monate zuvor war ihm ein Coup an der Zugspitze gelungen. Am höchsten Gipfel Deutschlands ging er über ein Band, das zwischen den Gletscherbahnkabinen der Bayerischen Zugspitzbahn gespannt war. Diesen Herbst stellte Schulz zudem einen Weltrekord im Waterlinen auf: Er lief in Südtirol 535 Meter weit über den Vernagt-See im Schnalstal.

Welche Landschaften der Extremsportler als Nächstes von einer Highline aus ins Visier nehmen wird, steht noch nicht fest. Erst mal will er jetzt ein bisschen auf der noch in der Auvergne gespannten Line herumlaufen - und die erloschenen Vulkane bewundern.

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Highline Extreme: Balanceakt zwischen Bergen
insgesamt 5 Beiträge
werner-xyz 19.10.2016
1. Heftig
Also ich habe mich auch schon mal am Slacklinen (50cm über dem Boden) probiert. Das ist schon Wahnsinn, was man da für eine Körperbeherrschung haben muss. Hut ab. Aufgrund meiner Höhenangst, wäre es aber auch nichts für [...]
Also ich habe mich auch schon mal am Slacklinen (50cm über dem Boden) probiert. Das ist schon Wahnsinn, was man da für eine Körperbeherrschung haben muss. Hut ab. Aufgrund meiner Höhenangst, wäre es aber auch nichts für mich, selbst wenn ich es schaffen würde, da nicht nach ein paar Schritten runter zu fallen.
aladar_m 19.10.2016
2. Hut ab!
Jeder, der schon mal selber ein paar Schritte auf einer Slackline probiert hat, kann ermessen, was für eine Wahnsinnssache das ist. Herzlichen Glückwunsch zum Rekord!
Jeder, der schon mal selber ein paar Schritte auf einer Slackline probiert hat, kann ermessen, was für eine Wahnsinnssache das ist. Herzlichen Glückwunsch zum Rekord!
maxderzweite 19.10.2016
3. coole Sache,
aber kurzsichtig uns genießt das Panorama? Ich meine wenn die Schlucht schon verschwommen ist...;)
aber kurzsichtig uns genießt das Panorama? Ich meine wenn die Schlucht schon verschwommen ist...;)
felisconcolor 19.10.2016
4. Ist schon
fantastisch. Ich habe echt Respekt vor diesen Leuten. bin früher auch auf alles rauf was man erklimmen konnte. und dann war plötzlich die Luft raus. Höhenangst. Neulich habe ich mich dann seit langer Zeit mal in einen kleinen [...]
fantastisch. Ich habe echt Respekt vor diesen Leuten. bin früher auch auf alles rauf was man erklimmen konnte. und dann war plötzlich die Luft raus. Höhenangst. Neulich habe ich mich dann seit langer Zeit mal in einen kleinen Hochseilkurs getraut. die erste Runde war ziemlich stokelig. Aber nach einer Pause musste ich unbedingt nochmal in den Parcour. Und ich will jetzt auch in einen richtig großen Kurs.. Das macht süchtig glaube ich.
eurosinga 19.10.2016
5. Respekt für diese Leistung
aber muss man für die Benennung unbedingt einen Anglizismus verwenden? Früher hat man dazu im deutschsprachigen Raum die Bezeichnungen Hochseilartist oder - schöner noch - Seiltänzer genommen. Dabei könnte man es auch [...]
aber muss man für die Benennung unbedingt einen Anglizismus verwenden? Früher hat man dazu im deutschsprachigen Raum die Bezeichnungen Hochseilartist oder - schöner noch - Seiltänzer genommen. Dabei könnte man es auch belassen.

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