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Reise

Wintersport auf Hokkaido

Ja, ja, Ja-POW!

Japan als Skireiseziel boomt - und vor allem die Insel Hokkaido genießt in der Szene einen geradezu mythischen Ruf. Federleichter Tiefschnee - bekannt als Japow - ist garantiert.

Bernhard Krieger / TMN
Dienstag, 28.11.2017   12:36 Uhr

Leise rieselt der Schnee? Auf Hokkaido schneit es mit der Intensität eines tropischen Gewitterregens. Ein halber Meter über Nacht ist im Januar keine Seltenheit, eher die Regel. Für Autofahrer ist Japans Nordinsel im Winter die Hölle - für Skifahrer ein Paradies.

Wegen der außergewöhnlichen Schneesicherheit pilgern Skifahrer und Snowboarder aus der ganzen Welt Anfang des Jahres nach Hokkaido. Japan als Skireiseziel boomt. Die meisten Gäste besuchen das größte Skigebiet der Insel, Niseko United. Die vier zusammengeschlossenen Areale Annupuri, Village, Grand Hirafu und Hanazono reihen sich an den Flanken des Mt. Niseko-Annupuri aneinander. Der Vulkankegel ist zwar nur 1308 Meter hoch, die Höhendifferenz zu den Orten beträgt allerdings beachtliche 1048 Meter.

Hokkaidos Top-Skiresort ist berühmt für seinen "Japan Powder". Den besonders pulvrig-leichten Tiefschnee in Japan nennen Freerider in der ganzen Welt nur "Japow". Zwischen Anfang Januar und Mitte Februar fällt in Niseko fast täglich Schnee. "Die kalten Luftmassen aus Sibirien nehmen Feuchtigkeit aus der Japanischen See auf und treffen dann auf die Berge im Westen Hokkaidos", erklärt Christoph Gnieser. Das sei die perfekte Mischung für häufige und ergiebige Schneefälle.

Freerider im Glück

Der Geo-Wissenschaftler ist leidenschaftlicher Skifahrer. Während seiner Zeit als Professor an nordamerikanischen Unis tobte er sich in den Rocky Mountains aus. Dann entdeckte er Hokkaido. Seitdem kehrt er als Guide für einen deutschen Skireiseveranstalter Jahr für Jahr nach Japan zurück, um Gästen die Geheimtipps abseits der Pisten zu zeigen. "Hokkaido und insbesondere Niseko mit seinem Nachbarskigebiet Rusutsu sind echte Freerider-Paradiese", sagt Gnieser.

Die relativ sanft abfallenden Flanken des Vulkans sind fast bis ganz oben von lichten Espen- und Bambuswäldern überzogen. Die Lawinengefahr ist so relativ gering. Die Sicht genügt selbst im dichtesten Schneetreiben, welches oft im wahrsten Sinne des Wortes wie aus heiterem Himmel kommt: Gerade noch schien die Sonne am tiefblauen Horizont, da drücken die meist starken Winde schon wieder neue Wolken gegen den Mt. Annupuri.

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Skilaufen auf Hokkaido: Pulverschnee am Vulkan

In Minutenschnelle verschwindet dann der 1898 Meter hohe Mt. Yotei gegenüber im Schneegestöber. Der Vulkankegel, den die Einheimischen Hokkaidos "Fuji" nennen, ist ein beliebtes Ziel für Skitourengeher. Diese steigen erst auf seinen Hängen auf, um dann im Krater abzufahren, bevor sie nach einem erneuten Aufstieg heimkehren. Solche Touren sollten erfahrene Skifahrer nur mit ortskundigen Führern und kompletter Sicherheitsausrüstung inklusive Lawinenairbags in Angriff nehmen. Auf die Geländeabfahrten in Niseko United aber dürfen sich auch Ski-Normalos trauen.

Die Bergwacht kontrolliert den Berg akribisch. Elf sogenannte Gates ins unpräparierte Hinterland werden nur dann geöffnet, wenn die Lawinengefahr nicht zu groß ist. Wer durch geschlossene Gates fährt, dem wird der Skipass entzogen. Verstöße gegen Regeln werden in japanischen Skigebieten konsequent geahndet. Und Regeln gibt es zuhauf. Wer glaubt, dass Deutschland überreglementiert ist, der war noch nie im super-disziplinierten Japan.

Eiszapfen an der Nase

Vieles hier ist explizit verboten, noch mehr verpönt. Selbst in Damentoiletten warnen Schilder vor Fluchen in der Öffentlichkeit. Auch Naseputzen in Gesellschaft ist tabu, was angesichts von Durchschnittstemperaturen von minus zehn Grad im Januar auf Hokkaido zu Eiszapfen an den Nasen führt. Auch Schneereste an den Skistiefeln in der Gondel sind verpönt. Deshalb hängen an der Niseko Gondola kleine Handbürsten am Eingang. Von Schneeresten befreit, reiht man sich dann - selbstverständlich ohne zu drängeln - in die Schlange ein.

Die Niseko Gondola ist die längste Gondel und zusammen mit jener im Nachbarort Grand Hirafu der Dreh- und Angelpunkt des Skigebiets, in dessen Hütten es neben Sushi und Nudelsuppen auch Pasta und Hamburger gibt. Niseko United bietet einen erstaunlichen Mix.

Neben Hightech-Liften rattern altertümliche Einer-Sessellifte, die nur aus einer gebogenen Stange und einem 30 mal 30 Zentimeter großen Holzbrett als Sitz bestehen - und ohne Sicherungsbügel auskommen. Eine Fahrt mit den ironischerweise auch noch "King" oder "Wonderland" genannten Uralt-Liften ist fast so aufregend wie Freeriden auf den gigantischen Off-Piste-Hängen rechts und links des Niseko-United-Skigebiets oder das Nachtskilaufen in Grand Hirafu.

Nachtskifahren in Niseko ist etwas völlig anderes als in 99 Prozent der Alpen-Skigebiete. In Grand Hirafu sind nicht ein oder zwei Pisten ausgeleuchtet, sondern der halbe Berg. "Ich bin dort schon beim Nachtskilauf abseits der Piste Tiefschnee gefahren. Das ist unvergesslich", schwärmt Ski-Guide Gnieser. Und nach dem Skilaufen im Dunklen steht das Nachtleben in Grand Hirafudas an. Bis fast Mitternacht pendeln die kostenlosen Skibusse von Niseko Village in das pulsierende Zentrum von Niseko.

Bauboom am Vulkan

Dutzende Restaurants präsentieren in großen Vitrinen ihre Sushi-Spezialitäten in Form erstaunlich echt wirkender Plastikmodelle. An der Hauptstraße wechseln sich unscheinbare Restaurants, die nur anhand der roten Laterne über zwei kleinen Vorhängen an der Tür als solche zu erkennen sind, mit edel aufgemachten Gourmetlokalen ab. Davor stehen einige amerikanisch anmutende Food-Trucks mit Pizza und Burgern im Angebot. Im "King of Kebabs" drehen sich zur Musik des King of Rock'n'Roll, Elvis Presley, riesige Fleischspieße.

In der "Japow"-Hochsaison bevölkern immer mehr tiefschneesüchtige Europäer und Nordamerikaner Niseko, das ansonsten fest in australischer Hand ist. Viele Ski-Shops werden von Australiern betrieben, auch zahlreiche Skilehrer und Skibergführer kommen aus Down Under. Einige schneearme Winter in den Alpen und zahlreiche Skifilme über das Tiefschneeparadies Hokkaido zeigen Wirkung. Niseko wird in der internationalen Skiszene immer bekannter und ist auf dem Weg zu einem Weltklasse-Resort.

Längst ist am Fuße des Vulkankegels ein Bauboom ausgebrochen. Jede Saison eröffnen neue Apartmenthäuser und internationale Luxushotels. 2018 sollen ein Sky Hotel und 2019 ein Ritz Carlton und ein Park Hyatt dazukommen. Vom Boom Nisekos zeugen auch die Edel-Restaurants. In Grand Hirafu ist das vom Guide Michelin zurecht mit einem Stern ausgezeichnet "Kamimura" die beste Adresse. An der Talstation des Hanazono-Lifts betreibt mit dem "Asperges" sogar ein Drei-Sterne-Koch aus Sapporo eine Winterdependance.

Essen und Trinken sind generell nicht günstig, dafür spart man das Trinkgeld. Guter Service ist für Japaner eine Selbstverständlichkeit, ein "Tip" deshalb verpönt. Es sei denn, man geht in den Tap Room im "Odin Place". Dort sind die Biere aus Niseko, die Kellnerinnen aber kommen aus Sydney.

Bernhard Krieger, dpa/abl

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