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Reise

Biergartenwanderung durch München

Von der Mass zur Haxn zum Hendl

Mehr als tausend Biergärten gibt es in München. Zehn davon erkundet Johanna Stöckl auf einer 34 Kilometer langen Tour. Auf geht's!

Johanna Stöckl
Sonntag, 11.08.2019   11:42 Uhr

In München zeigt das Thermometer am Wochenende an die 30 Grad. Das ruft nach Schatten, Baden in der Isar - und einem kühlen Bier. Nur Herumliegen will ich aber nicht. Also plane ich eine Wanderung durch die Stadt: von Biergarten zu Biergarten.

Mehr als Tausend Biergärten gibt es in München - gar nicht so einfach, da eine Strecke auszutüfteln, die nicht auf geteerten Straßen entlangführen soll. Angesichts des Wetters entscheide ich mich für eine Tour entlang der Isar bis in den Englischen Garten. Mehr als 30 Kilometer habe ich mir vorgenommen - da sollte ich lieber nicht in jedem Biergarten einkehren.

Ich starte frühmorgens bei der WaWi, der Waldwirtschaft in Pullach, rund zehn Kilometer südlich von München. Der Traditionsgasthof liegt am westlichen Isar-Hochufer und ist bequem mit der S-Bahn zu erreichen. Mit einem Weißwurstfrühstück in den Tag zu starten, wäre toll - aber der Biergarten öffnet erst um 10.30 Uhr. Ich genieße also nur die sagenhafte Aussicht und blicke von den direkt an der Hangkante gelegenen Plätzen über das Isartal.

Dann wandere ich los. Eine steile Straße führt von der WaWi zum Isarwerkkanal, der parallel zur Isar verläuft. So früh am Morgen bin ich noch ganz alleine unterwegs, wechsle über Brücken gelegentlich die Uferseite, um nicht in der Sonne zu laufen. Mein Equipment ist überschaubar: kurze Hose, T-Shirt, Wandersandalen. Im Rucksack verstaut: Badezeug, Trinkflasche und Geldbeutel.

Nach etwa 2,5 Kilometern erreiche ich meinen nächsten Wegpunkt: den Gasthof Hinterbrühl, eine Münchener Institution. Sonst kann man vom Tausend Sitzplätze fassenden Biergarten vorbeifahrende Holzflöße beobachten, die ab Wolfratshausen mit viel Tamtam und Hopfensaft an Bord Richtung München starten. Doch auch dazu ist es heute noch zu früh. Die Ruhe genießend, umrunde ich den Hinterbrühler See und wandere weiter Richtung Marienklause.

Die kleine Kapelle kannte ich bisher nur von Bildern. Um sie einmal live zu sehen, nehme ich heute einen Umweg in Kauf. Als ich über den Marienklausensteg laufe, stoße ich auf eine Horde Jugendlicher, die mich mit Rückwärtssaltos von der Brücke beeindrucken.

Johanna Stöckl

Rückwärtssalto vom Marienklausensteg

Nachdem ich mir die historische Marienklause angeschaut habe, mache ich mich auf zum nächsten Biergarten, der ebenfalls historisch ist: Im Bootshaus befand sich schon vor 300 Jahren eine Gastwirtschaft zur Bewirtung passierender Fuhrwerke. Der zugehörige Biergarten existiert seit 1960. Betrieben wird die versteckte Gaststätte von den Naturfreunden, einer internationalen Naturschutzorganisation. An sonnigen Tagen reichen die 250 Sitzplätze bei Weitem nicht aus. Dann ist es erlaubt, sich mit Picknickdecken auf der Wiese auszubreiten.

Über die Thalkirchner Brücke die Isar querend, habe ich bereits zehn Kilometer zurückgelegt. Höchste Zeit für eine erste Abkühlung! Bademöglichkeiten am Flaucher gibt es zwischen Tierpark und Brudermühlbrücke viele. Mit ihren Flussrinnen, Inseln und Kiesbänken ist die Auenlandschaft beiderseits der Isar für uns Münchener der Inbegriff des Sommers.

Fotostrecke

Von Biergarten zu Biergarten: Das Wandern ist des Münchners Lust

Dass der Biergarten Zum Flaucher, der als Namensgeber für diesen Flussabschnitt diente, ein außerordentlich schönes Fleckerl München ist, lässt die Adresse "Isarauen 8" erahnen. Johann Flaucher eröffnete dort 1871 ein Wirthaus. Schon damals strömten stressgeplagte Städter in die nahen Isarauen und gönnten sich nach einem erfrischenden Bad im Gastgarten eine kühle Mass Bier. Ich lasse mich hier ebenfalls bewirten. Mittags ist es angenehm ruhig im 1300 Sitzplätze umfassenden Biergarten. Der krosse Krustenbraten schmeckt.

Als ich nach knapp einer Stunde den öko-zertifizierten Biergarten am Muffatwerk im Stadtzentrum erreiche, habe ich bereits 15 Kilometer in den Beinen. Über den Kabelsteg ist die Praterinsel, auf der das Alpine Museum des Deutschen Alpenvereins und das dazugehörige Café Isarlust untergebracht sind, rasch erreicht. Ein genialer Platz zum Rasten: Im Park stehen Liegestühle bereit.

Außerdem gibt es im Garten seit 2016 die "Ur-Hölle". Die 1894 eingeweihte Höllentalangerhütte wurde nach 110 Dienstjahren am Fuße der Zugspitze abgetragen und in München wieder aufgebaut. Auch das nach 50 Jahren ausrangierte "Grathütterl", die original Biwakschachtel vom Jubiläumsgrat (zwischen dem Gipfel der Zugspitze und der Alpspitze) kann hier seit 2012 begutachtet werden.

Entlang der Maximiliananlagen überquere ich die Isar an der Luitpoldbrücke. Auf dem Weg in den Englischen Garten möchte ich die Surfer an der Eisbachwelle sehen und laufe einmalig auf Asphalt entlang der Prinzregenstraße zum Haus der Kunst. Das war's mit der Ruhe: Der Eisbach gleicht hier einem proppenvollen Freibad. Dass Schwimmen hier untersagt ist, scheint niemanden zu jucken. Hunderte Badelustige treiben kreischend in der Strömung. Schaulustige drängeln sich um den touristischen Hotspot. Wem das zu viel Trubel ist, kann am Kiosk Fräulein Grüneis im Grünen abtauchen.

Johanna Stöckl

Badeverbotsschild am Eisbach

Nach der kleinen Pause geht es weiter vorbei am Monopteros zum nächsten Münchener Klassiker: dem Biergarten am Chinesischen Turm. Gut 7000 Gäste können hier rund um den 25 Meter hohen, pagodenförmigen Holzturm, aus dem bereits mittags Blasmusik tönt, sitzen.

Ich gehe trotzdem daran vorbei und weiter zum Kleinhesseloher See und das seit 1837 bestehende Seehaus im Englischen Garten. Die beliebten Plätze am Seeufer bleiben in der Mittagshitze unbesetzt. An der dazugehörigen Bar am Seehaus, wo uralte Bäume reichlich Schatten spenden, ist allerdings viel los.

Über schmale Pfade nordwärts durch den Englischen Garten streifend, entdecke ich knorrige Eichen, versteckte Tümpel und einen Biberbau. Die Stadt scheint fern, die Wildnis deutlich näher. Auf dem Weg zum Biergarten am Aumeister verfranse ich mich im endlosen Grün und finde den Weg nicht auf Anhieb. Dann aber doch: Wo 1811, als Dienstsitz des königlichen Aujägermeisters erbaut, exklusive Jagdgesellschaften verköstigt wurden, finden heute 3000 Gäste Platz.

Dem Schwabinger Bach folgend, geht's später retour Richtung Innenstadt. Den letzten Stopp sehne ich herbei. Über den Hofgarten flaniere ich durch die Altstadt und schreite am legendären Hofbräuhaus am Platzl durch einen Torbogen in den Biergarten. Im gut besuchten, schattigen Innenhof wasche ich mir am blumengeschmückten Steinbrunnen erst einmal den Schweiß von der Stirn, bevor ich mich an einem der gedeckten Tische niederlasse.

34 Kilometer und 221 Höhenmeter habe ich zurückgelegt, dabei laut Fitness-App 2600 Kalorien verbraucht. Die Beine schmerzen, Belohnung winkt: Brezn, Wurstsalat und Radler sind geordert.

insgesamt 27 Beiträge
JaIchBinEs 11.08.2019
1. weltweit einmalig...
... diese Freizeiteinrichtung! Was habe ich nicht alles erlebt in 13 Jahren. Und bereue es, weggezogen zu sein.
... diese Freizeiteinrichtung! Was habe ich nicht alles erlebt in 13 Jahren. Und bereue es, weggezogen zu sein.
C.Ohr 11.08.2019
2. Ein toller Artikel.
Im Vergleich war, ist und bleibt Berlin für immer die tiefste Provinz.
Im Vergleich war, ist und bleibt Berlin für immer die tiefste Provinz.
ge1234 11.08.2019
3. Nix für ungut,...
... Frau Stöckl, jetzt geraten wir, wie schon bei Ihrer Münchner "Seven Summits-Tour" schon wieder aneinander. Was macht einen Biergarten zu einem richtigen, original Münchner Biergarten? Neben dem [...]
... Frau Stöckl, jetzt geraten wir, wie schon bei Ihrer Münchner "Seven Summits-Tour" schon wieder aneinander. Was macht einen Biergarten zu einem richtigen, original Münchner Biergarten? Neben dem Selbstbedienungsbereich, dem Recht zur Mitnahme eigener Speisen und dem in Maßkrügen ausgeschenkten, wunderbaren Münchner Bier natürlich die für jeden Biergarten typischen Kastanienbäume, die dereinst als Schattenquelle für die darunter legenden Bierkeller der ansässigen Brauereien dienten. Deshalb sind Lokalitäten wie z.B. "Zum Boothaus", "Biergarten am Muffatwerk" etc. pp. zwar nette Wirtsgärten mit "Freischankfläche im Biergartencharakter", aber ganz bestimmt keine Münchner Biergärten im eigentlichen Sinne. Und über Münchner Biergärten zu schreiben, ohne den größten, nämlich den Hirschgarten, bzw. den m.E. schönsten und münchnerischten, dem Augustiner-Keller in der Arnulfstr., zu erwähnen, auch wenn beide nicht an der Isar liegen, ist schon ein großer Frevel!
ldom 11.08.2019
4. Als Münchner kann ich nur bestätigen,
dass die beschriebe Tour (bei schönem) Wetter wirklich einmalig ist. Was aber hier nicht zur Sprache kommt, dass die Biergärten in München ein katastrophales Preis/Leitungsverhältnis haben. Obwohl Selbstbedienung, harte [...]
dass die beschriebe Tour (bei schönem) Wetter wirklich einmalig ist. Was aber hier nicht zur Sprache kommt, dass die Biergärten in München ein katastrophales Preis/Leitungsverhältnis haben. Obwohl Selbstbedienung, harte Biergartenbänke und unterdurchschnittliche Esssensqualtät angesagt ist, zahlt man für Speis und Trank in den Münchner Biergärten oft mehr als in Gaststätten. Wer also nur das Bier kauft und den Rest mitbringt staunt etwas weniger an der Biergartenkasse. Ach ja, und sobald man das Stadtgebiet verlässt oder auf den Tischen Tischdecken sind is nix mit Essen mitbringen.
markusmoeller89 11.08.2019
5. @Idom
Das mit der unterirdischen Qualität des Essens und dem abartigen Preisleistungsverhältnis würde ich definitov unterschreiben. Die meisten Biergärten in München sind Touristenfallen. im Klassischen Biergarten hingegen darf man [...]
Das mit der unterirdischen Qualität des Essens und dem abartigen Preisleistungsverhältnis würde ich definitov unterschreiben. Die meisten Biergärten in München sind Touristenfallen. im Klassischen Biergarten hingegen darf man sich die Brotzeit immer auch selbst mitbringen. Essen deshalb lieber in einer Wirtschaft zu moderaten Preisen, denn das gibts auch in München, wenn man weiß wo. Biergärten nur aufgrund des Bieres, aber zum Glück mag ich eh kein Helles (;
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