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Reise

Eine Thüringerin in Nordfriesland

"Auf der Hallig, da bin ich wer"

Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, suchten Hunderttausende DDR-Bürger im Westen nach Jobs und einem besseren Leben - auch an abgelegenen Orten: wie der Hallig Hooge.

Fremdenverkehrsbüro Hallig Hooge/ DPA
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Samstag, 21.09.2019   06:35 Uhr

Wenn die Kutschen nach der Hallig-Rundfahrt vor dem "Friesenpesel" halten, hält Heike Ortlepp die Speisekarten parat. Dann füllt sich das Restaurant auf einen Schlag mit bis zu hundert Gästen. Manchen muss die 54-Jährige erklären, was sie vor vielen Jahren selbst hatte erfragen müssen: dass "Tote Tante" Kakao mit Rum ist und "Labskaus" ein Brei aus Kartoffeln, Corned Beef und Rote-Bete-Saft mit Spiegelei obendrauf und Bismarckhering daneben.

Statt mit Fisch und Krabben war Ortlepp mit Würzfleisch und Broiler aufgewachsen - und so gab es viel zu lernen, als sie 1994 aus Thüringen auf die Marschinsel kam. Auf einen Landfleck, der sich bei Hochwasser nur zwei Meter aus dem Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer erhebt.

Gastronomie war überhaupt nicht ihr Metier. In Eisenach hatte die gelernte Fahrzeugschlosserin Wartburgs zusammengeschraubt, "am Fließband, Montage in drei Schichten", erzählt sie. Nach der Wende schulte sie zur Schaufensterdekorateurin um, fand aber keinen Job. Über das Arbeitsamt suchte sie nach Stellen auf den Nordseeinseln, und Hooge war das Erste, was ihr angeboten wurde.

"Als ich herkam, konnte ich einen Hering nicht von einer Scholle unterscheiden", sagt Ortlepp, eine zierliche Frau in weißer Bluse, die auch nach zwölf Kilometer Tablettschleppen noch lächelt. Nach dem Umbruch war sie froh, dass sie Geld verdienen konnte. Sie wollte die Welt sehen, "früher blieb ja nur der Ostblock".

Mit der ersten Fähre auf und davon

Biografien wie die von Ortlepp gab es viele nach dem Mauerfall. Hunderttausende machten sich auf, um im Westen nach dem besseren Leben zu suchen. Annemarie Pezzi, Wirtin des "Friesenpesels", kamen die zusätzlichen Arbeitskräfte gelegen. Da Hooge nur rund hundert Einwohner hat, ist sie auf Saisonarbeiter angewiesen.

Ende Februar 1990 fuhr sie in ein Auffanglager bei Flensburg und fand zwei Paare Anfang 20, die Arbeit suchten. Dass sie keine Gastronomieerfahrung mitbrachten, störte Pezzi nicht. Die damals 46-Jährige hatte schon viele angelernt, und im März war es noch ruhig. Die Gaststube musste ordentlich ausgefegt werden, und es gab hier und da was zu tun.

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Zu Ostern allerdings füllten sich die Gästehäuser der Hallig, und zu den 200 Urlaubern kamen noch mal so viele Ausflügler. Eine Menge, wenn man bedenkt, dass die Marschinsel nur sechs Quadratkilometer groß ist. Doch genau das ist es, was viele anzieht: ein trotziger Fetzen Erde mitten im Wattenmeer, von dem bei Sturmflut nur die zehn Warften herausschauen. So nennt man die aufgeschütteten Hügel, auf denen die Häuser stehen.

Gäste trudelten nun gruppenweise im "Friesenpesel" ein. Und dann kam der Tag, an dem Pezzi die Zimmer ihrer Saisonkräfte leer vorfand. Sie waren ausgeflogen, zurück ans Festland mit der 8-Uhr-Fähre. "Ich habe gedacht: Wenn die alle so sind, können die auch bleiben, wo sie herkommen", sagt die Wirtin. "Die glaubten wohl, hier ist das Schlaraffenland."

Einmal Hooge, immer Hooge

In Pezzis Welt gilt: Von nix kommt nix. Nach der Halligschule arbeitete sie in St. Peter-Ording und auf Sylt als ungelernte Kraft im Service. 1970 kam sie zurück und übernahm den "Friesenpesel", Hooges älteste Gaststätte, in der vieles ist wie vor 200 Jahren: holländische Kacheln, Messinglampen, blaue Türen. Auch heute, mit 75 Jahren, steht Pezzi Abend für Abend hinterm Tresen, schnackt mit den Gästen. Nach getaner Arbeit gibt sie ihrer Mannschaft Kümmelschnaps aus.

Dass damals im nächsten Jahr trotzdem wieder Ostdeutsche bei ihr arbeiteten, lag daran, dass sie dachte: Die können ja nicht alle so sein. Und daran, dass es schwieriger wurde, überhaupt Saisonkräfte zu bekommen. "Nicht jeder will auf die Hallig", erzählt sie. "Hier kannst du es nur aushalten, wenn du mit dir und der Natur im Einklang bist." Nicht umsonst heißt es: einmal Hooge und nie wieder Hooge oder einmal Hooge und immer Hooge.

Heike Ortlepp hat das Wattenmeer und die Weite gleich gemocht. Und das, obwohl die damals 29-Jährige nur Wald und Berge kannte, nicht mal die Ostsee hatte sie gesehen. Nach und nach wurde sie auch mit den Einheimischen warm. "Die haben zwar nicht gleich die Arme aufgemacht, aber ich bin anpassungsfähig", sagt sie. "Sie sind auch gar nicht so wortkarg, wie man ihnen nachsagt." Viele Hooger umarmen ihre Heike, wenn sie im April wiederkommt.

Nur ein paar Jahre kam Ortlepp nicht wieder. Für einen Mann zog sie nach Flensburg, und als die Beziehung vorbei war, machte sie eine Ausbildung bei der Flugsicherheit in Frankfurt. Doch wegen der Schichtarbeit fiel es ihr dort schwer, Kontakte zu knüpfen. "Geh wieder auf deine Hallig, hab ich gedacht. Da bin ich wer." Seit 2007 ist Hooge wieder ihr Zuhause. Wenn die Saison vorbei ist, besucht sie ihre Familie in Eisenach und reist, wohin sie will. Zuletzt war sie in Israel, davor in Panama und Australien. "Dass ich mir die Reisen leisten kann, dafür arbeite ich gern."

"Ich kann nur Pferde fahren", sagt der Kutscher aus Mecklenburg

Hans-Jürgen Hecht und Horst Schäfer, zwei handfeste Mecklenburger um die 60, erfüllen sich auf der Hallig einen anderen Traum. Hecht, den alle nur Hansi nennen, hat als Jugendlicher mit Turnierfahrsport angefangen, arbeitete als Pfleger in einer Tierklinik und dann in einem Reitverein. Nachdem der privatisiert wurde, beschloss er 1999, als Kutscher sein Geld zu verdienen.

"Beim Arbeitsamt habe ich gesagt: Ich kann nur Pferde fahren", erzählt er und lacht über seine List. Bei der einzigen freien Stelle sagte er sofort zu und gehörte damit zu den rund 308.000 Menschen, die damals in Ostdeutschland wohnten und in Westdeutschland arbeiteten. Eine Frau, die ihn gehalten hätte, gab es nicht.

Schäfer, groß, ruhig, den alle nur Horst nennen, kam fünf Jahre nach Hansi. Er ist eigentlich Maurer und züchtete nebenbei Mecklenburger Kaltblut. Als der "Friesenpesel" zwei neue Pferde brauchte, rief Hecht seinen Kumpel Schäfer an, und als der mit dem Hänger kam, gefiel es ihm so gut, dass er blieb und Kutschefahren lernte. Mit seiner Frau führt er in der Saison eine Fernbeziehung, seine Kaltblüter Paul und Pauline bringt er mit. Sie werden fast täglich eingespannt.

Hecht und Schäfer fahren vor allem Tagesgäste über die Hallig. Bis zu fünfmal am Tag erzählen sie von den 35.000 Gänsen, die sich im Frühjahr auf den Salzwiesen fett fressen. Oder von dem Hooger, der bei der Sturmflut 1962 Frau und Tochter am Schornstein festband, damit sie nicht wegwehten. Viel Abwechslung bieten ihnen die Touren nicht. Sie scherzen dennoch gern mit den Gästen, die sie oft für Einheimische halten. Auch weil ihr Mecklenburger Platt ähnlich klingt wie das der Hooger.

"Die haben gelernt, sich zu behelfen, da drüben"

Vor einigen Jahren haben sie mal überlegt, selbst einen Kutschbetrieb aufzumachen. Dann hätten sie das ganze Jahr zu Hause leben können. Doch das Risiko der Selbstständigkeit war für sie nichts. Dann lieber bis zur Rente nach Hooge, um 7 Uhr die Pferde von der Koppel holen, um 18.30 Uhr ausspannen, ein Bier und ab ins Bett.

Hecht hat Anfang Juli sein 20-jähriges Hallig-Jubiläum gefeiert. Mehr als 90 Gäste kamen, darunter die Bürgermeisterin und viele Einheimische. "Ich sach immer, wir haben zwei Heimaten", sagt Hecht. Aber es sei schon gut, dass die sich nicht zu sehr unterschieden.

So zufrieden die beiden mit ihrem Leben auf Hooge wirken, so zufrieden scheint nun auch Annemarie Pezzi mit ihren Saisonkräften aus Ostdeutschland zu sein. Sie schätzt ihre anpackende Art. "Wenn hier was kaputtgeht, musst du dir was einfallen lassen", sagt Pezzi. Der Schmied ist ja nicht um die Ecke, eine Reparatur kostet Fährgeld und Zeit. "Natürlich lässt man das nachher richtig machen, aber erst mal muss ein Ausweg gefunden werden, damit keine Ausfälle passieren." Und das können die Kutscher. "Die haben gelernt, sich zu behelfen, da drüben."

insgesamt 2 Beiträge
telarien 22.09.2019
1. Erfolgsgeschichten
Sicher ein sehr spezielles Leben, aber es ist ja auch nur ein Beispiel für Erfolg. Und das ist nicht definiert über Reichtum und Konsum, sondern hier genug Geld für Reisen. Die Ersten riskierten dafür noch das Leben, Viele [...]
Sicher ein sehr spezielles Leben, aber es ist ja auch nur ein Beispiel für Erfolg. Und das ist nicht definiert über Reichtum und Konsum, sondern hier genug Geld für Reisen. Die Ersten riskierten dafür noch das Leben, Viele sind wie die Beispiele hier. Und sicher gibt es auch viele Anpacker im Osten. Der Rest schreit bei Pegida.
bruemmel 23.09.2019
2.
"Sie scherzen dennoch gern mit den Gästen, die sie oft für Einheimische halten. Auch weil ihr Mecklenburger Platt ähnlich klingt wie das der Hooger." Vielleicht liegt es auch daran, das die meisten Gäste gar kein [...]
"Sie scherzen dennoch gern mit den Gästen, die sie oft für Einheimische halten. Auch weil ihr Mecklenburger Platt ähnlich klingt wie das der Hooger." Vielleicht liegt es auch daran, das die meisten Gäste gar kein Platt verstehen, und gar nicht heraushören können wie sich die lokalen Ausprägungen der Plattdeutschen Sprache unterscheiden.
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