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Reise

Planwagenfahrt an der Müritz

Blumenpflücken während der Fahrt erlaubt

Genug Zeit, um die Landschaft zu genießen und mit den Kindern zu plaudern. Eine Planwagenfahrt in der Mecklenburgischen Schweiz ist ein Urlaub zum Entschleunigen - wenn nicht der Ernst durchgeht.

TMN/ Alexandra Frank
Sonntag, 14.08.2016   10:43 Uhr

Ernst ist aufgeregt. Die Nüstern sind gebläht, die Ohren nach vorne gerichtet. Dann schnaubt er und springt mit einem großen Satz los. Hinter mir, im Planwagen, kreischen die Kinder. Vor mir, angeschirrt, galoppiert ein 900 Kilogramm schwerer Kaltblüter genau auf den Zaun zu.

Jetzt heißt es Ruhe bewahren und die Regeln beherzigen, die mir in einem zweitägigen Crash-Kurs über Kutsch- und Planwagenfahrten beigebracht worden sind.

Der Planwagen wackelt bedenklich und droht im Baum hängen zu bleiben. Nur noch zwei Meter bis zum Zaun. In dem Moment springt mein Mann an das Halfter, das Ernst vorsichtshalber noch unter dem Zaumzeug trägt, und bringt Pferd und Wagen zum Stillstand. Ernst lässt erst einmal ein paar Pferdeäpfel fallen und blickt uns mit unschuldigem Blick an.

"Eigentlich", sagt mein Mann, "sollte das ja ein entschleunigter Urlaub werden. Der uns zur Ruhe kommen lässt." Eine knappe Woche lang sind wir mit dem Planwagen in der Mecklenburgischen Schweiz unterwegs. Im gemächlichen Tempo mit einem PS.

Maximal 18 Kilometer legen wir am Tag zurück. Mit dem Auto eine Strecke von 20 Minuten, mit dem Pferd dauert es rund vier bis fünf Stunden, Graspausen für das Tier inklusive. Genug Zeit, um die Landschaft zu genießen, dem Klappern der Hufe zu lauschen und mit unseren Töchtern, sieben und vier Jahre alt, zu plaudern. Wenn das Pferd nicht gerade losstürmt.

Gleichmäßig klappern die Hufe

Zum Glück ist der holprige Start am dritten Tag die Ausnahme - vor dem uns Klaus Dittrich gewarnt hatte. "Das Heikelste ist immer der Start", hatte der studierte Tierpsychologe uns während der Einweisung erklärt.

Wenn der Kaltblüter mit einem halben Eimer Hafer im Magen vor den Wagen gespannt ist, strotzt er noch vor Kraft und will sich bewegen. Hat sich das Pferd nach ein paar freudigen Sprüngen in Gang gesetzt, geht es aber im gemächlichen Schritttempo weiter. Eigentlich ein Kinderspiel. Deshalb dürfen beim Anbieter Pferdecamper, der - ebenso wie einige Unternehmen in anderen Teilen Deutschlands - die Pferde und Planwagen vermietet, auch Laien auf den Kutschbock.

Auch unsere Töchter haben beschlossen mitzuhelfen. Die Vierjährige versucht, das Pferd zu putzen, das mit 1,72 Meter Stockmaß fast doppelt so groß ist wie sie selber. Ihre große Schwester kratzt die kuchentellergroßen Hufe aus. In den ersten beiden Tagen brechen wir zunächst zu Tagestouren auf und kehren nachmittags zurück zum Basislager in Alt Falkenhagen.

Das Dorf liegt knapp acht Kilometer nördlich der Müritz, also genau zwischen der Mecklenburgischen Seenplatte und der Mecklenburgischen Schweiz, umringt von Feldern und sanften Hügeln, Wäldern und Seen.

Schon nach einigen Minuten Fahrt lässt die Aufregung nach, und die Entspannung setzt ein. Das Tempo ist so gemütlich, dass uns nicht nur Radfahrer spielend überholen, sondern auch die Kinder neben dem Wagen herlaufen können, um Kornblumen am Feldrand zu pflücken.

Wir haben Zeit, den Raps zu betrachten, der sich leuchtend gelb bis zum Horizont erstreckt, können blühenden Flieder riechen, Schmetterlingen hinterhersehen. Vor uns schwankt das braun-weiß melierte Hinterteil des Pferdes, gleichmäßig klappern die Hufe. Ab und zu schnaubt Ernst und blickt sich um, als ob er schauen will, wie es uns geht.

Planwagen mit Heizung

Die Wege, die wir auf unserer Tour zurücklegen, hat der Veranstalter sorgfältig ausgewählt: keine Bundesstraßen, stattdessen Wald- und Wiesenwege sowie wenig befahrene Dorfstraßen. Die Routen und Ortsnamen sind detailliert in nach Tagen geordneten Tour-Beschreibungen aufgeführt: Groß Gievitz, Hungerstorf, Clausdorf, Sorgenlos.

Auf unübersichtliche Kreuzungen, an denen einer besser absteigt, um das Pferd zu führen, wird in den Wegprotokollen ebenso hingewiesen wie auf Orientierungsmarken, etwa "ein Briefkasten links" oder "ein weißes Holzhaus mit grüner Tür", wo wir abbiegen müssen.

Übernachtet wird im Planwagen, der mit Betten für vier Personen, Herd, Kühlschrank und Heizung ausgestattet ist. Dabei kooperiert Pferdecamper mit Bauernhöfen in der Umgebung, auf denen wir unseren Wagen abstellen können und das Pferd über Nacht versorgt ist. So wie beim Bio-Milchbauern, der unseren Kindern frische Milch gibt und uns mit Ernst eine Weide zuteilt, die direkt neben dem Hof liegt.

Doch hier ist Vorsicht angesagt. "Zäunt euren Wagen unbedingt ein, sonst bekommt ihr kein Auge zu", hatte uns Klaus Dittrich geraten. Denn Ernst ist anhänglich. Genüsslich schubbelt er mit dem Bauch am Wagen entlang, so dass dieser leicht zu schwanken beginnt. Und beim Abendessen hängt sofort sein großer Kopf über unseren Tellern.

"Ohne seine Pferdefreunde sind wir ja seine Herde", erklärt uns unsere Siebenjährige und steckt ihm heimlich ein Stück Apfel zu. Auch mein Mann und ich haben uns an den Kaltblüter gewöhnt und an die Handhabung mit Leinen, wie die Zügel bei Kutschfahrten genannt werden. Am fünften Tag unserer Fahrt schirren wir Ernst im Handumdrehen an und reagieren routiniert auf kleine Sprünge.

Wir manövrieren den Wagen souverän um Hindernisse und nehmen unsere Stammsitze auf dem Bock ein. Die Kinder sitzen auf der Hinterstufe des Wagens, während wir einen ruhigen Waldweg entlangfahren. Als wir am Abend wieder am Basislager in Alt Falkenhagen ankommen, wiehert Ernst freudig seiner tierischen Herde entgegen.

Planwagenfahrt

Tour in Mecklenburg-Vorpommern
Eine fünf- bis sechstägige Tour ist ab 715 Euro buchbar, auch Drei- oder Acht-Tage-Touren sind möglich (ab 465 Euro).
Informationen: Pferdecamper, Alt Falkenhagen 8, 17192 Waren (Müritz). Telefon: 0151/12 95 69 67, Webseite: www.pferdecamper.de
Anfahrt nach Alt Falkenhagen
Alt Falkenhagen liegt rund fünf Kilometer nördlich von Waren (Müritz), die Autobahn A 19 ist etwa 30 Kilometer entfernt. Abfahrt an der Anschlussstelle 18 (Röbel) oder 17 (Waren). Wer mit der Bahn anreist, muss ab Waren ein Taxi nach Alt Falkenhagen nehmen.
Andere Anbieter in Deutschland
Uckermark: Celine Aktiv reisen, Friedenfelde, Gerswalde. Telefon: 0176/866 322 36, Webseite: www.celine-aktiv-reisen.de. Zum Beispiel Vier-Tages-Tour ab 560 Euro.
Biosphärenreservat Mittelelbe/Dübener Heide: Der Planwagen, Mühlstraße 2a, Lutherstadt Wittenberg. Telefon.: 034928/60 99 50, Webseite: www.der-planwagen.de. Drei- bis Vier-Tage-Tour ab 570 Euro.
Lüneburger Heide: Heide Caravan, Hassel 6, Welle. Telefon: 0173/34 71 177, Webseite: www.heide-caravan.de. Vier-Tages-Tour ab 600 Euro

Alexandra Frank, dpa/abl

insgesamt 18 Beiträge
Shelly 14.08.2016
1. Bei allem Spaß mit Planwagenfahren
Kutschenfahren ist gefährlich, ein 2tägiger Crashkurs ist ein Witz und wenn der brave Familienvater Pech hat und das Pferd verursacht einigen Schaden (z.B. bei einem Verkehrsunfall) kann es eben sein, dass sich dann die [...]
Kutschenfahren ist gefährlich, ein 2tägiger Crashkurs ist ein Witz und wenn der brave Familienvater Pech hat und das Pferd verursacht einigen Schaden (z.B. bei einem Verkehrsunfall) kann es eben sein, dass sich dann die Haftpflichtversicherung zurückzieht und den Schaden eben nicht begleicht. Und nein, ich will niemand den Spaß verderben, es sollte nur jeder wissen, worauf er sich einläßt und welche Konsequenzen das haben kann.
BlogBlab 14.08.2016
2. Idyllische Idee
Umständlicher als auf die beschriebene Weise kann man wohl kaum reisen. Wer campen will, nimmt einen Camper, mit dem er auch ganz langsam die Landstraßen befahren kann, der braucht dann niemand, der sich um das Pferd kümmert [...]
Umständlicher als auf die beschriebene Weise kann man wohl kaum reisen. Wer campen will, nimmt einen Camper, mit dem er auch ganz langsam die Landstraßen befahren kann, der braucht dann niemand, der sich um das Pferd kümmert und er muss auch nicht seinen Campingwagen nachts einzäunen, um nicht hin- und her geschüttelt zu werden. Leichter kommandieren lässt sich ein Fahrzeug auch und versicherungsmäßig ist alles geklärt. Theoretisch hört sich die Idee ganz idyllisch an, aber praktisch taugt sie nichts.
sekruege 14.08.2016
3.
Solche Kommentare kann man auch nur in Deutschland lesen. Ich finde die Idee klasse und kann mir vorstellen, dass man romatische Tage erleben kann. Man kann eben nicht alles versichern, wer Glück verspüren will, muss sich [...]
Solche Kommentare kann man auch nur in Deutschland lesen. Ich finde die Idee klasse und kann mir vorstellen, dass man romatische Tage erleben kann. Man kann eben nicht alles versichern, wer Glück verspüren will, muss sich einfach mal auf etwas einlassen und nicht ständig an die Gefahren denken. Denn wenn es danach geht, dürfte man das Haus gar nicht mehr verlassen.
christiewarwel 14.08.2016
4. nicht ganz
Mit Ihrem Camper gibt es nämlich ein klitzekleines Hindernis, es ist ein Schild mit einem Auto und einem roten Kreis darum herum. Schon mal gesehen? Und davon gibt es in den schönen Wäldern an der Müritz und in vielen anderen [...]
Mit Ihrem Camper gibt es nämlich ein klitzekleines Hindernis, es ist ein Schild mit einem Auto und einem roten Kreis darum herum. Schon mal gesehen? Und davon gibt es in den schönen Wäldern an der Müritz und in vielen anderen ländlichen Gebieten jedemenge!
albert schulz 14.08.2016
5. märchenhafte Ruhe und Besinnlichkeit
Ruhiger ist es im Norden Kanadas oder Finnlands, ganz zu schweigen von Sibirien. In den baltischen Staaten herrscht auch Ruhe. Vor allem ist es dort viel billiger als in Skandinavien, und Alkohol gibt es für wenig Geld. Auch in [...]
Ruhiger ist es im Norden Kanadas oder Finnlands, ganz zu schweigen von Sibirien. In den baltischen Staaten herrscht auch Ruhe. Vor allem ist es dort viel billiger als in Skandinavien, und Alkohol gibt es für wenig Geld. Auch in Deutschland gibt es von altersher ungemein ein-tönige Landschaften. Niedersachsen etwa ganz ohne Bäume und pißflach, oder Branden-burg mit hunderten Kilometern Kiefern, auch fast ganz pißflach. Es gibt allerdings ein paar Fließgewässer, die die Ruhe stören, was in der mecklenburgischen Schweiz selten passiert, weil das Wasser in sich ruht. Menschenleer sind bereits die meisten ländlichen Gegenden, die Mittelgebirge verfügen nur noch selten über Herbergen und Wirtshäuser, und dieses Phänomen läßt sich mittlerweile auch in Großstadtnähe flächendeckend beobachten. Man trifft wenn überhaupt ein paar Rentner, die keine Karten lesen können oder mit ihrem Geo-dingsbums nicht klarkommen. Die Jungen trampeln nur noch durch die Städte und suchen den Pokemon, weil das der letzte Schrei sein soll. Tun sie zwar nicht, der Hype ist eine Zei-tungsente, aber durch die Landschaft watscheln die jungen Leute trotzdem nicht. Sie hocken vor ihrem Bildschirm, und deswegen hat man in der Natur seine Ruhe. Und die Kinder stören auch nicht mehr. Sie fühlen sich höchstens gestört, wenn Erwachsene mit ihnen labern wol-len. Das hat die Pädagogenbrut immer noch nicht begriffen.
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