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Reise

Greifswalder Oie

Zugvögel zum Zählappell

Zwischen Rügen und Usedom versteckt sich die winzige Insel Oie. Urlaub machen hier höchstens Zugvögel wie das Rotkehlchen. Alle anderen Besucher des Naturparadieses werden nur kurz geduldet.

TMN
Donnerstag, 04.08.2016   16:29 Uhr

Bei "Wer wird Millionär?" wäre "Was ist die Greifswalder Oie?" eine der lukrativeren Fragen. Die kleine Ostseeinsel kennen nur wenige. Und von denen, die sie kennen, waren die meisten noch nie da.

Oie liegt gerade mal ein paar Kilometer vor der Nordspitze von Usedom. Hotels gibt es keine, Ferienwohnungen und Pensionen auch nicht. Übernachtungen sind nicht vorgesehen. Schon die Fahrt dorthin mit der MS "Seeadler" fühlt sich an wie die langsame Annäherung an eine andere, etwas fremde Welt.

Von Peenemünde aus tuckert das Schiff der Apollo-Reederei zunächst gemächlich am nördlichsten Zipfel Usedoms vorbei. Höckerschwäne sind am Ufer zu sehen und ein Seeadler. Der Kapitän der Apollo-Reederei steuert durch das Boddengewässer, die "Seeadler" passiert ein rot-weiß-geringeltes Leuchtfeuer auf der rechten Seite. Links sind Anflugtürme zu sehen, die Piloten helfen sollten, den kleinen Flugplatz von Peenemünde zu finden.

Und vorweg Ruden. Die winzige Insel wurde 1925 unter Naturschutz gestellt. Gut 150 Pflanzen- und mehr als 50 Vogelarten sind hier nachgewiesen. An ihrer Südspitze ruhen sich Kormorane aus. Beliebt ist sie auch bei Zugvögeln, die eine Pause brauchen. Menschen sind selten zu sehen. Es gibt nur ein einziges Wohnhaus, und zurzeit laufen keine Ausflugsschiffe die Insel an - die Hafenanlage gilt als nicht verkehrssicher.

Früher Sperr-, heute Naturschutzgebiet

Zur Greifswalder Oie ist es nicht mehr weit. Die Insel ist ein Vogelparadies. Schon die Mole im Hafen ist ein Brutplatz für Möwen. Der Vogelschutzverein Jordsand hat hier eine Station, in der man auch ein Freiwilliges Ökologisches Jahr machen kann.

Die 1,5 Kilometer lange und maximal 570 Meter breite Insel, in der DDR militärisches Sperrgebiet, gehört heute dem Land Mecklenburg-Vorpommern. Der Verein ist zuständig für Landschaftspflege und Naturschutzarbeiten. Und für die Forschung, sagt Mathias Mähler, der die Station leitet. "Wir haben hier die größte Vogelberingungsstation Deutschlands."

Die Vogelschützer fangen rund 20.000 Singvögel pro Jahr, darunter allein 8000 Rotkehlchen, bestimmen das Geschlecht, vermessen und beringen sie und lassen sie wieder fliegen. "Manchmal mehrere Hundert pro Tag in der Fangsaison von Mitte März bis Mitte Juni und dann im Herbst von August bis November", erklärt Mähler. "Das dauert pro Vogel nur eine halbe Minute."

Mähler stammt aus dem Eichsfeld in Thüringen und hat Forstwissenschaft mit Schwerpunkt Naturschutz in Göttingen studiert. Begeisterter Ornithologe war er schon immer, seit acht Jahren arbeitet er auf der Oie. Besucher über die Insel zu führen, gehört zu seinen regelmäßigen Aufgaben. Die Wege sind schmal, Weißdorn wächst hier, Holunder, Schlehe. "Brombeeren gibt es in Riesenmengen", sagt Mähler. "Und Apfelbäume."

Noch ein Trip auf den Leuchtturm

Von der Schafweide her tönt das Blöken der Lämmer. Pommersche Landschafe grasen auf saftigem Grün zwischen Pusteblumen und gelben Löwenzahnblüten, allein mehr als hundert Muttertiere. Mähler führt seine Gäste bis zur Steilküste, gegen die die Ostsee kräftig rauscht. Im Süden, am Horizont, ist der Badeort Zinnowitz auf Usedom zu erkennen. Auf der Oie ist Baden verboten.

Weit gucken kann man vom roten Backsteinleuchtturm der Insel aus. Er wurde von 1853 bis 1855 gebaut und ist 48 Meter hoch, 150 steinerne Stufen führen nach oben. "Bei gutem Wetter sieht man die Kreidefelsen von Rügen, Sassnitz und Göhren, die Usedomer Küste und sogar bis Swinemünde in Polen", sagt Mähler. Bis nach Usedom sind es Luftlinie elf Kilometer, bis nach Rügen zwölf.

Als die MS "Seeadler" wieder starten will, macht Mähler das Seil los. Dass die Besucher, denen er eben noch seine Insel gezeigt hat, schnell wieder weg sind, ist er gewohnt.

Der Wind kommt nun von hinten, das Schiff liegt deutlich ruhiger auf dem Wasser. Im "Salon" gibt es Erbsensuppe. Die "Seeadler" überholt ein Segelboot. Möwen kreuzen den Weg. Und die Greifswalder Oie ist bald kaum noch zu erkennen.

Andreas Heimann, dpa/abl

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