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Reise

Ferienwohnungen in Lissabon

Beste Lage, zu viele Touristen

Der Touristenboom setzt Portugals Hauptstadt Lissabon zu, Anwohner können sich Innenstadtmieten oft nicht mehr leisten. Nun regt sich Widerstand gegen Airbnb-Vermieter.

iStockphoto/ Getty Images
Von Leon Ginzel
Freitag, 03.05.2019   04:54 Uhr

Als Miguel Coelho seine neueste Maßnahme gegen Airbnb präsentiert, geht ein Raunen durch das Publikum. In dem dunklen holzgetäfelten Saal des Palacio da Independencia zücken viele ihre Smartphones und machen Fotos. Von einer Telefonnummer. 800 21 00 05. Hinter den Ziffern verbirgt sich eine kostenlose Hotline, ein Alarm für Anwohner, denen es inzwischen oft zu viel wird. Mit den immer teurer werdenden Mieten, mit Airbnb und den ganzen Touristen.

"Alerta Alojamento Local" steht auf den Flyern, die Coelho, Bürgermeister der Lissaboner Stadtgemeinde Santa Maria Maior, den Anwohnern an diesem frühen Abend präsentiert. Alojamento Local (AL) - das ist die portugiesische Bezeichnung für private Wohnungen, in die sich Touristen gerne für ein Wochenende oder einen Kurztrip einmieten. Oft sind es komplette Wohnungen, die über Portale wie Airbnb angepriesen werden - und Lissabons Bürger alarmieren.

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Tourismus in Lissabon: Schöner Boom, schlechter Boom

Was eine Ferienwohnung bietet, bewirbt ihr Besitzer oft per Werbesprech: sei es die zentrale Lage und der atemberaubende Blick auf ein Schloss ("Castle view aptm! Walk everywhere!") oder ein cooles Interieur in einem alten Gebäude ("Loft in Heritage Building with City View Terrace").

"2013 hatten wir in Alfama, Castelo und Mouraria gerade mal 63 AL-Angebote, jetzt sind es rund 5000", sagt Bürgermeister Coelho. Er befürchtet, dass die Dunkelziffer von nicht registrierten Wohnungen, die illegal vermietet werden, um 20 bis 30 Prozent höher liegt.

Über die neue Hotline sollen Anwohner verdächtige Wohnungen den Behörden melden. Seit Ende 2018 ist die Anzahl an Ferienwohnungen in den Vierteln begrenzt, neue werden nicht mehr genehmigt. Das Gesetz ist auch auf den Druck von Anwohnerinitiativen entstanden - doch für viele kommt es zu spät.

Der Boom sorgte für den Schick

Fast 4000 Bewohner seien aus dem Zentrum verschwunden, wettert Coelho. "Viele wurden in die Vorstädte verdrängt. Das gefährdet die soziale Stabilität der Stadt." Doch während der Politiker der sozialistischen Partei verschweigt, dass viele alte Bewohner schlicht über die Jahre gestorben sind, schiebt er ehrlich hinterher: Das Problem seien nicht die Touristen selbst. Auch er weiß: Ohne den Boom der vergangenen Jahre wären viele Ecken nicht so schick wie jetzt. Die Besucher aus Deutschland, Frankreich oder den USA spülen Geld in die leeren Kassen und sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden.

2018 kamen gut 4,5 Millionen Touristen nach Lissabon - fast doppelt so viele wie 2013. Coelhos Feindbild sind vielmehr die aus seiner Sicht rücksichtslosen Investoren, die ihr Geld in den Immobilienmarkt pumpen, die Mietpreise nach oben treiben und Anwohner vergraulen. Alles fing mit der Reform des Mietgesetzes im Jahr 2012 an. Vermieter durften die Preise erstmals so festlegen, wie sie wollten. Die Mieten stiegen sprunghaft und waren für ältere Menschen mit schmaler Rente nicht mehr zu bezahlen.

Unter ihnen waren auch etliche Analphabeten. "Sie konnten die per Post angekündigten Mieterhöhungen nicht verstehen, verpassten die Frist für eine Antwort oder wurden vom Vermieter zur Unterschrift gedrängt, mit der sie dann ihren Auszug besiegelten", sagt Luis Mendes, der sich als Geografieprofessor mit den Veränderungen in der Stadt auseinandersetzt.

Portugiesischer Pass gegen Geld. Viel Geld

Die andere Triebfeder: ausländisches Geld. Golden Visa heißt die Eintrittskarte, die seit 2012 die portugiesische Konjunktur ankurbeln soll. Der Deal: Kapitalgeber aus dem Nicht-EU-Ausland müssen mindestens eine Million Euro investieren oder in Portugal Immobilien im Wert von 500.000 Euro kaufen. Im Gegenzug bekommen sie freien Zugang zum Schengenraum und am Ende einen Pass.

Genutzt haben das bis September 2018 mehr als 6500 Investoren, zwei Drittel davon Chinesen, aber auch Brasilianer oder Südafrikaner. Die meisten haben das Geld in Immobilien gesteckt. Parallel dazu begann der Tourismusboom. Lissabon war noch halbwegs unentdeckt, günstig, authentisch - ein reizvolles Ziel für Städteliebhaber. Und damit für Airbnb-Nutzer.

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"Die Mieten sind in den letzten zwei Jahren im Stadtzentrum um fast 50 Prozent gestiegen", rechnet Gentrifizierungsexperte Mendes vor. Anfangs seien Ferienwohnungen lukrativ gewesen, doch der Markt sei inzwischen nahezu gesättigt. "Viele Investoren parken ihr Geld in Immobilien und spekulieren."

Immer mehr Besitzer wollen ihre Unterkünfte nun über längere Zeiträume vermieten, weil das Angebot an Ferienwohnungen zu groß geworden ist und sie sich teilweise verspekuliert haben. Mieten von 1000 Euro für Einzimmerwohnungen seien nicht ungewöhnlich, sagt Mendes. "Die internationale Mittelklasse bezahlt das. Was wir brauchen, ist eine Mietbremse und deutlich mehr städtische Wohnungen."

"Die Authentizität geht verloren"

Vor fünf Jahren habe man im Stadtzentrum noch ein Zimmer für 250 Euro bekommen, sagt Joao Costa. Er ist einer von vielen, die vor dem Mietwahnsinn fliehen musste. Drei Jahre lang wohnte Costa in einem 20-Quadratmeter-Zimmer nahe der Metrostation Intendente, insgesamt waren sie zu acht in dem Haus. "Der Vermieter hat die Miete nach und nach erhöht, bis sie 400 Euro betrug", sagt der 34-Jährige. Das konnte er nicht stemmen. Costa ist Angestellter bei einer Bank. Sein Gehalt: 900 Euro im Monat.

Seit einem Jahr wohnt er wieder bei seinen Eltern nahe Sintra, 30 Minuten per Zug vom Zentrum entfernt. "Die Einzigen, die sich die Mieten noch leisten konnten, waren ein Chinese, der Wein exportiert, und ein Geschäftsmann, der kaum da war."

Vorstädte wie Almada auf der anderen Seite des Tejo sind plötzlich wegen ihrer günstigen Mieten gefragt. Auch die aus England stammende Künstlerin Camilla Watson, die schon lange in Lissabon lebt und mit ihren Mauerporträts von Anwohnern den Wandel im Viertel Mouraria dokumentiert hat, ist nach Almada gezogen. "Noch ist es hier ruhig", sagt Watson. Doch sie sah auch hier schon Touristen und glaubt, bald könnten neue Hostels eröffnen. "Das ist wohl der Lauf der Dinge."

Und der verändert Lissabon nachhaltig. "Viertel wie Alfama werden nachts zur Geisterstadt, weil kaum noch Einheimische im Zentrum wohnen", sagt Luis Mendes. In der Hauptsaison sei die Stadt überfüllt. Man dürfe nicht vergessen, dass Lissabon zwar insgesamt deutlich weniger Touristen habe als etwa Berlin und Barcelona - aber auch ein sehr viel kleineres Stadtgebiet. "Der Tourismus schaufelt sich sein eigenes Grab", sagt Mendes. Die Authentizität der Stadt gehe verloren. "Genau das, was Touristen suchen."

insgesamt 33 Beiträge
fatherted98 03.05.2019
1. überall...
...im Süden regt sich Widerstand gegen Touristen....klar ist....Wohnraum darf nicht zweckentfremdet werden....hier ist ein Kontrolle und hohe Strafen ein Weg dem einen Riegel vorzuschieben....aber die Touristen an sich bringen [...]
...im Süden regt sich Widerstand gegen Touristen....klar ist....Wohnraum darf nicht zweckentfremdet werden....hier ist ein Kontrolle und hohe Strafen ein Weg dem einen Riegel vorzuschieben....aber die Touristen an sich bringen Geld und Umsatz....gerade die Südländer hängen an diesem Tropf....sie sollten nicht auf die Idee kommen die Touristen zu vergraulen (Mallorca macht das gerade vor)....das kann übel enden.
Einhorn 03.05.2019
2.
Ja, die Touristen wollen "authentisch" - und merken dabei gar nicht, wenn sie nur Kulissen sehen. Für ein Selfie reicht die Tapas-Bar oder die Bäckerei. Ob die Leute dort noch Portugiesisch sprechen ist ohnehin [...]
Ja, die Touristen wollen "authentisch" - und merken dabei gar nicht, wenn sie nur Kulissen sehen. Für ein Selfie reicht die Tapas-Bar oder die Bäckerei. Ob die Leute dort noch Portugiesisch sprechen ist ohnehin irrelevant. Und billig muss es für die Deutschen natürlich auch sein. Da die Airbnb-Anbieter keine Gewinne versteuern, ist es natürlich billiger.
Thomasvon Bröckel 03.05.2019
3. Das tut weh
Es tut echt weh, mit anzusehen, wie sich eine wunderschöne Stadt wie Lissabon durch den Massentourismus so sehr verändert. Ich war Jahre vor dem Boom dort, und war begeistert, über den morbiden Charme vieler Viertel und die [...]
Es tut echt weh, mit anzusehen, wie sich eine wunderschöne Stadt wie Lissabon durch den Massentourismus so sehr verändert. Ich war Jahre vor dem Boom dort, und war begeistert, über den morbiden Charme vieler Viertel und die Herzlichkeit seiner Bewohner. Die Wurzel des Übels liegt m. E. in den zahllosen Billigflugangeboten und Anbietern wie AirBnB. Lissabon ist für Touristenströme wie in Barcelona oder Berlin zu klein. Hier droht etwas unwiderruflich zerstört zu werden.
krautrockfreak 03.05.2019
4. Ist überall dasselbe - schöne Städte werden überrannt, weil Fliegen so
schön billig ist und eine Kreuzfahrt ist ja mittlerweile schon Standard für die Mittelschicht! Was erwartet man da als Folgen? Was hilft wäre nur das Fliegen bzw. Reisen an sich massiv zu verteuern und da traut sich kein [...]
schön billig ist und eine Kreuzfahrt ist ja mittlerweile schon Standard für die Mittelschicht! Was erwartet man da als Folgen? Was hilft wäre nur das Fliegen bzw. Reisen an sich massiv zu verteuern und da traut sich kein Politiker ran, denn Reisen gehört ja zur persönlichen Freiheit eines jeden Menschen, oder? Also wird das Problem weiter zunehmen, bis halt mal das Fass überläuft und es zum crash (Revolution) kommt. Ist immer so, aber der Mensch kapiert das nicht und will immer seinen eigenen Vorteil (in diesem Fall Spaß und Vergnügen). So what?!
licorne 03.05.2019
5.
Portugal hat einen Vertrag mit Frankreich, danach sind Rentner ( nicht Pensionäre) für 10 Jahre sowohl in Frankreich als auch in Portugal von Steuern befreit, wenn sie 6 Monate im Jahr dort leben. Das macht Portugal für viele [...]
Portugal hat einen Vertrag mit Frankreich, danach sind Rentner ( nicht Pensionäre) für 10 Jahre sowohl in Frankreich als auch in Portugal von Steuern befreit, wenn sie 6 Monate im Jahr dort leben. Das macht Portugal für viele französische Rentner zum Eldorado und sie ziehen in großer Zahl dorthin. Diese Situation hat einen großen Einfluss auf die dortigen Immobilienpreise.
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