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Reise

Alpenüberquerung mit Fahrrad und Skiern

33.486 Höhenmeter bis Nizza

Von Süddeutschland bis an die Côte d'Azur sind Jochen Mesle und Max Kroneck gefahren - auf Fahrrädern und Skiern. Sie legten in 42 Tagen 1850 Kilometer über die Alpen zurück, immer den schönsten Gipfeln nach.

Max Kroneck, Jochen Mesle & Philipp Becker
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Samstag, 06.07.2019   08:20 Uhr

Es ist der Augenblick, wenn die Skispitzen einige Zentimeter ins Leere ragen, ganz oben auf dem Gipfel: Noch ein Mal tief die kühle Luft einatmen, Euphorie mischt sich mit dem letzten Rest Unsicherheit, der immer bleibt. Und dann: Gewicht verlagern, nach vorne kippen, nicht mehr denken, nur noch fahren.

"Genau das ist der aufregendste Moment", sagt Max Kroneck. "Es ist wie ein Rausch, als hätte man Scheuklappen auf." Der 30-Jährige ist professioneller Freeski-Athlet, fährt Ski seit er Laufen kann und liebt die Berge. Einer unberührten Steilflanke mit den Skiern sein eigenes Muster einzuzeichnen, ist für Kroneck mit das Beste, was er sich vorstellen kann.

Kroneck und sein Freund Jochen Mesle, ebenfalls Skiprofi und Bergsteiger, haben im vergangenen Jahr die Alpen überquert. Mit ihren Fahrrädern sind sie von Süddeutschland nach Nizza gefahren. Die Route haben sie nach den schönsten Bergen geplant, so erzählen sie es - "möglichst viel Skifahren" wollten sie. Aus ihrer Reise ist der Film "Eis und Palmen" entstanden, der bei der diesjährigen "Banff-Mountainfilmtour"gezeigt wird.

Der rund 30-minütige Film zeigt neben wunderschönen Alpenpanoramen und spektakulären Freeski-Abfahrten auch, wie sich die Männer zuvor teils stundenlang mit Tourenski zum Gipfel hinaufkämpften. Einige Male mussten sie die Skier abschnallen und auf den Rücken packen, mit Steigeisen und Eispickel weiterklettern. Andere Male schoben sie die Skier mit rund 50 Kilo Gepäck und ihren aufgeschulterten Fahrrädern durch den Schnee, wenn sie eine mit dem Rad unpassierbare Stelle erreichten.

Max Kroneck, Jochen Mesle & Philipp Becker

Max Kroneck mit Gepäck und Fahrrad bei einer Skitour

"Es ging uns nicht um schneller, weiter, besser, toller - sondern um greifbare Abenteuer", sagt der 30-jährige Mesle. "Wir wollten von A nach B, die Strecke als Ganzes erleben und nicht immer darauf warten, bis irgendwo die besten Bedingungen sind, sondern einfach draußen sein und nehmen, was kommt."

Und was da kam, war viel schlechtes Wetter, das dokumentieren die beiden in ihrem Reiseblog. "Wir mussten einige Male am Gipfel warten, bis die Sonne wieder geschienen hat, damit das auf den Fotos auch nach was ausschaut", sagt Kroneck, der auch als Fotograf arbeitet.

Eine Reise nur für die Kamera also? "Durch das Filmen kamen ein paar logistische Sachen dazu: alles immer sichern, Akkus immer aufladen, immer genügend Platz auf der Speicherkarte haben und nicht zuletzt das Zusatzgepäck", sagt Mesle. "Aber wir hätten die Reise nicht anders gemacht ohne die Kamera." Es sei ihnen wichtig gewesen, authentisch zu bleiben und das zu machen, was sie wollen.

Fotostrecke

Auf Fahrrädern und Skiern: Ohne Motor über die Alpen

Die ganz berühmten Berge wie Mont Blanc oder Matterhorn ließen sie dabei aus. "Wir wollten den Mainstream und die Massen umfahren", sagt Kroneck. "Wir wollten auch selbst auf Entdeckungsreise gehen. Es gibt so viele Ecken, wo eben nicht so viel los ist und man ein Bergerlebnis hat, ohne in der Schlange zu stehen."

Dabei habe ihnen auch in die Hände gespielt, dass sie außerhalb der Saison unterwegs gewesen waren. Im April und Mai seien zwar die meisten Hütten noch geschlossen, sagt Kroneck. "Aber es ist auch niemand unterwegs."

Doch ohne Hütten kein Bett. Die tägliche Frage nach vielen Stunden auf dem Fahrrad hieß also: Wo finden wir eine geeignete Ecke für unsere Schlafsäcke? "Von Tiefgarage über Supermarktparkplatz war alles dabei", sagt Kroneck. "Solange man kein Zelt aufschlägt, bekommt man eigentlich nie Probleme." In der Schweiz etwa dürfe man nur oberhalb der Baumgrenze wildzelten. Unterhalb koste das richtig viel Strafe.

Max Kroneck, Jochen Mesle & Philipp Becker

Nächtlicher Schlafplatz

Eine weitere Herausforderung war es, genug zu essen. "Wir haben immer gegessen, was wir gefunden haben, und zwar so viel wie möglich", sagt Mesle. Doch es sei gar nicht so einfach gewesen, die rund 6000 Kalorien aufzufüllen, die sie täglich beim Rad- und Skifahren verbrannten.

Auf ihrem Blog geben die beiden auch ein Beispiel für eine tägliche Essensration: eine 500-Gramm-Packung Müsli mit frischem Obst zum Frühstück, heißt es da, zum Mittagessen eine große Packung Nudeln mit eineinhalb Gläsern Pesto. Am Nachmittag ein Stück Torte, zwischendurch im Schnitt 16 Müsliriegel und "was gerade am Straßenrand daher kommt". Abends wurde noch einmal gekocht.

Pro Tag fuhren die beiden etwa 80 Kilometer und überwanden durchschnittlich 1000 Höhenmeter. Ruhetage legten sie kaum ein. Nach 42 Tagen, 1850 Kilometern und 33.486 Höhenmetern kamen Mesle und Kroneck schließlich am 7. Juni 2018 am Mittelmeer an.

Doch so richtig erleichtert, nicht mehr aufs Fahrrad zu müssen, waren sie nicht: "Als wir in Nizza ankamen, haben wir sogar kurzzeitig überlegt, ob wir das Gepäck abschmeißen und mit dem Rad auch wieder zurück fahren sollen", sagt Mesle. "Wir waren so drin, dass wir kaum mehr aufhören wollten."

insgesamt 14 Beiträge
Akademikr 06.07.2019
1. Nichts besonders
...sorry ich habe mit 16 (vor 30 Jahren) mit dem Fahrrad die Alpen durchquert, gestartet in Hessen, über Vogesen, Alpen Nord-Süd bis Nizza, dort zwei Tage Aufenthalt und AUF DEM FAHRRAD zurück nach Hessen. Gesamtdauer 23 Tage. [...]
...sorry ich habe mit 16 (vor 30 Jahren) mit dem Fahrrad die Alpen durchquert, gestartet in Hessen, über Vogesen, Alpen Nord-Süd bis Nizza, dort zwei Tage Aufenthalt und AUF DEM FAHRRAD zurück nach Hessen. Gesamtdauer 23 Tage. Ohne Skifahren okay, aber deutlich mehr Höhenmeter ;) trotzdem bekommt ihr meinen Respekt ;)
Carbonrad 06.07.2019
2. Was ´ne geile Tour!
Absolut bewundernswert - Respekt! Nur: mit 50 kg Gepäck kommt beim Radfahren nicht wirklich Fahrspaß auf.
Absolut bewundernswert - Respekt! Nur: mit 50 kg Gepäck kommt beim Radfahren nicht wirklich Fahrspaß auf.
Papazaca 06.07.2019
3. Westalpentour mit dem Mountainbike
Das erinnert mich an meine Westalpentour vor 20 Jahren, von Martigny nach Ventimiglia. in 10 Tagen. Unvergessen ist der Aufstieg zum Colle Caro, nachdem ich die Nacht auf einem Felsen übernachtete, es wurde zu früh dunkel. [...]
Zitat von Akademikr...sorry ich habe mit 16 (vor 30 Jahren) mit dem Fahrrad die Alpen durchquert, gestartet in Hessen, über Vogesen, Alpen Nord-Süd bis Nizza, dort zwei Tage Aufenthalt und AUF DEM FAHRRAD zurück nach Hessen. Gesamtdauer 23 Tage. Ohne Skifahren okay, aber deutlich mehr Höhenmeter ;) trotzdem bekommt ihr meinen Respekt ;)
Das erinnert mich an meine Westalpentour vor 20 Jahren, von Martigny nach Ventimiglia. in 10 Tagen. Unvergessen ist der Aufstieg zum Colle Caro, nachdem ich die Nacht auf einem Felsen übernachtete, es wurde zu früh dunkel. Gott sei Dank war es im Hochsommer. Da ging es dann an einem Seil zum Gipfel. Schwachsinn pur. Über diese Reise habe ich mich im nach hinein richtig geärgert, weil saugefährlich. Achim Zahn, der diese Tour konzipierte, hat es meiner Ansicht verpasst, diese große Gefahr entsprechend heraus zu stellen. Der Schwachsinn dieser Tour hat mich dann vor anderen Schwachsinnstouren bewahrt. Alles hat sein Gutes. Und auf die soziale Anerkennung durch diese Touren pfeife ich, mein Leben ist mir lieber.
Papazaca 06.07.2019
4. Anmerkung zu Achim Zahn, aka Serac Joe
Nach meinem obigen Beitrag könnte man vermuten, das ich nicht viel von Achim Zahn halte. Das stimmt nicht, zweimal bin ich seine Joe-Route über die Alpen gefahren. Das ist die klassische Heckmayr-Route, nur fahrbarer. Er hat [...]
Nach meinem obigen Beitrag könnte man vermuten, das ich nicht viel von Achim Zahn halte. Das stimmt nicht, zweimal bin ich seine Joe-Route über die Alpen gefahren. Das ist die klassische Heckmayr-Route, nur fahrbarer. Er hat also sehr gute Touren konzipiert. Der Aufstieg zum Colle Caro ist sicher ein Ausreißer, aber wirklich saugefährlich. Schon ohne Schnee. Mit Schnee nicht auszudenken. Außerdem gingen nachts jede Menge Steinlawinen runter, ich saß Gott sei Dank auf einem VW-Bus-großen Stein, in eine goldene Rettungsdecke gewickelt. Die Markierungen von der Hütte zum Colle Caro waren übrigens sehr schlecht. Als ich dann morgens nach dem Aufstieg in die Hütte auf der französischen Seite abstieg, wußte ich - ich war ja allein - das ich Glück hatte. Diese Tour wurde im Bike vorgestellt, ich konnte Sie heute aber nicht mehr finden. Hmm. Bei aller Abenteuerlust gibt es Touren, die sollte, ja muß man vermeiden. Das Leben ist zu schön, um blöd zu sterben.
three-horses 06.07.2019
5. Toll aber irgendwie sinnlos.
Da ist nichts zu bewundern. Was hat man davon? Eine Schinderei von bis zu 100 Km pro Tag. Oder weniger wo es zu steil nach oben geht. Fahre hier wo es viel hügelig ist, so zwischen 10 bis 20 Km so jeder zweite Tag. MTB oder [...]
Zitat von CarbonradAbsolut bewundernswert - Respekt! Nur: mit 50 kg Gepäck kommt beim Radfahren nicht wirklich Fahrspaß auf.
Da ist nichts zu bewundern. Was hat man davon? Eine Schinderei von bis zu 100 Km pro Tag. Oder weniger wo es zu steil nach oben geht. Fahre hier wo es viel hügelig ist, so zwischen 10 bis 20 Km so jeder zweite Tag. MTB oder MTB Pedelec. Macht echt Spaß und es gibt immer was zu entdecken. Wie Gestern eine geplante Tour von 10 Km. 2x ein Platten und dann die Suche nach Wasser. Also ins Tal zu Fuß und an einem Bach dann die Reparatur. Es waren dann 20 Km und 4 Stunden. Mit der Option auch nur zu Fuß und schieben. Ich kann Frankreich, egal wo, nur empfehlen. Das beste, eine "tote" Gegend, wo die Autos selten sind, viel Wald, da gibt es dann breite Feldwege, die man nicht verlassen soll...irgendwann enden die auf eine Straße. Nicht unterschätzen, man kann sich schon verfahren. Auch wenn man so weiß wo man ist, kann es ein Problem sein, wie komme ich da schnell raus?

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