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Reise

EU und die italienische Küste

Das große Sommer-Strand-Theater

Dio mio! "Brüssel will uns unsere Strände wegnehmen", zetern Italiens Liegestuhlvermieter, die für ihre horrenden Preise bekannt sind. Ein EU-Gerichtsurteil stört die Sommeridylle an der Küste von Genua bis Bari.

Von , Rom
Freitag, 22.07.2016   15:23 Uhr

900 Kilometer Badestrände umgeben "Bella Italia", einer ist schöner als der andere. Manche Urlauber, insbesondere Deutsche und Schweizer, begnügen sich zwar mit einem Handtuch im Sand als Unterlage. Das kostet nichts. Mit italienischer Badekultur aber hat das wenig zu tun.

Die meisten Italiener ziehen die stabilimenti vor: Gegen eine Miete liegt man in diesen Strandbädern bequem, im Halbschatten des Schirms, mitunter mit kleinem Zelt zum Umziehen und zum sandfreien Lagern der Kleidung. Die Nachbarn sind nah genug, um in Gemeinschaft zu plaudern, lästern und lachen. Das ist Sommer!

Doch nun bricht die EU mit einem Gerichtsurteil in das Urlaubsidyll ein, auf dass manchem dort die Sonnenfreude gründlich vergeht. Allen voran den Betreibern der möblierten Strandabschnitte. Denn Brüssel will die althergebrachte, in langem Geben und Nehmen gefundene Ordnung an Italiens Meereskanten infrage stellen und so etwas wie Recht und Gesetz und dazu auch noch Wettbewerb einführen. Das träfe die Strandbarone hart.

Die schlagen denn auch umgehend Alarm: "Die EU will uns unsere Strände wegnehmen", lautet eine ihrer Parolen, eine andere: "Wir lassen unsere Strände nicht globalisieren!" Ein Massimo Stasio schimpft in der Tageszeitung "La Repubblica", dass die EU sich zwar gerne "mit der Größe der Venusmuscheln und dem Fangverbot von Kleinfischen" befasse, ihr aber "die Arbeitsplätze Tausender Menschen" völlig egal seien. Der Mann ist Eigentümer von sieben Strandbadebetrieben, Arbeitgeber von 50 Saisonbediensteten.

Ein höchst lukratives Geschäft

Insgesamt gibt es in Italien 29.000 solcher stabilimenti, die meisten werden privat betrieben, auf dem vom Staat gepachteten Strandabschnitt. Für den zahlen die Pächter etwa 50 Cent pro Quadratmeter - pro Monat. Das ist im Verhältnis zu den Liegekosten der urlaubenden Kundschaft ausgesprochen preiswert. 25 Euro am Tag etwa kostet ein Strandplätzchen mit Schirm und zwei Liegen. An besonders begehrten Meersandstreifen auch deutlich mehr. Am Lido von Venedig zum Beispiel zahlen die Gäste für zwei Liegen samt Zeltschutz 52 bis 245 Euro.

Im vornehmen toskanischen Forte dei Marmi, wo die Agnelli-Familie einst regelmäßig urlaubte und auch Ex-Bayern-Ministerpräsident Edmund Stoiber schon gesichtet wurde, muss man für das Zwei-Personen-Strandensemble mit Zelt und kleiner Kommode darin bis zu 150 Euro zahlen. Bei vier Personen werden es bis zu 290 Euro, pro Tag natürlich. Man ahnt, dass die Strandbewirtschaftung ein höchst lukratives Geschäft ist.

So ist nur verständlich, dass die Inhaber der Betriebe das in dieser Woche verkündete Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) mit Entsetzen vernahmen. Auf Antrag eines (ausgerechnet) italienischen Gerichts hatten die in Luxemburg ansässigen höchsten Richter der EU prüfen sollen, ob die italienische Vergabepraxis von Strandabschnitten mit der EU-Dienstleistungsrichtlinie vereinbar sei.

Die ist 2006 in Kraft getreten und besagt, vereinfacht ausgedrückt, dass sich Firmen aus ganz Europa nicht nur um den Bau einer Fabrik oder die Produktion von Waren bewerben können, sondern auch um die Vergabe von Dienstleistungen. Etwa bei der privaten Vermietung von Liegestühlen auf öffentlichem Sand. Dazu gehören transparente Ausschreibungen mit gleichen Chancen für alle Interessenten.

Dies alles - und das war von vornherein klar - war an Italiens Küsten nicht üblich.

GAU für die Strandbarone

Vertreter der römischen Regierungen hatten deshalb in Brüssel schon lange eine Reform versprochen, fanden aber nie Zeit dafür. Stattdessen verlängerte Silvio Berlusconi 2009 alle Konzessionen en bloc bis zum Jahr 2015. Und sein Nachfolger Mario Monti verlängerte die Verlängerung bis 2020. Das hätte er nicht tun dürfen, sagte nun das oberste Gericht der EU. Zumal ja schon beim Abschluss der Verträge keine rechtlich saubere Ausschreibung stattgefunden habe. Faktisch sind damit sämtliche Verträge seit 2015 nichtig. Der GAU für die Branche ist eingetreten.

Auf welche Art und Weise viele jener Erstlizenzen vergeben wurden, will heute keiner mehr so genau wissen. Da wurden offenbar manche Verwandte und Freunde von lokalpolitischer Prominenz mit einer Parzelle bedacht, wie man in den Medien immer wieder lesen konnte. Da wurde hier und dort ein Strandbetrieb illegal gegründet, illegal ausgebaut und illegal vererbt oder verkauft. Manchmal haben die Behörden eingegriffen, oft nicht.

Wer lange genug durchhielt, wurde durch ein von Politikern gern genutztes Gnadeninstrument, dem condono, von allen Sorgen erlöst: Gegen einen kleinen Obolus werden Steuer-, Bau- und ähnliche Sünden von Amts wegen vergeben und vergessen. Vor allem Silvio Berlusconi hat sich mit solchen Akten der Menschenfreundlichkeit beliebt gemacht.

Verbraucherschützer: Könnte ja billiger werden

Neben den Besitzern sind auch die etwa 300.000 Saisonkräfte durch das EuGH-Verdikt aufgeschreckt. Es sei doch klar, was "international ausschreiben" bedeute, erregt sich ein am Strand vom Piombino beschäftigter junger Mann. "Billiganbieter aus China übernehmen alles, wir werden arbeitslos, und die Urlauber am italienischen Strand müssen mit dem Personal chinesisch oder englisch reden!"

Das wollen auch die Urlauber nicht und solidarisieren sich gleich mit ihren Liegestuhlvermietern. Dabei sieht die EU-Richtlinie gar nicht vor, dass sich chinesische Firmen an Ausschreibungen für italienische Strandbetriebe beteiligen. Unternehmer, ihre Angestellten und die Kunden vereinen sich dennoch in der Forderung: "EU, halt dich raus!"

Und plötzlich reagiert die für ihr Schneckentempo berüchtigte Politik Italiens wie Sebastian Vettel in seinem Ferrari: Binnen zwei Tagen wurden dem Parlament Entwürfe eines Dekrets vorgelegt, um die nichtig gewordenen Verträge zumindest bis 2020 zu verlängern. Manche Abgeordnete fordern sogar eine Verlängerung um 30 Jahre. Die Regionalregierungen wollen Zusätzliches beschließen, um die Konzessionen an ihren Stränden vor dem EU-Recht zu schützen.

Die Einzigen, die das große Sommer-Strand-Theater kritisch sehen, sind die Verbraucherverbände. Denn, so ihre Argumentation, gäbe es Wettbewerb bei der Konzessionsvergabe für Strandabschnitte, profitierten doch vor allem die Kunden durch vermutlich sinkende Preise und, oder mehr Service. Aber das hören die Verbraucher nicht, nicht jetzt im Sommer, am schönen italienischen Strand.

insgesamt 38 Beiträge
privado 22.07.2016
1. Tango corrupti...
Na schön. Die Mitglieder eines mafiösen Strandbewirtschafterkartells wehren sich gegen die Entscheidung der EU, ihre Privilegien abzuschaffen. Das ist doch wenig verwunderlich. Ich kann mit aber kaum vorstellen, dass sich die EU [...]
Na schön. Die Mitglieder eines mafiösen Strandbewirtschafterkartells wehren sich gegen die Entscheidung der EU, ihre Privilegien abzuschaffen. Das ist doch wenig verwunderlich. Ich kann mit aber kaum vorstellen, dass sich die EU hier durchsetzen wird können. Die Mafia hat findige Mitglieder.
capote 22.07.2016
2.
Ganz so ist es ja nun auch nicht. Seit der Wirtschaftskrise 2008 wurden zu Hauf "wilde Strände" plötzlich kostenpflichtig und für viele Italiener das sommerliche "andare al mare" zu teuer. Dei Touristen [...]
Ganz so ist es ja nun auch nicht. Seit der Wirtschaftskrise 2008 wurden zu Hauf "wilde Strände" plötzlich kostenpflichtig und für viele Italiener das sommerliche "andare al mare" zu teuer. Dei Touristen trifft das weniger, zu den meisten Hotels und Campingplätzen an der Küste gehören Strandabschnitte dazu, betroffen sind vor allem die Wochenendausflügler.
nesmo 22.07.2016
3. Nicht die Mafia
es ist die amici-Kultur, des Auskungelns im Kreise derer , die dazugehören. Ein Monopol, das von den Touristen zusätzlich bezahlt werden muss, eine Geldmaschine für den, der Im Dorf,in der Stadt was zu sagen hat. Pro forma [...]
es ist die amici-Kultur, des Auskungelns im Kreise derer , die dazugehören. Ein Monopol, das von den Touristen zusätzlich bezahlt werden muss, eine Geldmaschine für den, der Im Dorf,in der Stadt was zu sagen hat. Pro forma werden einige häßliche Abschnitte des öffentlichichen Strandes frei gelassen, der Rest wird privatisiert. Letzlich ein Verstoß gegen den Grundsatz, dass öffentlicher Strand allen gleich zugänglich sein muss. Diebstahl an öffentlichem Eigentum. Wie eine völlig überhöhte Kurtaxe, die in private Kassen fließt. Intransparent, überteuert und ungerecht, aber seit Jahrzehnten Praxis in den Mittelmeerländern.
mol1969 22.07.2016
4.
Wie ist das geregelt, ich war da noch niemals im Urlaub. Gibt es ausreichend Platz, um sich mit einem Handtuch, einer Luma oder einer selbst mitgebrachten Liege kostenlos auszubreiten? Oder ist jeder Quadratmeter verpachtet und [...]
Wie ist das geregelt, ich war da noch niemals im Urlaub. Gibt es ausreichend Platz, um sich mit einem Handtuch, einer Luma oder einer selbst mitgebrachten Liege kostenlos auszubreiten? Oder ist jeder Quadratmeter verpachtet und zugestellt, so dass gar nichts anderes übrigbleibt, als eine Liege zu mieten?
andialpha 22.07.2016
5.
war haeufig in Italien am Strand und hab noch nie was bezahlt. Der Strand war entweder beim Hotel dabei oder frei zugaenglich. (Sardinien, Sizilien u.s.w...)
war haeufig in Italien am Strand und hab noch nie was bezahlt. Der Strand war entweder beim Hotel dabei oder frei zugaenglich. (Sardinien, Sizilien u.s.w...)
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