Schrift:
Ansicht Home:
Reise

Premierenfeier am Gotthardtunnel

Bahn frei

Mit prominenten Gästen wurde gefeiert: Der längste Bahntunnel der Welt unter dem Gotthard-Massiv ist betriebsbereit. Zur Premiere gehörten auch Eingeständnisse, dass Deutschland bei Großbauprojekten weniger glänzt.

DPA

Zug bei der Premierenfahrt

Mittwoch, 01.06.2016   17:41 Uhr

Die schlimmste Bahnfahrt der Schweizer Literatur hat einst Friedrich Dürrenmatt ersonnen: In seiner Kurzgeschichte "Der Tunnel" von 1952 rast ein Zug in die Dunkelheit, immer schneller, immer weiter - und die Insassen begreifen: Das Ziel ist das "Nichts".

Derartige Schrecken blieben Angela Merkel und den Hunderten anderen Gästen der Eröffnungsfahrten für den Gotthardbasistunnel dank Schweizer Perfektion erspart - wenngleich so mancher scherzhaft auf Dürrenmatt verweist.

"Eigens für Sie haben wir den Tunnel heute etwas beleuchtet", sagt die weibliche Lautsprecherstimme. "Sonst ist es auf dieser Strecke viel dunkler." Und sie fügt hinzu: "Wir fahren auch nicht ganz so schnell wie normal - brauchen daher 30 statt 20 Minuten, damit alle die Tour besser genießen können."

Fotostrecke

Gotthard-Eröffnung: Ein Schweizer Weltrekord

Gelöst, ja aufgekratzt ist die Stimmung. Manche Passagiere stimmen Lieder an. Handykameras schnappen nur so vor "Selfies". "Das will ich meinen Enkeln zeigen", sagt eine rundliche Frau mit rosigen Wangen. "Ich wohne genau da oben", sagt sie und zeigt an die Waggondecke. "In Sedrun, das liegt etliche Hundert Meter Granit höher."

Viele Vorkehrungen für den Notfall

Eigentlich sei sie etwas "tunnelscheu", was für Schweizerinnen sicher komisch sei. "Aber heute bin ich völlig ruhig." In der Zeitung hat die Bäuerin gelesen, dass dieses Bauwerk nicht nur mit 57 Kilometern der längste, sondern mit einem Geflecht von Nothilfevorkehrungen auch der vielleicht sicherste Eisenbahntunnel der Welt sei.

Das beginnt damit, dass dieser Tunnel aus zwei Röhren besteht statt nur einer. Alle 325 Meter sind sie über Fluchtwege miteinander verbunden. Es gibt vier Nothaltestellen. Ein ausgeklügeltes Umluftsystem sorgt dafür, dass gefährlicher Rauch sofort aus den Röhren verschwindet. Außerdem kontrollieren Sensoren alle Züge auf ungewöhnliche Hitze und auf Spuren bestimmter chemischer Stoffe.

Sicherheit war natürlich auch in der 17-jährigen Bauzeit ein großes Thema. Neun Menschen starben bei Arbeitsunfällen. Unter den Opfern war der Bruder von Peter Knapp, 58, aus der Gemeinde Harbke in Sachsen-Anhalt. "Er wurde 2003 bei einer Sprengung von Gesteinsbrocken erschlagen, mit 36 Jahren", sagt er.

Knapp und seine Frau Inge waren am Vorabend der Premiere dabei, als ein Denkmal für die neun Todesopfer des Basistunnelbaus eingeweiht wurde. "Das und jetzt auch die Fahrt, das waren gute Gesten. Wir finden jetzt einen Abschluss, wir haben ihn ja damals nicht mehr gesehen."

Aorta fehlt, Herz funktioniert

Auch Angela Merkel erinnert später bei einer Ansprache auf dem Festplatz von Pollegio am Südende des Tunnels an die Menschen, die beim Bau des Schweizer Jahrhundertwerks ihre Leben verloren. Das kommt gut an. Genau wie ihre überaus lobenden Worte für die ingenieurtechnische Leistung.

Und dann liefert sie - verpackt in einen medizinischen Vergleich - noch ein Eingeständnis, dass die Deutschen im Vergleich zu den Schweizern noch erheblichen Nachholbedarf haben: "Wir wissen, der Gotthardtunnel ist sozusagen das Herz. Die Aorta fehlt noch." Die Aorta - das sind die Zubringerbahnstrecken, ohne die auch das Herzstück der "Neuen Eisenbahn-Alpentransversale" (NEAT) von Rotterdam bis Genua seine wichtigstes Aufgabe nur sehr eingeschränkt erfüllen könnte: Die Verlagerung weiter Teile des europäischen Nord-Süd-Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene.

Bei einigen wichtigen Teilstrecken liegt Deutschland weit zurück, darunter bei der Rheintalbahn zwischen Karlsruhe und Basel. Immerhin verspricht die Kanzlerin, nun aufs Tempo drücken zu wollen. "Wir wissen, dass wir verspätet sind."

Noch etwas deutlicher wird Premierengast Martin Herrenknecht, Gründer und Chef des nach ihm benannten Weltmarktführers für Tunnelbohrsysteme. "Dieses ganze gigantische Projekt lief ab wie ein Schweizer Uhrwerk", sagt Herrenknecht, der vier riesige Bohrmaschinen lieferte. Im Vergleich damit seien deutsche Großprojekte wie die Elbphilharmonie, Stuttgart 21, aber vor allem aber der Berliner Flughafen "ein großes Trauerspiel".

Was machen die Schweizer besser? Die Gesamtleitung des Gotthardprojekts, sagt Herrenknecht, hätten von Anfang an echte Fachleute gehabt, "nicht Politiker". Und er verweist auf die direkte Demokratie in der Schweiz: Lange vor Baubeginn sei das gesamte Projekt dem Volk erläutert und zur Abstimmung vorgelegt worden. "Die Schweizer haben sich das gut überlegt, Ja gesagt - und standen dann voll dahinter", sagt Herrenknecht.

Mythos Gotthardtunnel

Thomas Burmeister, dpa/sto

Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP