Schrift:
Ansicht Home:
Reise

Kritik an Kreuzfahrtreedereien

"Gesellschaftlich nicht mehr vertretbar"

Kreuzfahrten seien "nicht nachhaltig" und die Politik lasse sich zu sehr von ihren Lobbyisten beeinflussen. Experte Wolfgang Gregor sieht nun auch die Sicherheit gefährdet. Bald könnten Schiffe ohne Rettungsboote unterwegs sein.

DPA

Das Kreuzfahrtschiff AIDAperla bei Niedrigwasser auf der Elbe bei Hamburg-Blankenese

Ein Interview von Felix Hutt
Sonntag, 11.08.2019   09:02 Uhr

Zur Person

Wolfgang Gregor ist 65 Jahre alt, Nautiker mit Kapitänspatent "auf großer Fahrt". Er ist auf Handelsschiffen zur See gefahren und danach 27 Jahre Manager bei der Lichttechnik-Firma Osram gewesen, unter anderem zuständig für Marketing und Nachhaltigkeit. Gregor arbeitet seit einigen Jahren als freier Journalist und hat 2016 das Buch "Der Kreuzfahrtkomplex" veröffentlicht, in dem er die Kreuzfahrtindustrie kritisiert.


SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Kreuzfahrtindustrie "nahezu sämtliche gesellschaftlichen Werte umschifft". Was meinen Sie damit?

Titelbild

Mehr dazu im SPIEGEL

Heft 33/2019
S.O.S.
Wahnsinn Kreuzfahrt - die dunkle Seite des Traumurlaubs

Lesen Sie hierzu die Titelgeschichte über den "Wahnsinn Kreuzfahrt" auf SPIEGEL+.

Gregor: Ich bin auf 19 Kreuzfahrten mit den größten Schiffen unterwegs gewesen, tausche mich bis heute mit vielen Experten aus und stelle fest, dass die Kreuzfahrtindustrie weder auf die Umwelt noch die Besatzung noch das Gemeinwohl in Bezug auf Steuerzahlungen oder Gesundheitsfragen Rücksicht nimmt. Es geht ihr vor allem um Gewinnmaximierung. Die großen Konzerne wie Carnival oder Royal Caribbean müssen sich alle drei Monate vor ihren Aktionären erklären und profitables Wachstum vorweisen.

Mehr bei SPIEGEL+

SPIEGEL ONLINE: Das müssen andere Konzerne auch. Warum ist die Kostenoptimierung auf einem Kreuzfahrtschiff problematisch?

Gregor: Weil es zu Lasten der Passagiere und der Besatzung geht. Gerade hat die dänische Schifffahrtsbehörde (DMA) die offizielle Zulassung für das LifeCraft-Rettungsboot als "Novel Life-Saving Appliance" beschlossen. Damit können konventionelle Rettungsboote in Zukunft durch aufblasbare Rettungsinseln ersetzt werden. Die Meyer-Werft plant bereits heute Kreuzfahrtschiffe ohne Rettungsboote. Das ist eine rein wirtschaftlich getriebene Innovation, die keine Verbesserung der Sicherheit im Notfall herbeiführt. Es gefährdet die Sicherheit von Passagieren und Besatzung, die mit diesen aufblasbaren Inseln, die irgendwo auf dem Schiff verstaut werden, den Ernstfall nicht üben kann. Aus meiner Sicht gibt es keine Alternativen zu Rettungsbooten, wenn man es mit der Sicherheit ernst nimmt. Je weniger Rettungsboote ein Schiff mitführt, desto mehr teure Balkonkabinen können verkauft werden, das ist die Logik.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren den menschenverachtenden Umgang mit den unteren Angestellten auf den Schiffen. Teile der Besatzung würden weniger als einen Dollar pro Stunde verdienen, schreiben Sie. Sie waren lange Manager in einem MDAX-Unternehmen. Würden die Kreuzfahrtgesellschaften auch profitabel arbeiten können, wenn sie zum Beispiel deutschen Mindestlohn bezahlten?

Gregor: Ja, das glaube ich schon, aber die Frage ist doch: Würden die Passagiere auch eine Kreuzfahrt buchen, wenn sie 25 Prozent teurer wäre? Das ist wie mit dem Fleischkonsum: Ich muss Fleisch im Supermarkt teurer anbieten, damit ich sicherstellen kann, dass vom Tierwohl bis zum Endverbraucher niemand Schaden nimmt. Wenn ich aber eine Woche Kreuzfahrt für 399 Euro all-inclusive anbiete, dann ist klar, dass jemand dafür die Zeche zahlt, und das sind die Schwächsten, die niederen Angestellten, die häufig aus Dritte-Welt-Ländern rekrutiert werden und auf den Schiffen monatelang Sklavenarbeit verrichten müssen, unter Bedingungen, die nach deutschem Arbeitsrecht verboten wären.

Foto: NZZ Format

SPIEGEL ONLINE: Warum scheint das die Passagiere nicht zu stören, die in immer größer werdenden Zahlen Kreuzfahrtreisen buchen?

Gregor: Zum einen gibt es einen Informations- und Aufklärungsmangel, da zum Beispiel die Printmedien sich in einem Zwiespalt befinden. Sie wollen über Missstände berichten, aber keine Anzeigen verlieren. Ich weiß von einem großen deutschen Magazin, das eine kritische Geschichte über die Kreuzfahrtindustrie fertig recherchiert, aber nie veröffentlicht hat. Zum anderen verdrängen die Passagiere das. Sie wissen, dass ihr Urlaub nicht nachhaltig und gesellschaftlich zweifelhaft ist. Es entsteht ein Gefühlszustand der kognitiven Dissonanz. Um dennoch bedenkenlos Kreuzfahrten zu machen, werden die Ausreden von den Marketingabteilungen der Reedereien mitgeliefert - Greenwashing in Reinkultur.

Anmerkung der Redaktion: Der SPIEGEL-Verlag bietet wie andere Medienhäuser auch Leserreisen auf Kreuzfahrtschiffen an. Redaktion und Verlag sind jedoch strikt getrennt. In der Hausmitteilung zur aktuellen Titelgeschichte heißt es dazu: "Wir werden die Titelgeschichte trotzdem zum Anlass nehmen, diese Kooperationen neu zu überdenken."

SPIEGEL ONLINE: Wieso lässt sich die Kreuzfahrtindustrie nicht regulieren?

Gregor: Weil ihre Schiffe häufig in Ländern wie den Bahamas, Panama oder Malta registriert sind und diese kein Interesse an einer Regulierung haben. Die Kreuzfahrtkonzerne nutzen wie andere global agierende Unternehmen die Möglichkeiten zu Steuervermeidung. In Hamburg baut die Kommune immer neue Kreuzfahrtterminals, aber von den Erträgen, die die dort festmachenden Schiffe erwirtschaften, hat die Hansestadt wenig. Die Politik lässt sich von den Lobbyisten beeinflussen und schreitet nicht ein.

SPIEGEL ONLINE: Was kann die deutsche Politik bei den global agierenden Kreuzfahrtkonzernen tun?

Gregor: Wie bei den globalen Internetgiganten muss der Staat darauf bestehen, Steuern da einzufordern, wo Umsatz und Gewinn anfallen - also auch in Deutschland. Wir sollten jetzt den Spieß umdrehen und von den Reedereien lernen, den Gewinn für unsere Gesellschaft zu maximieren und entsprechend die Abgaben und Gebühren in unseren Häfen drastisch erhöhen. Städte wie Amsterdam machen das bereits. Wir überschlagen uns jedoch mit Subventionen, ohne einen fairen Anteil vom Kuchen zu bekommen. Gerade wurde ein Referentenentwurf im Finanzministerium von den Lobbyisten der Kreuzfahrtindustrie abgeschmettert, der vorsah, Umsatzsteuer für Käufe an Bord in Deutschland zu erheben. Ein klarer Wettbewerbsvorteil zulasten des guten Tourismus. Bezüglich der Umwelt muss die Politik verpflichtende Vorgaben für ihre Schiffe machen. Dazu gehören auch die Nutzung von Landstrom oder neue Antriebstechnologien.

SPIEGEL ONLINE: Welche Maßnahmen muss die Kreuzfahrtindustrie treffen, um eine saubere und verantwortungsvolle Industrie zu werden? Wie sehen Sie die Chancen auf eine Umsetzung von Veränderungen?

Gregor: Die Kreuzfahrtindustrie wird nur auf politischen und gesellschaftlichen Druck reagieren. Der Wille hin zu verantwortungsvollen Veränderungen wird aus den Konzernetagen nicht kommen - da könnten Sie auch mit einem Truthahn übers Weihnachtsessen sprechen.

SPIEGEL ONLINE: TUI und Aida Cruises sind zwei Kreuzfahrtgesellschaften, die den Eindruck vermitteln, man urlaube auf deutschen Schiffen. Aber wie verhält es sich, wenn jemand Opfer eines Verbrechens wird? Gibt es eine Polizei? Wer ist zuständig?

Gregor: An Bord gibt es keine Polizei, keine kriminaltechnische Untersuchung oder Forensiker, die eine faire und objektive Behandlung eines Kriminaldelikts sicherstellen. Das Sicherheitspersonal hat keine hoheitlichen Befugnisse und würde im Zweifelsfall immer zugunsten des Arbeitgebers entscheiden und handeln. Das bedeutet Vermeidung von negativer Presse zum Schutz des Images der Reederei. Die Opfer müssen sich oft selber um ihr Recht kümmern, aber wie soll das gehen, wenn eine Beweissicherung nicht stattgefunden hat oder der nächste Hafen zum Beispiel in den Vereinigten Arabischen Emiraten liegt? Glauben Sie, dass es dort ein öffentliches Interesse gibt, den mutmaßlichen Vergewaltiger einer deutschen Touristin zu verhaften? Insbesondere, wenn dieser die Tat abstreitet und nicht EU-Bürger ist?

FOCKE STRANGMANN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Fahren Kreuzfahrtschiffe bald mit mehr Balkonen - und ohne Rettungsboote?

SPIEGEL ONLINE: Wieso legen Reedereien der Kreuzfahrtindustrie ein "Mann über Bord" häufig als Suizid aus?

Gregor: Das ist die einfachste Lösung, um das Verschwinden eines Menschen zu erklären, ohne dass von Behörden oder Medien später unangenehme Nachfragen kommen. Ansonsten müsste man ja eingestehen, dass es sich eventuell um Sicherheitsmängel an Bord oder sogar ein Kapitalverbrechen handeln könnte. Im Zweifelsfall also immer gerne Selbstmord, um bloß nicht das saubere Image anzukratzen oder sogar mit einer Klage auf Schadenersatz konfrontiert zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Reaktionen bekamen Sie auf die in ihrem Buch geäußerte Kritik?

Gregor: Ich habe noch keine Unterlassungserklärung erhalten, weshalb meine Kritik nicht angreifbar zu sein scheint. Die Reedereien negieren mich und andere Kritiker und setzen alles daran, die Kritik unterhalb der Wahrnehmungsgrenze zu halten. Es gibt jedoch zunehmend Medien, insbesondere auch die öffentlich-rechtlichen, die meine Expertise nutzen. Ich bin stolz darauf, mit meinem Buch als erster dieses Thema angeschnitten zu haben und freue mich über die zunehmende kritische Betrachtung des Themas.

SPIEGEL ONLINE: Fahren Sie noch gern auf Kreuzfahrt?

Gregor: Ich habe immer noch eine große Affinität zur See und zur Seefahrt. Kreuzfahrten mache ich jedoch nur noch gelegentlich aus Recherchegründen - meine letzte war im November 2018. Neben der Tatsache, dass ich Kreuzfahrten gesellschaftlich für nicht mehr vertretbar halte, haben sich mit dem brutalen Massentourismus auf den Schiffen auch der Kundenservice und das Ambiente zum Nachteil verändert. Es macht so oder so keinen Spaß mehr.


Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.

insgesamt 234 Beiträge
Joe_Average 11.08.2019
1.
Was ist denn noch "nachhaltig und gesellschaftlich vertretbar"? Zu Hause bleiben?
Was ist denn noch "nachhaltig und gesellschaftlich vertretbar"? Zu Hause bleiben?
jujo 11.08.2019
2. ....
Dem ist fast nichts hinzuzufügen.. Nur muß man wissen, das es auf diesen Schiffen höchsten ein dutzend Seeleute gibt die diese Bezeichnung verdienen. Auf Schiffen die bis zu 6tsd Menschen befördern (Paxe+Besatzung) Da ist im [...]
Dem ist fast nichts hinzuzufügen.. Nur muß man wissen, das es auf diesen Schiffen höchsten ein dutzend Seeleute gibt die diese Bezeichnung verdienen. Auf Schiffen die bis zu 6tsd Menschen befördern (Paxe+Besatzung) Da ist im Katastrophenfall nichts zu erwarten. Die bekommen die Rettungsboote nicht in Zeit und geordnet zu Wasser. Da kann man auf R-boote verzichten, diese Planungen machen so durchaus Sinn. Die Sicherheitsübungen vor oder kurz nach dem Auslaufen mit dem Paxen sind ein Witz, reine Alibiveranstaltungen! Feuerlöschübungen mit echtem Feuer und in verqualtem Raum (im Leercontainer) mit phillipinischen Seeleuten waren stets ein Desaster, da sich schlicht geweigert wurde unter Atemschutz vorzugehen und zu löschen. Ich mag mir nicht vorstellen was an Bord dieser Funschiffe abgeht wenn es ein ernsthaftes Schadensfeuer gibt. Zur Beruhigung muß aber gesagt werden, das bei der Vielzahl von Schiffen wenig passiert und der Fall "Costa Concordia" zum Glück eine Ausnahme war.
markx01 11.08.2019
3. Das Beschriebene
Gilt doch mehr oder weniger für alle Dienstleistungsbranchen oder Angebote und nicht nur für die schwimmenden Konsum oder Bespaßungstempel. Ist halt schwierig. Wer so eine Reise gemacht hat wird naturgemäß anders darüber [...]
Gilt doch mehr oder weniger für alle Dienstleistungsbranchen oder Angebote und nicht nur für die schwimmenden Konsum oder Bespaßungstempel. Ist halt schwierig. Wer so eine Reise gemacht hat wird naturgemäß anders darüber denken. Komfort, Sicherheit, Angebot und Bequemlichkeit loben. Bequemer, sicherer und komfortabler als im Bus oder Flugzeug sind solche Reisen allemal. Gruß
nadennmallos 11.08.2019
4. Auch wenn'es schwer fällt (mir tut's das auch), wir ...
... müssen vermutlich unsere Reiselust zügeln, um den "Nachkommen" nicht noch mehr Umweltzerstörung zuzumuten. Gilt natürlich nicht nur für die Kreuzfahrer, sondern auch für Vielflieger, Auto- und [...]
Zitat von Joe_AverageWas ist denn noch "nachhaltig und gesellschaftlich vertretbar"? Zu Hause bleiben?
... müssen vermutlich unsere Reiselust zügeln, um den "Nachkommen" nicht noch mehr Umweltzerstörung zuzumuten. Gilt natürlich nicht nur für die Kreuzfahrer, sondern auch für Vielflieger, Auto- und Motorradreisende, Elektromobilanhänger (JA, ja, auch Elektromobilität versaut die Umwelt). Aber: Fahrradfahrer sind fein raus, die machen alles richtig :-)
axel2003 11.08.2019
5. was bleibt noch?
Das Kreuzfahrschiffe Dreckschleudern sind ist bekannt,aber was bleibt denn noch übrig?Die Schiffe sind nicht nachhaltig sauber,die Autos auch nicht,die Flugzeuge nicht,die Kühe auf der Weide produzieren zu viel Methan beim atmen [...]
Das Kreuzfahrschiffe Dreckschleudern sind ist bekannt,aber was bleibt denn noch übrig?Die Schiffe sind nicht nachhaltig sauber,die Autos auch nicht,die Flugzeuge nicht,die Kühe auf der Weide produzieren zu viel Methan beim atmen und furzen und wir wahrscheinlich auch und der produzierte Strom ist auch nicht sauber genug und die Herstellung der Akkus von E-Autos sind das umweltschädlichste überhaupt und nicht grün und Computer verbrauchen zu viel Strom und geben zu viel Wärme an das Klima ab.Ich würde sagen,wir gehen in die Steinzeit ohne warme Häuser und Krankenhäuser mit ihrer Medizin zurück oder wir schaffen die Menschheit gleich ab,dann kann alles vor sich her wachsen,nur die Grünen fehlen dann natürlich auch bei ihren Träumereien.Diesen Wettbewerb des Schwachsinns,ist bald nicht mehr zu ertragen und ich frage mich auch,haben wir nicht genug Probleme und Armut in der Gesellschaft,worum man sich zuerst kümmern sollte,bevor man andere Dinge löst,aber wahrscheinlich nicht,weil der kleine Bürger nicht mehr zählt und nicht relevant genug ist.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Fotostrecke

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP