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Reise

Berühmter Felsen in Norwegen

Wie der Preikestolen unter den Touristenmassen ächzt

Mehr als 105.000 Touristen pilgerten allein im Juli auf den Preikestolen - zu viele, sagen Naturschützer. Ein Architekt hat nun sogar ein Hotel entworfen, das er am liebsten in den Felsen hinein bauen würde.

Hayri Atak Architectural Design Studio
Von
Montag, 12.08.2019   05:04 Uhr

Der Preikestolen in Norwegen ist eines der berühmtesten Instagram-Motive überhaupt: Auf den meisten Fotos sieht es so aus, als stünde der Fotografierte ganz allein mitten in der einsamen Natur auf einem mächtigen Felsen in den Weiten der norwegischen Fjorde.

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Die Realität sieht anders aus: Massen von Touristen bevölkern die eindrucksvolle Felsplattform im Süden des Landes und stehen Schlange für das berühmte Foto an der Spitze der Kanzel.

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Der 604 Meter hohe Preikestolen über dem Lysefjord ist eine der Haupt-Tourismusattraktionen des Landes. Norwegischen Medien zufolge erlebte der Felsen in diesem Jahr einen neuen Besucherrekord. Im Juli pilgerten 105.700 Touristen zur Felskanzel - 12.545 mehr als im Vorjahr, wie das "Dagbladet" berichtet. Allein am bisherigen Rekordtag des Sommers, dem 17. Juli, seien 5342 Wanderer auf dem Felsen gewesen.

Infinity Pool im Lysefjord

Ein türkisches Architekturbüro hat die Berühmtheit des ausgesetzten Felsens dazu genutzt, eine absurde Idee zu entwerfen: ein Hotel, das in den Preikestolen hineingebaut wird - mit einem gläsernen Infinity Pool auf einem Steg, der in den Fjord hineinführt.

Entwürfe zeigen das Boutique-Hotel, das an der Vorderseite des Preikestolens angebaut ist und beinahe aussieht wie ein Kreuzfahrtschiff. Fünf Stockwerke sind zu sehen, jeweils mit Balkonen, in der untersten Etage ragt der Pool waagrecht aus dem Felsen in den Fjord hinein, auf dem Plateau befindet sich eine Aussichtsplattform.

Fotostrecke

Radikaler Hotelentwurf: Übernachten im Preikestolen

"Der Preikestolen ist für mich einer der aufregendsten Orte der Welt", sagte der Istanbuler Architekt Hayri Atak. Er sei selbst zwar noch nie dort gewesen, aber er habe die eindrückliche Kanzel auf Fotos gesehen und das Adrenalin gespürt, an dessen Rand zu stehen. "Ich hatte diese Idee, mich am Limit zu bewegen, am Limit zu leben und darüber hinauszugehen." Also habe er ein Hotel am Limit entworfen, der Pool reiche darüber hinaus.

Ein Hotel im Preikestolen - wirklich?

300.000 Besucher kamen im vergangenen Jahr zum Preikestolen, dieses Jahr werden es noch mehr sein - und jetzt soll auch noch ein Hotel in den Felsen gebaut werden? Ganz so ist es nicht. "Es gibt keine ernsthaften Pläne für ein Hotel am Preikestolen", sagt eine Sprecherin des norwegischen Fremdenverkehrsamts. "Die Regierung würde niemals Gebäude auf dem Plateau zulassen."

Der Architekt räumt ein, dass es sich lediglich um eine "Was wäre wenn"-Idee handle. "Manchmal gibt es Orte, die eine Idee in meinem Kopf hervorrufen", sagt Atak. "Ich träume davon, und manchmal designe ich das dann." Was wäre, wenn es so etwas irgendwo in unserem Universum geben würde? Solche Gedankenspiele förderten seine Kreativität und inspirierten ihn für echte Projekte.

Auch der Bürgermeister der norwegischen Kommune Forsand bestätigte, dass es sich lediglich um eine Träumerei gehandelt habe. "Natürlich ist das völlig undenkbar und würde niemals realisiert werden", sagte Bjarte Sveinsvoll Dagestad laut der Zeitung "Verdens Gang". Dennoch halte er die Entwürfe für kreativ und cool.

Er freue sich, dass der Preikestolen international so viel Beachtung finde. Im November 2018 drehte ein Filmteam den sechsten Teil der "Mission: Impossible"-Reihe an der Kanzel. Tom Cruise teilte danach ein Foto von sich am Preikestolen hängend auf Instagram.

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"Die Kanzel lebt ihr eigenes Leben in der weiten Welt und war schon vor dem Film bekannt", sagte Dagestad. Als der Trailer zum Film herausgekommen sei, hätten viele Leute in den sozialen Netzwerken gefragt, wo die Szenen aufgenommen worden seien. "Es ist schön für die Menschen, zu sehen, welche schönen Berge und Fjorde wir haben", so Dagestad.

Handstand am Abgrund

Naturschützer sehen das anders. Sie halten die Besucherrekorde für bedenklich: Die Schmerzgrenze sei erreicht, sagte Rune Folkvord vom norwegischen Naturschutzverband laut der Zeitung "Dagbladet". Die Gegend sei mittlerweile so von Touristen überrannt, dass man jegliches Gefühl dafür verliere, in der Natur zu sein. "Die Kanzel ist zu einer Zirkusattraktion geworden", sagte er. "Wenn ich Menschen sehen will, dann gehe ich in die Städte, in der Natur will ich alleine sein."

Auf dem Weg zum Preikestolen bildeten sich täglich lange Schlangen. Es würden immer mehr Toilettenhäuschen oder andere Infrastruktur benötigt. Folksvord fordert ein Eintrittsgeld für den Felsen, um die Touristenmassen zu regulieren. Außerdem müsse es verpflichtend sein, selbst auf den Felsen zu wandern, denn einige flögen mit Hubschraubern über den Fjord, da sie nicht gerüstet für den steilen Anstieg seien.

Ein weiteres Problem sind die Rettungseinsätze am Preikestolen: Auch sie haben in diesem Jahr zugenommen - Medienberichten zufolge habe es in diesem Jahr bereits mehr Einsätze als im gesamten letzten Jahr gegeben.

Das nationale Rettungszentrum warnte Anfang Juli unerfahrene Touristen vor den teilweise rauen Bedingungen in den norwegischen Bergen. Viele Wanderer hätten demnach viel zu dünne Kleidung an und unterschätzten, wie anstrengend die Wanderungen sein können. Auch posierten viele Touristen gefährlich nah am Abgrund für Fotos, etwa im Handstand nahe dem Kanzelrand.

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Helge Kjellevold, der Generaldirektor der Preikestolen Foundation, sagte dem "Dagbladet", dass die Stiftung versuche, die Menschenmassen besser über das Jahr zu verteilen, indem man darüber aufkläre, dass der Preikestolen das ganze Jahr über einen Besuch wert sei - nicht nur im Sommer. "Wir werden auch eine Umfrage unter den Besuchern durchführen und sie nach ihrer Toleranzgrenze fragen", sagte er. "Wenn viele von ihnen von schlechten Erfahrungen berichten, müssen wir uns das ansehen. Wir müssen herausfinden, was die Obergrenze an Menschen ist, die zum Preikestolen wandern können."

insgesamt 50 Beiträge
MarkusW77 12.08.2019
1.
100 EUR Eintritt nehmen wäre ne Lösung, oder Kontingente vergeben, wenn voll dann voll. Vorher reservieren, ist ja in anderen Hot Spots nix anderes bzw auch manchmal technisch gar nicht anders möglich.
100 EUR Eintritt nehmen wäre ne Lösung, oder Kontingente vergeben, wenn voll dann voll. Vorher reservieren, ist ja in anderen Hot Spots nix anderes bzw auch manchmal technisch gar nicht anders möglich.
jeepee 12.08.2019
2. Scheinheilig ...
... jedes Hotel, jeder Campingplatz, jedes Tourismusbüro rund um Stavanger bewirbt im Moment den Preikestolen mit einem Bild des einsamen Wanderers, der alleine am Rande des Abgrunds steht. Und im Internet sind dutzende von [...]
... jedes Hotel, jeder Campingplatz, jedes Tourismusbüro rund um Stavanger bewirbt im Moment den Preikestolen mit einem Bild des einsamen Wanderers, der alleine am Rande des Abgrunds steht. Und im Internet sind dutzende von "exklusiv" geführten Touren zu finden. Selber schuld, wer dem Marketinggeschwurbel glaubt und sich in dieses Getümmel begibt.
Sibylle1969 12.08.2019
3.
Die unter dem Stichwort Overtourism bezeichneten Probleme ergeben sich, wenn 1. zu viele Touristen insgesamt da sind (Überfüllung), 2. sich manche Touristen nicht benehmen, 3. die Gewinne aus dem Tourismus nicht bei der [...]
Die unter dem Stichwort Overtourism bezeichneten Probleme ergeben sich, wenn 1. zu viele Touristen insgesamt da sind (Überfüllung), 2. sich manche Touristen nicht benehmen, 3. die Gewinne aus dem Tourismus nicht bei der örtlichen Bevölkerung ankommen, sondern in den Händen weniger, und 4. durch die Zweckentfremdung von Wohnraum für Touristenunterkünfte, der dem normalen Wohnungsmarkt entzogen wird. Als 5. sind die Umweltprobleme zu nennen durch von Touristen induzierten Verkehr, Müll, Wasserbedarf usw. In Norwegen also am ehesten Punkt 1.
new#head 12.08.2019
4.
Ja, reglementiern, verbieten, eine Steuer erheben. Die Welt der Umseltaktivisten. Wer darf denn die Natur erleben? Für Menschen welchen Einkommens wird sid erhalten und reserviert?
Ja, reglementiern, verbieten, eine Steuer erheben. Die Welt der Umseltaktivisten. Wer darf denn die Natur erleben? Für Menschen welchen Einkommens wird sid erhalten und reserviert?
gumbofroehn 12.08.2019
5. "in der Natur will ich alleine sein"
Das ist jetzt zwar ein entwaffnend ehrliches Argument, sollte aber einem Naturschützer unwürdig sein. Wenn anhand gestörter Ökosysteme konkret argumentiert würde - aber einfach nur "in der Natur will ich alleine [...]
Das ist jetzt zwar ein entwaffnend ehrliches Argument, sollte aber einem Naturschützer unwürdig sein. Wenn anhand gestörter Ökosysteme konkret argumentiert würde - aber einfach nur "in der Natur will ich alleine sein", echt jetzt? Da gibt es zwischen Kristiansand und Hammerfest genügend Möglichkeiten, wo dieser Anspruch erfüllt wird - garantiert.
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